Bilder vom DDR-Alltag Der Panzer aus der Kiste

Als Fotograf musste er sich der Bildästhetik der DDR anpassen. Auf den Auslöser aber drückte Jürgen Graetz, wann es ihm passte. Erst 25 Jahre nach dem Mauerfall veröffentlicht er jene Bilder, für die er im SED-Staat keine Abnehmer fand.

Jürgen Graetz/ Mitteldeutscher Verlag

Sowjetische Panzerfahrer ließen sich nicht gern fotografieren. Jedenfalls dann nicht, wenn sie sich mit ihrem tonnenschweren Gefährt im Ruppiner Land verfuhren. Der Lärm am Waldrand mobilisierte 1974 das ganze Dorf. Und die Wut in Dagow war groß, als sich die Ketten des Fahrzeugs in die Dorfstraße frästen. Jürgen Graetz drückte ab, auf der Kamera. "Doch das wollten die absolut nicht", erinnert sich der 70-Jährige heute.

Seine Kleinbildkamera wurde beschlagnahmt, der Film herausgerissen. "Ich hatte aber noch 'ne 6x6, und da habe ich dann noch mal draufgedrückt." Die Jagd der Soldaten auf seinen zweiten Film gewann Graetz: Er warf die Kamera einem Freund zu, der rannte mit ihr davon - und brachte die Bilder in Sicherheit.

Die Spuren der Panzer ziehen sich 40 Jahre später über zwei Seiten eines neuen Bildbands: "Stadt, Land, Leben" zeigt Fotos des ungeschönten Alltags. Die meisten von ihnen: zu DDR-Zeiten nicht zu veröffentlichen.

Denn auch die Darstellung des Alltags konnte in der DDR unerwünscht sein: "Wir fotografierten ein bisschen anders: Das war nicht so positiv, wie man die DDR sehen wollte. Nicht wie im 'Neuen Deutschland' Kindergärten oder die Erfolge bei einer Ernte, farbig freundlich." Wir, das war eine Gruppe junger Berliner Fotografen um das Künstlerehepaar Arno Fischer und Sibylle Bergemann. Graetz lernte sie nach seinem Umzug in die Hauptstadt kennen. Da war er Mitte 20.

Auf einen Kaffee mit dem "Abschnittsbevollmächtigten"

Seinen Beruf als technischer Assistent und Fotograf im Museum für Ur- und Frühgeschichte in Potsdam hatte Jürgen Graetz aufgegeben, um mit seiner Kleinbildkamera nach Berlin zu gehen. Illegal. Der Zuzug in die Hauptstadt war streng reglementiert, damit sollte die Landflucht verhindert werden.

Das erste halbe Jahr kam er bei einem Westfotografen in Friedrichshain unter. "Der brachte Kodak-Westfilme mit", erinnert sich Graetz, "und da kamen so Fotografen wie Arno Fischer, Gerhard Kiesling oder Ludwig Schirmer und haben bei ihm in der Ackerstraße ihre Dias an die Fensterscheibe gehalten." Während die Fotografen ihr Werk im Gegenlicht betrachteten, guckte Graetz zu und knüpfte Kontakte.

Ein befreundeter Bildreporter stellte ihn halbtags als Hilfslaborant ein, mietete für ihn einen Abstellraum im Prenzlauer Berg. Graetz besänftigte die Hauswirtin mit einem Päckchen Kaffee: Gemeinsam mit dem zuständigen Polizisten, offiziell "Abschnittsbevollmächtigten", habe sie dann seinen Kaffee ausgetrunken - und ihn geduldet.

Beobachten und abwarten

Durch die Heirat mit der Berliner Künstlerin Elli an Silvester 1971 wurde Graetz endlich offiziell Berliner. Und erhielt eine Zulassung als Bildjournalist - durch freundliche Empfehlung verschiedener Chefredakteure, die laut Graetz beteuerten, "dass sie ohne meine Mitwirkung eingehen". Denn neben seiner Laborantentätigkeit hatte Graetz bereits einige Zeit damit verbracht, für Publikationen wie "Spektrum", die Modezeitschrift "Sibylle", die "Akademie-Zeitung" oder den Verlag Die Wirtschaft zu fotografieren.

Graetz machte seinen Job, aus der Politik aber hielt er sich raus: "Ich hab versucht, neutrale Themen anzubieten." Wenn nicht gerade sowjetische Panzer durch sein Heimatdorf rollten, gehörte Jürgen Graetz eher zu den ruhigen Fotografen, die sich im Hintergrund hielten. Beobachten und abwarten. Sich auf die Komposition des Bildes konzentrieren. Und erst dann abdrücken. Das ist bis heute seine Maxime.

Graetz, Jahrgang 1943, denkt gerne in Rubriken, fotografiert oft in Serien. Vergänglichkeit ist eines seiner Themen, oder Warten. Verlassene Räume und das Leben am Wasser. Doch sind es meist die Menschen, die im Mittelpunkt seiner Bilder stehen. Betrachtet aus einer höflichen Distanz, ohne Voyeurismus. Auf der Straße, in ihrem Alltag.

Verfall und Mangel, nicht Fortschritt

Während er etwa für "Das Magazin" Serien wie "Berlin am Morgen" oder "Das Alphabet der Straße" fotografierte, schoss Graetz auch Bilder, die nicht in die Bildästhetik der DDR passten: Leerstehende Geschäfte in heruntergekommenen Häusern in Prenzlauer Berg oder ein ausgeschlachtetes Autowrack am Straßenrand in Friedrichshain zeugten von Verfall und Mangel, nicht Fortschritt.

Damit aber wurde selbst der Alltag politisch. Die ungeschönte Abbildung passte nicht ins Bild und fand keine offiziellen Abnehmer. Graetz schaute trotzdem in die Ecken und Hinterhöfe und fotografierte "für meine Kiste". Dort landeten die Bilder, die nicht veröffentlicht werden konnten.

Ihn habe es dennoch gereizt festzuhalten, wie es wirklich war, sagt Graetz. Das inszenierte Bild der DDR habe man ja täglich in den Zeitungen gesehen. Er aber wollte dem seinen eigenen Blick, seine eigene Meinung entgegensetzen, "auch wenn man sie nicht gleicht sieht". Nur unter Freunden, bei den Treffen bei Arno Fischer, da habe jeder seine Fotos mitgebracht.

"Was fotografieren Sie denn hier?"

So eckte Graetz nicht an, wurde 1976 umstandslos in den Verband Bildender Künstler aufgenommen. Anders als etwa der Fotograf Harald Hauswald, der seine Bilder von verfallenden Hinterhöfen und Fassaden noch zu DDR-Zeiten veröffentlichen wollte. "Bei mir lag das länger in der Kiste", sagt Graetz.

Das Misstrauen der SED-Regierung bekam er manches Mal trotzdem zu spüren: Ein Tippen auf der Schulter und die Frage "was fotografieren Sie denn hier?", wenn er seine Linse zufällig auf einen Hauseingang richtete, hinter dem Stasi-Mitarbeiter residierten.

Die vielen bespitzelten Menschen, die er in ihrem Alltag fotografierte, begegneten ihm hingegen ohne Skepsis. Graetz, ein Inoffizieller Mitarbeiter? "Nein, da sah ich wohl immer anders aus." Erst nach der Wende sei gegenüber Fotografen ein Misstrauen entstanden: Was macht der damit, der will doch nur Geld verdienen.

Das Ende der DDR erlebte Graetz im Berliner Bezirk Treptow. Er fotografierte, wie die Bevölkerung den Grenzstreifen zu Neukölln in Besitz nahm. "Es war eine eigenartige Atmosphäre", sagt Graetz. "Die Scheiben vom Grenzturm waren schon eingeschlagen, doch die Wache hatte immer noch Dienst."

Bis 2006 blieb der Fotograf Jürgen Graetz in Berlin, dann zog es ihn wieder zurück aufs Land, in sein Heimatdorf Neuglobsow. Die Spuren der Panzer im Nachbarort sind lange verschwunden.

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insgesamt 33 Beiträge
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Seite 1
Pascel Coppleters, 29.07.2014
1. So war es wirklich
Danke, es waren sehr schöne Bilder
Timo Starke, 29.07.2014
2.
http://www.annefrank.de/mensch/achmed-talib/biografie/
Renate Hentschel, 29.07.2014
3. Das eine oder andere Bild
wäre bestimmt auch in der DDR zu veröffentlichen gewesen.
Thomas Koch, 29.07.2014
4. Unbeschreibbare Zeitgeschichte
Mit Worten kann diese Zeit wohl kaum beschrieben werden. Glücklicherweise hat Graetz diese Aufgabe übernommen. Ich erinnere mich auch noch an verschiedene Kontraste: Während Kinder in der großen Dorfschule lernten, fuhren draußen plötzlich unzählige Armeefahrzeuge (ca. 30) vorbei: Mannschaftswagen, Panzer mit Reifen und kleine Transportwagen am Ende. Über dem Ruppiner Land, das sonst ziemlich schweigen und ruhig vor sich hin lebte, flogen die russischen Mig's im Tiefflug. Sie ließen das Wasser auf den Flüssen erzittern. Die heute unglaublich herausgeputzen Hackeschen Höfe boten in den 80ern ein grausames Bild. Staub lag überall in der Luft. Die Front eines Warenhauses präsentierte sich mit brüchigen Abschnitten. Zerstörte Fenster waren notdürftig mit oranger Pappe und dicken Stoffbahnen geflickt. Die übrigen Fenster trugen eine Staubschicht. Dieser Ort bildete den DDR-Kontrast zur Paradestraße am Alexanderplatz, auf der am 1. Mai Militärparaden abgehalten wurden.
Jens Habermann, 29.07.2014
5. Bild 4
Ein gelungenes Foto! Der "Fortschritt" des Sozialismus in reinform - Volkssport durch Wasserschleppen und das im Jahr 1972! Herrlich!
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