DDR-Alltag Wie die SED zwei Brüder entzweite

In den Achtzigerjahren drang der Kalte Krieg in die letzten Winkel der sozialistischen Arbeitswelt - und hinterließ Spuren in Familien. Das bekamen auch Siegfried Wittenburg und sein Bruder im Westen zu spüren.

Archiv Siegfried Wittenburg

Zum Autor
  • Siegfried Wittenburg (Jahrgang 1952) ist in Rostock aufgewachsen. Er hat das Leben in der Zeit der Diktatur kritisch beobachtet, tiefgründig dokumentiert und auf subtile Weise auch visuell kommentiert. Sein gesellschaftspolitisches Engagement in Bild, Wort und Tat gilt der jüngsten Geschichte sowie der Gestaltung der deutschen Einheit und der Europäischen Union in Freiheit und Demokratie. Er ist als Künstler und Referent weltweit aktiv und als Autor regelmäßig für SPIEGEL ONLINE tätig. Seit 2014 berichtet Wittenburg in Zeitzeugengesprächen mit Schülern vom Leben in der DDR.

Dieding kehrte mit ernstem Gesicht von einer Besprechung mit dem Abteilungsleiter zurück. "Wir kriegen einen neuen Meister", berichtete er, "Fiete kommt. Dann weht hier an anderer Wind!"

Dieding war aktiver Christ, von Beruf Radartechniker und Stellvertreter des Leiters einer Servicestelle eines volkseigenen Rostocker Großbetriebs, die in einer ofenbeheizten Holzbaracke auf der Hohen Düne eine kleine Werkstatt unterhielt und zivile Schiffstechnik der Volksmarine betreute. Dieding war dorthin entsandt worden, weil er wegen seiner unverblümten Meinungsäußerungen für eine andere Servicestelle, bei der auch Schiffe aus dem NSW (Nichtsozialistisches Wirtschaftsgebiet) betreut wurden, als nicht tragbar galt.

Dieding war mein Kollege. Mich schickte man 1970 mit Beginn des 2. Lehrjahrs in die Holzbaracke auf Hohe Düne, weil ich ganz in der Nähe bei meinen Eltern wohnte. Ich lernte, UKW-Funk- und Radartechnik instand zu setzen, auf Masten und in Schiffsbäuche zu klettern, Öfen zu heizen, Werkstatt und Klo zu reinigen, Pilze für das Mittagessen zu suchen, Doppelkopf zu spielen und gelegentlich Bräu zu trinken, wenn es einen Anlass zum Feiern oder mal keine Arbeit gab. Wir empfanden uns weit abseits des real existierenden Sozialismus als eine Art Strafkolonie, der wir mehr positive Seiten abgewinnen konnten als unsere Kollegen, die auf den Westschiffen auf jedes Wort achten mussten. Die Löhne unterschieden sich nicht.

Auf Platt erzählte Dieding, was er von Fiete wusste: 1929 geboren, als Pimpf in der Hitlerjugend auf den Feind eingeschworen und als 16-Jähriger im Volkssturm auf die Amerikaner gehetzt. Nach der Befreiung und der Besetzung des Ostens durch die Rote Armee schwenkte er auf die rote Linie um. Der Betrieb schickte ihn als durchsetzungsstarken SED-Genossen zum Aufbau der Fischfangflotte auf die Färöer und nach Kuba. Warum Fiete nun die Leitung unseres kleinen und verwahrlosten Kollektivs in einer abseits gelegenen Welt übernehmen sollte, blieb jahrelang ein Rätsel.

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Sozialistischer Wettbewerb: Wie Fiete ein Vermögen machte

Es dauerte nicht lange, und die erste Daumenschraube zog an. Auf Initiative der staatlichen Betriebsleitung forderte Fiete alle Kollegen auf, ihre Kontakte zu Verwandten im NSW, einschließlich Bundesrepublik, einzustellen sowie jede zufällige Begegnung mit Personen aus den Staaten des Klassenfeinds zu melden. Die Reaktionen der Kollegen waren zwiespältig: "Ich habe keine Verwandten im Westen", sagten die einen. "Ich möchte diesen Arbeitsplatz behalten", sagten die anderen, und unterschrieben unter leisem Protest die ihnen vorgelegte Verpflichtungserklärung.

Drei Kollegen verweigerten die Unterschrift: Dieding, mein Lehrfacharbeiter und ich. Denn ich hatte einen Bruder, der 1959 als der Älteste von uns vier Geschwistern über die Sektorengrenze von Ost- nach Westberlin flüchtete und es durch Qualifizierung im Rhein-Main-Gebiet zu Wohlstand brachte. In der DDR war er Maurer gewesen. Aus dem Urlaub schickte er nun Ansichtskarten aus Rimini, San Marino, den Alpen und zu Weihnachten einen stimmungsvoll illustrierten Dreizeiler. Manchmal erreichten meine Eltern auch Mitleid erregende Briefe, dass im Westen alles so teuer sei.

Zweimal waren mein Bruder und seine Frau zu Besuch in der DDR, als der Zwangsumtausch noch nicht so hoch war. Die Kontakte wurden mit wesentlich kleineren materiellen Gaben versehen als zwischen vielen anderen Verwandten beiderseits des Eisernen Vorhangs üblich war. Trotzdem empfand ich die Forderung, die Blutsverwandtschaft aufzulösen - was ohnehin nicht möglich ist - als unmenschlich. Immerhin war er einer der drei Söhne unserer Eltern und ich wohnte bei diesen.

Nach der Verweigerung passierte zunächst einmal - nichts. Sehr oft hielt ich mich bei meiner Freundin in Warnemünde auf und fühlte mich verfolgt. Blickte ich abends aus dem Fenster, stand unter der Straßenlaterne ein Mann mit Hut und las eine Zeitung. Ging ich nachts nach Hause, hörte ich Schritte hinter mir und sah niemanden, wenn ich mich umdrehte. Fuhr ich mit verschiedenen öffentlichen Verkehrsmitteln, blickte ich mehrmals hintereinander in dieselben prüfenden Augenpaare und dachte, ich hätte Halluzinationen.

"Es lohnt sich nicht, dass du dich opferst"

Nach einem halben Jahr erhielten wir drei Verweigerer eine Vorladung in die Betriebszentrale zum Abteilungsleiter. Jetzt wurde es ernst, wusste ich, und bat den Vater meiner Freundin um Rat. Dieser hatte in den Fünfzigern einschneidende Erfahrungen mit dem System gemacht. Als junger Matrose im Zweiten Weltkrieg gehörte er zur Besatzung eines U-Boots; sieben Jahre nach Kriegsende holte der sowjetische Geheimdienst den inzwischen Familienvater gewordenen Ingenieur ab. Seine Frau blieb im Ungewissen über sein plötzliches Verschwinden und erfuhr erst nach hartnäckigen Nachfragen mit Baby im Arm bei den Behörden der DDR, dass sich ihr Mann in einem Lager in Sibirien befand.

Lange wurde er dort verhört und sollte ein Papier in russischer Sprache unterschreiben, das er nicht lesen konnte. Er unterschrieb nicht, wurde tagelang in ein Wasserfass gesteckt, aus dem nur der Kopf herausschaute, musste hungern, frieren, schwer arbeiten und wusste nicht, was er verbrochen haben sollte. Nach drei Jahren stand er unvermittelt wieder bei Frau und Tochter vor der Tür, ausgemergelt bis fast zur Unkenntlichkeit.

Der Vater meiner Freundin riet mir Folgendes: "Es lohnt sich nicht, dass du dich opferst. Dein Bruder ist mit seiner Familie, seinem Beruf und sich selbst beschäftigt. Sie reisen im Urlaub nach Rimini, San Marino und in die Alpen. Sie haben keinen blassen Schimmer, was hier geschieht. Die Mächte, die hier wirken, sind zu stark und skrupellos. Dagegen kommst du nicht an, jedenfalls jetzt nicht." Vom Tonband hörten wir Lieder: "Die Herren auf dem hohen Stuhl brauchen keine Kissen. Ihr Bürokratenhintern ist verfettet und verschissen. Trotzdem drückt noch dies und das ..." Es war die Populär-Ballade von Wolf Biermann, drei Jahre vor seiner Ausbürgerung.

Der Abteilungsleiter eröffnete das Gespräch mit einer Beurteilung, die für eine glänzende Karriere gereicht hätte, wäre ich der SED beigetreten. Er gab offen zu, dass ich monatelang beschattet wurde und fügte eindringlich hinzu, dass er mich für die Aufgaben zum Aufbau des Sozialismus bräuchte. Einen ökonomischen Hebel in materieller Hinsicht setzte er nicht an. Auch ein Überzeugungsversuch fand nicht statt. Stattdessen folgte seiner Lobhudelei eine Drohung, dass er mich irgendwohin am Rande der DDR-Zivilisation versetzen könne, wo es für junge Leute weder Kino, Disco noch Westfernsehen gäbe, was in der Tat ungemein abschreckend wirkte und meinem Arbeitsvertrag entsprach.

"Wir sind doch keine Unmenschen"

Ich fragte, wie ich mich verhalten solle, wenn meine Eltern meinen Bruder zu einer Familienfeier einluden. "Wir sind doch keine Unmenschen. Natürlich kannst du mitfeiern. Du musst anschließend nur Bescheid sagen, dass es zu einem zufälligen oder unbeabsichtigten Kontakt mit einem Bürger aus dem NSW gekommen ist", antwortete der Vorgesetzte überlegen lächelnd. Ich folgte als 22-Jähriger dem Rat des Vaters meiner Freundin. Dieding und mein Lehrfacharbeiter, beide wesentlich älter, unterschrieben nicht und wurden in einen anderen Betriebsteil versetzt. Der gesamte Vorgang wurde in der Kaderakte archiviert.

In den Folgejahren wurde die Servicestelle für das anhaltende Wettrüsten im Kalten Krieg erheblich erweitert. Ich wurde Fachgruppenleiter, was für einen Parteilosen dort die höchste Karrierestufe war, und erhielt Auszeichnungen bis zum Banner der Arbeit. Im Urlaub reiste ich oft ins sozialistische Ausland, lernte dort Freunde kennen - und meldete nicht meine zahlreichen Kontakte in die BRD, nach Österreich, in die Schweiz, Japan und die USA. Ich meinte, das wird wohl niemand kontrollieren können. Irrtum.

Sogar Polen war verdächtig. Inzwischen hatten meine Frau und ich eine eigene Wohnung. Karfreitag 1985 stand strahlend mein Bruder vor der Tür und lud uns zum festlichen Familientreffen ein. Nach dem Fest ging ich zu Fiete und meldete den Westkontakt. Schließlich hatten wir dies zehn Jahre zuvor so vereinbart. Der Meister sah mich fassungslos an. Ich hätte nicht zum Fest gehen dürfen, sagte er, zumal ich vom Staat eine eigene Wohnung erhalten habe.

Ich machte ihm klar, dass es nicht um meinen Bruder, sondern um unsere gemeinsamen Eltern gehe, die nichts dafürkonnten, dass die SED ihre geliebten Söhne als sich gegenüberstehende Feinde einstufte. Schließlich hat der Friedensstaat das Ziel, allen Menschen eine glückliche Zukunft zu ermöglichen. Im Handumdrehen fand ich mich in einen anderen Betriebsteil wieder. Dem real existierenden Sozialismus war ich noch nicht entkommen.

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Zacharias Zipfel, 03.10.2018
1. Soviel Undank aber auch ...
... hat von der SED-PDS-Die-Augen-Links-Partei das Privileg erhalten, eine eigene Wohnung zu mieten und trifft dennoch seinen Bruder zu Ostern? Das verstehe, wer will.
Siegfried Bernhard, 03.10.2018
2. Eigentlich ein Fall für Psychoanalytiker
"Er hat das Leben in der Zeit der Diktatur kritisch beobachtet..." Die zweite Deutsche Diktator. Stasigefängnis Hohenschönhausen - das Dachau der DDR (Zitat Hubertus Knabe) Wer Sachsenhausen sagt, muß auch Hohenschönhausen sagen. Wer Buchenwald sagt, muß auch Bautzen sagen. (Zitat Friedbert Pflüger/CDU auf einem Parteitag) Diese Aussagen einmal genau hinterfragt. Was sagt das über die Haltung Westdeutscher Ostdeutschen gegenüber? Daß die DDR eben nicht besser war, als das faschistische Deutschlans. War es das wirklich? Warum mußten dann alle MfS-MA gehen, die Gestapo-MA ihre Karrieren aber fortsetzen? Warum bekommen ostdeutsche Dopingopfer Entschädigung, ihre westdeutschen Leidensgenossen nicht? ABER Warum bekommen Radargeschädigte der BuWe Entschädigung, die der NVA aber nicht? Wer all dem auf den Grund gehen will, kommt auf die Lebenslüge der Wiedervereinigung. Die nämlich keine war! Das ist sogar in den Verträgen festgehalten. Es war ein "Beitritt zum Geltungsbereich des GG"! Eine Wiedervereinigung nach den Buchstben des GG wurde ja ausdrücklich von Schäuble damals ausgeschlossen. Warum also sagt man der heutigen Generation nicht DIESE Wahrheit?
wolfgang venjakob, 03.10.2018
3. Eindeutig
Ein klarer Bericht, denn hier wird klar, dass der ostdeutsche Staat nichts anderes als ein riesiges Konzentrationslager war, in dem Menschen, wenn sie versuchten "abzuhauen", erschossen oder mit lamgjähriger Haft oder extremer Folter bedroht wurden. Hinzu kam eine ständige Aushorchung durhc die Agenten der Stasi. Mordbefehl, Einzäunung, Folter und wirtschaftliche Notlage waren die Kennzeichen des ostdeutschen Staates.
Jörgen Brandrup, 03.10.2018
4. Genau an diesem unmenschlichen Zusrtand
in der ehemaligen DDR hat der SED Funktionär Bartsch mitgewirkt der heute in der "Linken" so tut als hätte es die DDR in der er Funktionär besonderer Art gar nichtb gegeben.Die Kinke ist für mich ,nach wie vor die ehemalige SED und somit nach wie vor verantwortlich für Mauer Stacheldraht und Tote an der Grenze.
Horst Jungsbluth, 04.10.2018
5. Leider wollen das viele in Ost und West nicht wahrhaben
Das Schlimme ist doch, dass viele Leute in der Bundesrepublik in einflussreichen Postionen mit dem entsprechenden Einkommen und den Möglichkeiten, die nur ein demokratischer Rechtsstaat bieten kann, für Geld und schlechte Worte diesem widerwärtigen System "treue" Dienste leisteten und nicht vor Verbrechen zurückschreckten, um eine Demokratie in eine Diktatur zu verwandeln. Isolieren, zersetzen und liquidieren war das Motto der Stasi und wenn man das heute als "Errungenschaft" bezeichnet, dann braucht man sich nicht zu wundern, wenn die Vollendung der Einheit noch lange auf sich warten lässt.
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