Anonyme DDR-Hörerbriefe entdeckt  "Schreiben Sie uns, wo immer Sie sind"

Schriftvergleiche, Speichelproben, Hausaufgaben-Tests: Die Stasi verfolgte jeden, der heimlich an die BBC schrieb. Anonyme DDR-Briefe, die es trotzdem ins britische Radio schafften, schienen verschollen - bis Susanne Schädlich ihre Spur aufnahm.

BBC Written Archive Caversham, England

Wenn ich etwas finden will, suche ich, bis ich es gefunden habe. So war es mit den Briefen ohne Unterschrift. Ich könnte sagen, ich bin zufällig auf sie gestoßen, wenn ich an Zufälle glaubte.

Ich recherchierte wieder einmal in der Stasiunterlagenbehörde zu Karlheinz Schädlich, meinem Onkel, der jahrelang für die Stasi spitzelte. In seinen Akten fand ich etwas, was ich zuvor übersehen hatte. "Dr. Schädlich, erf. HHXX12 Op. Vg. 'Werfer'." Auf Nachfrage wurde mir der "operative Vorgang 'Werfer'" vorgelegt. Ich las von Treharne Jones, einem britischen Journalisten, der den Onkel Anfang der Siebzigerjahre in Ostberlin besucht hatte. Dieses Treffen, so der Verdacht, diente nur einem Zweck: Jones sollte Nachrichten sammeln für einen weiteren britischen Journalisten: Austin Harrison.

Harrison und Jones waren in den Augen der Stasi Agenten des britischen Secret Intelligence Service, "feindliche Stützpunkte in der DDR", die "aufgeklärt" und "liquidiert" werden sollten. Das Ministerium für Staatssicherheit hatte sogenannte Inoffizielle Mitarbeiter (IMs) auf sie angesetzt, in Ost- und in Westberlin. Die gewonnenen Erkenntnisse sollten genutzt werden, "um politische Maßnahmen gegen die 'Hörerbriefsendung' der BBC 'Briefe ohne Unterschrift' einzuleiten."

Diese Wörter - "Hörerbriefsendung der BBC" und "Briefe ohne Unterschrift" - ließen mich nicht mehr los.

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Anonyme Briefe aus der DDR: "Ich bin zwar noch ein Kind..."

Die Recherche war schwierig, schien fast aussichtslos, weil ich anfänglich außer in den Stasiakten nichts dazu fand. Also konzentrierte ich mich auf die Namen. Harrison war bereits 1981 in England gestorben. Ich suchte nach dem BBC-Journalisten Jones, hoffte, dass er noch lebte. Und tatsächlich: Ich fand ihn, schrieb ihm, er schrieb mir. Jones nannte mir Namen von Menschen, die vielleicht etwas wussten, die von jemandem wussten, der vielleicht etwas wusste.

Die Stasimänner hatten Radio gehört. Es gab Mitschriften von der Sendung. Und es gab abgefangene Briefe wie diesen:

"Was die Jugend als erstes an die 'Freie Welt' fesselt, ist bekanntlich die Musik, vom Rundfunkprogramm aus gesehen. In unbekanntem Maße wird DT64 gehört. ... DT 64 wurde auch im 11. Plenum kritisiert. Ist es nicht möglich, einen ähnlichen Sender in der DDR aufzubauen. Vielleicht vom Bundesjugendring organisiert in Verbindung mit 'Bravo'-Zeitung ... Ideal wäre natürlich eine Kooperation für diese Sendung mit oben genanntem meistgehörten Sender. Vielleicht 'Europastudio der Jugend' genannt oder so ähnlich. Da gibt es doch so viel zu berichten. Z. B.: Teenagerfestivals, Filmfestivals, Automobilmessen. Touristik, Bundeswehr, Sport usw. - Ich würde als Ostreporter mitmachen, ohne weiteres... Es grüßt - 007"

Ich fragte mich: Wo sind all die Briefe abgeblieben, die die Stasi nicht in die Finger bekam, die ihren Weg nach London fanden und aus denen in der Sendung "Briefe ohne Unterschrift" im deutschsprachigen Programm der BBC 25 Jahre lang jeden Freitagabend ab 20:15 Uhr vorgelesen wurde - pointiert kommentiert von Austin Harrison.

"Lieber Mr. Harrison! Mit überschäumender Begeisterung habe ich die Verlesung meines ersten Briefes im Londoner Rundfunk gehört. Mein Freund muss doch gedacht haben, ich schnappe über, als ich sofort mit größter Eile zu ihm lief und ihm dies mitteilte. Diese Verlesung hat mich sehr stolz gemacht. Einmal mehr habe ich nur zu genau gespürt, auf welcher Seite meine wahren Freunde stehen. Es gibt einem immer wieder neuen Mut, wenn man jeden Freitag die Sendung Briefe ohne Unterschrift hört."

Ich suchte weiter, versuchte es auf Englisch mit "Letters without Signature". Ein kurzer englischsprachiger Beitrag erwähnte das BBC Written Archive Caversham, England. Ich schrieb dorthin. Ja, bekam ich zur Antwort, es handele sich tatsächlich um die anonymen Briefe aus der DDR. Tausende, in über zweihundert Ordnern. Ich hatte eine Spur und sofort war mir klar, dass ich auf eine besondere Sache gestoßen war: etwas, das vergessen, ja sogar verschwunden war.

Als ich im Archiv in Reading saß, die Originalbriefe vor mir, in blauer Tinte handschriftlich oder auf einer Schreibmaschine getippt, wusste ich, ich war nicht nur dabei, ein vergessenes Stück Radiogeschichte zu rekonstruieren. Ich hielt einzigartige persönliche Zeitdokumente in der Hand, die unmittelbar und direkt über das Lebensgefühl in einem Land hinter Mauer und Stacheldraht Auskunft gaben - ein Sittengemälde von DDR-Staat und Gesellschaft. Jede Schrift ein Schicksal, jedes Schicksal ein Stück Geschichte.

Unter Kennwörtern wie "Eselchen", "Faust", "Chinesischer Tee", "Prima Obst", "Heuchler" taten die Menschen unumwunden ihre Meinung kund, sprachen von Wünschen, Hoffnungen, Nöten, ihrer Verzweiflung, kommentierten politische Ereignisse, beklagten politische Repression, wollten mitdiskutieren, suchten den Diskurs, der ihnen in der DDR verboten war. Das war gefährlich. Es brauchte Mut, BBC zu hören. Für die SED-Machthaber war der britische Rundfunk ein "Feindsender". Es herrschte Kalter Krieg, auch im Äther.

Austin Harrison sagte: "Schreiben Sie uns, wo immer Sie sind, was immer Sie auf dem Herzen haben." Die Verfasser aber konnten nicht wissen, welchen Aufwand das Ministerium für Staatssicherheit betrieb, genau dies zu verhindern: Von abgefangenen Briefen wurden Schriftproben gesammelt, allein im Bezirk Rostock waren es 1969 fast 2000, die Eingang in eine Schriftvergleichskartei fanden. Von den Umschlägen wurden die Briefmarken abgelöst, um Speichelproben zu sichern. Bei der Speichelanalyse wurde zugleich die Blutgruppe bestimmt, die man wiederum mit den Unterlagen von Krankenhäusern und Arztpraxen abglich.

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Susanne Schädlich:
Briefe ohne Unterschrift

Wie eine BBC-Sendung die DDR herausforderte

Albrecht Knaus Verlag; 288 Seiten; 19,99 Euro.

In Greifswald mussten 1969 Hunderte Schüler eine Hausaufgabe schreiben. Die Hausarbeiten wurden an den Staatssicherheitsdienst übergeben. Schriftsachverständige verglichen sie mit einem Brief, der abgefangen worden war. Der Schreiber, ein Schüler, wurde identifiziert. Nach seinem 18. Geburtstag, am letzten Tag der Sommerferien 1970, wurde Karl-Heinz Borchardt von sieben Männern des Staatsicherheitsdiensts verhaftet.

2015 habe ich ihn kontaktiert. Endlich konnte ich mit jemandem reden, der die Sendung regelmäßig gehört und an Austin Harrison geschrieben hatte.

Karl-Heinz Borchardt wurde nach achtmonatiger Untersuchungshaft in Rostock verurteilt, kam danach zunächst in die MfS-Haftanstalt Roter Ochse nach Halle. Von dort in den Jugendknast nach Dessau, wo ein Leutnant des Ministeriums des Inneren zu ihm sagte: "Bei den Nazis hätten wir dich schon längst durch den Schornstein gejagt."

Drei Briefe hatte Karl-Heinz an die BBC geschrieben. Seinen ersten mit 16, das war 1968, nach dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in Prag.

Wen die Staatssicherheit erwischte, den strafte sie drakonisch. Ich habe noch andere Fälle gefunden.

Die meisten Briefe an Austin Harrison und den Londoner Rundfunk gingen der Stasi glücklicherweise durch die Lappen. Das SED-Machtwerkzeug konnte die Sendung nicht verhindern. An Harrison kamen sie nicht heran. "Zwischen Ihnen, liebe Hörer, und uns hier im Funkhaus besteht doch wohl mehr als die übliche Beziehung zwischen einem Sender und seinen Hörern", sagte Harrison einmal.

Die BBC trickste die SED-Machthaber aus. Über den Umweg London bot sie den Hörern aus der DDR die Möglichkeit, ihre eigene Sendung zu machen, in der sie ihre freie Meinung äußern konnten, Debatten anstießen, in der unterschiedlichste Menschen zu Wort kamen, auch solche, die Mauer und SED-Staat verteidigten.

1974 wurde diese außerordentliche Sendung abgesetzt. Austin Harrisons Stimme, die zu den meistgehörten in der DDR gehörte, verstummte. Ein Hörer schrieb:

"Ich habe jegliche Lust verloren, Radio zu hören. Heute schaltet man freitags den Apparat ein, um ihn gleich wieder auszuschalten."

insgesamt 4 Beiträge
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Ludwig Tegelbeckers, 26.07.2017
1. sehr interessant
Was für ein interessantes Thema, was für ein interessanter Beitrag! Ich bin gespannt, das Buch zu lesen. Ich erinnere mich, dass der große John Peel - er hatte ab Mitte der 80er auch Sendeplätze im deutschen Radio, u.a. bei Radio Bremen - immer wieder Briefe von Hörern aus der DDR erwähnte und teilweise auch vorlas (dies allerdings nur, wenn sie auf Englisch geschrieben waren). Die Sendung von Austin Harrison kannte ich nicht, dafür war ich nicht alt genug. Großes Kompliment an die Autorin, dass sie dies in die Erinnerung zurückholt.
Bernhard Keim - Etcetera AG, 26.07.2017
2. Bewegende Briefe, bewegende Schicksale
ärgerlich wenn uns heute die Hofschranzen und Mitläufer der DDR-Diktatur weismachen wollen, dass es sich hierbei doch um einen "ganz normalen Staat" gehandelt habe. Wenn zur Normalität gehört Menschen anderer Meinung jahrelang wegzusperren, dann kann ich hierauf gerne verzichten. Eklig das Gerede jener, die sich über die Opfer der Diktatur mit dem Hinweis beschweren, dass man sich ja anpassen hätte können.
Henrik Braun, 26.07.2017
3. Ein sehr beklemmender Artikel ...
... aber gleichzeitig zeigt es wie viele mutige Menschen sich nicht haben unterkriegen lassen. Danke, Frau Schaedlich fuer Ihre gruendliche Recherche und das Aufstoebern dieser Zeitdokumente ! Ich als West-Deutscher kenne Ost-Berlin nur aus Besuchen, aber das hat schon gereicht. Ein Glueck, dass dieser Spuk (DDR) vorbei ist. MfG
Robert Rudolph, 28.07.2017
4. Erinnert mich an die Zeit ...
... in der ich selber in unserer Ostberliner Wohnung die deutschsprachige BBC gehört habe. Allerdings erst später, in den 1980ern. Ich freue mich heute noch jeden Tag darüber, dass dieser Albtraum DDR untergegangen ist.
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