DDR-Bildband Schnappschüsse aus dem Arbeiterstaat

Ein neuer Bildband zeigt den Alltag in der DDR: Hobby-Indianer im Wohnzimmer, den Rentnerball unterm Honecker-Porträt, die Liebe in der Laubenkolonie. Mit der Ästhetik der SED-Propaganda hat das wenig zu tun.

Von

Wolfgang Gregor/ Lehmstedt Verlag

Erich Honecker lächelte. Freundlich blickten seine Augen durch die Hornbrille auf das tanzende Paar vor ihm. Vor dem gerahmten Porträt des Machthabers führte an diesem Abend gerade ein greiser Mann mit Napoleonshut seine Begleiterin über das Parkett. Die Seniorin, hübsch gemacht mit einem glitzernden Partyhütchen auf ihrem ergrauten Haar, tanzte mit ihrem Napoleon gerade ins neue Jahr.

Wo genau sich in den Achtzigerjahren diese Silvesterszene aus einem Altenheim in der DDR abspielte, ist nicht überliefert. Und die Erkenntnis, dass Senioren in der ostdeutschen Diktatur ins neue Jahr tanzten, wird kaum die Geschichtsschreibung umwälzen. Aber es sind genau solche abseits der offiziellen Bildästhetik entstandenen Fotos, die das sozialistische Deutschland in einem authentischen Licht zeigen. Sie zeigen: So perfide der SED-Staat seine Bürger auch überwachte - es gab zugleich auch einen in weiten Teilen davon unberührten Alltag.

Denn trotz Totalüberwachung und Schießbefehl ging das Leben auf Bauernhöfen in der Uckermark, in Ferienanlagen auf Usedom oder auf Baustellen in Ostsachsen weiter. Wie genau dieser DDR-Alltag aussah, zeigen zwei jetzt erschienene Bildbände.

"Das pure Leben" hat Herausgeber Mathias Bertram die Sammlung von Schwarz-Weiß-Fotos genannt. "Pur" sollen diese Bilder des DDR-Alltags sein, weil sie keine Auftragsarbeiten des moskautreuen Regimes enthalten. Stattdessen hat Bertram 330 Fotos von mehr als 60 fast ausschließlich ostdeutschen Fotografen ausgewählt. Die beiden Bände sind chronologisch geordnet, aufgeteilt in einen Band über die frühen Jahre bis 1975 und einen Teil für die Zeit bis zur Wiedervereinigung. So wird eine unverklärte Zeitreise durch jenen Staat möglich, der vor einem Vierteljahrhundert unterging.

Bilder von Volkspolizisten an der Berliner Mauer, von düsteren Gängen aus Stasi-Gefängnissen oder Militärparaden der Nationalen Volksarmee sucht man vergeblich unter diesen Aufnahmen. Und doch verfallen sie nicht in belanglose Heiterkeit - sondern zeigen eindringliche Alltagsmotive wie schläfrige Fahrgäste in der U-Bahn, Familien beim sonntäglichen Kartenspiel im Bett oder Regenpfützen in tristen Großstadtvierteln. einestages zeigt die schönsten dieser Momentaufnahmen aus der "puren" DDR.

Anzeige
Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 55 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Parmesan Partisan, 09.10.2014
1.
Hier wird der DDR wieder Totalüberwachung und Schießbefehl vor. Aber was ist hier denn anders? Ein Überwachungsstaat ist die BRD auch und geschossen wird auch auf Demonstranten mit Pfefferspray und Wasserwerfern.
Kay Feske, 09.10.2014
2. Was für eine tiefgründige Feststellung... die Geschicht MUß neu geschrieben werden
"Denn trotz Totalüberwachung und Schießbefehl ging das Leben auf Bauernhöfen in der Uckermark, in Ferienanlagen auf Usedom oder auf Baustellen in Ostsachsen weiter." Obwohl... Ausnahmen bestätigen die Regel. Ich habe mich damals, ob der Totalüberwachung, eigentlich 24/7 unterm Bett versteckt. Und tue es heute wieder... Da behaupte noch einer, Geschichte wiederhole sich nicht!
Folker Friedel, 09.10.2014
3. Sollen mir die Bilder irgendwas sagen?
Ich hab mir die Bilder (inkl. der Kommentare) mal reingezogen. Offenbar hatte da jemand Langeweile und hat alle möglichen Bilder, die er/sie aus DDR-Zeiten in schwarz-weiß finden konnte, in einen "Bildband" (wenn man das so nennen kann) gepackt. Die Aussage "Aber es sind genau solche abseits der offiziellen Bildästhetik entstandenen Fotos, die das sozialistische Deutschland in einem authentischen Licht zeigen." kann ich definitiv nicht bestätigen. Es scheint so, als wolle man mal wieder zeigen, dass DDR nur schlecht und die BRD einfach nur toll war. Also ich habe in meinem Album keine solcher tristen Bilder. Aber das ist bestimmt nur Zufall.
Uwe Anton, 09.10.2014
4. Das tut uns leid, wir haben tatsächlich halbwegs normal gelebt.
Aber mal im ernst, gibt es heute keine Doppelstockzüge mehr, das es hervorhebenswert ist? Wenn ich die Schulterstücke richtig deute, handelt es sich mitnichten um einen Offizier, der neben dem Punk sitzt. Der Spiegel sollte endlich aufhören, die DDR zu demonisieren. Wir waren/sind auch nur Menschen gewesen.
kwado, 09.10.2014
5. Sehr hübsche Überschrift
Ja, ja, ja: DDR == Diktatur DDR == Diktatur DDR == Diktatur Wie oft wünschen Sie, dass wir es aufschreiben, damit klar ist, dass es verstanden wurde? Echt: wie im Staatsbürgerkundeunterricht :-) Und in der DDR gab es also "Totalüberwachung". Ein interessantes Wort. Sollte man mal in Ruhe drüber nachdenken. --- Aber schöne Bilder.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.