Paddeln auf der Donau 1961 "Ja, haben Sie denn nicht gehört, was los ist?"

Auf einer Faltboottour in Ungarn erfuhr das Ehepaar Schreck 1961 vom Bau der Berliner Mauer. Ihre kleine Tochter war bei der Oma zu Hause geblieben. Tagelang wussten Inge und Lothar nicht, ob das Kind im Westen oder im Osten war.

Archiv von Inge und Lothar Schreck

Von Daniel Weißbrodt


Es ist ein heißer Sommertag, als Inge und Lothar Schreck am 8. August 1961 im brandenburgischen Spremberg in den Zug nach Bratislava steigen. Das Gepäck - Faltboot, Zelt und Paddel - ist sperrig und schwer, doch das junge Paar ist guter Dinge. Der Krieg liegt 16 Jahre zurück, langsam geht es aufwärts. Bürger der DDR dürfen inzwischen sogar ins Ausland reisen, wenn auch nur in sozialistische "Bruderländer" wie die Tschechoslowakei oder Ungarn. Immerhin ein Stückchen weiter Richtung Süden. Die vierjährige Tochter, noch zu klein für die Fahrt, ist bei der Oma geblieben.

Die Schrecks sind auf dem Weg zur "Internationalen Donau-Bootsfahrt der Freundschaft", einer siebentägigen Wasserwanderfahrt von Bratislava nach Budapest. Vor ihnen liegen insgesamt 220 Kilometer im Faltboot, gemeinsam mit Gleichgesinnten aus der Tschechoslowakei, aus Ungarn und Polen, aber auch aus Österreich und der Bundesrepublik. Die beiden freuen sich, endlich einmal über den engen Horizont der Lausitzer Heimat hinauszuschauen.

DDR-Wimpel war Pflicht

Im vorangegangenen Herbst hatten sie von der Tour erfahren. Im Deutschen Kanusportverein der DDR, dem DKSV, sprach es sich rasch herum, dass jeden Sommer eine Wanderfahrt auf der Donau stattfand. Das Paar bewarb sich bei den offiziellen Stellen für eine Teilnahme, denn auf eigene Faust ließ sich in der DDR kein Urlaub planen. Beim Zentralrat der Freien Deutschen Jugend FDJ in Berlin bekamen sie im Frühjahr alle nötigen Papiere: Visa und Umtauschberechtigungen für geringe Mengen an tschechoslowakischen Kronen und ungarischen Forint. Dazu die obligatorische Belehrung, sich im Ausland stets wie ein Botschafter der Deutschen Demokratischen Republik zu verhalten. Am Boot musste ein Wimpel mit der DDR-Fahne flattern. Ohne Begründung wurde Männern das Tragen von schwarzen Hemden verboten, während Frauen keine roten Schuhe anziehen durften.

Fünf Jahre zuvor, 1956, hatten sich bereits 123 Paddler und Ruderer an der ersten Donau-Tour von Bratislava nach Budapest beteiligt. Im Jahr darauf dauerte die Kanufahrt auf der mittlerweile auf 700 Kilometer verlängerten Strecke von Bratislava nach Belgrad mehr als drei Wochen. 1959 startete die "Tour International Danubien", oder kurz TID, in Wien und überwand damit sogar den Eisernen Vorhang.

Inge und Lothar kommen am Abend des 8. August 1961 zusammen mit etwa einem Dutzend weiterer Teilnehmer aus der DDR am Hauptbahnhof von Bratislava an, verschwitzt und müde von der langen Reise. Die slowakischen Paddelfreunde warten schon. Auf dem Zeltplatz unterhalb der Burg treten am Abend Folkloregruppen auf. Voller Vorfreude auf die große Fahrt auf dem zweitlängsten europäischen Strom klatschen alle begeistert Beifall.

Am 10. August werden morgens die Zelte abgebaut und die Boote zu Wasser gelassen. Die Reise durch die Slowakei führt auf anstrengenden Tagesetappen von knapp 50 Kilometern über Gabčíkovo und Komárno nach Esztergom in Ungarn, wo die Paddler am Abend des 12. August eintreffen. Die Strömung hat sie gut vorangebracht, doch Hitze und Anstrengungen setzen ihnen arg zu. Sonnenverbrannt und erschöpft stellen sie ihre Zelte auf und probieren zum ersten Mal Halászlé, die höllisch scharfe ungarische Fischsuppe.

"In Berlin bauen sie eine große Mauer"

Die nächste Tagesetappe nach Szentendre ist mit 40 Kilometern etwas kürzer als die vorangegangenen. Die Schrecks wollen vor der Abfahrt noch die Kathedrale von Esztergom besichtigen, ein gewaltiges Bauwerk aus dem 19. Jahrhundert. Während sie auf den Berg hinaufsteigen, spricht sie plötzlich ein Ungar mit besorgtem Gesichtsausdruck auf Deutsch an: "Gibt es jetzt Krieg?", will er wissen. "Warum sollte es Krieg geben?", fragen sie erstaunt zurück. "Ja, haben Sie denn noch nicht gehört, was los ist?", sagt der Mann fassungslos. "In Berlin bauen sie eine große Mauer durch die ganze Stadt."

Der Ungar geht weiter. "Die Schwester meiner Mutter hat heute Geburtstag", sagt Lothar zu Inge. "Und meine Mutter ist mit der Kleinen zu ihr nach Berlin gefahren." Er ist blass. "Westberlin", sagt er noch. Inge weiß ja auch, dass die Schwester ihrer Schwiegermutter im Westen der Stadt wohnt. Sie bleiben stehen, schweigen und nehmen sich stumm in den Arm. Was sollen sie nun tun? Auf einer Paddeltour mitten in Ungarn, tausend Kilometer und viel zu viele Grenzen von ihrer Tochter entfernt. Und seit heute Morgen, dem 13. August, gibt es wohl noch eine befestigte Grenze mehr.

Archiv von Inge und Lothar Schreck

Es sind noch einige Paddler auf dem Zeltplatz, als das Ehepaar zurückkehrt. Einer von ihnen hat glücklicherweise ein kleines batteriebetriebenes Radio dabei. Fieberhaft suchen sie einen Sender, es rauscht und kratzt. Endlich, die Sendergruppe Rot-Weiß-Rot, Österreich: "Berlin wird abgeriegelt." Aber was bedeutet "abriegeln"? Das kann man sich einfach nicht vorstellen, am Ufer der Donau, unter diesem klaren blauen Sommerhimmel in Esztergom, weit von zu Hause entfernt.

Lothars Mutter ist tatsächlich schon am 12. August mit ihrer Enkelin nach Westberlin gefahren. Tags darauf sitzen sie bei Kaffee und Kuchen am Geburtstagstisch. Drei Gedecke stehen unberührt da, und alle wundern sich, dass die anderen Gäste aus Ostberlin nicht kommen. Sie wissen noch nicht, dass die Fehlenden es nicht können, weil die Mauer gebaut wird.

Endlose Tage ohne Nachrichten

"Weiterfahren", sagt Lothar irgendwann. "Wir müssen jetzt weiterpaddeln. In zwei Tagen sind wir in Budapest, dort erfahren wir hoffentlich mehr." Es sind zwei von bangen Gefühlen begleitete Tage, die schier endlos erscheinen. Am Abend des 15. August erreicht die TID schließlich die Insel Óbudai im Norden Budapests. Dort wartet schon ein Botschaftsmitarbeiter, der eine lange Rede hält über die "Maßnahmen zur Sicherung des Friedens und der DDR".

Noch zwei Tage bleiben den Schrecks bis zur Rückreise, denn die Fahrkarten hatten sie schon lange im Voraus gekauft. Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als durch die Stadt zu spazieren und die Zeit totzuschlagen.

Archiv von Inge und Lothar Schreck

Kaum sind sie in Dresden aus dem Zug gestiegen, kaufen sie sich als erstes eine Zeitung. Zwischen all der Propaganda lesen sie auch die Fakten heraus. Langsam wird das Bild klarer: Eine Mauer führt jetzt mitten durch Berlin!

Lothars Mutter darf mit dem Kind bereits zwei Tage nach dem Mauerbau wieder nach Ost-Berlin einreisen. Wer einen DDR-Ausweis besitzt, kommt in diesen Tagen recht problemlos in das Land hinein. Oma und Enkelin sind sogar schon einen Tag vor den Eltern wieder in Spremberg.

Österreich und Jugoslawien unerreichbar

Die "Tour International Danubien" fand in den folgenden Jahren immer mehr Anhänger. Trotz ihres traumatischen Erlebnisses haben die Schrecks regelmäßig teilgenommen, allerdings nur auf der slowakisch-ungarischen Etappe. Österreich und Jugoslawien, von der Bundesrepublik ganz zu schweigen, waren für Ostdeutsche unerreichbar.

1969 startete die TID erstmals in Ingolstadt und führte über Jugoslawien und bis ins bulgarische Silistra, 375 Kilometer. Und im Juni 1990, noch vor Wiedervereinigung und Währungsunion, reiste die erste und gleichzeitig letzte Delegation der DDR zur Eröffnung der 35. TID in Trabbis und Wartburgs nach Ingolstadt. Für die Paddler aus der Lausitz erfüllte sich damals ein Traum: Sie sahen endlich das Kloster Weltenburg, die Dreiflüssestadt Passau und Wien.

Seit 2009 führt die TID über 2516 Kilometer bis ins rumänische Sfântu Gheorghe, durch acht Länder bis zur Mündung der Donau ins Schwarze Meer. Am 21. Juni 2015 wird in Ingolstadt die 60. Ausgabe der längsten und ältesten Kanufahrt der Welt eröffnet.

Daniel Weißbrodt, 1972 in Suhl geboren, ist Historiker und freier Autor und Filmemacher. 2014 erschien sein Dokumentarfilm "Die Völkerverständigung, die klappt ganz gut...", für den er die Tour International Danubien begleitet und Teilnehmer interviewt hat. Derzeit sucht er mit einem Crowdfunding-Aufruf Unterstützer für eine Zweitauflage der DVD.

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insgesamt 6 Beiträge
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Klaus Dieter Buddrus, 20.06.2015
1. wieder ein Bericht über privilegierte Außenseiter unter den Bürgern
Welche4 normale DDR-Bürger konnte sich denn 1961 einen derartigen Urlaub samt derartige Auslandsreise leisten? Eigentlich keiner, außer den wohlverdienenden privilegierten Bürger mit Jammern auf hohem Niveau. Mal zur Vorstellung: eine Krankenschwester verdiente 1961 ca. 300 Mark und der laut den Hetzern und Lügnern angeblich ach so privilegierte und angeblich extrem staats- und systemnahe Bürgermeister eines Dorfes bekam damals satte 356 Mark. Das waren sogar satte 20 Mark mehr als ein Obermeister der VP. Davon musste man erst mal die Familie mit zumeist 2 Kindern oder mehr versorgen und ernähren. An den Kauf eines guten Faltbootes oder gar an eine Reise nach Ungarn war da nicht zu denken: denn für viele standen damals das erste TV-Gerät und der erste Kühlschrank ganz oben auf dem Kauf- und Wunschzettel. Leisten konnte man sich zumeist nur den fast kostenlosen Urlaub im FDGB-Ferienheim. Wo man alle 3 Jahre eine reale Chance hatte und als Ehepaar beschäftigt in 2 verschiedenen Betrieben sogar alle 2 Jahre im Wechsel - wenn man nicht gerade als Ehepaar ohne schulpflichtige Kinder ignorant und bösartig immer auf einen Saisonplatz bestand.
Jens Franke, 20.06.2015
2. TID - Tour International Danubien
Eine weitere Fotostrecke aus der Jubiläumsbroschüre 1980 ist zu sehen auf der Webseite "Spierentonne" http://www.spierentonne.de/inhalt/inhalt_index.php?section=faltboot_tid_historisch_6
Ingo Meyer, 20.06.2015
3. Ich bin immer wieder überrascht, über die guten Beiträge auf ....
EINESTAGES ! Dieser Beitrag hat mich insofern berührt, als dass ich meine erste Frau dem Mauerbau zu verdanken hatte. Auf den Tip eines jungen Volkspolizisten, der eine wage Information hatte, ist sie mit 17 Jahren noch gerade am 12. August 61 aus dem Arbeiterparadis nach Berlin entkommen und dann nach Niedersachsen gegangen, wo ich sie 2 Jahre später als völlig unverbildeten Typ-Ost-Mädchen kennengelernt hatte. Die Zeit war schon irre damals. Heute befassen wir uns mit vergleichsweise kleinen Problemen, z.B. ob Griechenland im Euro bleibt!
Jens Franke, 20.06.2015
4. Auf der TID am Vorabend des Mauerbaus.
Erinnerungen an die 6. TID im Jahre 1961 Artikel im Faltbootforum http://www.faltboot.org/wiki/index.php/Auf_der_TID_am_Vorabend_des_Mauerbaus_(Kühnisch_2009)#Auf_der_TID_am_Vorabend_des_Mauerbaus._Erinnerungen_an_die_6._TID_im_Jahre_1961
Stefan Hauf, 20.06.2015
5. DDR-Jargon
Schade, dass in diesem Artikel durchgängig der propagandistische DDR-Jargon "Westberlin" benutzt wird. Gemeint ist der größte Teil der Stadt Berlin, die vom Unrechtsstaat DDR eingemauert wurde. Wie allgemein bekannt nannte sich der abgetrennte Rest im Osten dann im Widerspruch zum Vier-Mächte-Status der Stadt "Berlin Hauptstadt der DDR" - ohne Vorsatz Ost und ohne Vergewaltigung des Stadtnamens. Ich empfand diese Anmaßung auf auf den Straßenschildern beim ohnehin mehr als unangenehmen Transit durch die DDR als bewusste Demütigung der Bewohner des Westteils Berlins, was sich bei den Grenzkontrollen weiter fortsetzte. Noch ein paar Jahre, und die DDR ist nur noch eine lustige Randnotiz der Geschichte, aus der man so natürlich langfristig nichts lernen kann...
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