DDR-Design Entworfen - verworfen

DDR-Design: Entworfen - verworfen Fotos
Günther Höhne/K. C. Dietel

Längst ist es Kult: Design made in DDR. Schade nur, dass die besten Ideen nie in Serie gingen, weil die Mittel fehlten oder die Geschmackspolizei zuschlug. Doch West-Designer kupferten gern im Arbeiter- und Bauernstaat ab. einestages zeigt Ost-Design, das hätte sein können.

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Ein guter Entwurf ist noch lange kein gutes Produkt: Von der Designskizze bis zur Serienfertigung ist der Weg meist verschlungen, nicht selten scheitert die Markteinführung an unüberwindbaren Hürden - eine immer wiederkehrende Erfahrung, die so alt und immergültig ist wie die Produktgestaltung selbst.

Besonders schlecht nur, wenn zu den ohnehin lauernden praktischen Schwierigkeiten und Einwänden von Fertigungsleitern, Kostenrechnern oder Vertriebsexperten auch noch Politikerwünsche treten. Wie etwa in der verblichenen DDR - wohl nirgendwo sonst wurden vielversprechende Designinnovationen in so großer Zahl wegen ideologischer Einwände ausgebremst, wie in der sozialistischen Staatswirtschaft.

Der Geschmack des Klassenfeindes

"Hinter dem Leben zurück", titelte etwa das SED-Zentralorgan "Neues Deutschland" im Oktober 1962 über eine neue Prototypen-Reihe von Radio- und Phonogeräten des Herstellers RFT, die auf der V. Deutschen Kunstausstellung in Dresden vorgestellt worden waren. In Bausch und Bogen verdammte das Parteiblatt die "farblose Eintönigkeit und Verarmung der künstlerischen Formen" der vom Ostberliner Formgestalter Jürgen Peters geschaffenen Geräte.

Peters' "klinische Kästen", so das Verdikt, stünden für das "Abgleiten in bürgerliche Dekadenz" und gehörten nicht in kulturvolle sozialistische Wohnstuben. Der offensichtliche Grund: das Design von Peters' Plattenspieler und Radio orientierte sich am Geschmack des Klassenfeindes, konkret an westdeutsche Geräten der Kultmarke "Braun".

Selbst scheinbar banale Dinge wie Blumenvasen waren vor dem vernichtenden Urteilen der Genossen Geschmackswahrer nicht sicher. Über die glattweißen, zylindrischen Porzellanvasen des Hallenser Entwerfers Hubert Petras etwa hieß es im selben Artikel, derartige "unkünstlerische Lösungen" wären vor allem "ideologischer Natur" und als "formalistisch" zu verwerfen. Zwar durften die Vasen mit ihren schnörkellos-modernen Formen weiter produziert werden - nur fortan dekoriert mit kunterbunten Ornamenten, Städteansichten nach alten Stichen und ähnlichem Zierrat.

Werbeverbot für Konsumartikel

Ein Gräuel für die SED-Wirtschaftslenker waren die etwa alle vier Jahre stattfindenden zentralen Kunstausstellungen der DDR in Dresden sowieso. Hier präsentierten seit 1958 auch im Verband Bildender Künstler der DDR organisierte Industrieformgestalter und Kunsthandwerker ihre neuesten Entwürfe - und regelmäßig beklagten sich die Besucher in den Gästebüchern und Medien, wo denn diese schönen und nützlichen Sachen eigentlich im Handel blieben.

In den Schaufensterauslagen jedenfalls entdeckte man sie nur selten oder gar nicht. Schließlich fanden die Propagandisten der SED eine praktikable Lösung für den Zielkonflikt: Sie verhängten in den siebziger Jahren ein generelles Werbeverbot für Konsumgüter und gaben eine bis 1989 verbindliche geheime Anweisung an die Redaktionen der DDR-Medien aus: "Keine (Waren-) Bedürfnisse wecken!"

Besonders brisant war für das Politbüro die Frage eines modernen Nachfolgers für den "Trabant". Rund zwanzig Jahre lang, von Mitte der Sechziger bis Ende der Achtziger, stand das Projekt im Raum - das schließlich durch eine Mischung aus wirtschaftspolitischer und kulturideologischer Intervention "von oben" immer wieder unterbunden wurde.

"Der sieht ja aus wie ein Nato-Jeep!"

Dem Industriegestalter-Duo Karl Clauss Dietel und Lutz Rudolph war das "Trabi"-Modell 601 schon bei seiner Einführung 1964 als "überholtes Auto noch mit dem Gesicht und Ausstattungsgrad der späten Fünfzigerjahre" vorgekommen. Mehrfache Vorschläge für einen alternativen modernen Kleinwagen waren Mitte der Siebziger unter der Bezeichnung "P 610" weit gediehen, erste Funktionsmuster zeigten, dass der Sachverstand für den Bau eines zeitgemäßeren Pkw vorhanden war.

Auf die Straße aber kam der "P 610" - wie auch andere Entwürfe - nicht. Dabei scheiterte der Serien-Start wiederum nicht allein am Geld, sondern einmal mehr an ideologischer Borniertheit. Hauptgegner des neuen Automobils war SED-Politbüromitglied und SED-Wirtschaftslenker Günter Mittag, der meinte, der Trabi sei für den DDR-Bürger immer noch gut genug, so wie er sei. Er selbst ließ sich allerdings in einer repräsentativen Citroën-Limousine chauffieren.

Bereits 1962 hatte Mittag den Entwurf für einen neuen "Wartburg" vom Tisch gefegt: "Der sieht ja aus wie ein Nato-Jeep!" lautete sein barsches Urteil - das Aus für den Entwurf Dietels mit markantem Kühler, runden Scheinwerfern und Steilheck. Eine ebenfalls folgenlose Kleinwagenstudie von 1971/72 konnten Fachkundige in den neunziger Jahren dann deutlich im "Twingo" von Renault wiedererkennen.

Warten auf die Einzelteile

Im Sand der Teststrecken stecken blieben auch formschöne Lastkraftwagen des Duos Dietel/Rudolph für Robur Zittau und Ludwigsfelde, und selbst ihr Vorschlag für ein funktional geniales Behindertenfahrzeug als Ersatz für die "Duo"-Rikscha, das DDR-Standardgefährt für Behinderte auf Basis eines um Blechapplikationen und Kunstlederlappen erweiterten Kleinkraftrades "Schwalbe", kam nicht aus der Modellphase heraus.

Von solchem Schicksal allerdings konnten alle DDR-Designer ihr Lied singen, mochten sie noch so begabt sein. Denn hatte ein Produkt den Ideologie-Test bestanden, stand immer noch die Frage nach den Ressourcen im Raum. Die pfiffigen und praktischen Mitnahme-Möbelprogramme, die Rudolf Horn und Erich Schubert Ende der Siebziger an der Hochschule für industrielle Formgestaltung Halle, Burg Giebichenstein entwickelten, gingen aus "ökonomischen und handelstechnischen Gründen" nie in Serien.

Auch der Prototyp des Mitte der achtziger Jahre bereits weit gereiften High-Tech-Plattenspielers "P 2001 Olympia" von Berlins Stern-Radio Chefdesigner Michael Stender verstaubte schließlich. Das Gerät wurde zwar noch 1989 mit der staatlichen Auszeichnung "Gutes Design" bedacht, aber auf die für die Produktion benötigten elektronischen Mikrobausteine wartete der Hersteller Sachsenwerk Dresden-Niedersedlitz noch beim Zusammenbruch der DDR.

Wiedersehen im Westen

Das Ende des Realsozialismus bedeutete allerdings für das eine oder andere unter den Tisch gefallene Meisterstück des DDR-Designs auch eine späte zweite Chance - wenngleich zuweilen unter dubiosen Umständen. Mit ihrer Lampe "Clip+Clap" etwa, einem originellen Steckbausatz aus Kunststofffolie, hatten die Berliner Designstudenten Albrecht Ecke und Reinhard Panier 1985 den ersten Preis beim Designwettbewerb des Leuchtmittel-Kombinats NARVA gewonnen. Von der Fachpresse hoch gelobt, erreichte der Entwurf gleichwohl nie Produktionsreife - jedenfalls nicht in der DDR.

Im Jahr 2000 stand Ecke, inzwischen erfolgreicher Designer mit Ateliers in Berlin und Potsdam, dann auf einer Konsumgütermesse in Frankfurt/Main verdutzt vor dem Stand eines italienischen Lampenherstellers: den zierte seine Clip+Clap-Kugelleuchte - nur dass sie hier nicht so hieß. Da es an der Urheberschaft der ostdeutschen Entwerfer nichts zu rütteln gab, prangen auf den Versandkartons des heute unter der Bezeichnung "RG 60" immer noch erfolgreichen Leuchtkörpers auch die Namen der einstigen DDR-Designer Ecke und Panier.

Einen Durchbruch im Kapitalismus feierte übrigens auch die Phono-Bausteinserie von Jürgen Peters, die beim Kritiker des "Neuen Deutschland" so fulminant durch- und im weiteren Verlauf dann unter den Tisch gefallen war. Der Fernseher aus der Entwurfsserie ging 1965 fast identisch unter dem Namen WEGA 3000 in der Bundesrepublik Deutschland in Produktion.

Das Gerät gilt heute als eine der Ikonen des BRD-Designs.

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1.
Daniel Hüpenbecker 19.12.2007
Bei allem Respekt vor der Arbeit der Gestalter unter den widrigen Bedingungen in der DDR, stellt sich mir doch die Frage wo zwischen dem gezeigten Kleinwagenentwurf und dem Renault Twingo eine Ähnlichkeit bestehen soll? Und zur aufgestellten Behauptung bezüglich des von Hartmut Esslinger gestalteten TV-Geräts der Wega-3000er Serie fehlt leider jeglicher Bildnachweis. So entsteht bei mir leider der Eindruck es würde krampfhaft versucht per unnötigem und unpassendem Vergleich die Fortschrittlichkeit des DDR-Designs zu verdeutlichen.
2.
Michael Keller 20.12.2007
Ja..entweder der Autor hätte eine Suchmaschine benutzen sollen oder mein Vorredner..dann hätte es auch ein Bild vom Wega 3000 gegeben: http://www.tvhistory.tv/1965-WEGA-3000L-Germany.JPG Stellt sich nur die Frage wie es mit dem Copyright aussieht...
3.
Daniel Hüpenbecker 20.12.2007
Zum TV-Gerät ist zu sagen, dass bereits auf der »Großen Deutschen Funkausstellung Berlin« 1963 der Wegavision2000 vorgestellt wurde, der das Gestaltungsprinzip der Trennung Röhre/Elektronik aufwies, und es sich hierbei um einen »Trend« handelte dessen ursprüngliche Urheberschaft sich wohl nicht mehr ermittlen lassen wird. Bestimmte gestalterische Ansätze ergeben sich aus technischen Möglichkeiten und dem Zeitgeist. Die Ähnlichkeit des Wega3000L mit dem auf dem Zeitschriftentitel abgebildeten Gerät ist in der Tat erstaunlich. Doch wie gesagt in meinen Augen noch kein Nachweis über die tatsächliche Urheberschaft der Gestaltung. Bezüglich der Ähnlichkeit des gezeigten Kleinwagens konnte auch keiner meiner Kollegen auch nur eine ansatzweise Ähnlichkeit feststellen. Das für den Twingo so charakteristische One-Box-Design ist in der gezeigten Studie so nicht erkennbar. Die Proportionen, Detaillösungen, das Greenhouse - nirgendwo ist hier eine Ähnlichkeit erkennbar. Mir fehlt es gewiss nicht am Respekt den Leistungen der Gestalter in der DDR gegenüber. Nur wird hier dem Designlaien etwas suggeriert, das faktisch nicht haltbar ist. Man muß keine unpassenden Vergleiche anstellen, um die hervorragende Arbeit einiger in der DDR tätiger Gestalter zu würdigen.
4.
Olaf Nyksund 13.02.2013
Hat der Designer des Fernsehers vom Bild 2/7 nach der Wende nach Herford zu T+A gewechselt? :)
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