DDR-DJ Wie der Disco-Fuchs den Osten rockte

Miese Technik, teure Westmusik: DJs in der DDR hatten es schwer. Andreas Hofmann versuchte sich dennoch als "Schallplattenunterhalter" - und avancierte zum Star. Bei einestages erinnert er sich an löchrige Kassetten, absurde Ostquoten und seine legendäre Stieleis-Show.

www.dj-happy-vibes.de

Es war Anfang 1990, soeben hatte ein westdeutscher Unternehmer aus Frankfurt am Main Dresdens größte Disco gegründet. "Sachs" hieß der im alten Kulturhaus der Sachsenwerke untergebrachte Laden, auflegen durften hier nur Discjockeys aus dem Westen - für Traumgagen von 700 bis 1500 D-Mark pro Abend. Ich klopfte beim Pächter an und bat um meine Chance. "Der Sonntag ist noch leer, da darfst du auflegen", sagte der Mann und grinste großzügig. So kam es, dass ich, bis dato als einer der besten DJs des Landes gefeiert, nach der Wende zum Pausenclown mutierte! Alle Erfolge von früher waren dahin, und ich legte als Mr. Nobody bei null los - wie damals, als Teenie Ende der Siebziger.

Begonnen hat alles mit den Schuldiscos. Zunächst zappelte ich selbst rum, dann dachte ich: "Mensch, das kann ich doch viel besser!" Das Problem: Wir hatten weder die Technik noch die Mucke, um Disco zu machen. Um mir ein Musikrepertoire zusammenzustellen, schnitt ich Sendungen im Radio mit, auf einem Stern 160-Kassettenrekorder, so einem mit hellem Holz verkleideten Ungetüm, das mir meine Oma zur Jugendweihe geschenkt hatte. Blieb das Problem der Technik.

Mein Vater war Lagerarbeiter bei Pentacon, ging morgens um vier Uhr aus dem Haus und kam abends spät wieder, meine Mutter arbeitete als Galvaniseurin und hatte neben ihrem Beruf noch einen Zweitjob als Putzfrau. Wie hätte ich mir da das teure DJ-Equipment leisten können? Denn eines stand fest: Die Technik musste aus dem Westen kommen. Nicht des Prestiges wegen, sondern weil man mit den Ostprodukten einfach nicht arbeiten konnte - was mir bei meinem allerersten Auftritt klar wurde.

Bei "Blue Monday" fiel sofort die Box runter

1983 war das, ich hatte gerade meine Kfz-Schlosserlehre begonnen und durfte die Faschingsfeier für meinen Berufsschuljahrgang in der Dresdner "Scheune" organisieren. Die Anlage, die ich dort vorfand, war eine alte Vermona mit zweimal 50 Watt-Boxen - und damit sollte ich 300 Leute beschallen! Als ich den ersten Titel auflegte, "Blue Monday" von New Order war das, fiel sofort eine Box runter. Mit einem Buch mussten wir dem hoffnungslos überhitzten Vermona-Verstärker ständig Luft zuwedeln, damit er nicht völlig ausfiel!

Die Leute amüsierten sich trotzdem prächtig - und ich machte mich daran, mir meine eigene Anlage selbst zusammenzubauen. Die 10.000 Mark, die ich dafür brauchte, lieh mir mein Onkel, der mit einem privaten Blumenladen sowie einer Autolackiererei zu Geld gekommen war. Da es Schallplatten mit Westmusik nur für Mondpreise unter der Ladentheke gab, arbeiteten wir mit Kassettendecks und spulten uns jeden Titel mühsam zurecht. Das klappte aber selbst mit den besten Geracord-Kassettendecks nicht, weshalb ich mir zwei JVC-Decks zulegte - für 300 D-Mark das Stück.

Auch das Mikrophon musste ein westdeutsches sein, da die hiesigen Fabrikate alle rückkoppelten. Und selbst die gängigen Ost-Kassetten, Orwo oder Orwo Chrom etwa, taugten nichts, da sie immer Magnet-Löcher hatten, was zu hässlichen Aussetzern beim Abspielen führte. Am besten waren die TDK-Produkte - zu 5 D-Mark, also 50 Ostmark pro Stück im Intershop erhältlich. Irgendwann hatte ich das Equipment beisammen, lud alles auf den Anhänger meines verrosteten Lada 1300 und begann, mit meiner rollenden Disco namens "Action Service" durch die Jugendclubs zu tingeln - was einem Verstoß gegen das Gesetz gleichkam.

60 Prozent der Titel mussten aus dem Osten stammen

Denn nur "staatlich geprüfte Schallplattenunterhalter" mit Genehmigung durften öffentlich auftreten. Dazu musste man einen rund einjährigen Lehrgang besuchen und anschließend eine sogenannte Einstufung absolvieren. Wer, wie ich, ohne Ausweis auflegte, machte sich strafbar. Und der Staat hatte mich ohnehin schon auf dem Kieker. Obwohl ich Schulbester war, ließ man mich nicht zum Abitur zu - weil ich weder zur Armee noch zur Polizei wollte.

In der fünften Klasse sprang ich noch auf und brüllte "Ja!", als die Lehrer uns fragten, ob wir uns für zehn Jahre bei der NVA verpflichten wollten. Drei Jahre später blieb ich sitzen, und der Spießrutenlauf begann. Um Schwierigkeiten zu vermeiden, meldete ich mich zur DJ-Einstufung beim zuständigen Kulturkabinett an. Einmal wurde ich abgelehnt, weil raus kam, dass ich zu oft schwarz aufgelegt hatte. Beim zweiten Versuch konnten sie nicht mehr nein sagen, da ich bereits zu populär war.

Die Einstufung fand Ende 1987 im Dresdner Volkshaus Laubegast statt - und ich hatte einige Hürden zu meistern. Denn die staatlichen Vorgaben sahen vor, dass wir nicht nur stumpf einen Titel nach dem anderen auflegten, sondern die Leute mit einer richtigen Show unterhielten. DJ in der DDR sein, das hieß Entertainer-Qualitäten besitzen, also moderieren, Späße machen können und ein Gefühl für Musikdramaturgie auf dem Kasten haben. Zu den geforderten Show-Elementen gehörten etwa Spiele, Quizrunden, Tänze oder Modeschauen, daneben gab es die berühmte 60-40-Regel: 60 Prozent der aufgelegten Musik musste aus dem Osten stammen und nur 40 Prozent aus dem Westen.

"Die Menschen waren wie ein trockener Schwamm"

Allerdings war diese offiziell festgelegte Idiotie einfach nicht durchsetzbar: Ostmusik wollte niemand hören, außer mal auf dem Dorf, da durfte man ungestraft mal die Ost-Berliner Rockband City mit "Am Fenster" auflegen. Ansonsten waren die Menschen wie ein trockener Schwamm, sie wollten sich vollsaugen mit moderner, exotischer Musik aus dem Westen. Wenn wir der Jugend kein Ventil geboten hätten, wären die dem Staat doch schon viel früher aufs Dach gestiegen!

Dennoch: Bei der Einstufung musste man das 60-40-Gebot strikt einhalten, was gar nicht so einfach war. Um die Leute bei der Stange zu halten, jubelte ich ihnen die DDR-Musik so unter, dass sich keiner aufregte. Etwa mit dem Stieleis-Gag: Eis am Stiel gab es in der DDR selten, zur Einstufung ließ ich mir jede Menge davon aus Leipzig kommen. Während der Osttitel "Eisdame" von Arnulf Wenning lief, tanzten zwei in Eiskostüme gesteckte Mädels dazu und verteilten die begehrte Schleckerei - da hat sich keiner mehr an der Musik gestört!

Außerdem habe ich Musik selbst geschrieben, um die 60-40-Regel zu erfüllen. Ich hatte einen Kumpel, dessen Opa ein West-Keyboard besaß, von Yamaha war das. Zusammen nahmen wir Rap auf - das war dann ja auch Ost-Musik. Mit meiner Show kam ich im Volkshaus Laubegast prima an, die Jury war begeistert und die Gäste amüsierten sich prächtig - gerade auch, weil wir viele Spiele veranstalteten.

Politisch inkorrekt am Tag des Weltfriedens

Nach meiner Einstufung ging es blitzschnell mit meiner DJ-Karriere. Ich räumte FDJ-Förderpreise ein, qualifizierte mich immer weiter und landete 1988 schließlich in der zentralen Förderklasse in Leipzig, wo der Staat die besten Schallplattenunterhalter der DDR versammelte. Je höher ich auf der DJ-Leiter stieg, desto weniger Druck gab es von oben - und ganz am Ende, da ging es überhaupt nicht mehr um Politik, sondern nur noch um Leistung. Trotzdem durfte man sich nicht alles erlauben - was ich 1988 am eigenen Leib erfahren musste.

Die FDJ hatte mich für eine Veranstaltung in Pirna gebucht, Anlass war der 1. September, der Tag des Weltfriedens. Tausende von Menschen versammelten sich zu dem Open Air an der Elbe, irgendwelche Parteifunktionäre hielten schwülstige Ansprachen. Direkt danach kam ich und sagte: "So, jetzt vergessen wir das alle mal und feiern ordentlich!" Da war natürlich der Teufel los und ich wurde eine Zeit lang gesperrt.

Kurz darauf durfte ich als bester DJ Sachsens sogar im "Fass" auflegen, so hieß die damals angesagteste Disco in Ost-Berlin, die zu 60 Prozent von Westdeutschen besucht wurde und als einzige bis fünf, sechs Uhr morgens geöffnet hatte. Bei den anderen Läden war meist so gegen 23 Uhr Schluss, herrliche Arbeitszeiten waren das. Und nun, im "Fass", sollte ich Programm machen, bis es hell wurde! Da ging mir schlicht und ergreifend die Musik aus. Und das, obwohl wir DJs uns untereinander rege austauschten.

Teenie-Invasion im "Sachs"

Einen richtigen Plattentauschring unterhielten wir und reichten die Scheiben reihum, jeder hatte so seine Quellen. Viele bekamen Schallplatten von West-Verwandten zugeschickt, besonders beliebt waren die Sampler. Als Lehrling im Kraftverkehr Dresden ließ ich mir manchmal Platten von den dort arbeitenden Fernfahrern mitbringen, natürlich galt der Kurs 1:10 - daher kostete mich eine Scheibe damals locker 120 Mark. Besonders stolz war ich auf die Platte von Montana Sextet, "Who needs enemies", das war damals ein Mega-Hit hier.

Mit der Wende konnten wir plötzlich überall Platten kaufen - dafür galten unsere bisherigen DJ-Leistungen plötzlich nichts mehr, wie man an meinem Sonntags-Jobangebot im "Sachs" sehen konnte. Doch mein Ehrgeiz erwachte: Ich druckte jede Menge Plakate, pflasterte Dresden damit zu und, siehe da, nach zwei Sonntagen war die Bude mit 3000 Mann gerammelt voll, eine regelrechte Teenie-Invasion überrollte das "Sachs".

Von da an war ich akzeptiert in der Zunft. Was schön und gut war, mir jedoch nicht mehr allzu viel bedeutete. Denn das pure Auflegen von Songs, ohne Show-Einlagen, ohne Entertainment, wie es seit der Wende auch bei uns mehr und mehr üblich geworden ist, interessiert mich nicht. Die Leute wollten ja nicht immerfort tanzen, sondern auch unterhalten werden! Weshalb man in guten Clubs mittlerweile auch dazu übergeht, wieder mehr Show einzuflechten - wie damals zu DDR-Zeiten.

DJ Happy Vibes, mit bürgerlichem Namen Andreas Hofmann, arbeitete von 1992 bis 1998 als Moderator für TV-Jugendsendungen; zudem hat er sich als Musikproduzent und Radiomoderator einen Namen gemacht. Für deutschlandweiten Wirbel hat der 1966 geborene Dresdner jüngst mit "German History" gesorgt: einem 18-minütigen Song, der anhand von Original-Tondokumenten die deutsche Geschichte seit dem Kaiserreich erzählt und zur Illustration des Dritten Reiches das Horst-Wessel-Lied einsetzt.

Aufgezeichnet von Katja Iken



insgesamt 7 Beiträge
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Matthias Kihr, 03.11.2010
1.
Ich bin ziemlich genau im gleichen Alter wie Andreas Hofmann. Habe nie von ihm gehört und war damals viel in Discos unterwegs. An einige Dinge erinnere ich mich aber durchaus etwas anders. Ich habe in den 80ern in Berlin gelebt und wir waren oft Nachts unterwegs. Ich erinnere mich nicht an alle Discos, aber ich erinnere mich das alle länger als bis 23:00 Uhr geöffnet waren. Ich erinnere mich an keine Disco "Fass" in Berlin. Dafür aber z.B. das "Cafe Nord" oder die "Harmonie" die bis 5 Uhr morgens geöffnet waren. Es gab noch ein paar mehr davon. Es gab an den Wochenenden auch die Discos in den Wohngebietsclubs die mindestens bis 1 Uhr morgens geöffnet waren. Das war auch in anderen Städten und sogar bei Dorfdiscos völlig normal.
Rudolf Pfeiffer, 03.11.2010
2.
... ein beitrag der schaurigen natur ...
Jens Ziegenbalg, 03.11.2010
3.
Na klar - Beim "Anschnitt" für die EKs war Party angesagt und alle Offiziere standen daneben und haben Beifall geklatscht - so lustig war das Landserleben in der NVA. Aber wahrscheinlich nur in Pirnau, dem berühmten Tor zur sechsten Schweiz, gleich hinter Phantasia. Aber lustige Fotos sinds - was sahen wir peinlich aus und fühlten uns so cool...
Jens Ziegenbalg, 03.11.2010
4.
Hallo Herr Kihr, also in Ostberlin war schon mehr los als in Dresden - da kenne ich auch viele Discos wo wirklich 23 Uhr Schluß war - gab aber auch andere wie das legendäre Parkhotel - wenn da Schluß war, fuhren nur noch Schwarztaxis.
Siegfried Wittenburg, 29.11.2010
5.
"Wenn wir der Jugend kein Ventil geboten hätten, wären die dem Staat doch schon viel früher aufs Dach gestiegen!" Ja, die staatlich geprüften Schallplattenalleinunterhalter der DDR waren ganz schöne Helden. Wenn "wir" "die" nicht gehabt hätten...
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