Ungewöhnliche DDR-Fluchten Surfer im Todesstreifen

Mit selbst gebauten Surfbrettern machen Karsten Klünder und Dirk Deckert sich im Herbst 1986 auf eine lebensgefährliche Reise von Hiddensee nach Dänemark. einestages erinnert an die wagemutigsten Fluchtversuche aus der DDR.

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Karsten Klünder

Als sich Karsten Klünder im Dämmerlicht des 25. November 1986 an sein Surfbrett klammert, weiß er, dass die nächsten Stunden über seine ganze Zukunft entscheiden werden. 70 Kilometer Ostsee liegen zwischen seinem alten Leben und der Freiheit, zwischen Hiddensee und Møn, zwischen der DDR und dem Westen. Ein Todesstreifen, unsichtbar und doch da. Wasser und Kälte, Spitzel auf Fischkuttern mit Handfeuerwaffen, Soldaten auf Hochseeschiffen, bewaffnet mit Kalaschnikows.

Und dort auf dem Meer hat er seinen Freund aus den Augen verloren.

Karsten Klünder und Dirk Deckert hatten sich 1983 in der Segelsektion der BSG Stahl Finow am Werbellinsee bei Berlin kennengelernt. Zwei junge Männer, begeistert vom Segeln und frustriert vom System. Der Kommunismus sei die höchste Gesellschaftsordnung, in der alle Menschen gleich seien, hatte Klünder in der Schule gelernt. Aber wenn er auf seinem Moped zum See hinaus tuckerte, kamen sie ihm entgegen, die hohen Parteifunktionäre in West-Autos, in Volvos und Citroëns.

Menschen wie Klünder, der nicht in der Partei war, mussten auf einen einfachen Trabi bis zu 20 Jahre warten. Segeln durfte Klünder nur auf Binnengewässern. Die Ostsee war für Leute wie ihn Sperrzone. Aber er wollte mehr, frei sein und die Welt sehen. Als Deckert zum ersten Mal von Flucht sprach, war das für Klünder ein Weckruf - ja, wir hauen ab! Aber wie? Mit Tauchausrüstung durch die Spree, mit einem starken, kleinen Boot über die Ostsee, oder mit einem selbstgebauten Heißluftballon "rübermachen"? Viele Ideen spielten sie durch.

Doch als der Einberufungsbefehl für den 22-jährigen Deckert kam, warfen sie alle Ideen über Bord. Für komplizierte Planungen blieb keine Zeit mehr. Sie konzentrierten sich auf das, was sie am besten konnten: Windsurfen.

"Morgen hauen wir ab"

Ihre Bretter hatten sie aus Bauisolierplatten gebaut, die Segel hatte Klünders Bruder aus Bauplanen genäht. Neoprenanzüge bekamen sie über Freunde aus dem Westen, Füßlinge, Kopfhauben und Handschuhe klebten sie selbst zusammen. Allein die wasserdichte Uhr und einen Handkompass kauften sie in der DDR. Und in Ost-Berlin ergatterten sie Trockenanzüge.

Deckert und Klünder beschlossen, schon im Herbst 1986 die Flucht zu wagen, durch die Herbststürme von Rügen über Hiddensee zur dänischen Insel Møn. Die Trockenanzüge würden sie warmhalten.

Die Surfausrüstung zurrten sie auf Klünders Trabi fest und fuhren nach Rügen. Auf dem Zeltplatz in Ummanz meldeten sie sich offiziell als Herbsturlauber an. Offenheit ist die beste Tarnung. Ihre Ausrüstung wäre sowieso aufgefallen. Und eigentlich wollten sie ihre Ausrüstung erst einmal nur testen. Aber am Abend, bei klarem Wetter und leichtem Wind, sagte Klünder plötzlich: "Jetzt stimmt alles. Morgen hauen wir ab."

Kein Abschied von der Familie, die nichts wissen durfte, kein vollgepackter Möbelwagen oder wenigstens eine Reisetasche. Klünder hatte nur seinen Personalausweis, seinen Führerschein, 5000 Ost-Mark und Seil, Werkzeug und Ersatzfinne dabei, um das Brett im Notfall auf dem Wasser reparieren zu können. Seine Familie muss seine Pläne trotzdem erahnt haben, lange schon hatte Klünder sich immer mehr isoliert, nur an die Flucht gedacht. Es war an der Zeit, nun auch wirklich zu gehen.

Plötzlich allein

Die Nacht ist nicht mehr tiefschwarz, als die jungen Männer am 25. November 1986 um 5 Uhr aus dem Schlaf hochschrecken. Beinahe hätten sie den besten Zeitpunkt verschlafen, bald ist es zu hell. Mit fahrigen Griffen riggen sie ihre Bretter auf und stürzen sich in den Wind. 30 Minuten später landen sie auf Hiddensee. Das Naturschutzgebiet Gellen ist scharf bewachtes Grenzgebiet, das Surfen auf der Seeseite der Insel streng verboten.

Tageslicht schimmert als schmaler Streifen am Horizont, Helligkeit ist jetzt ihr Feind. 400 Meter Dünen und Sand trennen sie vom offenen Meer. Die Brandung der Ostsee wirft sich dröhnend auf den Strand. Dort müssen sie hinein, jederzeit könnten Soldaten sie entdecken. Zum Nachdenken, zum Angsthaben ist keine Zeit. Klünder wirft sich mit seinem Brett in die Brandung, Deckert direkt hinter ihm.

Der Wind weht am Morgen in Küstennähe noch schwach, aber Klünder hat Erfahrung, sein Brett nimmt sofort Fahrt auf. Dann flammt ein Lichtstrahl am Ufer auf, huscht über das Wasser. Panik packt Klünder - das kann nur eine Grenzpatrouille sein. Er lässt sich ins Wasser fallen, klammert sich an sein Brett, duckt sich zwischen den Wellen und lässt sich treiben. Das Licht erlischt, die Küstenlinie verblasst, entdeckt hat ihn niemand. Aber wo ist Dirk?

Angst vor der tosenden See

Der Wind frischt immer mehr auf, je weiter Klünder sich von der Küste entfernt. Zwischen eiskalten Wellen richtet er das Segel wieder auf und gleitet Richtung Nordwesten. Sollten sie getrennt werden, würde jeder versuchen, allein in den Westen zu kommen - das hatten die Freunde vor der Flucht noch beschlossen. Immer wieder wirft Klünder einen Blick über die Schulter, immer wieder in der Hoffnung, seinen Freund doch noch irgendwo im Dämmerlicht zu entdecken. Da ist keiner.

Auf der offenen See dann bemerkt er es: Was er für einen Suchscheinwerfer gehalten hatte, war das Sektorenfeuer des Leuchtturms Gellen im Süden von Hiddensee.

Kälte und Angst ringen mit der Sorge um den Freund und der Erkenntnis: Wenn Dirk Deckert wirklich gefasst wurde, dann wissen sie auch von Klünders Flucht, dann suchen sie schon nach ihm. Zwei Meter hoch brausen die Wellen, der Horizont hat die Küste verschluckt. Klünder ist allein mit der Angst, der Einsamkeit und der tosenden See. Immer wieder stürzt das Brett in Wellentäler, immer öfter stürzt Klünder dabei in die eiskalte Ostsee. Falls die Kälte seine Kräfte aufzehrt, er sich irgendwann nicht mehr auf sein Brett ziehen kann, wird er ertrinken. Ein Ende mit 30 Jahren.

Ein Streifen am Horizont

Die Ostsee scheint endlos. Was Klünder für Land hält, sind Wolkenfetzen und Wellen. Dann verschwindet ein Streifen am Horizont doch nicht. Er wird größer und dunkler: Dänemark.

Nach vier Stunden und 18 Minuten auf der Ostsee knirscht Sand unter dem Surfbrett, Klünder landet auf Møn - und bricht in schallendes Lachen aus. Direkt vor ihm ragt ein Schild aus der Düne, darauf ein stilisierter Windsurfer, rot durchgestrichen: Surfen verboten. Für einen Moment fallen die Kälte, die Anspannung und die Sorge um den Freund von ihm ab.

Kaum eine Stunde später sitzt Klünder mit einem heißen Kaffee bei Hafenmeister Erik Jensen, der schon viele DDR-Flüchtlinge versorgt hat. Da fliegen schon Seenot-Hubschrauber über die Ostsee, dänische Boote halten auf dem Wasser nach Deckert Ausschau - und finden ihn nicht.

Ein zweiter Versuch

Zwei Tage später im Bundesaufnahmelager für Aussiedler und Flüchtlinge in Gießen: Von Dänemark über Fehmarn war Klünder vom Bundesgrenzschutz ins Aufnahmelager geschickt worden, der Beginn seines neuen Lebens im Westen. Beim Frühstückfassen im Speisesaal tritt Deckert plötzlich durch die Tür, ausgeruht, ausgeschlafen, hungrig. Einen Moment später liegen sich die Freunde in den Armen.

Direkt nach dem Start auf Hiddensee war Deckerts Neoprenanzug gerissen. Die Fahrt ohne Anzug wäre Selbstmord gewesen. Aber ein Zurück gab es nicht. Deckert reparierte seinen Anzug und wagte die Flucht 24 Stunden später noch einmal. Am 26. November 1986 wurde er 30 Kilometer vor der dänischen Küste aus dem Wasser gefischt.

Klünder lebt heute nicht weit von seinem Freund in Süddeutschland. Die Freiheit im Westen genießt er seit 28 Jahren, segelt, fährt Kajak. Dass er sein Leben für diese Freiheit aufs Spiel gesetzt hat, könnten viele nicht verstehen, sagt der 58-Jährige heute. Doch er habe die Flucht nie bereut: "Ich bin hier auf diesem Planeten geboren worden, und ich will ihn sehen, so bin ich halt."

Karsten Klünder und Dirk Deckert sind die Einzigen, die auf Surfbrettern aus der DDR fliehen konnten. Über 5000 DDR-Bürger versuchten schwimmend, tauchend oder auf Booten dem Regime zu entkommen. Nur jeder Zehnte erreichte sein Ziel. Viele wurden verhaftet, 189 versanken im Meer.



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insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
Frank Schmidtke, 20.10.2014
1. Offene Fragen
Mich hätte jetzt mal interessiert, was aus der Familie geworden ist. Die wussten zwar nichts von der Flucht, mussten aber sicher dafür leiden. Die Stasi war da ja wohl ziemlich gnadenlos. Was ist aus den Angehörigen nach dem Mauerfall geworden? Haben sie ihm verziehen?
Uwe Anton, 20.10.2014
2. irgendwie paßt hier was nicht zusammen
- Menschen wie Klünder, der nicht in der Partei war, mussten auf einen einfachen Trabi bis zu 20 Jahre warten. - Klünder ist allein mit der Angst ... Ein Ende mit 30 Jahren. - Am 24. November 1986 fuhren Deckert und Klünder mit ihren selbst gebastelten Brettern in Klünders weißem Trabi ... Der hat also seinen Trabi mit 10 oder weniger Jahren bestellt?
Matthias Gurgel, 20.10.2014
3. @ Uwe Anton
Doch, das kann durchaus zusammenpassen. Es gab solche Fälle (Autobestellung mit 10 Jahren). Jedoch steht nirgendwo im Artikel, daß es sich um einen Neuwagen handelt. Gebrauchtwagen gab es aber auch im Osten.
Tobias Hübscher, 20.10.2014
4. @Uwe Anton
Schon mal was von Gebrauchtwagen gehört? Die könnte man nämlich auch ohne Wartezeit kaufen, allerdings am besten mit ein wenig DM zusätzlich zu einem Preis, der den Neuwert des Wagens teilweise deutlich überstieg, auch wenn der schon einige Jahre alt war...
Enrico Jankowski, 20.10.2014
5. @ Uwe Anton
Es war durchaus üblich dass die Anmeldung für eine Trabbibestellung von den Eltern kurz nach Geburt abgegeben wurde. MfG
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