DDR-Flucht eines 15-Jährigen "Was haben Se denn im Kofferraum?"

Als seine Mutter aus Ost-Berlin in den Westen flieht, ist Norbert Calmez noch ein Kind. Er soll ihr folgen, 1978 klettert er ins Fluchtauto. Es beginnt das größte Abenteuer seines Lebens.

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Von Barbara Halstenberg


Die Klappe schlägt zu, um ihn herum wird es schwarz. Eingezwängt im Kofferraum hört er das monotone Motorbrummen, das Pochen seines Herzens, er verliert das Zeitgefühl. Der VW 1600 TL hält - der Grenzübergang. Norbert hört Stimmen. Und dann den Satz, an den er sich noch heute genau erinnert: "Was haben Se denn im Kofferraum?"

Zwei Jahre zuvor, 1976, hatte ihn seine Mutter vor eine folgenreiche Entscheidung gestellt. Der peruanische Botschafter, bei dem sie als Sekretärin in Ost-Berlin arbeitete, könne sie nach West-Berlin bringen. Sie wisse nicht wann, aber dann wäre sie plötzlich weg. Natürlich würde sie alles versuchen, um ihn nachzuholen. Und sie ginge nur, wenn er bereit wäre, ihr in den Westen zu folgen.

Norbert Calmez, erst 13 Jahre alt, überlegt tagelang. Eigentlich ist er von der Idee des Kommunismus überzeugt. Doch all die Verbote und die Gespräche mit Botschaftsangehörigen vieler Länder lassen ihn am System der DDR zweifeln. "Und der Westen war ja so ein verbotenes Ding, in dem Alter war das spannend, ein Abenteuer!", erzählt der heute 53-Jährige.

Also sagt er: "Ja, Mama, mach's, ich werd's versuchen!" Seine Mutter verschwindet im April 1977, drei Tage vor Norberts Jugendweihe. Ohne sie sitzt die Familie im gemieteten Saal. Norbert ist trotzdem nach Feiern zumute: Stolz hört er lauten Rock'n'Roll aus seinem neuen Rekorder der DDR-Marke Stern. Tags zuvor hat er den Großeltern geholfen, wertvolles Geschirr und Antiquitäten aus der Wohnung zu schaffen und durch Industrieware zu ersetzen. Denn Wohnungen von Republikflüchtigen werden üblicherweise beschlagnahmt.

Sieben Fluchtanläufe scheitern

Norbert zieht zunächst zur neuen Familie seines Vaters und genießt es, nun eine jüngere Schwester auf dem Schulhof beschützen zu können. Mit der Mutter kommuniziert er über Telefon und Briefe, manchmal verabreden die beiden sich zum Ost-West-Winken - dazu klettert sie auf einen Besucherturm im Wedding.

Norbert Calmez mit 14
Privat

Norbert Calmez mit 14

Immer wieder bringen Kuriere ihm Geschenke oder Botschaften zur geplanten Flucht. Sieben Anläufe - sie scheitern alle. Mal wartet Norbert am verabredeten Ort, und niemand kommt. Mal schafft er es selbst nicht, weil der Vater auf das gemeinsame Familienessen besteht. Ihn hat die Mutter über den Fluchtplan informiert, aber das weiß Norbert nicht und verschweigt die Geheimtreffen. Insgesamt wird die Flucht seine Mutter 23.000 DM kosten, dafür hat sie in West-Berlin einen Kredit aufgenommen.

Das Warten vertreibt Norbert sich damit, Lehrer mit den Schwächen des Systems zu konfrontieren. Später wird seine Russischlehrerin bei einem Klassentreffen nach der Wiedervereinigung sagen: "Sie galten damals als Problemfall." Etwa wegen des Aufnähers mit der US-Flagge, ein Geschenk der Mutter aus dem Westen. Der Physiklehrer wirft Norbert vor, damit den Imperialismus zu unterstützen. Norbert erinnert sich: "Mir hat es Spaß gemacht, Leute bewusst ein bisschen zu provozieren. Das hat mich auch als Mensch geformt."

Einmal soll der Jugendliche mit einem 30-Jährigen im Kofferraum eines großen Diplomatenautos flüchten. Zur vereinbarten Zeit treffen sie sich vor dem Friedrichstadtpalast. Als ein Polizist sich nähert, will Norberts Begleiter panisch wegrennen. Aber der 14-Jährige geht direkt auf den Polizisten zu und fragt nach dem Ende der Vorstellung im Friedrichstadtpalast. In Gefahren so tun, als hätte man nichts zu verbergen, das hat Norbert gelernt in der DDR. Das Fluchtauto finden sie an diesem Abend nicht.

Erkennungszeichen: Smokie-Album

Am Morgen des 8. April 1978 trifft sich Norbert mit einem Kurier an der Weltzeituhr am Alexanderplatz. Erkennungszeichen: eine Schallplatte unterm Arm - von der Band Smokie. Beim Bier in der Kneipe gegenüber will der Kurier, ein Jugoslawe, den Jungen "auschecken". Offenkundig traut er dem inzwischen 15-Jährigen die Flucht zu, sie verabreden sich für 19 Uhr an der Bushaltestelle im Dorf Bredow an der Transitstrecke Richtung Hamburg. Im Kofferraum soll die Flucht gelingen.

Ab 1972 ermöglichte es der Transitvertrag mit der DDR Bundesbürgern, über drei Strecken von und nach West-Berlin zu fahren, ohne das Auto verlassen und ohne ihr Gepäck durchsuchen lassen zu müssen. Norbert will mit seinem Moped, einer neuen Simson S50, zum Treffpunkt. Angst hat er nicht, obwohl auch minderjährigen Republikflüchtlingen Haft droht, und manche überleben die Flucht nicht. Aber Norberts Tatendrang überwiegt.

Er packt eine Jeans, eine Jacke und die kleine Kiste mit Liebesbriefen in den Rucksack, doch vor dem Haus wartet die Stasi, leicht zu erkennen: "Vier Leute im Lada mit Fresskorb, und die bewegen sich nicht." Mit der Simson hängt Norbert den Lada durch Schleichwege über Spielplätze ab, erreicht über Pankow den Berliner Ring. Und merkt, dass er sich verfahren hat. Schnell will er auf der Autobahn wenden, da entdeckt ihn ein Polizeiwagen. Wieder behält Norbert die Nerven: Er zahlt zehn Mark Strafe und fragt nach dem richtigen Weg - "so konnte der Polizist gar nicht misstrauisch werden, sondern hat mir super den Weg erklärt".

Schon beim Stasi-Verhör, kurz nach der Flucht seiner Mutter, hatte Norbert sich nicht einschüchtern lassen. Zwei Männer holten ihn aus dem Unterricht ins Polizeipräsidium Keibelstraße. In einem kleinen, schallgedämpften Raum mit Tisch, zwei Stühlen, Schreibmaschine, einer Lampe stellte ein großer Mann Norbert Fragen, ruhig und freundlich. Bis er aufsprang, sich weit über den Tisch beugte und brüllte: "Sie können mir doch nicht erzählen, dass Sie von den Vorbereitungen Ihrer Mutter nichts mitbekommen haben!"

Der Junge konterte: "Wenn Sie denken, dass meine Mutter Vorbereitungen getroffen hat, dann hat sie das bestimmt in ihrem Schlafzimmer gemacht, und da hatte ich nichts zu suchen!" Perplex tippte der Stasi-Mann etwas mit der Schreibmaschine, das Verhör war zu Ende. "Man musste einfach cool bleiben", sagt Norbert Calmez. "Um Ausreden war ich nie verlegen. Ich konnte lügen, ohne rot zu werden."

Und dann ist der Weg frei

Kurz vor Bredow steigt Norbert vom Moped und schiebt es im Dorf in einen Hinterhof. Eine ältere Frau schaut aus dem Fenster. "Ich so zu ihr: 'Gucken Se mal, das Moped is kaputt, ich stell's hier ab und hol's in den nächsten zwei, drei Tagen wieder ab - schön aufpassen!' Und sie so: 'Ja, mach ich!'"

An der Bushaltestelle erkennt er den dunkelroten VW, hält wie verabredet den Daumen raus, steigt ein. Als es dunkel wird, zwingt auf der Straße eine Gestalt mit rot blinkendem Licht das Auto zum Halten. Norbert bleibt das Herz stehen. Soll die Flucht hier schon enden? Doch es ist nur ein russischer Soldat, der auf seine Kolonne wartet und nach Zigaretten fragt.

Als niemand mehr zu sehen ist, lässt der Fluchthelfer Norbert in den Kofferraum klettern. Rumms, die Klappe fällt ins Schloss, um Norbert wird es dunkel. Und dann diese Frage: "Was haben Se denn im Kofferraum?" Sein Fluchthelfer sagt: "Wollen Sie gucken?" Wie versteinert liegt der Junge im Versteck und hört den erlösenden Satz: "Nee, nee, is schon gut!" Der Weg ist frei, bald darauf hat Norbert es geschafft - er ist im Westen!

"Wir beide haben erst mal eine Flasche Branntwein leer gemacht, ich war irgendwann ziemlich betrunken", erzählt Norbert Camez heute, 38 Jahre später. Inzwischen lebt er in Berlin-Neukölln als Tischler und erinnert sich noch genau an die hell erleuchteten Dörfer und die Leuchtreklame, die ihm zeigen, dass er wirklich angekommen ist. Einige Tage später stand in DDR-Medien, Norbert sei entführt worden. Jugendliche, die allein die Flucht wagten, gab es nur sehr wenige.

Kulturschock Reeperbahn

Letzte Fluchtetappe: Der Helfer fährt mit Norbert nach Hamburg, direkt auf die Reeperbahn. Für den Jugendlichen ein Kulturschock. "Fragt mich ein Animateur: 'Hier bumsen sie live auf der Bühne, haste das schon mal gesehn? Ich so: Nee! Er: Los, komm rein!' und will mich reinzerren." In einer Bar wundert Norbert sich über die barbusige Kellnerin mit Lederrock und Peitsche, und über die fünf Mark für ein Bier. In der Nacht landet er beim Chef des Fluchthelfers in einer Hamburger Villengegend, telefoniert kurz mit seiner Mutter, schläft völlig erschöpft im Gästezimmer ein.

Vom ersten Morgen im Westen hat Norbert vor allem die komischen Brötchen in Erinnerung: "Innen wie Watte, außen die Kruste so scharf gebacken, dass die im Zahnfleisch hängen blieb." Dann fliegt der Junge mit einer Pan-Am-Maschine nach West-Berlin und fällt seiner Mutter nach einem Jahr und vier Tagen in die Arme. Norberts Leben im Westen beginnt.

Noch ein halbes Jahr danach ist sein Körper mit den Auswirkungen der Flucht beschäftigt. Der Jugendliche bekommt Haarausfall. In der Schule in Schöneberg stützt er den Kopf auf die Hände, Haare rieseln auf den Tisch. Mit 15 Jahren bilden sich Geheimratsecken. Die sind auch heute, mit Anfang 50, noch zu sehen. Seitdem hat er keine Haare mehr verloren.

Ganz spurlos ist das große Abenteuer seines Lebens nicht an Norbert Calmez vorbeigegangen. Aber bereut hat er es nie.

insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
Franz Sicking, 03.10.2016
1. Das war...
... mal eine schöne Geschichte und spannend erzählt.
Angelo Vallone, 03.10.2016
2. Gegen das Vergessen
Eine schöne Geschichte, die wieder in Erinnerung ruft, was für ein Unrechtsstaat die DDR war!
Martin Ziegler, 03.10.2016
3. Flüchtlinge
Wie Norbert hatten damals ja zahlreiche DDR-Bürger versucht, in den Westen zu fliehen und das enorme Risiko einer Haftstrafe (Bautzen) auf sich genommen: aus "Unzufriedenheit mit den ökonomischen und politischen Verhältnissen". Welcher Leidensdruck muss dann erst hinter all denjenigen Flüchtlingen stehen, die aktuell vor dem Bürgerkrieg (!) in Syrien, Iran, Irak, Afghanistan und aus Erirea hierher fliehen und dabei das Risiko des Todes (!) auf sich nehmen.
Johannes Raabe, 03.10.2016
4.
Eine unglaubliche Leistung für einen solch jungen Menschen, aber es wäre auch schön zu wissen, was er im Westen gewonnen hat, außer die hochgelobte Freiheit der Leistungsgesellschaft. Denn das, was er in der DDR hatte, war nicht wenig, Familie, Freundinnen, Rockmusik, eine S50, eine gute Schule, in der er sogar provozieren durfte. Das ist ein zweischneidiges Schwert.
Richard Jas, 03.10.2016
5. @3 auch DDRler riskierten den Tod
Oder ist an Ihnen vorbei gegangen daß eine Menge DDR Bürger den Versuch das Land zu verlassen mit dem Leben bezahlt haben.Seltsame Sicht der Geschichte.
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