Fotograf Daniel Biskup Deutsche auf der Flucht

Heute stammen die Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan, Eritrea - einst kamen sie aus der DDR. Für ein besseres Leben setzten auch sie alles aufs Spiel. Fotograf Daniel Biskup begleitete die Menschen 1989 in die Freiheit. Jetzt fährt er erneut los.

Daniel Biskup/Salz und Silber

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Zur Person
  • Fabian Matzerath
    Daniel Biskup, Jahrgang 1962, ist gelernter Postbote und einer der wichtigsten zeitgenössischen Fotojournalisten. Während der Wende 1989/1990 erlebte der Autodidakt seinen Durchbruch als Fotograf. Biskup, der Prominente aus aller Welt abgelichtet hat, lebt mit seiner Familie in Augsburg und Berlin.

Skeptisch blickt er in die Kamera, der muskulöse Mann mit dem Schnurrbart. Skeptisch und erschöpft. "Wie lange noch, wie weit? Lohnen sich die Strapazen, die ich auf mich nehme?", scheint er sich zu fragen. Der Mann schiebt ein Rennrad, an dem zwei Satteltaschen hängen. Er trägt einen kleinen Rucksack auf dem Rücken, auf dem Gepäckträger klemmt ein Beutel: Mehr hat er nicht dabei, der junge DDR-Bürger - auf seiner Flucht in den Westen.

600 Kilometer ist er bereits gestrampelt, hat die gesamte ehemalige Tschechoslowakei durchquert, bis er schließlich in Budapest eingetroffen ist: Hort der Hoffnung für Tausende DDR-Bürger. In Scharen verließen die Menschen seit dem Sommer 1989 ihre Heimat, um über Ungarn und Österreich in die Bundesrepublik zu fliehen. Ihnen entgegen eilte ein damals 26-Jähriger, ihnen unbekannter Fotograf aus Augsburg. Sein Name: Daniel Biskup.

Mit seinem jetzt erschienenen Bildband "Budapest - Berlin: Mein Weg zur Einheit" (Salz und Silber 2015) dokumentiert der mittlerweile gefeierte Starfotograf jene Ereignisse rund um die Wiedervereinigung, die mit der Flucht der DDR-Bürger einsetzten: Frauen, Männer und Kinder, die meist kaum Gepäck, dafür aber jede Menge Mut hatten, als sie die Grenze in Richtung Freiheit überwanden.

Überglücklich, verliebt, erledigt

Als Biskup die gen Westen strebenden Menschen fotografierte, waren sie erschöpft wie der Radler oder überglücklich wie jene blonde Frau, die in Budapest ihren neuen BRD-Pass in die Kamera hält. Verliebt wie das von Kopf bis Fuß in stonewashed Jeans gewandete Pärchen, das der Fotograf am 11. September 1989 auf einem Parkplatz an der A3 traf. Oder schlichtweg erledigt wie das Vierergrüppchen, das Biskup am gleichen Tag auf dem Pannenstreifen kurz vor Passau-Süd entdeckte.

Die Bilder der DDR-Bürger, die vor 25 Jahren in Richtung BRD aufbrachen - sie erinnern stark an die aktuellen Fotos der Menschen, die aus den Kriegs- und Krisengebieten der Welt flüchten, um sich in Europa eine neue Existenz aufzubauen. "Die Leute verlassen ihre Heimat und machen sich auf den Weg in eine ungewisse Zukunft. Sie setzen alles aufs Spiel, gehen ein enormes Risiko ein. Das war damals genauso wie heute", sagt Biskup.

Der Bildband des Fotografen umfasst 250 Aufnahmen aus der Zeit zwischen August 1989 und Oktober 1990. "Mein Weg in die Freiheit" lautet der Titel - weil die Wende für Biskup weit mehr war als nur ein epochaler Umbruch. "Ich bin den gesamten Weg der Menschen mitgegangen, die Zeit hat mich enorm geprägt", sagt der 52-Jährige.

1000 Filme in 14 Monaten verschossen

Als Ungarn im September 1989 die Grenze zum Westen öffnete, ließ Biskup alles stehen und liegen, setzte sich in seinen roten Mercedes Kombi und brauste los. Rund 100.000 Kilometer verfuhr er in jenen 14 Wendemonaten, 1000 Filme verschoss Biskup, wie besessen davon, die friedliche Revolution zu dokumentieren - ob nun jemand seine Fotos kaufte oder nicht.

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Seine Affinität zum Thema resultierte nicht nur aus dem privaten Interesse des einstigen Geschichts- und Politikstudenten. Sie ist auch in der Biografie Biskups verwurzelt: Die Mutter aus Danzig, der Vater aus Schlesien, reiste der 1962 in Bonn geborene Fotograf schon als Kind häufig in den Ostblock.

Bereits mit 16 fing er mit seiner Kamera die Welt jenseits des Eisernen Vorhangs ein: Der Teenager stellte sich in West-Berlin an die Grenze und knipste an der Bernauer Straße Richtung Osten, über die Mauer hinweg. Zehn Jahre später war Biskup erneut zur Stelle - und dokumentierte, so EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker im Vorwort zum Bildband, "den Triumph der europäischen Bürger über Wirklichkeiten, die als unüberwindbar galten".

Dass Biskup sein Bilderpanoptikum der Wende mit den Fotos der DDR-Flüchtlinge beginnt, die er einst in Budapest und Passau, am Grenzübergang Suben und im Flüchtlingslager Vilshofen traf, ist Kalkül: "Die Menschen sollen die Parallele erkennen. Viele, die heute 'nein' zu den Flüchtlingen aus Syrien, Irak oder Afghanistan sagen, waren gestern selbst betroffen."

"Entweder man ist dabei - oder man sitzt vorm Fernseher"

Da der zweifache Vater immer dann losfährt, wenn Grenzen bröseln, Menschen sich in Bewegung setzen, Umbrüche sichtbar werden, hält er es zurzeit nicht lange in der Heimat aus. Gerade ist er von einer Balkan-Tour zurückgekehrt: 2700 Kilometer in vier Tagen ist er gefahren, hat den Alltag der Flüchtlinge in den Grenzgebieten Kroatiens, Sloweniens, Ungarns und Österreichs dokumentiert.

Als Fotograf könne man nichts verändern, nur aufmerksam machen auf das, was passiert, sagt er. Was er mit den aktuellen Flüchtlingsbildern erreichen will? "Schaut, was Menschen auf sich nehmen, um wenigstens einen Teil ihres Lebens in Frieden, Freiheit und Wohlstand zu leben. Kein Zaun der Welt wird sie davon abhalten."

In Kürze zieht Daniel Biskup erneut los, Lesbos heißt sein nächstes Ziel. Er kann nicht anders. "Das ist einfach Geschichte", sagt er. "Entweder man ist dabei - oder man sitzt vorm Fernseher." Und vor der Mattscheibe hält es Biskup nicht aus.

Die Fotografien von Daniel Biskup werden gezeigt im Rahmen folgender Ausstellungen:

2. Oktober bis 29. November 2015 im Museum The Kennedys in Berlin
4. Oktober bis 29. November 2015 im Schaezlerpalais in Augsburg

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insgesamt 21 Beiträge
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Rudolf Müller, 02.10.2015
1. Der Vergleich
der Ostdeutschen mit den heutigen Flüchtlingen ist eine mediale Geschmacklosigkeit ersten Ranges. Deutsche können nicht nach Deutschland flüchten, zumindest nicht nach der Wiedervereinigung. Im Westen gab es genug Arbeit, der deutschen Sprache waren sie auch mächtig und warum sollte ich nicht dorthin ziehen, wo es Arbeit gibt. Wenn ein Norddeutscher nach Bayern zieht, weil er hier Arbeit findet, bezeichnet man ihn auch nicht als Flüchtling. Nebenbei erwähnt mussten sie für ihren Lebensunterhalt auch selbst bezahlen, Moscheen haben sie auch nicht benötigt.
Berger Thomas, 02.10.2015
2. Die Flüchtlinge aus der DDR waren eigene Leute !
Ich bin weit gereist und wünsche unserer Kanzlerin & Co. beste Wünsche bei der Intregration ferner Kulturen (falls sie sich überhaupt in solchen Mengen integrieren lassen).
Eckehard Freche, 02.10.2015
3. Sind Italiener aus Neapel in Mailand Fluechtlinge?
Oder Briten aus Sheffield in London? Vielleicht ja US-Amerikaner aus Mississippi in New York? Vermutlich nein! Deutsche aus Dresden in Stuttgart aber schon! Wenn ich mich recht erinnere, wurde die Partei, der die Teilung Deutschlands letztlich zu verdanken war, in Muenchen gegruendet.
Uwe Reutter, 02.10.2015
4.
Die Flüchtlinge waren vor der Zusammenlegung der beiden deutschen Staaten natürlich Flüchtlinge aus eine ausländischen Staat gewesen. Die DDR hatte eine eigene Regierung und Verfassung, es gab unterschiedliche Pässe, unterschiedliche Hymnen, Armeen (sogar verfeindete). Für alle nach 45 Geborenen hat es nie ein gemeinsames Deutschland gegeben. man kannte sich besser in Italien oder Spanien aus und diese Länder waren einem irgendwie auch kulturell näher als die DDR. Alles andere war Wunschdenken insbesondere Wunschdenken der bevölkerung der DDR.
Marc Wagner, 02.10.2015
5.
Mit der Binnenflucht Deutscher innerhalb Deutschlands macht Ihr uns Flüchtlinge aus Nahost und Afrika nicht schmackhaft, liebe Journaille.
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