DDR-Flüchtlingsschicksal Ein Leben als dreifache Randgruppe

DDR-Flüchtlingsschicksal: Ein Leben als dreifache Randgruppe Fotos
Jan Rothstein

Schwul, schwarz, Stones-Fan - und Bürger der DDR. Andreas Göbel fiel auf in seiner Heimat Sachsen. Doch als er sich 1982 weigerte, Freunde zu bespitzeln, geriet er ins Visier der Stasi. Auf einestages erzählt er von einer misslungenen Flucht, Haft - und wie ein Kiosk zu seiner Rettungsinsel wurde. Von

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Düster und stickig ist es, aber auch gemütlich. Im Hinterzimmer seines Kiosks in Köln, den er liebevoll "mein Büdchen" nennt, hat sich Andreas Göbel ein Refugium eingerichtet. Die Wand ist mit Fotos, Zeitungsartikeln, Eintrittskarten und anderen Erinnerungsstücken beklebt. Sie erzählen Geschichten aus seinem rastlosen Leben. Dazwischen blitzt immer wieder ein Symbol hervor: Eine rote Zunge, das Markenzeichen der Rolling Stones.

Andreas Göbel ist es gewohnt, aufzufallen. Er wuchs als Schwarzer im sächsischen Kamenz in der DDR auf und fühlte sich zeitlebens als "bunter Vogel". Hinter der Mauer, vermutete Göbel damals, würde er vielleicht weniger auffallen, wäre mehr unter seinesgleichen - freiheitsliebenden und freien Menschen. Die Berliner Mauer spielt eine kuriose Rolle in seinem Leben: Göbel wurde 1961, im Jahr des Mauerbaus, geboren - am 9. November, dem Datum, an dem die Mauer 28 Jahre später wieder fiel. Doch zuvor sollte diese Grenze ihn noch in gewaltige Schwierigkeiten bringen.

"Klar wurden mir auch Schläge angedroht"

Göbels Eltern kannten sich kaum. Sein leiblicher Vater war als afrikanischer Austauschstudent in der DDR gewesen. Auf einer Tanzveranstaltung hatte er Andreas Göbels Mutter kennengelernt. Wenig später war sie schwanger, doch Andreas' Vater kehrte zurück in seine Heimat. Göbel wuchs ohne seinen biologischen Vater auf.

Heute ist Andreas Göbel, dem der DDR-Puppentrickfilm "Der Neger Nobi" von 1963 den Spitznamen Nobi einbrachte, 50. Doch seinen jugendlichen Charme hat er behalten. "Andreas ist eine Schmeichelkatze", schrieb seine Klassenlehrerin im Zeugnis des ersten Schuljahres. Und, wenig schmeichelhaft: "Er möchte stets die Sympathien der Erwachsenen und Kinder gewinnen und versucht, durch Kaspereien im Mittelpunkt zu stehen."


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Schon in seiner Jugend wurde Göbel bewusst, dass er sich zu Männern hingezogen fühlt. Er sammelte erste Erfahrungen. "Man wusste es, aber keiner hat drüber gesprochen", erinnert er sich. Diskriminierungen wegen seiner Hautfarbe hingegen habe er nicht erlebt. In der Kinderkrippe wurde Göbel zwar oft "Schokojunge" genannt. Das empfand er jedoch als freundschaftliche Neckerei. "Klar wurden mir auch mal Schläge angedroht", räumt er mit Blick auf Raufereien unter Jugendlichen ein. "Aber das hatte weniger mit meiner Hautfarbe zu tun."

"Ein labiler und negativer Jugendlicher"

Bald wurde Göbel Mitglied einer Rolling-Stones-Clique, die ihre DDR-kritische Haltung durch West-Musik und West-Kleidung zeigte. Ihr wichtigstes Erkennungszeichen war das Rolling-Stones-Zungensymbol, das für Göbel eine ganz eigene Bedeutung hatte: "Die rote Zunge steht für das Schreien. Für alles, was man in der DDR nicht sagen durfte." Anfangs, so erinnert sich Göbel, sei das nur stiller Protest gewesen. Aber etwa mit 17 fasste er den Entschluss, früher oder später in den Westen zu gehen. Und während er Freunde fand, die seine Träume vom Reisen und freier Meinungsäußerung teilten, wuchs die Zahl seiner Feinde. Auch wenn er davon zunächst noch gar nichts merkte.

Göbels Fluchtpläne durften nicht an die Öffentlichkeit gelangen. Doch allein durch ein paar Ruhestörungen unter Alkoholeinfluss und Pöbeleien auf Feiern war er bald im Visier des Ministeriums für Staatssicherheit. "Bei dem G. handelt es sich um einen labilen und negativen Jugendlichen", heißt es in einer Stasi-Akte von 1982 über ihn. Er gehöre einer Gruppe an, die bei Veranstaltungen "wiederholt negativ in Erscheinung getreten" sei. Die Stasi gab zu Protokoll, "daß der G. selbst sowie sein Freundeskreis stark den Einflüßen westlicher Massenmedien unterliegen und die PID sich deutlich bei ihnen auswirkt". Unter PID (politisch-ideologische Diversion) verstand die Stasi die aus ihrer Sicht negativen Einflüsse des Westens auf die DDR-Bevölkerung.

Die Schlinge des Überwachungsapparats zog sich schnell zu: Mit 21 Jahren stand Göbel voll im Fokus der Stasi. Sie wollte ihn als Informanten. Die Kontaktaufnahme war genauestens vorbereitet. Sogar einen Decknamen für Göbel gab es schon: "Klaus Groß". Göbel sollte helfen, seine Clique "unschädlich zu machen" und seine Auftraggeber über das "ungesetzliche Verlassen der DDR" sowie über den "staatsfeindlichen Menschenhandel", also Fluchthilfen, informieren.

Ein anderes Wort für Knast

Am 7. Juni 1982, einem ganz normalen Montag, passierte es: Göbel, damals als Maurer tätig, wurde an seiner Arbeitsstelle von der Stasi abgeholt und in ein "konspiratives Zimmer" gebracht - einen Geheimraum: "Ich hatte keine Zeit, mich auf das Gespräch vorzubereiten, ich hatte noch meine Arbeitskleidung an!" Schnell wurde dem jungen Mann die Strategie der Stasi klar: Sollte er die Zusammenarbeit ablehnen, wäre er vogelfrei - und könnte jederzeit im Gefängnis landen.

"Die haben mich ausgequetscht bis auf den letzten Tropfen", sagt Göbel. Ein Stasi-Mitarbeiter setzte ihn massiv unter Druck, seine Freunde zu bespitzeln. Göbel erinnert sich an die Schärfe im Ton des Beamten: "Du unterschreibst hier, anderenfalls gibt es zwei Jahre Haft". Dann ließ er Göbel allein im Raum zurück, vor ihm auf dem Tisch nur ein Formular und ein Stift.

Wie lange er davor saß und beides anstarrte, daran kann er sich nicht mehr erinnern. War es eine Stunde? Zwei? Göbels Gefühle und Gedanken rasten durcheinander. "Ich habe alles in die Waagschale geworfen. Und ja – ich hatte den Stift in der Hand." Doch er entschied sich, nicht zu unterschreiben: "Meine Freunde verpfeifen? Damit hätte ich nicht leben können". Als er dann ging und das Formular ununterschrieben zurückließ, sagte der Beamte nur: "Dann sehen wir uns in Dresden wieder." Göbel wusste, Dresden war ein anderes Wort für Knast.

Die Erinnerungen wühlen ihn auf

Von nun an stand er unter ständiger Beobachtung. "Die hatten mich auf dem Kieker. Ich stand ganz oben auf deren Liste. Wenn mich vorher vielleicht einer beobachtet hatte, dann beobachteten mich jetzt mindestens fünf." Zur gleichen Zeit schloss die Stasi die Akte des potentiellen IM-Kandidaten "Klaus Groß": Er habe zum Ausdruck gebracht, "daß er lieber eine Haftstrafe in Kauf nimmt, als mit unserem Organ zusammenzuarbeiten." Wie ferngesteuert lief Göbel nach Hause, sein Kopf war leer: "Ich wusste nicht mehr, wer ich war. Ich konnte nicht mehr denken." In den kommenden Tagen habe er sich mit Vertrauten getroffen: "Ich musste das loswerden."

Er wollte nur noch in den Westen, egal zu welchem Preis. Mit Freunden beschloss er, über Ungarn und Jugoslawien nach Österreich zu fliehen. Der Plan war schlecht durchdacht, doch für Göbel war es wichtiger, sofort zu handeln. Sollte er erwischt werden, so hoffte er zudem, vielleicht eine zweite Chance zu bekommen: "Es kursierten Gerüchte, dass es Freikäufe politischer Gefangener durch die Bundesrepublik gab".

Die Flucht scheiterte. Am 8. August 1988 wurde Göbel in Ungarn festgenommen. "Am 8.8.'88, einem Tag, an dem viele heirateten, bin ich in den Knast gekommen", stellt er nüchtern fest. Knapp ein Jahr war er in Cottbus inhaftiert. Es fällt ihm schwer, über diese Zeit zu sprechen. Die Erinnerungen wühlen ihn auf.

Von den engsten Freunden bespitzelt

Göbel hatte Glück im Unglück. Die Entspannungspolitik zwischen Ost und West spielte ihm in die Hände. Seine vage Hoffnung, von der Bundesrepublik freigekauft zu werden, erfüllte sich. Kurz vor der Öffnung der Berliner Mauer war er frei.

Nachdem er in Gießen einige Wochen in einem Notaufnahmelager für politische Gefangene aus der DDR verbracht hatte, begann Göbel in Freiburg, in einer stationären Therapie seine Vergangenheit aufzuarbeiten. "Ob Staatschef oder Arbeiter – ich kann das jedem nur empfehlen", sagt er rückblickend. "Ich hatte so viel gestaute Wut in mir. Heute habe ich den Groll auf das Regime besiegt."

All das liegt Jahre zurück. Göbel hat sich inzwischen in Köln als Kiosk-Besitzer eine bescheidene Existenz aufgebaut. Seine Homosexualität kann er nun offen ausleben. Für ihn bedeutet das Freiheit. Die Freiheit, zu sein, wie er will, zu sagen, was er will - oder auch zu singen, was er will, wie in seinem Lied "Der schwule Neger Nobi" , in dem er selbstbewusst seinen Lebensweg als "dreifache Randgruppe" beschreibt.

Erst etliche Jahre nach der Wende erfuhr er, dass ihn einige seiner engsten Freunde bespitzelt hatten. Vielen nimmt er es nicht übel: "Die waren erst 16, noch Kinder. Sie waren leichte Beute, denn sie hatten schlechte Schulnoten". 13 der Inoffiziellen Mitarbeiter, die ihn observierten, kannte er persönlich. Er schätzt, dass er insgesamt von 18 Menschen aus seinem Umfeld beobachtet wurde. "Das ist doch unfassbar! Ich war nur ein Hanswurst und hatte 18 IMs!".

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insgesamt 8 Beiträge
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1.
Andre Jortzik 23.04.2012
Nö. ich glaube das nicht. 18 IM wegen eines spätpubertierenden schwarzen Jungen? Der Mann leidet ein bissl an Selbstüberschätzung. So dicht war das Netz des SSD nicht. Der Umgang mit ihm als außerlicher Außenseiter mit homosexuellen Neigungen in der DDR war allerdings auch nicht sehr fair.
2.
Jürgen Seeholzer 23.04.2012
Jaja, "die DDR war ein Rechtstaat." (weit verbreitete Ansicht unter Ostalgikern und Kiezlinken)... und " eine kommode Diktatur" (ein allseits bekannter, deutscher Schreiberling und Antisemit). Wenn wir die DDR nicht genauso aufarbeiten wie das 3.Reich, ist die Gefahr groß, daß sich so manches eines Tages wiederholt.
3.
Volker Altmann 23.04.2012
Sehr geehrter Herr Seeholzer, sie nennen keinen Namen, aber ich vermute einmal, dass sie Herrn Grass meinen. Sollte das zutreffen, ist die Bezeichnung Schreiberling meiner Meinung nach doch etwas sehr überzogen. Und ein Antisemit ist er wohl mit Sicherheit nicht. Oder wird man das pauschal, wenn man Kritik an der israelischen Politik äußert? Selbst jüdische Kommentatoren halten das nicht unisono für gerecht. Ich empfehle hierzu diesen Artikel aus der FAZ: http://www.sueddeutsche.de/politik/alfred-grosser-ueber-kritik-an-israel-grass-hat-etwas-vernuenftiges-gesagt-1.1329287
4.
Martin Tauchnitz 23.04.2012
Soweit ich mich erinnere, war das "andere Wort" für Knast "Bautzen" und nicht Dresden... Und zu Herrn Seeholzer - wo haben wir (sprich die Bundesrepublik Deutschland) denn das Dritte Reich aufgearbeitet? Mit Bundesrichtern im SS-Rang? Leute wie Frau Klarsfeld waren (und sind) in ihrer Arbeit doch Außenseiter. Das Dritte Reich ist in Deutschland NIE aufgearbeitet worden - im Osten nicht, weil es da per Definition das konkretisierte Böse war und weil man sich nicht in der Rechtsnachfolge sah und im Westen nicht, weil viel zu viele Großkopfete bis zum Hals mit drin gesteckt haben. Von einer wirklich DIFFERENZIERTEN Aufarbeitung red ich da noch gar nicht! Und die wird es in den nächsten 100 jahren auch nicht geben - weder für das Dritte Reich, noch für die DDR.
5.
Manfred Haferburg 25.04.2012
>Nö. ich glaube das nicht. 18 IM wegen eines spätpubertierenden schwarzen Jungen? Der Mann leidet ein bissl an Selbstüberschätzung. So dicht war das Netz des SSD nicht. Der Umgang mit ihm als außerlicher Außenseiter mit homosexuellen Neigungen in der DDR war allerdings auch nicht sehr fair. Selbstüberschätzung? Sie denken, die Stasi geizte mit IM? War vielleicht alles nicht so schlimm in der "kommoden Diktatur"? Das Wort Fairness im Zusammenhang mit der Stasi zu benutzen, ist kühn. Nicht sehr fairer Umgang? Was meinen Sie denn? War der Umgang der Stasi mit dem schwulen Neger Nobi nur ein bisschen fair? Und warum müssen einige Blogger hier immer gleich auf die mangelnde Aufarbeitung der NS-Vergangenheit in der "BRD" hinweisen, wenns um die Stasi-Verbrecher geht? Fühlt sich das besser an, wenn man versucht, die Bundesrepublik genauso mies darzustellen, wie das menschenverachtende System in der DDR?
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