Foto-Amateure in der DDR "Die Frau war nackt!"

Erst wurde sein Fotozirkel mit DDR-üblichen Auszeichnungen überhäuft, dann wurde Siegfried Wittenburg als dessen Leiter entlassen. Auslöser des Eklats: eine Ausstellung, die die Amateurfotogruppe 1985 für das "Bruderland" Polen gestalten sollte.

Lothar Kosz

"Ihr habt die Goldmedaille!", rief der Pförtner des Kulturhauses in Rostock-Warnemünde freudig, als er mir den Schlüssel für den Raum 1 reichte. Dort nutzte unser Fotozirkel ein Labor und einen Gemeinschaftsraum. Damals, 1984, leitete ich seit zwei Jahren nebenberuflich eine Amateur-Fotografengruppe, deren junge Mitglieder ihre Aufnahmen in vielen Ausstellungen und bei Wettbewerben zeigten.

Der VEB Warnowwerft stellte seinen 6000 Beschäftigten und den Einwohnern des Ostseebads einen Saal, ein Restaurant und Räume für etwa dreißig "Volkskunstzirkel" zur kostenlosen Nutzung bereit. Auch in anderen Städten der DDR finanzierten "volkseigene" Großbetriebe solche Kulturhäuser, in denen sich unter anderem Chöre, Folkloregruppen und Briefmarkensammler trafen.

Im Foyer erwarteten mich der Kulturhausleiter und die künstlerische Leiterin des Hauses. "Wir beglückwünschen den Fotozirkel für die Goldmedaille der 20. Arbeiterfestspiele!" An den folgenden Tagen hagelte es Glückwunschtelegramme von der SED-Kreisleitung, vom FDGB-Bezirksvorstand und vom Stadtrat für Kultur. Ich wunderte mich nur über so viel staatliche Ehre bei meiner Meinung nach so wenig Leistung und legte Urkunde sowie Medaille achtlos in den Schrank. Medaillen, Preise und Ehrenurkunden rechtfertigten vielleicht unser Jahresbudget, das eigentliche Ziel unserer Tätigkeit waren sie nicht.

Frauen, Kleidung und Humanismus

Monatlich trafen wir uns zu Zirkelabenden, bei denen Bilder präsentiert wurden und auf denen es zu einem regen Gedankenaustausch über unseren Alltag kam. Schüler, Studenten, Arbeiter und Ingenieure saßen da zusammen, auch zwei professionelle Fotografen hatten sich unserem Kreis angeschlossen.

Eines Tages kam Lothar, von Beruf Tischler.

Zaghaft breitete er einige Porträtfotos aus, die alle Anwesenden sofort überzeugten. Wegen seines großen Engagements gehörte Lothar bereits nach kurzer Zeit zum kreativen Kern der Gruppe. Wir fanden, dass sein Talent vor allem darin bestand, die Würde anderer Menschen zu achten und fotografisch wiederzugeben.

Bald aber erreichte uns eine Beschwerde der künstlerischen Leiterin des Hauses: Der Pförtner habe Lothar am Wochenende dabei beobachtet, wie er im Kulturhaus Aufnahmen von einer jungen Frau machte.

Ich fragte, was denn dabei sei. "Die Frau war nackt!" sagte die Leiterin etwas ratlos.

Ich klärte sie auf: "Frauen sind gleichberechtigte sozialistische Persönlichkeiten und legen ihre ästhetisch-humanistische Ausstrahlung nicht mit ihrer Kleidung ab. Der Staat fördert diese Entwicklung auch im kulturellen Bereich."

Weiter erzählte ich der erstaunten Leiterin, dass es sogar eine Fotogruppe des Kulturbundes gebe, die regelmäßig mit großem Erfolg die Ausstellung "Akt und Landschaft" organisiere. Dazu würde ein ganzes Dorf tagelang von hüllenlosen Damen und bekleideten Fotografen eingenommen, die für die zigtausend Besucher der Ausstellung ansprechende Fotos machten. "Wer möchte ständig heroische Arbeiterporträts, marschierende Kampfgruppen und winkende Staatsmänner sehen?" fragte ich. Dagegen fand sie nichts einzuwenden.

Ich versprach, das Fotografieren von Aktmodellen künftig vorher anzukündigen, damit sich der Pförtner darauf einstellen könne. Lothars Modell war übrigens Schauspielstudentin. Dass sie auch die Tochter des amtierenden Stadtrats für Kultur war, erfuhr ich erst später.

Die jungen Frauen unserer Gruppe sahen sich durch Lothars Fotos in ihrer weiblichen Würde bestätigt und zollten Anerkennung. Die Arbeiten unterschieden sich deutlich von den üblichen Aktfotografien, die alle zwei Wochen auf der letzten Seite der Betriebszeitung erschienen.

Das Gespenst der Solidarnosc

Wenig später erteilte der Kulturhausleiter dem Fotozirkel den Auftrag, 1985 eine Ausstellung für die "Volksrepublik" Polen zu gestalten. Eine inhaltliche Richtlinie gab er nicht vor. Sogar Bilderrahmen, die in der DDR ansonsten kaum aufzutreiben waren, sicherte er uns zu. Wir begannen mit großem Enthusiasmus, eine für uns anspruchsvolle Ausstellung zu gestalten.

Polen war damals für die DDR ein heikles Thema. 1980 entstand dort mit Solidarnosc die erste freie Gewerkschaft im Ostblock. Nach Verhängung des Kriegsrechts wurden Ende 1981 für Reisende aus der DDR die Grenzen zum "sozialistischen Bruderland" geschlossen. Aufgrund der Goldmedaille der Arbeiterfestspiele erwartete man offensichtlich von uns, in Polen die Vorzüge des Sozialismus am Beispiel der DDR zu zeigen.

An eine systemkonforme Aussage dachten wir allerdings in keinem Moment und stellten Lothars schöne Frauenbilder in den Mittelpunkt unserer Ausstellung. Probleme erwarteten wir nicht. Denn wir waren fest davon überzeugt, im Sinne der allgemeinen Kulturpolitik der "sozialistischen Menschengemeinschaft" zu handeln. Immerhin gehörten zu unserer Gruppe auch SED-Mitglieder.

"Die nicht!"

Wenige Tage vor der Abfahrt des "Freundschaftsbusses" in Richtung Gdynia begutachtete der stellvertretende Vorsitzende der Betriebsgewerkschaftsleitung unsere gerahmten Fotos. "Die nicht!" sagte er trocken und stellte Lothars Bilder beiseite. Unsere drängenden Fragen nach dem Warum ließ er unbeantwortet.

Wir jungen Erwachsenen fühlten uns auf einmal wie unmündige Kinder. Die Willkür der Zensur schmerzte. Es gelang uns, Mitglieder des Künstlerverbands der DDR als Gutachter zu mobilisieren. Obwohl sie uns die Qualität der Exponate bescheinigten, ließ sich der Funktionär des VEB Warnowwerft nicht umstimmen.

Bevor wir zusammen mit dem Chor und der Folkloregruppe ins "sozialistische Bruderland" aufbrechen sollten, rahmten wir alle Bilder wieder aus und brachten sie in Sicherheit. Noch in der Nacht verfasste ich mit der Schreibmaschine eine umfassende Dokumentation der Begebenheit und schickte den Brief gleich morgens ab. Adressiert hatte ich ihn an den Vorsitzenden des FDGB-Bezirksvorstands, einen der Gratulanten zur Goldmedaille, in der Hoffnung, dass er ihn an die entsprechende Kulturabteilung weiterleiten würde. Dort wusste ich von einer engagierten und toleranten Mitarbeiterin.

"Wo ist die Ausstellung?"

Kaum auf der Arbeitsstelle angekommen, klingelte das Telefon. Ich hörte den Kulturhausleiter schwer atmend fragen: "Wo ist die Ausstellung?" Ich antwortete: "Die existiert nicht mehr." Damit war das Gespräch beendet und eine böse Ahnung stieg in mir auf.

Am Feierabend zu Hause fischte ich ein Telegramm aus dem Briefkasten: "+++erscheinen sofort im kulturhaus +++ der kulturhausleiter +++" Ich fuhr mit der S-Bahn nach Warnemünde und ging den Alten Strom hinauf bis zum Leuchtturm, wo auch das Kulturhaus stand. Der Pförtner betätigte wortlos den Türöffner. Ich stieg viele Treppen hinauf, an Postern von Panzern und NVA-Soldaten vorbei. Der Kulturhausleiter saß in seinem Büro an einem massigen Schreibtisch, während ich stehen blieb. "Siegfried, du hast schweren politischen Schaden angerichtet. Ab sofort bist du als Zirkelleiter entlassen. Weiterhin erteile ich dir Hausverbot." Mit weichen Knien ging ich die vier Etagen wieder hinunter.

Anmerkung: Die Bildauswahl der Fotostrecke entspricht nicht der Auswahl der Exponate, sondern gibt einen Einblick in die Arbeiten des damaligen "Foto Klub Konkret" (FKK).

Fotostrecke

23  Bilder
Foto-Amateure in der DDR: "Die Frau war nackt!"
Zum Weiterlesen:
Vortrag von Siegfried Wittenburg "Leben in der Utopie oder Der Alltag in einem verschwundenen Staat", auf der Website der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit.
Zum Autor
  • Siegfried Wittenburg ist autodidaktischer Fotograf. In seinen Aufnahmen hielt der gebürtige Rostocker den Alltag in der DDR fest. 1986 wurde er als Leiter des Jugend-Fotoklubs "Konkret" entlassen, weil er sich einer Zensuraufforderung der SED widersetzte. Seit 2014 berichtet Wittenburg in Zeitzeugengesprächen mit Schülern vom Leben in der DDR.
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insgesamt 3 Beiträge
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Joachim Lehmann, 08.07.2016
1. Alles ist relativ
Neulich wurde ein von mir verlinkter, sinnlicher Teilakt auf Facebook entfernt. Der Grund war ein unbedeckter Busen. Nur weil in der DDR vieles nicht gut war, sollte man nicht glauben, dass heute alles viel besser ist. Viele Streetfotos, die in der DDR gemacht wurden, sind heute unter Berücksichtigung des in Deutschland geltenden Bildnisrechts auch nicht möglich.
Sebastian Mazur, 08.07.2016
2. mensch, joachim
das ist doch wohl klar, daß auf einer amerikanischen seite keine weibl. brustwarzen toleriert werden können! sie hätten den akt mit brutal viel blut und andersartig darestellter gewalt verharmlosen müssen! wie kann man nur so blauäugig sein....
Uwe Möpert, 08.07.2016
3. Na na
der Artikel War vor 1/2 Jahr schon mal zu lesen.
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