DDR-Fotograf "Ich habe mich ein bisschen selbst zensiert"

Bert Brecht war scheu, die Dietrich hatte Starallüren. Vierzig Jahre lang knipste Gerhard Kiesling für die "Neue Berliner Illustrierte" Stars, aber auch Alltag und Außergewöhnliches in der DDR: zum Beispiel Plattenbauten - oder nackte Bergarbeiter. Bis heute muss er sich dafür rechtfertigen.

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Mit der Turnhose hatte er nicht gerechnet. Als Fotograf Gerhard Kiesling 1952 gut 1200 Meter tief in die Hitze eines Bergschachts bei Zwickau hinabstieg, sprang ihm sofort ein Motiv ins Auge: Ein Grubenarbeiter, bis auf seine dicken Schuhe völlig nackt, schwitzend, eine Bohrmaschine schwingend. Als er der Redaktion der "Neuen Berliner Illustrierten" ("NBI"), einer der auflagenstärksten Zeitschriften in der DDR, seine Aufnahmen präsentierte, wurde dieses Bild begeistert als "ganz toller Schuss" gelobt.

Die Ernüchterung kam am nächsten Tag: Voller Vorfreude schlug Kiesling die Zeitschrift auf und musste sehen, dass sein entblößter Bergarbeiter auf einmal eine schwarze Turnhose trug - irgendein prüder Bedenkenträger hatte sie in letzter Sekunde reinretuschiert. "Das war sehr enttäuschend", erinnert sich der heute 86-Jährige.

Das Foto mit dem nackten Kumpel sollte dem DDR-Starfotografen noch ein zweites Mal Ärger bereiten, und zwar nach dem Ende der DDR: Da präsentierte Kiesling, der mehr als vier Jahrzehnte für die "NBI" fotografierte, seine Aufnahmen auf Ausstellungen - und musste sich von einem renommierten Fotokritiker vorhalten lassen, das Motiv verherrliche den Sozialismus. "An einen sozialistischen Helden habe ich damals nicht gedacht", beteuert Kiesling heute. "Der Bergarbeiter war einfach ein tolles Motiv."

Lob als Bumerang

Wer heute mit Kiesling redet, spürt schnell eine innere Zerrissenheit - als ob es mehrere Gerhard Kieslings gäbe: Da ist der begeisterte Fotograf, für den die "Fotografie bis heute das Schönste im Leben ist", der stolz ist auf seine Bilder und all die Berühmtheiten, die er fotografieren durfte: Bertolt Brecht, Marlene Dietrich, Thomas Mann. Und da ist der andere Gerhard Kiesling, der Angst hat, dass "jetzt alles nichts ist, was ich gemacht habe" und sein fotografisches Werk "zum Opfer der Wende" wird. Der sich dafür rechtfertigen muss, dass er angeblich das DDR-System verherrlichte, wo er doch nur das tat, was er immer am liebsten gemacht hat: fotografieren. Und damit wollte er "nur die Menschen so darstellen, wie sie waren".

Der Staat, in dem er arbeitete, zeichnete ihn aus, überhäufte ihn mit Medaillen und Preisen. Auf manche ist er heute noch stolz, zum Beispiel auf den "Kunstpreis der DDR", den er 1987 erhielt. Er habe "wunderbare Aufnahmen vom Sozialismus" gemacht, lobten ihn die Mächtigen des Arbeiter- und Bauernstaats - und als die DDR unterging, wurde das Lob zum moralischen Bumerang.

Wenn Kiesling heute über seine Arbeit aus DDR-Zeiten spricht, wird der tagtägliche Drahtseilakt zwischen künstlerischen Freiheit und Auftragsfotografie schnell sichtbar. "Wenn ich irgendwo fotografieren wollte, habe ich es eigentlich immer geschafft", sagte er dann, er habe "nur wenige Dinge" nicht fotografieren dürfen. Aber gleichzeitig räumt er ein, dass er immer nur das fotografiert habe, von dem er glaubte, dass es veröffentlicht werden würde. Es gab also Motive, die einfach nicht fotografiert wurden. "Vor der Aufnahme habe ich mich ein bisschen selbst zensiert", erinnert er sich.

"Wo sind denn die Werktätigen?"

Und Tabus gab es reichlich in der DDR: Die Mauer zu fotografieren, etwa. Bei einem Missgeschick eines Funktionärs auf den Auslöser zu drücken. Oder hinter den glänzenden Fassaden eines Staatsempfangs nach Motiven zu suchen, die nicht zur Inszenierung gepasst hätten. Die Angst vor der Bloßstellung beherrschte die Köpfe der SED-Funktionäre. So durfte Kiesling nicht über die erste Lebertransplantation in der DDR berichten. "Die haben wohl gedacht, wenn das schief geht, blamiert sich der ganze Staat."

Auf der anderen Seite gab es Motive, die in der Redaktion der "NBI" besonders gern gesehen und von den Zensoren durchgewunken wurden: Arbeiter, Kohleträger, alte Menschen, hübsche Frauen. Alles, was, wie Kiesling sagt, "den Touch des Schönen und Funktionierenden" hatte.

Doch das musste auch der junge Fotograf erst noch lernen. Gleich bei seiner ersten großen Fotoreportage, die er 1950 im Ostseekurort Sellin machte, lernte er seine wichtigste Lektion über das Fotografieren in der DDR. Er porträtierte Ort und Kurgäste, lichtete ein Ärzte-Ehepaar in Badesachen ab, "das war ein sehr schönes Bild". Doch Chefredakteurin Lilly Becher, Frau des Kulturministers Johannes R. Becher, war wenig angetan von den Aufnahmen: "Herr Kiesling, das ist eine Drei minus. Wo sind denn die Werktätigen?" Immerhin: Trotz der Abwesenheit der sozialistischen Arbeiterklasse in seinen Bildern druckte die "NBI" die Reportage.

Es funkte nicht mit Marlene Dietrich

Beinahe wäre der Mann, der über Jahrzehnte die DDR-Prominenz ins rechte Licht rücken sollte, ein trockener Jurist geworden, doch der Zweite Weltkrieg wirbelte alle Pläne durcheinander. Nach Kriegsende wollte der Leipziger in Berlin einen Neustart versuchen - und der Bescheid einer Behörde wurde zum Wendepunkt seines Lebens: Weil Berlin-Charlottenburg überfüllt war, landete Kiesling in Berlin-Pankow.

"Ich weiß nicht, ob ich überhaupt im Westen bekannt geworden wäre", sagt er mehr als sechzig Jahre später nachdenklich. Zumindest wurden im Osten damals Fotografen gesucht. Im langsam wieder aufblühenden Berliner Kulturbetrieb machte sich Kiesling schnell einen Namen als Theaterfotograf, so dass ihn 1949 die "Neue Berliner Illustrierte" anwarb.

Fortan lichtete Kiesling, bewaffnet mit einer West-Kamera, die Stars und Sternchen des Ostens ab: Die Schriftstellerin Anna Seghers, "eine Seele von Mensch, ganz lieb", aber schwer zu fotografieren, "weil sie so unruhig war." Bertolt Brecht, den Schrecken der Fotografen, der sich so ungern fotografieren ließ und auf Presseterminen "immer nach einer halben Minute aufgestanden und 'rausgerannt ist." Oder den Schriftsteller Erwin Strittmatter, den er so oft ablichtete, dass schließlich ein freundschaftliches Verhältnis entstand. Auch internationale Stars ließen sich von ihm porträtieren - zum Beispiel Marlene Dietrich. "Die war aber sehr kühl und hatte Starallüren", erinnert sich Kiesling an die Begegnung. "Da ist kein Funke übergesprungen."

Handshake über die Mauer

Um reine Propaganda-Aufträge kam Kiesling immer wieder herum, aber er weiß, dass "fast jedes Foto politische Arbeit für die DDR war." Auch wenn der Staatsfotograf nie der Staatspartei SED beitrat - als Regimegegner fühlte er sich deshalb nicht. Kiesling arrangierte sich mit einem System, das ihm immer noch gerade genügend Spielraum für seinen Traumberuf ließ. Als die DDR am 13. August 1961 mit dem Mauerbau begann, stürmte der Fotograf mit seiner Kamera auf den Potsdamer Platz. Die ersten Pfähle standen schon - doch Flucht kam für ihn nicht in Frage. "Auf der anderen Seite sah ich einen Kollegen aus dem Westen, der wie ich als freier Fotograf für die 'NBI' gearbeitet hat", erinnert sich Kiesling an den dramatischen Moment. "Wir schüttelten uns über die Grenze die Hände und verabschiedeten uns. Am Abend zeigte das Fernsehen die Szene."

Als die Mauer über ein Vierteljahrhundert später in sich zusammenfiel, war der Fotograf, der die bunten Seiten der DDR im Bild festhielt, 67 Jahre alt - zu alt für einen beruflichen Neustart. Zwei Jahre später schloss auch die "Neue Berliner Illustrierte". Doch bis heute zieht Gerhard Kiesling, inzwischen 86-jährig, mit einer alten Spiegelreflexkamera los und bannt auf Zelluloid, was ihm ins Auge fällt.

Nur eines seiner berühmtesten Bilder könnte er heute sicher nicht mehr so machen: 1985 kletterte Kiesling bis zur Spitze des Berliner Fernsehturms auf dem Alexanderplatz in 300 Metern Höhe. Angegurtet an den Blitzableiter erfüllte er sich mit wackeligen Knien und ohne Genehmigung einen Lebenstraum: Mit einem extremen Weitwinkelobjektiv fotografierte er von der Nadelspitze des "Tele-Spargels" das Treiben auf dem Alex unter ihm. "Bis heute", sagt Gerhard Kiesling mit leuchtenden Augen, "hat das niemand mehr geschafft."



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Anne-Marie de Grazia, 20.02.2009
1.
Entschuldigung - Ich bin ja nicht Deutsche. Vor "wem" musste sich Kiesling denn für seine Fotos von sog. "sozialistischen Helden," or von Kindern in Kosmonautenverkleidung "rechtfertigen?" Ist es nicht schon ein bissschen beunruhigend, wenn die Zensur schon so verinnerlicht ist, dass etwa der Spiegel so schreibt, als sei sie selbstverständlich? Als gäbe es überhaupt keinen Anlass auch nur darüber ein bissschen nachzudenken? Als wäre uns der Spiegel gar keine weitere Erläuterung schuldig? War es nicht gerade so eben und gerade in der DDR?
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