DDR-Fotoschatz Wie wir wirklich lebten

DDR-Fotoschatz: Wie wir wirklich lebten Fotos
Das Bundesarchiv/Manfred Beier

Sie wollten aufräumen und fanden einen Bilderschatz: Nach dem Tod eines Berliner Lehrers entdecken dessen Söhne eine gigantische Fotosammlung. Die 60.000 Aufnahmen aus der DDR werfen ein neues Licht auf das Leben im Osten - und die ersten Tage der Bundesrepublik. Von

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Erstaunlich, wie wenig man über den eigenen Vater weiß: Als sich nach dem Tod des Berliners Manfred Beier dessen Söhne Wolf und Nils 2002 daranmachen, im Keller den Nachlass aufzuräumen, entdecken sie Unglaubliches. Aufgeschichtet in Regalen finden sie Dutzende Holzkisten und Schubladenmöbel, ähnlich Apothekerschränken, offensichtlich Spezialanfertigungen. Die Schubladen sind mit Einlegeböden ausgestattet, jeder Boden enthält reihenweise versetzt angeordnete Bohrungen von jeweils drei Zentimetern Durchmesser. In jedem dieser Löcher steckt ein aufgerollter Kleinbildfilm.

Die Brüder wussten, dass ihr Vater zeitlebens viel fotografiert hatte. Aber das? Am Ende können sie die Menge seiner Bilder nur schätzen: Rund 60.000 Aufnahmen hat Manfred Beier hinterlassen, dazu eine Reihe Schmalfilme, eine schier unüberschaubare Sammlung. Doch im Keller finden sich auch 38 Notizbücher - und die entpuppen sich als der Schlüssel zur Sammlung. Die Notizen sind es, die beim Stöbern in all den Filmrollen helfen, den Überblick zu behalten: Ein klares Ordnungsprinzip, von Hand niedergeschrieben auf rund 4000 Blatt Papier. Chronologisch und mit Hilfe von Archivnummern hat Manfred Beier darin jedes einzelne Foto aufgelistet und vermerkt, an welchem Tag, zu welcher Stunde und Minute, mit welcher Kamera und welchem Objekt, bei welcher Blende und welcher Verschlusszeit, von welchem Standort und mit welchem Hilfsmittel genau dieses Motiv entstanden war.

Es ist ein Fototagebuch des langen Lebens Manfred Beiers, eines 1927 geborenen Berliners, der am Strausberger Platz aufwächst, noch gegen Ende des Zweiten Weltkriegs zum Volkssturm eingezogen wird, über Jahrzehnte im ostdeutschen Schuldienst arbeitet und stets mindestens eine Kamera bei sich trägt. Auch auf seinen Streifzügen in den Westen - solange er dorthin darf, und als er dann wieder dorthin darf. Es ist deshalb auch ein Fototagebuch gesamtdeutscher Geschichte. Und es ist die wohl umfangreichste und vollständigste Dokumentation des Alltagslebens in der DDR - einmalig in seinem foto- und kulturhistorischen Wert, wie Experten sagen.

Eine große, schwere Tasche

"Wir hätten nie gedacht, dass es so viel ist", sagt Nils Beier. Und das, obwohl die Fotografie im Alltag der Beiers immer präsent war. "Wenn wir unterwegs waren, hatte unser Vater immer eine Riesentasche dabei." Darin: Zwei Kameras für 8-Millimeter-Filme und mindestens noch drei weitere Apparate, damit er stets zwischen Farb- und Schwarzweiß-, Dia- und Mittelformat-Aufnahmen wechseln kann, dazu Belichtungsmesser, Filter und Objektive. Seine geliebte Spiegelreflexkamera Exakta Varex VX darf nicht fehlen, ergänzt im Laufe der Jahre um Exas und Prakticas. Die Tasche ist ein limitierender Faktor - auch hinsichtlich der Mobilität der Familie, "weil unser Vater dann natürlich nicht mehr so viel anderes Gepäck tragen konnte."

Für die Kinder ist der Inhalt der Tasche tabu. Sicher, die Jungs hätten auch gern einmal auf den Auslöser gedrückt, "aber an seine Sachen ließ er uns nicht ran", erinnert sich Nils Beier. Stattdessen sind sie an der Leidenschaft ihres Vaters eher mittelbar beteiligt - sein unentwegtes Fotografieren manifestiert sich im Familienalltag bisweilen als "permanente Störung".

Das Hobby des Vaters schlägt sich zum Leidwesen der Mutter auch auf die Haushaltskasse nieder - von seiner Leidenschaft hält ihn das nicht ab. Stattdessen perfektioniert er sein Handwerk: Aus einem 36er Film holt er fast immer 40 Aufnahmen, manchmal sogar 41 heraus. Jedes Bild muss auf Anhieb gelingen. Negative entwickelt er selbst. Dass seine Familie gelegentlich genug von der Knipserei hat, stört ihn nicht: Er streift oft allein durch die Orte auf der Suche nach neuen Motiven - der Familie soll dies erst später beim Sichten des riesigen Archivs bewusst werden.

Der Sammler Preußens

Dass es nicht nur groß, sondern vor allen "so ordentlich" ist, hatte die Familie nicht erwartet. Der Vater konnte sehr pedantisch sein, als Lehrer nicht wirklich streng, aber immer mit klaren Vorstellungen von einem ordentlichen Leben. Doch so? Wolf und Nils sind vor allem verblüfft, weil sie wissen, dass das Fotografieren nicht das einzige Hobby ihres Vaters war: "Er war ein richtiger Sammler."

Um ihn herum häufen sich Briefmarken, Zeitungen, Bücher. Der Lehrer für Erdkunde, Deutsch, Englisch und Astronomie interessiert sich beinahe für alles, besonders aber für deutsche Geschichte, vor allem Preußen. Doch in seiner privaten Bibliothek herrscht eine ganz eigene Ordnung - in der nur er sich zurechtfindet.

Ein Teil der Bücher muss irgendwann aus Platzgründen ins Gartenhaus ausgelagert werden, wo ihm Kälte und Feuchtigkeit schaden. Mehrere hunderttausend Briefmarken und an die 20.000 Bücher hat der Vater über die Jahre zusammengetragen. "Nach seinen Tod haben wir mehr als 100 Kubikmeter entsorgt", sagen die Söhne.

Die Fotografien aber überdauerten unbeschadet - kühl und trocken im Keller. Die größere Überraschung sind die Motive: "Die Bilder sagen mehr über unseren Vater aus, als wir von ihm wussten", stellen die Söhne fest, "er war offenbar anders, als wir ihn kannten." Besonders beeindruckt sind sie von seiner "positiven Weltsicht" und davon, "wie schön die Bilder sind, vor allem die Porträts." Gar nicht so technisch-bürokratisch, wie die detaillierte Dokumentation ihrer Entstehung vermuten lässt.

"So was habe ich noch nie gesehen"

Zu einer Aufnahme aus dem Jahr 1950 - entstanden während eines Ausflugs ins Thüringer Schiefergebirge - notiert Manfred Beier nüchtern: "Beschreibung: Beim Hantieren mit dem Pressluftbohrer im Granitbruch auf dem Henneberg. Ein Granitblock wird bearbeitet. Schatten! Herr Klabes bohrt. Als Zuschauer (von links nach rechts): Haase, Frau Klabes, der Arbeiter." Auf dem Foto zu sehen sind zwei Frauen, die sich neugierig und vor Lachen biegen, als sich ein junger Mann im weißen Hemd, dem die Haartolle ins Gesicht gerutscht ist, mit hochgekrempelten Ärmeln an einem Pressluftbohrer abmüht.

Wenn Beier nicht gerade die Menschen in seiner Umgebung fotografiert, fokussiert er Wohnungen, Küchen, Schränke, Straßenbahnen, Autobusse und Baustellen. In den fünfziger Jahren und noch bis zum Bau der Mauer fährt er immer wieder nach Westberlin, kauft sich dort teure, aber eben auch gute Farbfilme und fotografiert beispielsweise Kudamm und Gedächtniskirche - als Pendant zur aufstrebenden Stalinallee im Osten.

"Faszinierende Farbfotos aus den fünfziger und sechziger Jahren, die auch für Architekturhistoriker interessant sein dürften", urteilt heute Oliver Sander, Referatsleiter beim Bundesarchiv. Das Archiv hat die Sammlung Beier kürzlich übernommen. Sander ist begeistert: "So einen Bestand habe ich noch nie gesehen!" Bislang verfügt das Bundesarchiv für diese Zeit nur über die offizielle DDR-Fotografie, Aufnahmen der Nachrichtenagentur ADN, die vor allem den "fröhlichen Sozialismus und seine Erfolge" zeigen. Die Bilder von Manfred Beier fügen dem fotografischen Blick auf den Arbeiter- und Bauerstaat eine neue Komponente hinzu. "Es ist der alternative Bestand zur Aufarbeitung des Alltagslebens in der DDR."

Zwang bis zuletzt

Die Bilder zeigen, was Beier in seinem Leben alles gesehen hat; die Notizbücher erklären, wie er es festzuhalten versucht. Eines verrät die Sammlung nicht: Warum das alles? Die Hinterbliebenen können darüber nur spekulieren, ein offizielles Vermächtnis gibt es nicht. "Für uns scheint es so, als habe er sein Leben dokumentieren wollen, um es für sich selbst zu bewahren. Als müsste er einen Beweis erbringen, dass es überhaupt stattgefunden hat", sagt sein Sohn. Es hat wohl etwas Zwanghaftes.

Das Fotografieren, so vermutet die Familie heute, hat Manfred von seinem drei Jahre älteren Bruder Günther gelernt. Ursprünglich war wohl vor allem Günther der passionierte Fotograf. Viele der ersten Bilder in der Sammlung stammen von ihm. Als der Bruder 1952 verunglückt, übernimmt Manfred dessen Kamera. Er knipst den Film zu Ende und trägt die ausstehenden Notizen des Bruders nach. Die von Günther begonnene Archivnummerierung behält er bei, scheint dessen Werk fortsetzen zu wollen - womöglich, um so die Erinnerung an ihn zu bewahren.

Sein Leben dokumentieren - "selbst als er es nicht mehr konnte, hat mein Vater es noch versucht", erzählt Nils Beier. Sein letztes Foto macht er 2002, drei Monate bevor er stirbt, vom Balkon einer Klinik. "Gesehen haben wir das erst nach seinem Tod - in der Kamera, die in seinem Zimmer lag."

Zum Weiterschauen:

Noch mehr Fotos auf www.sammlung-beier.de und im Bundesarchiv .

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1.
Joachim Kuss 19.05.2009
Sehr schönes Album. Aber die Antonow steht vor dem Zeughaus in Berlin, Unter den Linden. Nicht in Dresden am Zwinger oder vor der Sempergalerie.
2.
Solnzevo Wolkow 19.05.2009
Wunderbare Bilder - nicht gerade als Fotographische Meisterwerke aber dafür um so mehr als Dokumentarische.
3.
Oliver Sander 20.05.2009
>Sehr schönes Album. Aber die Antonow steht vor dem Zeughaus in Berlin, Unter den Linden. Nicht in Dresden am Zwinger oder vor der Sempergalerie. Ist in der Bilddatenbank des Bundesarchivs (www.bild.bundesarchiv.de) bereits korrigiert. MfG O. Sander (Bundesarchiv)
4.
Thomas Scheen 21.05.2009
Einmalig. Deutsche Gründlichkeit in seiner positiveren Erscheinungsform. Ich wage zu behaupten dass dies das schönste und aufschlussreichste "Eines Tages" Album in dieser Reihe darstellt.
5.
Thomas Doye 21.09.2009
naja, schade daß nur bilder der ersten jahre nach dem krieg zu sehen sind. so wird es auch im westen deutschlands ausgesehen haben. und wieso westberlin in die ddr gehören soll oder zu ddr gehörig gezählt wird, ist mir schleierhaft. meiner meinung nach haben diese bilder in diesem album nichts zu suchen.
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