Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Gründerzeit der DDR-Klubs Wie im Ostfußball die Sonne aufging. Und wieder unter

Ost-Fussball: ...und am Ende gewinnt der BFC Dynamo Fotos
imago/WEREK

Hohe Ziele, tiefer Sturz: 1966 entstanden die wichtigsten ostdeutschen Mannschaften. Sie sollten den DDR-Fußball auf Weltniveau führen und dem Klassenfeind Beine machen. Das gelang nur für wenige Jahre. Von

Energie Cottbus will groß feiern an diesem Sonntag, trotz der tristen sportliche Lage: dritte Liga, unteres Tabellendrittel. 600 Gäste werden im Staatstheater erwartet, darunter Brandenburgs Ministerpräsident, der Bürgermeister, herausragende Energie-Spieler. Und natürlich der Mann, der für die beste Zeit des Klubs steht: Eduard Geyer.

Zehn Jahre lang trainierte der frühere Dresdner Stürmer in Cottbus. Im Jahr 2000 führte er den Verein in die Bundesliga und musste den Standortnachteil ausgleichen. Energie war der erste Klub, der mit elf Ausländern antrat, viele aus Osteuropa. "Ich hatte eine schöne Zeit in Cottbus. Daran denke ich gerne zurück", sagt "Ede" Geyer.

Im Ostfußball laufen dieser Tage viele Festakte - immer zum goldenen Jubiläum. Denn um den Jahreswechsel 1965/1966 entstand ein Großteil der Vereine, die heute als Traditionsklubs Ost gelten: neben Cottbus etwa der 1. FC Magdeburg, Hansa Rostock, Carl Zeiss Jena, Union Berlin. Sie sollten dem Klassenfeind Beine machen. Die DDR wollte die Bundesrepublik wirtschaftlich und auch sportlich überholen. Und war für ein paar Jahre sogar nah dran.

Die West-Bundesliga war zu beliebt

Mitte der Sechzigerjahre kriselte der ostdeutsche Fußball. Die DDR hatte die Qualifikation zur WM 66 verpasst, im Europapokal war für ihre Klubs früh Schluss - im Grunde kein Drama für Staatschef Walter Ulbricht und den obersten Sportfunktionär Manfred Ewald: Sie dachten in Olympiamedaillen. "Beim Schwimmen kann man sechs, sieben Medaillen holen. Eine Fußballmannschaft kann nur eine Medaille gewinnen", so Geyer.

Fußball war jedoch ein Werkzeug, um das Volk zu erreichen. Ein beliebter Sport - beinah zu beliebt. Westfernsehen war verboten, im Osten guckte man trotzdem Bundesliga, die 1963 in der Bundesrepublik gestartet worden war. Darauf wollte die Staatsführung reagieren, zumal zwei Großereignisse nahten: die Olympischen Spiele 1972 in München und die Fußball-WM 1974. Für eine konkurrenzfähige Nationalmannschaft brauchte man ein höheres Niveau im Ligabetrieb.

"Feuerkopf" ist der Spitzname von Matthias Sammer - wegen seiner streichholzhaften Erscheinung (hellhäutig, Rotschopf) und mehr noch wegen seines Temperaments (hitzig). Der Mittelfeldmann, der stets vor Ehrgeiz brannte, spielte ab 1985 für Dynamo Dresden und nach der Wende für VfB Stuttgart, Inter Mailand und Borussia Dortmund. 1996 wurde er Europameister und Europas Fußballer des Jahres. Heute ist er als Sportvorstand des FC Bayern München der Meister des antizyklischen Ansprache - in schwachen Momenten die Mannschaft stark reden, nach Kantersiegen die Euphorie dämpfen. Weil er diplomatische Schnörkel gern auslässt, ist Sammer auch als "Motzki" bekannt.

Michael Ballack alias "Capitano" war als schuss- und kopfballstarker Mittelfeldspieler ungemein torgefährlich. Der geborene Görlitzer begann seine Fußballkarriere in Chemnitz, spielte in der Bundesliga zuerst für Kaiserslautern, später für Leverkusen und den FC Bayern und außerdem vier Jahre lang beim FC Chelsea. Mit der Nationalmannschaft wurde er 2002 Vize-Weltmeister, bei der Heim-WM Dritter und musste auf die WM 2010 verletzt verzichten - ein Drama um die "Wade der Nation". Seinen Job als Mannschaftskapitän stibitzte dann Philipp Lahm und wollte ihn hernach nicht wieder hergeben. Die Laufbahn des oft knurrigen Weltklassespielers endete unglücklich: Ins Nationalteam ließ ihn Trainer Löw nicht zurückkehren, bei Bayer 04 Leverkusen wurde er zuletzt 2011 und 2012 recht selten eingesetzt. Seitdem ist Ballack gelegentlich Studioexperte des US-Sportsenders ESPN.

Bernd Schneider ist auch als "weißer Brasilianer" bekannt, weil der dribbelstarke Mittelfeldspieler Gegnern die Beine verknoten konnte. Seine brillante Technik bewies er besonders beim WM-Finale 2002, als er den anderen Brasilianern zeigte, was deutsche Straßenfußballer so können. Die Welt staunte, trotzdem verlor Deutschland. Seinen weiteren Beinamen "Schnix" erwarb Schneider sich schon als junger Fußballer in Jena (schnixen steht für tricksen oder schnibbeln). In der Bundesliga spielte er zunächst für Eintracht Frankfurt, ab 1999 dann zehn Jahre lang für Leverkusen. Persönliches Pech: Er wurde ziemlich oft Zweiter, ob mit der Nationalmannschaft oder mit seinem Verein ("Vizekusen"), und stieg nach einer Rückenverletzung aus dem Fußball aus. Danach machte er einen Trainerschein, arbeitete bei Bayer Leverkusen, lebt jetzt wieder in Jena und spielt immer noch gern Fußball, freizeitmäßig und bei Turnieren.

Ulf Kirsten wurde selten Ulf genannt, für die meisten war und ist er "der Schwatte". Er war schon in der DDR ein Stürmerstar für Riesa und Dynamo Dresden, spielte ab 1990 dann 13 Jahre lang sehr erfolgreich für Bayer Leverkusen: ein echter Knipser im Strafraum. Kirsten lief für beide Nationalmannschaften auf, die der DDR und die des wiedervereinigten Deutschland. In Leverkusen arbeitete er ab 2003 auch als Trainer. Heute ist bei einer Kölner Sportagentur tätig, als Spielerbetreuer und -berater sowie im Marketing. Fußballspielen ist kaum noch drin, zu schmerzhaft: Kirstens Knie und Knöchel melden sich dann bald arbeitsunfähig.

Thomas "Thommy" Doll war einer der großen DDR-Fußballer, in seiner Jugend für Hansa Rostock, bis 1990 für den BFC Dynamo. Als Profi kickte er dann für Lazio Rom, Eintracht Frankfurt, AS Bari und den Hamburger SV, wo er nach seiner aktiven Karriere auch als Trainer der Jugend und der zweiten Mannschaft einstieg. Erstliga-Coach war Doll beim HSV und bei Borussia Dortmund. Inzwischen hat es ihn nach Ungarn gezogen: Seit 2013 ist er dort Trainer des Erstligisten Ferencváros Budapest.

Andreas Thom, nahezu gleichaltrig, ging einen ganz ähnlichen Weg: Spieler beim BFC Dynamo, dann bei Leverkusen, zuletzt bei Celtic Glasgow und Hertha BFC Berlin; im Team beider deutscher Nationalauswahlen. Und anschließend Trainer. Bei Hertha betreut Thom bereits seit sechs Jahren Jugendmannschaften.

Jens Jeremies wurde als zweikampfstarker Abwehrspieler berühmt bis berüchtigt. An seiner Spielweise bemängelten feingeistige Fußballfans, er habe allzu oft gegnerische Spieler ziemlich anlass- und humorlos umgetreten. "Jerry" wurde beim FC Bayern intern auch "Kartoffel" genannt, verriet Sepp Maier einmal im einestages-Interview - vielleicht weil er mit seinen Grätschen so flott und gründlich den Fußballacker umpflügen konnte. Lange spielte er bei Dynamo Dresden, ab 1995 dann erst bei 1860 und dann bei Bayern München sowie sieben Jahre lang in der Nationalmannschaft, als Mann fürs Grobe. Heute lebt er in Ottobrunn bei München, arbeitet bei einem Vermarkter und hat eine Jugendstiftung gegründet. Fun Fact: 2012 traten die Toten Hosen in seinem Wohnzimmer auf, Jeremies hatte sich für das Konzert beworben - er forderte eine Entschädigung dafür, dass er der Band trotz ihres Songs "Bayern" die Treue gehalten habe ("Es kann so viel passieren, es kann so viel geschehen / nur eins weiß ich hundertprozentig / Nie im Leben würde ich zu Bayern gehen").

Olaf Marschall war ein eher zurückhaltender, an sich friedfertiger, aber vor dem Tor doch brandgefährlicher Stürmer. Er spielte lange für Lokomotive Leipzig, dann für Dynamo Dresden und von 1994 bis 2002 für Kaiserslautern, bevor er seine Karriere in Katar ausklingen ließ. Danach arbeitete er im Management, Amateur- und Co-Trainer. Inzwischen ist Marschall Chefscout bei FSV Frankfurt.

Mittelfeldspieler und Freistoßspezialist Stefan Beinlich, den alle immer "Paule" nannten, wurde 1972 in Ostberlin geboren und spielte dort für BFC Dynamo. Seine weiteren Stationen waren Rostock, Leverkusen, Hertha BSC und der HSV. Wegen zahlreicher Verletzungen lief er nur fünfmal für die Nationalmannschaft auf. Nach dem aktiven Fußball war Beinlich zwei Jahre lang Manager bei Hansa Rostock und ist inzwischen Geschäftsführer eines Leichtathletikvereins, ehrenamtlich.

Carsten Jancker, als 1,93 Meter hoher Stürmer eher grob- als feinmotorisch veranlagt, zog gelegentlich Fan-Spott auf sich, vor allem in der rumpelfüßigen Ära der deutschen Nationalmannschaft in den späten Neunzigerjahren. Er spielte in seiner Jugend in Wismar und Rostock, ab 1991 dann beim FC Köln. Anschließend kam Jancker viel herum, seine Stationen: Wien, München, Udinese, Kaiserslautern, Shanghai sowie zum Karriereende 2010 Mattersburg in Österreich. Dort blieb er gleich als Trainer und ist heute Co-Trainer bei Rapid Wien.

Berühmt durch ein Tor wurde Jürgen Sparwasser: als er, hier zu sehen, am 22. Juni das Siegtor der DDR gegen die Bundesrepublik schoss, die einzige Begegnung der beiden Nationalmannschaften. Die DDR schied bei der WM danach trotzdem aus, die Bundesrepublik wurde Weltmeister - so hatten alle was davon. Sparwasser war aber auch Leistungsträger beim 1. FC Magdeburg, ebenfalls 1974 Europapokalsieger. In den Neunzigerjahren arbeitete er als Trainer in Frankfurt, Darmstadt und Walldorf, später bei einer Versicherung und als Spielerberater.

Joachim Streich galt vielen Fußballfans als bester DDR-Fußballer ever, wegen seiner vielen Tore für den 1. FC Magdeburg, Hansa Rostock und die Nationalmannschaft. Man nannte ihn auch "Gerd Müller des Ostens", er hält mehrere Torjägerrekorde für die Ewigkeit. Wermutstropfen: Ausgerechnet beim legendären Spiel BRD-DDR '74 kam er nicht zum Einsatz, machte sonst aber über 100 Länderspiele. Später arbeitete Streich als Trainer, dann als Verkäufer in einem Magdeburger Sportgeschäft und musste gelegentlich noch Autogramme geben.

Tragisch endete das Leben von Lutz Eigendorf, in den Siebzigerjahren Abwehrspieler bei BFC Dynamo. 1979 setzte er sich bei einem Stadtbummel nach einem Freundschaftsspiel gegen Kaiserslautern in den Westen ab, spielte in Kaiserslautern und Braunschweig. Die DDR versuchte vergeblich , ihn zur Rückkehr zu bewegen, und ließ ihn von der Stasi beobachten. Er starb 1983 bei einem Verkehrsunfall unter Umständen, die nie vollständig aufgeklärt wurden. Es blieb der Verdacht einer Stasi-Beteiligung oder eines Auftragsmordes.

Peter Ducke wurde mit Jena dreimal DDR-Meister und trat in den Sechziger- und Siebzigerjahren 68 Mal für die DDR-Nationalmannschaft an. Man nannte den trickreichen Mittelstürmer auch "Schwarzer Peter" - wegen seiner Haarpracht und auch wegen seiner Diskussionsfreude mit den Schiedsrichtern. Später arbeitete Ducke in Jena als Trainer und flog 1980 aus dem Verein, Vorwurf: unerlaubte Westkontakte. Er war lange Schulsportlehrer...

...und veranstaltete Fußballcamps, lebt heute nahe Jena und ist 75 Jahre alt. Dass man dann nicht mehr kicken kann, hält er für ein Gerücht (hier eine Aufnahme von 2014).

Trainer Eduard Geyer sagte einmal: "Wenn die Bundesliga nicht zu mir kommt, gehe ich eben zu ihr." Und so geschah es. In den Sechzigerjahren war er als beinharter Verteidiger mit Dynamo Dresden zweimal Meister geworden. Umstritten ist seine Stasi-Mitarbeit in den Siebzigerjahren. Ab 1975 war Geyer Trainer, ab 1986 Dresdner Cheftrainer und 1989/1990 DDR-Nationaltrainer. Energie Cottbus führte er von der Regionalliga bis in die Erste Bundesliga, wo sich der finanzschwache Verein immerhin drei Jahre lang halten konnte. Danach arbeitete "Ede" Geyer, wegen seiner feldwebelhaften Attitüde nicht bei allen Spielern beliebt, noch in Dubai, in Leipzig und Dresden, jeweils nur kurz. Inzwischen ist er 71 Jahre alt und lehnte vor einigen Jahren ein Angebot als Trainer in Vietnam ab - seine Frau sagte nein.

Jörg Berger zählte zu den wenigen ostdeutschen Trainern, die sich in der Bundesliga durchsetzen konnten. In den Sechzigerjahren spielte er in Leipzig in der DDR-Oberliga und auch in drei Länderspielen, musste nach einer Verletzung aber aufhören und wurde Trainer. Ein Spiel in Jugoslawien wählte er 1979 zur Flucht in den Westen und übernahm das Zweitligateam von Darmstadt 98. Als "Republikflüchtling" bekam er Morddrohungen und berichtete später auch über einen möglichen Stasi-Giftanschlag 1986, nachdem sich die Berliner Spieler Falko Götz (später ebenfalls Trainer) und Dirk Schlegel ebenfalls abgesetzt hatten. "Meine zwei Halbzeiten" nannte er seine Autobiografie. Berger trainierte, oft als "Feuerwehrmann" und Motivationsspezialist, viele Teams von Eintracht Frankfurt bis zum 1. FC Köln, von Schalke 04 bis Arminia Bielefeld. 2010 starb er an Krebs.

Hans Meyer ist einer der erfolgreichsten und beliebtesten Trainer mit Wurzeln im Osten. Als junger Abwehrmann kickte er in Jena und wurde dort 1971 mit 28 jüngster Trainer der DDR-Oberliga ("Das war, als ob ein 18-Jähriger Schiedrichter wird und dann noch aus der Leichtathletik kommt"). Ab 1999 trainierte er ein Jahrzehnt lang in der Bundesliga, bei Mönchengladbach, Hertha und Nürnberg. Nach seiner letzten Trainerstation wurde er immer wieder mit neuen Ämtern in Verbindung gebracht, die er aber nie antrat. Bekannt machten Meyer auch sein eckiger Humor, seine Qualitäten als zuverlässiger Sprüchelieferant à la "Bis 1990 habe ich nicht für Geld, sondern für den Sozialismus gearbeitet". Oder: "Im Trainingslager haben wir ein Kicker-Turnier gemacht, vielleicht war das der Schlüssel zum Erfolg." Oder: "Der Fußball hat bei uns einen Stellenwert, der gar nicht statthaft ist - für das bisschen Arschwackeln." Oder: "Ich musste lesen, dass sich der Meyer für klassische Musik interessiert. Da lachen sich ja alle, die mich kennen, halbkrank! Fürs Kulturelle ist eher meine Frau zuständig." Oder: „Meyer ist kein Name, sondern ein Sammelbegriff.“

(Texte: Jochen Leffers)

Also beschloss die DDR-Spitze eine Fußballrevolution: Aus bestehenden Sportgemeinschaften, wo olympische Sportarten dominierten, wurden die Fußballabteilungen herausgetrennt und zehn Klubs neu gegründet. Nur zum Schein waren die Spieler bei Betrieben beschäftigt. "Durch diese Angliederung sollten die Fußballer auch die Verbindung zum Publikum wiederfinden", erklärt die Sporthistorikerin Jutta Braun.

So kamen die Klubs gleich an ihre ersten Fans. Und oft an die Vereinsnamen: Hansa Rostock war mit dem Kombinat Seeverkehr und Hafenwirtschaft verbunden und Lokomotive Leipzig mit der Reichsbahn, die Gründungsversammlung fand im Hauptbahnhof statt.

Als Jürgen Sparwasser den Klassenfeind besiegte

Der Umbruch sollte dem Fußball mehr Freiheiten bringen, eine unabhängige Bezahlung, eigene Trainingspläne. Die Erfolge: Bei Olympia 1972 in München holte die DDR Bronze, vier Jahre später in Montreal sogar Gold. Und 1974 gewann der 1. FC Magdeburg, wichtiger noch, den Europapokal der Pokalsieger im Finale gegen Mailand - der einzige internationale Titel für eine Klubmannschaft aus der DDR. Im selben Jahr kam es zum einzigen Duell der beiden deutschen Staaten: In der WM-Vorrunde gewann die DDR 1:0 gegen die Bundesrepublik, Torschütze: Jürgen Sparwasser. Ein historischer Sieg.

Nach dem Spiel stahlen sich zwei DDR-Spieler aus dem Mannschaftshotel in Quickborn, um auf der Reeperbahn zu feiern. Sparwasser selbst verzichtete auf den Ausflug - ihn hätte sofort jeder erkannt. "Wenn auf meinem Grabstein eines Tages nur 'Hamburg 1974' stehen würde, wüsste wahrscheinlich trotzdem jeder, wer da liegt", sagte er einmal.

Der Aufbau Ost im Fußball hatte keinen Bestand. Auch weil die Fußballer delegiert wurden und die Klubs keine Chancen hatten, sich von außerhalb zu verstärken. "Es ging gar nicht um große Transfers", so Eduard Geyer. "Aber mal ein Mittelfeldspieler oder ein Stürmer, um konkurrenzfähiger zu sein - das wäre schon schön gewesen." Historikerin Braun sagt: "Die Klubs mussten auf eigene Talente setzen, es gab kaum einen Austausch. Das entsprach ja auch der Staatsideologie."

Der "Stasi-Klub" hatte Sonderrechte

Ausnahmen gab es natürlich trotzdem. Vor allem für den BFC Dynamo Berlin. Der Lieblingsverein von Stasi-Chef Erich Mielke hatte Sonderrechte, bei den Transfers und überhaupt, und bekam Talente wie Thomas Doll. Bei den zehn Meisterschaften nacheinander von 1979 bis 1988 halfen auch eigenwillige Schiedsrichter-Entscheidungen. Legendär ist der "Schand-Elfmeter", der Dynamo gegen Lok Leipzig in letzter Minute einen Punkt rettete. Leipziger Funktionäre sprachen offen von Betrug. "Schieber-Meister BFC!", so begrüßten Fans in vielen Stadien die Berliner.

Bei Carl Zeiss Jena sollen geheime Prämienzahlungen üblich gewesen sein. Geyer berichtet, dass man "als Fußballer ganz gut leben" konnte und leichter an ein Auto oder eine Wohnung kam. Ein bisschen Kapitalismus kannte der Fußball. Auch deshalb beschnitt die Staatsführung die neuen Freiheiten 1969 schon wieder.

Mehr Kontrolle wollte der Staat jetzt, es gab einheitliche Trainingspläne, die für Leichtathleten geeignet gewesen sein mögen, nicht aber für Fußballer. "Wenn die Fußballer danach trainiert hätten, wären sie am Wochenende tot umgefallen", sagt der Historiker Hanns Leske. Dass die Trainer sich nicht dran hielten - ein offenes Geheimnis.

Nie mehr erste Liga?

Nach der Maueröffnung konnten sich nur wenige Vereine für einige Jahre in der Ersten Bundesliga festkrallen: Hansa Rostock, Dynamo Dresden, Energie Cottbus. Dass im Ostfußball so viel in die Brüche ging, liegt aus Sicht von Eduard Geyer am Ausverkauf, an der Vereinnahmung durch den Westen: "Es kamen Spielerberater rüber und andere Personen von dritter, vierter oder fünfter Wahl, die Einfluss nehmen wollten. Da waren viele Traumtänzer dabei." Zu knapp sei das Geld gewesen, auch später habe man Spieler aus dem Westen nicht für einen Wechsel etwa nach Cottbus begeistern können.

Nach Auffassung von Historikerin Braun hatten die DDR-Vereine nach jahrzehntelanger staatlicher Planung große Probleme, sich plötzlich in der Marktwirtschaft zu behaupten. Außerdem machten die besten Kicker nach der Wende zügig rüber (siehe Fotostrecke oben). Seit 2009 spielt in der ersten Liga kein einziger Ostklub mehr, und viele andere sind abgeschmiert.

So sorgt Lokomotive Leipzig in der Oberliga mehr durch Fan-Ausschreitungen für Aufsehen. In der Dritten Liga treffen Hansa Rostock, der 1. FC Magdeburg, Rot-Weiß Erfurt oder der Hallesche FC aufeinander. Union Berlin ist als Zweitligist noch am stärksten. Und der einzige Ostverein mit großen Erstligachancen ist kein richtiger Ostverein: RB Leipzig wurde erst 2009 gegründet - als Spielzeug des Brause-Milliardärs Dietrich Mateschitz.

Zum Autor
  • Hendrik Buchheister (Jahrgang 1986) ist im Osten Niedersachsens aufgewachsen und hat in Hannover Politikwissenschaften studiert. Von Hamburg aus berichtet er für SPIEGEL ONLINE und verschiedene Tageszeitungen über Bundesliga-Fußball im Norden. Interessiert sich darüber hinaus für Themen wie Fan-Kultur oder Fußball im Osten.

Artikel bewerten
2.7 (111 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 25 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Kleine Korrektur
Peter Müller, 30.01.2016
Zu dem Bild Nr. 11 vom deutsch-deutschen Spiel am 22. Juni 1974 im Hamburger Volksparkstadion: Durch die Niederlage kam die BRD-Mannschaft in die vermeintlich leichtere Gruppe der sogenannten Zwischenrunde, in der um Punkte und das Torverhältnis gespielt wurde. In der Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaften gab es bei den Turnieren 1974 und 1978 nach der Vorrunde keine Ko-Spiele. Die DDR mußte sich hingegen in ihrer Gruppe mit dem späteren Finalgegner der Bundesdeutschen, den Niederländern, sowie mit Brasilien und Argentinien herumschlagen und erreichte keines der beiden Finalspiele. Ausgeschieden im heutigen Sinne war die Mannschaft also damals nicht.
2. Warum?
Oliver Fenderl, 30.01.2016
Ein sehr schöner Ansatz, über das Thema Fußball im Osten zu berichten - gerade mit dem historischen Ansatz. Aber eine Frage: Warum wird die BSG Sachsenring Zwickau / der FSV Zwickau so konsequent außen vor gelassen - ebenso dessen Spieler Jürgen Croy (immerhin Nationalmannschaftstorwart der DDR)? Erstaunlich auch dass die Fotos von Dynamo Dresden und dem FC Karl-Marx-Stadt in Zwickau aufgenommen wurden. Spätestens da hätte doch auffallen müssen, dass hier noch ein Team fehlt. Ebenso werden Erzgebirge Aue (Wismut Aue) und Empor Rostock (Hansa Rostock) vermisst. Auch diese beiden Vereine haben eine markante und interessante Geschichte im Ostfußball und gehören ebenfalls dazu. Vielleicht kann der Autor seinen guten Ansatz weiterverfolgen und diese wesentlichen Vereine noch ergänzen.
3. was ist denn das fuer ein artikel?
Cathleen Hoffmann, 30.01.2016
Wenn man auf dem Osten rumhacken will, dann sollte man das sorgfaeltiger tun. Der Niedergang des Ostfussball ist neben den hier erwaehnten Ausverkauf auch von vornherein die Moeglichkeit fuer wenige Klubs sich in der Bundesliga zu etablieren. Nur Dynamo Dresden und Hansa Rostock wurde als erstem und zweitem der Oberliga die Moeglichkeit der Bundesliga geboten. Da ist klar das der Rest ausverkauft wird. Dynamo hat sich dann ja finanziell selbst ein Eigentor geschossen. Was nicht erwahent wird, es gab erstklassige Jugendarbeit (notwendigerweise) Jurgen Croy als einen der weltbesten Torhueter zur damaligen Zeit...
4. Äähhhmm
Mirko Pfretzschner, 30.01.2016
"BFC Dynamo Berlin" ist Quatsch. "BFC" steht bereits für BERLINER Fußballclub. Das sollte sich doch mal langsam rumgesprochen haben, in 50 Jahren.
5.
Gerd Meinhold, 30.01.2016
BFC Dynamo Berlin? Ich kenne nur den Berliner FC Dynamo. Das "B" steht also bereits für Berlin.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH