DDR-Jugendopposition Erich und die "Diskutierer"

DDR-Jugendopposition: Erich und die "Diskutierer" Fotos
AP

Mit selbstgefertigten Flugblättern protestiert eine Handvoll DDR-Jugendlicher 1982 gegen die Verschärfung des Wehrdienstgesetzes - die SED plant unter anderem die Einführung des Frauenwehrdienstes. Die jungen Leute wollen ein Zeichen setzen gegen den Verfassungsbruch durch das Honecker-Regime und riskieren dafür Gefängnis. Von

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 1 Kommentar
    3.0 (626 Bewertungen)

"Fordert Volksdiskussion über das neue Wehrdienstgesetz!" steht auf den Flugblättern, die in der Nacht vom 22. zum 23. April 1982 in verschiedenen Bezirken Ost-Berlins und in Dresden auftauchen. Die Flugblätter kleben in Telefonzellen, an Litfaßsäulen, hängen an Bäumen, liegen in Garageneinfahrten, Hauseingängen, auf der Straße oder werden in Briefkästen gefunden.

Staatssicherheit und Volkspolizei sind alarmiert. In ihren Augen sind die Flugblätter ein Angriff auf den Sozialismus, hergestellt von "feindlich negativen Kräften". Gegen das Wehrdienstgesetz zu sein bedeutet für die Stasi, dass "die Täter aus pazifistisch, christlichen Kreisen kommen". Für sie steht auch fest, dass die Aktion von der Bundesrepublik aus gesteuert wird, um somit der "DDR und damit der Sache des Friedens" zu schaden. Ein Denkfehler, denn die Beteiligten werden weder von der Kirche noch vom Westen gesteuert. Und so gehen die Ermittlungen des MfS zunächst in die völlig falsche Richtung.

Im Frühjahr 1982 verabschiedet die DDR-Volkskammer ein neues und in mancher Hinsicht verschärftes Wehrdienstgesetz. Härtere Regelungen für die vormilitärische Ausbildung von Jugendlichen werden ebenso festgeschrieben wie die Einführung des Wehrdienstes für Frauen im Verteidigungsfall. Schon bisher wollte kaum ein junge Männer zur NVA, mit Widerwillen fügten sie sich dem gesetzlichen Zwang. Nun rücken militärischer Drill und Schliff auch für Frauen bedrohlich näher. Aber niemand weiß, wie man sich dagegen wehren soll. Eine Verweigerung des Militärdienstes ist nicht vorgesehen und wird mit Gefängnis bestraft. Nur wenige Menschen trauen sich ihrer Empörung Ausdruck zu geben.

Ein Flugblatt aus Abreibebuchstaben

Zwei Wochen nach einer Absichtserklärung der Volkskammer wird das neue Wehrgesetz bereits verabschiedet. Zu einer "Diskussion", wie sie die Verfassung der DDR im Artikel 65 Absatz 3 zumindest für solche Fälle vorsieht, kommt es nicht. Als ein Artikel in der "Berliner Zeitung", der Bezirksorgan der SED, auf die bevorstehende Änderung des Wehrdienstgesetzes hinweist, beschließen Tom Sello und Thomas Vetter etwas zu unternehmen.

Die beiden 24-Jährigen haben ihre Wehrdienstzeit nicht in bester Erinnerung und wissen, dass es vielen anderen ähnlich geht. Aber wie kann man das in der DDR kundtun ohne sich in Gefahr zu begeben? Schließlich wollen sie es mit einem Flugblatt wagen. Doch das ist in Zeiten ohne Kopierer und Drucker leichter gesagt als getan.

Mit handelsüblichen Abreibbuchstaben entwerfen sie den Text des Flugblattes auf einer postkartengroßen Pappe und fotografieren sie ab. Johannes Bitter und Wolfgang Schröter übernehmen die Herstellung der Abzüge. Die Flugblätter werden in Berlin und Dresden nach vorher besprochenen und zugeordneten Gebieten verteilt. In Dresden übernimmt Uwe Bastian die Verteilung.

Drei Jahre Knast drohen

An der Aktion sind etwa 15 Personen beteiligt. Sie arbeiten bei der Herstellung und Verteilung der Flugblätter mit Handschuhen, um Fingerabdrücke zu vermeiden. Um bei einer eventuellen Verhaftung niemanden preisgeben zu können, wissen die Beteiligten zumeist nichts voneinander. Noch nicht einmal alle Initiatoren haben die vollständige Übersicht über die Anzahl, geschweige denn die Namen aller Mitwirkenden. Auch nach der Aktion vermeiden diejenigen, die sich kennen, längere Zeit jeglichen Kontakt.

Auch wenn die Jugendlichen über keinerlei Erfahrungen in konspirativer Arbeit verfügen, ist ihnen klar, dass eine solche Aktion nicht ohne Folgen bleiben kann. Im Falle einer Verhaftung droht ihnen eine Verurteilung wegen "öffentlicher Herabwürdigung" nach Paragraph 220 des Strafgesetzbuches und damit eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren.Tom Sello erinnert sich: "Wir waren uns schon bewusst, [...] dass das Unannehmlichkeiten mit sich bringen, dass das auch Gefängnis bedeuten konnte." Doch habe er eben "auch die Unbeschwertheit der Jugend oder die Ignoranz gegen sich selbst die man eben als Jugendlicher manchmal aufbringt" gehabt.

Nur einmal kommt das MfS den Jugendlichen gefährlich nahe. Wenige Wochen nach der Flugblattaktion wird Wolfgang Schröter vorgeladen und verhört. Der Grund ist seine Fotomontage gegen Wehrsport, die er dem Grafiker Klaus Staeck in die Bundesrepublik geschickt hat. Bei einer Postkontrolle fällt diese Stasi Mitarbeitern in die Hände. Aber er verrät sich und seine Freunde nicht im Verhör, als er mit dem Flugblatt konfrontiert wird.

Ein halber Fingerabdruck

Die Staatssicherheit registriert penibel alle Fundorte der "Hetzflugblätter" und gibt diese bis nach oben an "Genosse Minister" Erich Mielke weiter. Ein Operativer Vorgang mit dem Namen "Diskutierer" wird angelegt, in dem alle Erkenntnisse zusammengetragen werden. Besonders ärgerlich für das MfS ist der Umstand, dass ein Flugblatt den Weg in den Westen gefunden hat. Am 21. Juni 1982 wird es, mit einer kleinen Meldung versehen, im Nachrichtenmagazoin DER SPIEGEL abgedruckt.

Das MfS tappt völlig im Dunkeln. Von Bausoldaten in Prora auf Rügen bis hin zu kirchlichen Kreise in Thüringen werden Verdächtige unter die Lupe genommen. Zudem werden an verschiedenen Stellen Spitzel eingesetzt. Das einzige und, wie sich später herausstellt, unbrauchbare Beweisstück ist ein halber Fingerabdruck auf einem Flugblattexemplar. Doch insgesamt bleibt der große personelle und materielle Aufwand, den das MfS betreibt, ergebnislos: Die "Diskutierer" bleiben unentdeckt.

Bis zur Öffnung der Stasiunterlagen ist das Flugblatt auch bei den Beteiligten in Vergessenheit geraten. Dies ändert sich 1992, als Tom Sello auf Unterlagen des Operativen Vorganges "Diskutierer" stößt. Detailliert kann er nun nachlesen, mit welchem Aufwand die Stasi versucht hat, die "feindlich negativen Kräfte" zu finden und zur Verantwortung zu ziehen. Weiche Knie bekommt er, als er sich von einem Freund ausrechnen lässt, wie viele Jahre Knast das bedeutet hätte.

"Diebische Freude"

Rückblickend meint Tom Sello, sei die Aktion "natürlich auch nicht überzubewerten." Zur gleichen Zeit gab es andere Gruppen, die Widerspruch gegen Wehrdienstgesetz organisierten - voran die "Frauen für den Frieden" -, die wirkungsvoller waren und wesentlich weiter gingen, indem sie offen agierten.

Die Bedeutung der Flugblatt-Aktion liegt für Sello darin, dass er uns seine Mitstreiter damals ihre Angst überwanden und sich zu Wort meldeten. Neben der "diebischen Freude, der Stasi ein Schnippchen geschlagen zu haben" ist ihm sein Freundeskreis noch wichtiger: "Dass ich tatsächlich so einen Freundeskreis hatte, mit dem das funktioniert hat [...] und alle Dicht gehalten haben, die daran beteiligt waren - das ist so ein glückliches und schönes Gefühl."

Text: Johannes Mundo und Christoph Ochs

Artikel bewerten
3.0 (626 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Hubert Rudnick, 20.04.2008
Erich und die "Diskutirer" Jedes Land sollte sich glücklich schätzen, wenn es solche aktiven Bürger hat, die sich von nichts abbringen lassen und immer wieder über die Unzulänglichkeiten einer Regierung diskutieren und auch sich wagen dagegen was zu unternehmen. Kein Land und keine Regierung ist frei von Fehlern und Fehleinschätzungen, auch wenn sie sich immer wieder selbst loben und in der politischen Himmel heben. In der DDR waren wir fast alle zu tiefst in das diktatorische System eingebunden, die Parteipropaganda sorgte schon dafür, dass jeder Mensch von Kinheit an, bis ins Grab immer nur die Loblieder des Sozialismus zu hören bekam. Auch ich ließ mich von diesen Rattenfänger sehr stark beeinflussen, man schaute nicht mehr über den eigenen Tellerrand und wenn man sich mal was anderes ansah, dann immer nur aus der Sicht der SED und so kam es dann auch zwangsläufig, dass man die Fehleinschätzungen der eigenen Regierung und des mächtigen Parteiaparates nicht mehr erkannte, man war so in den Trott drinnen und gab immer nur den Außenstehenden die Schuld für das Versagen des eigenen System. Darum bin ich sehr froh, dass es auch früher schon Leute gab, die Trotz der Repressalien, den Finger auf die Wunde gelegt hatten,dies Menschen kann man nicht hoch genug einschätzen. Aber es war nicht nur früher in der DDR so, auch heute sollten wir viel kritischer gegegüber unseren Mächtigen sein, wir dürfen ihnen nicht alles durchgehen lassen, denn auch heute wollen sie uns nur ihre Macht aufdrücken. Auch wir haben heute sehr viel mit den Unzulänglichkeiten der Politik und der Unternehmen zu tun. Ich erinnere nur an die zur Zeit Bespitzelungspraxis des Herrn Schäuble, oder an die Verarmung der Deutschen, denn wir werden nur noch mit Billigjobs abgespeist und die Armut nimmt rasant zu und auch heute traut sich kaum noch einer für sein Bürgerrecht einzutreten und dafür auf die Straße zu gehen. Sollten unsere Staatsorgane denn auch schon wieder diese Druckmittel bei uns ansetzen, oder sind die Mesnchen einfach nur zu bequem geworden. Wo ist denn der Geist der 68 ziger Generation geblieben und wo sind die Andersdenkenden, die damals mit dafür gesorgt hatten, dass die alten SED Kader es mit der Angst bekamen? Hubert Rudnick
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH