DDR-Kindheitserinnerungen Von Hamstern und Menschen

Zerlegte Möbel, fliegender Tierkot und Genickbrüche im Wohnungsflur: Als Kind in Ost-Berlin begeisterte Marko Schubert sich für die Elefanten und Löwen im Tierpark. Am liebsten hätte er sie mitgenommen. Erst als er eigene Haustiere bekam, stellte er fest, dass selbst kleine Tiere großen Ärger machen können.

Marko Schubert

In meiner Kindheit gab es einen Satz meiner Mutter, der mir stets das Blut in den Adern gefrieren ließ: "Wir machen einen Ringel!". "Ringel" bedeutete, dass sich die komplette Familie Schubert fein herausputzen und im Schneckentempo durch den Volkspark Friedrichshain spazieren musste. Von unserer Wohnung in der Mollstraße zum Lenindenkmal, vorbei an den Köhlerhütten Richtung Krankenhaus bis zum alten Friesenstadion, dem Wendepunkt. Anschließend ging es über Ententeich und Bunkerberg weiter ins "Schubert-Eck". Manchmal blieben wir noch auf einen Toast Hawaii, aber meist gingen mein Bruder Benny und ich schon allein den kurzen Weg weiter nach Hause und legten uns vor die Glotze.

Ein "Ringel" ging ausschließlich in diesen Park in unserem Bezirk. Die wirklich guten Ausflüge in den Palast der Republik, in den Pionierpark Wuhlheide, zum Müggelsee und vor allem in unseren geliebten Berliner Tierpark wurden nie so betitelt. Nicht unsere Mutter, sondern wir bestimmten, wann es zu den Tieren ging. Und das war ziemlich oft - nicht nur, um dem "Ringel" zu entgehen.

Irgendwann kannte unsere Familie deshalb jedes einzelne Tier, jeden Weg, den man dort gehen konnte, und jeden einzelnen Neuzugang. Die Eisbären, Affen und Elefanten gehörten zu unseren Favoriten, aber wir liebten auch den Fischotter, die Hängebauchschweine und das Okapi. Manchmal fuhren wir sogar ohne unsere Eltern dorthin und Benny musste mir auswendig sagen, welches Tier sich im nächsten Gehege befand, mit Herkunftsland. Die Reihenfolge weiß er sicher noch heute.

Ein erstes Opfer

Der riesige Tierpark in Berlin Friedrichsfelde vermittelte uns unbewusst ein Gefühl von Freiheit. Hier konnten wir den Geruch ferner Länder erschnuppern, obwohl wir dort nie hinkämen. Die Elefanten und Löwen aus Afrika, die Leoparden und Pinguine aus Südamerika und die Affen aus Südostasien waren unser kleines, ganz persönliches Ausland. Im Alfred-Brehm-Haus konnten wir beim Brüllen der Raubkatzen und im Tropenhaus unter aufgeregt flatternden Fledermäusen erahnen, wie sich andere Klimazonen anfühlten.

Zu Weihnachten wünschten Benny und ich uns zwei Hamster. Wir schrieben dem Weihnachtsmann und wurden erhört: Unter der wie immer krüppeligen Kiefer, die Vater an Heiligabend in letzter Sekunde ergattert hatte, rannten die beiden durch ihren Käfig. Moritz war nur durch den weißen Bauchreifen von Max zu unterscheiden. Natürlich liebten wir sie abgöttisch, wie sie in dem kleinen Laufrad ihre Kunststücke vollführten und sich an unseren Pullovern festkrallten.

Doch im Mai 1983 hatten wir ein Problem: Sämtliche Tapeten, Teppiche, Schuhe und fast alles, was sonst noch auf dem Fußboden stand, war angeknabbert. Vater diagnostizierte: Mäusebefall! Er hatte von Arbeitskollegen gehört, dass Mäuse durch Kabelschächte bis in die oberen Stockwerke der Häuser gelangen konnten. Im Flur stellte er eine kleine Falle auf. Mit einem Stück Käse im Maul und gebrochenem Genick lag unser Moritz am nächsten Morgen in dem Gerät. Durch Mutters Aufschrei wurde mir der traurige Anblick nicht erspart. Benny hatte Glück, ihm wurde von Mutter in einer sehr diplomatischen Art erklärt, dass Moritz gestorben war und Vater ihn in den Müllschlucker geworfen hatte. Drei Tage heulte er neben mir im Rollbett ins Kissen.

Tragödie im Schrebergarten

Als ich im Sommer mit Benny in einem Ferienlager im Harz war, bekam ich von Mutter einen Brief von zuhause, dass Max verschollen wäre und ich Benny darauf vorbereiten sollte. Unsere Eltern hatten den überlebenden Hamster mit auf die Datsche genommen und unter dem schattigen Sauerkirschbaum abgestellt. Mutter arbeitete in der Rabatte und Vater saß Bier trinkend auf der Terrasse, als ein großer Hund in unseren Garten gerannt kam, Max schnappte und davonrannte.

Auf Höhe des Parkplatzes ließ der Hund unseren Hamster fallen. Max lebte noch. Dem Kerlchen war aber die Angst so in die kleinen Knochen gefahren, dass er loswetzte und durch den Zaun auf Nimmerwiedersehen verschwand. Benny weinte diesmal nicht ganz so schlimm, da ich ihm Hoffnung machte, wir würden unseren Liebling nach der Rückkehr sicherlich wieder finden. Tatsächlich durchkämmten wir noch bis Ende September Böschungen, Gräben und Hecken rund um den Tatort. Ohne Erfolg.

Wütend auf unsere Eltern, wurde bald eine Forderung laut: Wir brauchten ein neues Haustier! Wie jedes Jahr fuhr meine Mutter zur Leipziger Herbstmesse. Darauf hatten wir gelauert. Es dauerte keine zwei Tage, bis wir Vater weich geklopft hatten und er mit uns in die Zoohandlung fuhr. Wir gingen ganz unvoreingenommen an die Auswahl der Tierart, jedoch war uns sofort klar, dass es dieses kleine Wollknäuel dort in der Ecke sein sollte: ein Meerschwein. Schon auf dem Nachhauseweg bekam es seinen Namen: Otto! Nach Bennys und meinem absoluten Lieblingskomiker im Westfernsehen: Otto Waalkes.

Das Wohnzimmer wird zerlegt

Kaum waren wir zu Hause, musste Vater noch dringend ins "Schubert-Eck" zum Feierabendbierchen. Danach dauerte es genau fünf Sekunden, bis Otto hinter die Wohnzimmerschrankwand rannte und verschwunden war. Benny fing an zu heulen. Wir probierten, Otto mit allem Essbaren anzulocken, das wir zur Verfügung hatten, hörten aber keinen Mucks mehr. Als Vater gegen 22 Uhr aus der Kneipe kam, fand er uns jammernd im Wohnzimmer. Durch diverse Biere und Korn aufgemuntert beschloss er, sofort den Schrank auseinanderzunehmen. Als gegen Mitternacht die komplette Anbauwand in Einzelteilen im Wohnzimmer lag, konnten wir das verstörte Tier endlich befreien und zurück in seinen Käfig setzen.

Die ganze Familie, sogar unsere skeptische Mutter, liebte den kleinen Kerl. Wir stritten uns fast, wer den Käfig sauber machen durfte, wer ihn füttern und zum Tierarzt bringen durfte. Otto war eindeutig das passende Haustier für uns.

Diese Zuneigung hielt genau ein Jahr. Inzwischen war er nicht mehr das kleine niedliche Ding, sondern ein riesiges Vieh, das ein Viertel des Käfigs einnahm. Sobald er früh um halb sieben wie verrückt zu quieken begann, warfen wir ihm im Halbschlaf ein paar Möhren, Gras oder Salat in den Käfig, damit das nervige Gefiepe aufhörte. Der Zwinger stank bereits nach kürzester Zeit ohne Putzen fürchterlich nach Meerschwein-Hinterlassenschaften. Otto war zu einer Last geworden!

Strafdienst beim Nachbarn

Da mich der stechende Geruch nervte, hatte ich an einem heißen Sommertag eine gute Idee. Ich setzte Otto ins Zimmer, nahm den mit feuchten Sägespänen und Kackwürstchen gefüllten Käfig und schüttete den Inhalt einfach aus dem Fenster des neunten Stocks. Das war schnell und praktisch. Fünf Minuten später klingelte es an der Wohnungstür. Als ich aufmachte, schnappte mich Herr Römer aus dem achten Stock und zog mich am Ohr in seine Wohnung. Ich bekam einen uralten Staubsauger in die Hand gedrückt und musste das Schlafzimmer des Ehepaars Römer reinigen. Tausende von vollgepissten Sägespänen verzierten den Teppich.

Als wäre diese Demütigung nicht schon genug, erzählte er am Abend auch noch alles meiner Mutter. Ich stand dabei und war froh, dass Vater im "Schubert-Eck" abgetaucht war. Am nächsten Morgen steckte er Otto jedoch unvermittelt in einen Schuhkarton und brachte ihn wutentbrannt zurück in die Zoohandlung. Mist, Mutter hatte es ihm also doch erzählt.

Mein Bruder zerschlug am nächsten Tag mit einem Hammer sein Sparschwein und lief hoffnungsfroh zur Zoohandlung. Doch so verzweifelt Benny nach seinem Otto suchte - er konnte ihn nicht finden. Das wuschelige Tierchen war vor genau 20 Minuten verkauft worden. An wen, wusste der Verkäufer natürlich nicht zu sagen, und alle Versuche, dem Käufer doch noch irgendwie auf die Spur zu kommen, blieben vergeblich. Es sollte unser letztes Haustier gewesen sein.

Das Ende des "Schubert-Eck"

Als Ausgleich für sein Leid spielte ich mit Benny "Wand, Bild oder Schrift", wenn wir mit der U-Bahn von der Schillingstraße zum Tierpark fuhren. Hierbei mussten wir tippen, was vor dem Ausschnitt unseres Fensters zum Vorschein kommen würde, sobald der Zug hielt. "Wand" war die kahle Kachelwand der U-Bahnhöfe, "Schrift" waren die Namensschilder der Bahnhöfe, und die leeren weißen Werbetafeln ergaben "Bild", auch wenn rein gar nichts darauf zu sehen war. Es war ein Spiel vor allem für den Jüngeren, da er sehr gute Chancen hatte, mich auch mal zu schlagen. Glücklich betraten wir jedes Mal den Park der sozialistischen Tiere.

Wenn ich heute mit meiner Mutter gemütlich durch den gepflegten Volkspark Friedrichshain gehe, enden unsere Runden meist in einem schicken italienischen Café, wo wir gemeinsam zu einem Milchkaffee ein Eis essen. Eine andere Tradition konnte ich nie fortsetzen, denn das so genannte "Schubert-Eck" gibt es schon lange nicht mehr. An der Ecke wo es stand, erinnert nichts wird mehr an die beliebteste Kneipe des alten Herrn Schubert. Und trotzdem, manchmal, am Sonntagnachmittag, überkommt es mich - ich rufe meine Mutter an und frage, ob wir auf einen "Ringel" gehen.

Zum Weiterlesen:

Mark Scheppert: "Der Mauergewinner oder ein Wessi des Ostens. 30 vergnügliche Geschichten aus dem Alltag der DDR." Books on Demand GmbH, Norderstedt 2009, 228 Seiten.



zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.