DDR-Kreuzfahrt Traumschiff zum Abtauchen

Sie sollte der Stolz der DDR sein: Mit einer luxuriösen Kreuzfahrtflotte für verdiente Arbeiter wollte die SED-Führung dem Westen zeigen, wo der Hammer hängt. Doch die Luxus-Liner wurden zum Millionengrab. Und dann sprangen auch noch reihenweise Passagiere über Bord.


Noch Anfang der neunziger Jahre lag im Stralsunder Hafen ein schlankes Kreuzfahrtschiff mit auffällig geformtem Schornstein. Wenig erinnerte daran, dass an Bord des Dampfers einst DDR-Bürger die Sektkorken knallen ließen, sich auf dem Sonnendeck räkelten oder im Tanzsalon vergnügten, während sie über Ostsee und Mittelmeer schipperten. Rund 300.000 Menschen schickte die DDR zwischen 1960 und 1990 mit dem Hochseedampfer "Fritz Heckert" und zwei weiteren Kreuzfahrtschiffen in die Ferien.

"Früher sind die Kapitalisten, die reichen Geldsäcke auf solchen Schiffen gefahren. Heute sollen die Arbeiter auf solchen Schiffen fahren", verkündete ein Abgesandter der Wismarer Mathias-Thesen-Werft im Sommer 1958 auf dem Podium des V. Parteitags der SED in Berlin. Die Werftarbeiter selbst hätten den Bau des Luxusliners vorgeschlagen. Doch das war eine Legende. In Wirklichkeit war das Projekt von ganz oben angeordnet worden.

Herbert Warnke, Chef der DDR-Einheitsgewerkschaft Freier Deutscher Gewerkschaftsbund (FDGB), hatte 1953 eine erste Ideenskizze für den Bau eines FDGB-Ferienschiffes aufs Papier gebracht. Vor allem die staatstragende, zuweilen jedoch recht widerspenstige Klasse der Arbeiter sollte durch das Versprechen eines exotischen Reiseerlebnisses zu höheren Arbeitsleistungen animiert werden. Doch dem Schiffbau der DDR fehlten zunächst die Kapazitäten und dem Staatshaushalt die Mittel für das kostspielige Vorhaben. 1958 schien die Zeit reif für eine sozialistische Passagierschifffahrt.

Luxus für die Werktätigen

"Dieses Schiff wird mit seinem Kiel auch die Wogen der Lügen der Adenauer, Lemmer und Strauß zerteilen, die doch so gerne das Märchen von der 'ach so bedauerlichen Bevölkerung der Zone' im Munde führen, die von all ihrer 'sozialen Not' befreit werden müsse", schrieb das Gewerkschaftsblatt "Tribüne" damals. Auch Parteichef Walter Ulbricht lobte das Projekt, das sich nicht zuletzt gegen das Wirtschaftswunderland im Westen richtete: "Es ist sehr schön, dass wir die politische Macht haben, aber wir müssen auch beweisen, dass unser Wohlstand wächst."

Zwei weitere Kreuzfahrtschiffe sollten folgen - eine kleine Passagierflotte unter DDR-Flagge schien greifbar nah. Noch während die "Fritz Heckert" in Wismar zusammengeschweißt wurde, kaufte Ost-Berlin einen schwedischen Passagierdampfer, die ehemalige "Stockholm". 1956 hatte der Luxusliner durch die Versenkung der "Andrea Doria" weltweit für Aufsehen gesorgt. Anfang 1960 stach das Schiff erstmals unter seinem neuen Namen in See: "Völkerfreundschaft". Die Zeitungen brachten Bilder von "verdienten Werktätigen" auf dem Sonnendeck, am Fuße der Pyramiden und im Olympiastadion von Helsinki. Sie signalisierten den Daheimgebliebenen, dass sich auch in der DDR harte Arbeit lohne.

Über die Kosten des Vergnügens allerdings hatten sich die Verantwortlichen kaum Gedanken gemacht. Ökonomische Vernunft musste hinter ideologischem Wunschdenken zurückstehen. Wenige Monate nach der Jungfernfahrt der "Völkerfreundschaft" kritisierte Ulbricht die Subventionsmentalität des FDGB: "Ich sympathisiere durchaus mit den Mittelmeerreisen, das ist gar nicht die Frage, die Frage ist doch, wer zahlt es? Das Schiff, mit dem gefahren wird, muss auch amortisiert werden, das ist nicht berechnet, das wird sozusagen alles auf himmlische Weise gelöst. Da wir aber keine Abteilung der katholischen Kirche sind, geht das nicht." Wenig später zogen die Ticketpreise kräftig an.

Sprung über die Reling

Am 1. Mai 1961 brach die "Fritz Heckert" zu ihrer ersten Reise nach Helsinki, Leningrad und Riga auf - drei Monate später ließ DDR-Staatschef Ulbricht die Mauer bauen. Kreuzfahrten waren eine der wenigen verbliebenen Möglichkeiten für DDR-Bürger, andere Länder zu sehen. Und nicht nur das. Viele nutzten sie, um ihr Land für immer zu verlassen.

Die Pläne zum Bau weiterer Schiffe verschwanden in den Archiven, westliche Häfen wurden vom Routenplan gestrichen. Fortan durchleuchtete die Staatssicherheit die Passagiere vor Reisebeginn - mal mehr, mal weniger gründlich. Stasi-Mitarbeiter mischten sich unter Reisende und Besatzung. Mancher Kapitän schrieb nebenbei Berichte für den Geheimdienst. Dennoch gelang mehr als 200 Besatzungsmitgliedern und Passagieren die Flucht.

Immer wieder sprangen Wagemutige bei Fehmarn über Bord, um sich von Booten des Bundesgrenzschutzes aus der Ostsee fischen zu lassen. Auch der Bosporus galt als beliebter Fluchtpunkt. Vor allem junge, alleinstehende Männer wagten den Sprung über die Reling.

Die SED-Führung war zerknirscht über derart undankbares Verhalten. "Die Vorfälle wurden fotografiert und gefilmt und schädigen das Ansehen unserer Republik sowohl bei unseren eigenen Bürgern als auch im Ausland", urteilte sie 1964. Um weitere Blamagen zu verhindern, durften jetzt nur noch Gewerkschaftsfunktionäre und "Parteiveteranen" - die schon aufgrund ihres Alters nicht mehr über die Reling klettern konnten - durch die Meerenge bei Istanbul schippern.

Traumschiff im Land der Illusionen

Die Kosten des Kreuzfahrtbetriebes blieben hoch. Die "Fritz Heckert" hatte zudem Probleme mit dem Antrieb, so dass der "weiße Schwan der Ostsee" nach neun Jahren Fahrzeit außer Dienst gestellt und in Stralsund angekettet wurde. Die aus dickem Schwedenstahl gebaute "Völkerfreundschaft" hingegen erwies sich als zählebiger.

Die V1 - wie die "Völkerfreundschaft" im Besatzungsjargon genannt wurde - stampfte weiter über die Meere und verschlang Subventionen in Millionenhöhe. Allein zwischen 1976 und 1980 gab die DDR mehr als 50 Millionen Mark aus, um das Staatsschiff über Wasser zu halten. Ersatzteile waren nur noch mit Mühe aufzutreiben. Wirtschaftsexperten drängten denn auch auf die Einstellung der Kreuzfahrten, konnten sich aber nicht gegen die seefahrtsbegeisterten Steuermänner im Politbüro durchsetzen. Erst 1985 wurde der mittlerweile völlig marode Musikdampfer außer Dienst gestellt - und sogleich durch ein neues, modernes Schiff ersetzt: die "Arkona".

165 Millionen Valutamark (so bezeichnete die DDR die D-Mark) bezahlte Ost-Berlin für das luxuriöse Schiff, das ursprünglich für die Hamburger Staatsreederei HADAG als "Astor" vom Stapel gelaufen war. Als ZDF-"Traumschiff" war es auch im Land der Arbeiter und Bauern zu einiger Bekanntheit gelangt. Während DDR-Betriebe zusehends verfielen, feierte die Staatsführung den teuren Import als neuerlichen Beweis für die erfolgreiche "Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik". Das "Traumschiff" war im Land der Illusionen angekommen.

Auch eigennützige Motive dürften bei dem Kauf eine Rolle gespielt haben - die "verdienten Parteiarbeiter" wollten auch weiter ins sonnige Mittelmeer fahren und zuweilen in Algier, Dubrovnik oder Tripolis an Land gehen. Zudem wurden volkswirtschaftlich besonders wichtige Betriebe wie die uranfördernde Wismut oder das Automobilwerk Eisenach ab und zu mit ein paar Seereisen belohnt.

Anruf genügt

Wer zu den Eliten des Regimes gehörte, besorgte sich seine Reise auf dem kleinen Dienstweg. Dem Kinderbuchautor Gerhard Holtz-Baumert, der zugleich Parteisekretär des Schriftstellerverbandes war, genügte ein Anruf bei der FDGB-Zentrale, um die Koffer für eine Kreuzfahrt zu packen. Weniger privilegierte DDR-Bürger versuchten jahrlang vergeblich, ihre Urlaubskarriere mit einer Seereise ins tropische Kuba oder durch die norwegischen Fjorde - selbstverständlich ohne Landgang - zu krönen.

"Drei Jahre hintereinander habe ich eine Reise mit der 'Völkerfreundschaft' nach Leningrad beim Feriendienst in Limbach-Oberfrohna beantragt. Und obwohl mir vom BGL-Vorsitzenden (Betriebsgewerkschaftsleitung - Anm. d. Red.) gesellschaftliche Arbeit im Betrieb und außerhalb desselben auf dem Antrag bestätigt wurde, erhielt ich jedes Jahr einen ablehnenden Bescheid", beschwerte sich eine Frau aus Sachsen Ende der siebziger Jahre beim FDGB.

Schon wenige Wochen nach dem Mauerfall ging die Nachfrage nach den zuvor so begehrten Seereisen schlagartig zurück. Mit der neu gewonnenen Reisefreiheit verfügten die DDR-Bürger nun über andere Möglichkeiten, die weite Welt zu entdecken - ganz ohne Seekrankheit.

Der Historiker Andreas Stirn promoviert über Seereisen in der DDR. Er wird von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur gefördert.

Zum Weiterlesen:

Susanne Muhle, Hedwig Richter, Juliane Schütterle (Hrsg.): Die DDR im Blick. Ein zeithistorisches Lesebuch, Metropol-Verlag, Berlin 2008.



insgesamt 4 Beiträge
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klaus dieter, 02.08.2008
1.
wir DDR Bütger waren doch alle feige und haben nicht uns aufgelehnt.Ich schäme mich dafür und danke allen Wessis, auch das so eine Floskel, uns aus diesem Tal geholfen zu haben. Statt dessen jammern meine Ossibüder und Schwestern dabei ruhen sich die Meisten auf Harz 4 aus. Seid doch ehrlich Wir haben doch die Faulkrankheit in den Genen. Und lassen die Wessis auch noch fleißig jetzt weiter für uns schuften. Statt dessen schauen wir auf die Vergangenheit in den FKK Zentren wo ich als Bub gesehen und erlebt habe, es war nur der
Ralf Bülow, 02.08.2008
2.
Zum angeblich völlig maroden Musikdampfer "Völkerfreundschaft" wäre zu ergänzen, dass er in den 1990er Jahren rundumerneuert wurde und inzwischen als "Athena" kreuzfährt und urlaubsreist, siehe die Wikipedia-Seite zur "MS Stockholm". Völlig verschwunden ist die sozialistische Passagierschifffahrt also nicht.
Steffen Beyer, 02.08.2008
3.
Werter Herr Klaus Dieter,und ich schäme mich für Leute wie Sie.Leute wie Sie sind doch nur Handlanger des Großkapitals.Sie scheinen noch nicht mitbekommen zu haben,daß die Ausbeutung der Werktätigen immer schärfer wird.Wir haben es heute mit einem Gegner zu tun,der keine Gnade kennt,das globalisierende Kapital.Denen ist jedes Mittel recht um immer reicher zu werden.Koste es was es wolle.Diese Leute verstehen nur eine einzige Sprache,den harten und kompromißlosen Widerstand und die harte Faust der Arbeiterklasse.Jetzt weiß man erst mal ,was man an der DDR und Ihrer Partei und Staatsführung hatte.Ich persönlich bin jedenfalls kampfbereit.Ende der Durchsage.Kaepten1963
Alexander Prahl, 04.08.2008
4.
Zu Bild 13: Die mannschaft hat sich unbekanter weise verkleidet. Im ganzen Kontext: Das Bild zeigt eine Taufe, getauft wird an Bord immer wenn man zum Beispiel den Aequator zum ersten mal ueberquert oder das erste mal in das Schwarze Meer faehrt. Dann werden alle Besatzungsmitglieder und oder pAssagiere von neptun getauft, am Ende gibt das meisst eine Urkunde. Einer der Mannschaft verkleidet sich dazu als Neptun der Rest der Truppe als eine 'Art Piraten'. Daher die verkleidung. Die Praktik wird in alter Tradition heute noch auf kommerzielen Schiffen und auf Marine Schiffe aller Nationalitaeten ausgeuebt.
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