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DDR-Kultband AG. Geige Dada-Pop vom Volkskunstkollektiv

DDR-Kultband AG. Geige: Pappnasen, Synthesizer und tanzende Maiskolben Fotos
Dieter Wuschanski

Mit bizarren Bühnenshows und Elektro-Klangexperimenten erschütterte die Band AG. Geige in den Achtzigern die DDR-Musikwelt. Sänger Jan Kummer erinnert sich an eingeschmuggelte Synthesizer, ratlose SED-Prüfer und Begegnungen mit der Stasi.

Im Jahr 1986 kamen in Karl-Marx-Stadt ein paar junge Leute zusammen, um sich künstlerisch auszuprobieren und das Theaterstück eines Freundes umzusetzen. Das Stück schaffte es zwar nie auf eine Bühne, doch die unbändige Begeisterung der kleinen Gruppe für Schrägheit, Performance-Kunst und Musik brach sich andere Bahnen: Sie begann, experimentelle Hausmusik zu machen - und wurde schließlich zu einer der einflussreichsten Bands der letzten DDR-Generation: AG. Geige, ein Avantgarde-Act, der sich mit drei Alben und unzähligen Live-Auftritten in die Herzen des DDR-Publikums spielte und schließlich sogar von Präsidentengattin Danielle Mitterand eingeladen wurde, in Frankreich ein Konzert zu geben.

Jan Kummer, ein drahtiger 50-Jähriger aus Chemnitz, der mit wachen Augen durch seine dicke Brille blickt und eine Zigarette nach der anderen raucht, war damals Sänger der Band. Einer Band, die mit ihren expressiven Auftritten und dadaistischen Texten so gar nicht zu den Vorstellungen der SED von der offiziellen DDR-Kultur passen wollte. Heute ist Kummer bildender Künstler und führt mit Freunden in Chemnitz den Indie-Klub Atomino - und seine Söhne Till und Felix mischen mit ihrer Band Kraftklub aktuell selbst die deutsche Musikszene auf.

SPIEGEL ONLINE: Herr Kummer, mit einer Mischung aus New Wave und Punk, Stilrichtungen aus dem kapitalistischen Ausland, waren sie in der DDR ungemein erfolgreich. Hatten Sie keine Angst vor den Reaktionen des Regimes?

Kummer: Wir waren beflügelt von den Möglichkeiten, die sich mit einer eigenen Band ergaben. Aber die Möglichkeit der Katastrophe stand immer im Raum. In der DDR konntest du mit etwas Glück 20 Jahre lang in der Kneipe jeden Abend politische Witze erzählen, ohne dass etwas geschah. Aber wenn du einmal an den Falschen geraten bist oder die dich auf'm Kieker hatten, konnte schon ein falscher Witz Knast bedeuten.

SPIEGEL ONLINE: Nun war AG. Geige ja nicht nur in der Kneipe an der Ecke bekannt.

Kummer: So etwas wie AG. Geige ist eigentlich ein Nischenphänomen - wir sind aber zu unserem eigenen Erstaunen unglaublich populär geworden. Die Zeiten waren günstig, als die staatstragenden Dinosaurier der DDR gemerkt haben, die Jugend kommt ihnen abhanden. Dann ergaben sich für uns beim Jugendsender DT64 und bei der staatlichen Plattenfirma Amiga Möglichkeiten, im Radio gespielt zu werden oder sogar eine Platte zu veröffentlichen. Was typisch DDR war: Durch den Mangel an interessanten Bühnenprojekten hatten wir mit unserem recht artifiziellen Konzept Erfolg.

SPIEGEL ONLINE: AG. Geige verwendete viele elektronische Klänge - woher bekam man in der DDR das nötige Equipment?

Kummer: Sich auf Elektronik zu konzentrieren war schon idiotisch. Alles war extrem überteuert und musste über dunkle Kanäle aus dem Westen besorgt werden. Das Herzstück der Band, ein Synthesizer, kostete damals 10.000 Ostmark - bei einem damaligen Durchschnittsgehalt von etwa 500 Ostmark. Um Klangschleifen abspielen zu können, benutzten wir tschechische Tonbandgeräte. Und live brach regelmäßig unser zusammengebautes Elektro-Instrumentarium aufgrund der dürftigen Technik am Veranstaltungsort zusammen. Grauenvoll.

SPIEGEL ONLINE: Und das waren vermutlich nicht die größten Probleme der Band.

Kummer: Ja, das größte Hindernis war, eine Spielerlaubnis zu bekommen, um Konzerte geben zu dürfen. Dafür brauchte man die sogenannte Einstufung. Wir waren durch DT64 schon bekannt, durften aber noch nicht live auftreten, also beantragten wir die Einstufung. So bekamen wir eine öffentliche Auftrittsmöglichkeit, um vor den Gutachtern vorzuspielen. Aber jedes Mal ist die Kommission verschwunden, weil sich keiner getraut hat, uns einzustufen. Die konnten nichts mit unseren dadaistischen Texten anfangen. Ihre Haltung war offensichtlich: "Auf den ersten Blick ist nix zu entdecken, aber vielleicht kapiere ich bloß was nicht - und nachher halte ich den Kopf hin!" Und so war die Kommission wegen Krankheit, Unwohlsein und Ähnlichem nie beschlussfähig. Allein auf die Art hatten wir etliche Auftritte.

SPIEGEL ONLINE: Klingt nicht nach einer Dauerlösung.

Kummer: Nein, aber zum Glück hatte eine Bekannte von uns eine geniale Idee. Es gab nämlich auch Einstufungen für Volkskunstkollektive - Holzschnitzer, Klöppelfreunde, Schachspieler und so weiter. Dafür reichte die Einschätzung einer Galeristin des städtischen Kunsthandels und von zwei anderen Fürsprechern. Die besorgten wir uns und waren damit offiziell anerkannt als "Volkskunstkollektiv der ausgezeichneten Qualität", was gleichbedeutend war mit einer Spielerlaubnis.

SPIEGEL ONLINE: Wie waren Ihre ersten Gagen?

Kummer: Bei Stars wie den Puhdys mag das anders gewesen sein, aber eigentlich war in der Spielerlaubnis auch für jede Band die Gage festgelegt: Bei uns 300 Mark plus Fahrtkosten. Ob wir vor fünf oder tausend Leuten gespielt haben - egal. Absurd, aber das waren die kulturellen Auswüchse der Planwirtschaft. Dein Marktwert wurde von einer Kommission festgelegt, steigende oder sinkende Popularität war nicht vorgesehen.

SPIEGEL ONLINE: Zu DDR-Zeiten bekamen Sie bereits Anfragen für Auftritte im westlichen Ausland. Half das, um außerhalb der Grenze spielen zu können?

Kummer: Nein. Auftritte im nichtsozialistischen Ausland musste die SED genehmigen. Und von denen kam sowas wie: "AG. Geige? Die sind wirklich keine Aushängeschilder für sozialistische Jugendkultur - was sollen die denn im Westen denken? Nein, das geht nicht!"

SPIEGEL ONLINE: Wurden Sie von der Staatssicherheit angesprochen?

Kummer: Das gab es schon. Bei mir war das getarnt als "Die Armee will mit dir sprechen" - aber seltsamerweise waren das dann Leute in Zivil.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat der Mauerfall ihre Karriere verändert?

Kummer: Schlagartig stand einem die Welt offen - in der Nach-Wende-Euphorie gab's zunächst jede Menge Spielangebote, Schweiz, Frankreich, Westdeutschland sowieso, da haben wir ausgedehnt getourt. Andererseits musste man parallel dazu auch das private Leben klären. Wie lebt man als Künstler im kapitalistischen System? Wir wussten ja nicht mal, was überhaupt Mehrwertsteuer ist - und dass eine Wohnung nicht 20 Mark Miete kostet, sondern einen reellen Preis hat. Geld war völlig uninteressant zu DDR-Zeiten. Kein Schwein hat's interessiert, da ging es um Ruhm und Ehre. Alles Geld warf man zusammen in einen Topf.

SPIEGEL ONLINE: Und als diese anfängliche Nach-Wende-Euphorie dann abklang?

Kummer: Es war ungemein schwierig, umzuschalten und sich als Künstler in einer neuen Gesellschaft glaubhaft zu positionieren. Die westdeutschen Medien waren völlig desinteressiert - und jene im Osten waren weggebrochen. Außerdem herrschte das logische Bedürfnis unseres Publikums, nun erst mal die Westhelden nachholen zu wollen. 1993 trennten wir uns dann, allerdings aus künstlerischen Gründen. Ein Label für weitere Veröffentlichungen hätten wir gehabt.

SPIEGEL ONLINE: Wie ging es nach dem Bruch für Sie weiter?

Kummer: Wir machten den klassischen Fehler: "Jetzt ist Westen, jetzt müssen wir alle arbeiten gehen! Man kann ja nicht einfach so Künstler sein." Dabei gab es Anfang der Neunziger noch diese traumhafte soziale Hängematte, man hätte jahrelang Arbeitslosengeld beziehen können. Aber die Jobs hatten jeden erwischt: Ich besaß einen Plattenladen, Frank Bretschneider war in einer Werbeagentur gelandet, Olaf Bender war im Textilien- und Taschenvertrieb. Mittlerweile lebe ich als bildender Künstler und die beiden sind wieder erfolgreich in der elektronischen Musik unterwegs. Meine Frau Ina ist heute in der Sozialarbeit tätig.

SPIEGEL ONLINE: Und ihre Söhne Felix und Till sind inzwischen selbst sehr erfolgreich mit ihrer Band Kraftklub im Musikgeschäft unterwegs. In einem ihrer Songs heißt es: "Unsre Eltern kiffen mehr als wir, wie soll man rebelliern? / Egal, wo wir hinkommen, unsere Eltern waren schon hier." Ist die Vergangenheit ihrer coolen Eltern für sie eher ein Stigma?

Kummer: Das ist hart, aber wir konnten es ihnen nicht ersparen. Felix saß früher als Teenager bei uns im Hof und die Alten haben sich da Sachen erzählt. Wie kannst du es toppen, wenn jeder zweite irgendwelche Knastgeschichten erzählt? Oder dass in den Neunzigerjahren alle völlig naiv Drogen eimerweise konsumierten, weil die eben 40 Jahre lang nicht erhältlich gewesen waren? Man kann es mit heute nicht vergleichen - und das machen wir auch nicht. Das ist jetzt ihre Zeit.

SPIEGEL ONLINE: Und wie finden Ihre Jungs AG. Geige?

Kummer: Die Jungs sind mit der Aussage aufgewachsen: Wenn ihr das anhören wollt, dann nur in meiner Abwesenheit. Ich hab vor ein paar Jahren meinen Frieden damit gemacht, aber damals wollte ich meine alte Grütze einfach nicht mehr mitkriegen, für mich war das abgeschlossen. Für Till und Felix war es daher lange so: Der Vater hat was Seltsames gemacht, Anhören verboten! Sie haben sich aber ab und zu den Spaß gemacht, sich der Musik doch auszusetzen. Trotzdem: Zu Hause war AG-Geige-freie-Zone.

Das Interview führten Felix Scharlau, Linus Volkmann und Thomas Venker.


Kürzlich erschien die Dokumentation von Carsten Gebhardt "AG Geige - Ein Amateurfilm" auch auf DVD. Weitere Infos unter www.aggeigefilm.de.

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insgesamt 20 Beiträge
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1. Genial
Axel Klinkhardt, 30.09.2014
Erinnert mich irgendwie an die österreichische Band Ganymed. Kennt die noch jemand?
2. Unter Grund
C Hilgetag, 30.09.2014
Ich (Jahrgang 1969, Ost) bin einigermassen verblüfft -- ich habe bis jetzt noch NIE von AG. Geige gehört. Dass sie sich in die Herzen '_des_ DDR-Publikums' gespielt hätten, ist vielleicht etwas übertrieben.
3. Tolle Kapelle!
Thomas Kraus, 30.09.2014
AG Geige hab ich zuerst im Parocktikum von DT64 gehört und war begeistert. Mal was anderes wie Punk oder Blues von "Feeling B" oder "Freygang" .. und dann noch aus dem "Vogtland". Live habe ich sie dann zweimal erlebt und neben den "Freunde der italienischen Oper" zählten sie für mich zu den absoluten "schrägsten" Bands in der DDR. Die DVD hole ich mir natürlich!
4. Referenzpunkte
Thomas Schmidt, 30.09.2014
Als Referenzgruppen muß hier auf jeden Fall "Der Plan" genannt werden, deneben natürlich auch noch die "Residents"!
5. Sehr gut
klytomnestra, 30.09.2014
hier einen Artikel über AG Geige zu lesen. Ich bin 69' iger Jahrgang hatte leider nie die Gelegenheit AG Geige live zu erleben. Deswegen habe ich die DVD über ihre Crawdfounding Aktion bezogen. Hat super funktioniert. @ Hilgetag - In die Herzen des DDR Publikums gespielt ist sicher übertieben. Helden einer studentisch - künstlerischen Szene sicher! Wie schön, dass erfolgreiche Kinder das Auge der Öffentlichkeit gerade auf dieses verehrungswürdige musikalische Projekt lenken können.
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