DDR-Mode Schrilles aus der Grauzone

Von wegen sozialistischer Einheitslook! Die Mode in der DDR war viel kreativer als ihr Ruf. Weil es den West-Schick im Laden nicht gab, nähten sich Frauen wie Josefine Edle von Krepl ihr Outfit eben selbst. Und brachten damit die Parteioberen auf die Palme.

Versandhaus Leipzig

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Irgendwann hatte es Josefine satt. Keinen Tag länger wollte sie mehr leben ohne diese wundervollen Holzsandalen, mit denen die Mädchen aus dem Westfernsehen ihr arglos auf der Seele herumtrampelten. Also nahm sie sich zwei Stullenbretter aus der Küche, sägte Schuhsohlen aus, nagelte Riemchen darauf - und fertig waren die Klapperlatschen.

"Sie glauben nicht, was die für einen Lärm gemacht haben", sagt Josefine Edle von Krepl und lacht. 50 Jahre ist es jetzt her, dass sie zu den Stullenbrettern griff, um sich ihren Traum zusammenzuzimmern, keine 16 war sie damals. Ein Teenager, der sich hübsch anziehen wollte. Und im "Konsum" nur hässliche Klamotten fand.

Wie Josefine gab es Millionen von Frauen im Arbeiter- und Bauernstaat. Weil ihnen die tristen Ladenhüter in den Regalen nicht gefielen, nähten, bastelten und strickten sie sich den ersehnten West-Schick eben in Eigenregie. Weshalb DDR-Mode mitnichten auf geblümte Dederon-Kittelschürzen, sandfarbene "Präsent.20"-Plastikhosen und andere Scheußlichkeiten zu reduzieren ist: ein Fakt, den das kürzlich erschienene "große DDR-Mode-Buch" unterhaltsam illustriert.

"Gehst du Lederol gekleidet, jeder Westler dich beneidet"

Immerhin ein Fünftel des gesamten Bekleidungsbedarfs schneiderten sich die Frauen im Osten selbst. Indem sie auf eigene Faust Alternativen zum dürren Warenangebot schufen, machten sie sich zwar noch nicht zu Staatsfeinden - das System höhlten sie trotzdem leise aus. Denn die Partei hatte klare Vorstellungen von einer DDR-Mode: "Der Sozialismus ermöglicht eine gute Kleidung für alle, ohne Standesprivilegien, ohne luxuriöse Überspitzungen, aber von geschultem Geschmack und mit Freude an Farbe und Form", hieß es im parteikonformen Lexikon von 1962.

In Abgrenzung zur bürgerlich-blasierten Westhausfrau sollte die sozialistische Frau praktisch und funktional gekleidet sein, "schlicht, ohne Firlefanz, mit klarer Linie", so Josefine Edle von Krepl. Ein eigenes Modeinstitut wurde geschaffen, um den DDR-Dresscode zu überwachen, mit Sprüchen wie "Gehst du Lederol gekleidet, jeder Westler dich beneidet" versuchte die SED-Führung ihren Bürgern die ab 1958 massiv produzierten DDR-Synthetikstoffe schmackhaft zu machen. Denn Naturfasern wie Baumwolle waren rar, ein Ersatz musste her.

Doch das Volk wollte kein Lederol, das Volk wollte echtes Leder, ebenso wie es keine Wisent-Jeansimitate, sondern echte Levis 501 begehrte. Da half es auch nichts, dass die SED die glänzenden Kunstfasern nach dem Arbeiter- und Bauernstaat benannte ("DeDeRon") oder zum Staatsjubiläum ("Präsent.20") auf den Markt brachte. "Das Zeug klebte am Leib wie eine Plastiktüte", erinnert sich Josefine Edle von Krepl. Bereits als junges Mädchen protestierte sie mit der Nähmaschine gegen das Diktat der Mode.

Zu kurze Röcke, zu westlich-blasierte Models

Einmal stiftete sie ihre Mitschülerinnen dazu an, Latzhosen aus Fahnenstoff zu nähen, mit gelber Steppnaht und einer kleinen Eule auf der Pobacke. Nicht unbedingt schön, aber eben anders, individuell. So wie man sein will, als Jugendlicher, auf der Suche nach der eigenen Identität.

Immer wieder schickten ihre Lehrer die kreative Rothaarige mit dem Adelstitel nach Hause, damit sie sich umzog, ihre selbstgebastelten, bodenlangen Ketten, die "Amikutte" oder die Jeanshose gegen parteikonforme Kleidung austauschte oder den bunten Rolli unter der FDJ-Bluse auszog. Später machte Josefine Edle von Krepl ihren Modefimmel zum Beruf, ab 1967 arbeitete die studierte Modegestalterin und Journalistin bei der DDR-Frauenzeitschrift "Für Dich". Doch auch hier eckte Josefine ständig an.

Mal waren die von ihr entworfenen Röcke zu kurz, mal schauten die Models zu "westlich-blasiert". Immer wieder wurde Josefine in die Chefredaktion zitiert und zusammengefaltet, als einzige Mitarbeiterin durfte die Parteilose nie zu den Modeschauen in den Westen fahren, von allen bekam sie das niedrigste Gehalt. Schließlich reichte Josefine die Kündigung ein und wagte das eigentlich Unmögliche: 1980 gründete sie eine private Modeboutique in Ostberlin.

"Jugendmode 68 - kess und farbenfroh"

Zu dieser Zeit waren nahezu alle Modeunternehmen längst verstaatlicht, selbst das Unternehmen des erfolgreichen Designers Heinz Bormann, von der Presse als der "rote Dior" geadelt, wurde auf Staatsgeheiß in einen "Volkeigenen Betrieb" umgewandelt. Josefine scherte das wenig, ihre Boutique in der Ost-Berliner Boxhagener Straße sollte Kultstatus erlangen. "In Doppelreihen standen die Kunden vor dem Laden, abends war alles ausverkauft", erinnert sie sich.

Fast wie zu besten JuMo-Zeiten ging es hier zu. Mit der "JuMo", kurz für "Jugendmode", versuchte der SED-Staat im Jahr 1968, die immer lauter gegen das Kleiderdiktat rebellierende Jugend für sich zu gewinnen. DDR-Staatschef Walter Ulbricht höchstpersönlich hatte angeordnet, modisch für Brot und Spiele zu sorgen, kunterbunte Farben und fröhliche Schnitte ließen die unter dem Motto "Jugendmode 68 - kess und farbenfroh" verkauften Klamotten zu einem wahren Renner werden.

Einziges Problem: Die hübsche Jugendmode war im Nu ausverkauft, Nachschub trudelte nur langsam oder gar nicht in den Läden ein. Frustriert wandten sich die Jugendlichen wieder ab, nähten selbst, hofften auf hübsche Mode aus dem Westpaket - und kauften ab 1980 bei "Josefine" ein.

Baumwolle gegen West-Nagellack

Hier fanden die Menschen, was sie im "HO" oder "Konsum" vergeblich suchten, im Versandhandel zwar bestellen konnten, aber nur selten oder viel zu spät auch geliefert bekamen - und im elitären "Exquisit" nicht bezahlen konnten. Denn so viel Doppelmoral musste sein im real existierenden Sozialismus: Schöne Mode gab es schon zu kaufen in der DDR - aber vorwiegend für die Reichen.

Im "Exquisit", wo es auch westliche Fabrikate gab, shoppten vor allem die Frauen der Parteifunktionäre, ein Mantel kostete hier schon mal ein durchschnittliches Monatsgehalt. Anders bei "Josefine", die überwiegend "Ausreiser" beschäftigte, also DDR-Bürger, die ihren Job über Nacht verloren, weil sie einen Ausreiseantrag gestellt hatten.

Während die Hobbyschneiderinnen Blusen aus Bettlaken, Duschvorhängen, Windeln und Molton-Tüchern zauberten, riskierte Josefine Kopf und Kragen, um illegal an die raren Naturfasern zu gelangen. Regelmäßig schlüpfte sie durch ein Loch im Stacheldrahtzaun, der die Russensiedlung in der Nachbarschaft von den DDR-Bürgern abschirmen sollte. Denn die Russen besaßen die begehrte Baumwolle. "Ich bestach die Verkäuferin mit Westnagellack und Kaffee, und schon hatte ich meinen Stoffballen", sagt die 65-Jährige. Bald rief ihr modisches Querulantentum die Stasi auf den Plan.

"Aus Knete Bonbons gemacht"

Ihre Telefonate wurden abgehört, vor der Boutique parkte ein Auto, dessen Insassen rund um die Uhr rüberschielten. Veranstaltete Josefine Modenschauen oder Vernissagen, war immer jemand da, den sie nicht kannte. Dass zudem ihre gesamte Wohnung verwanzt war, erfuhr sie erst nach der Wende, aus ihrer Stasi-Akte. Schließlich wurde es Josefine zu bunt. Wenige Monate vor dem Mauerfall siedelte sie in den Westen über, zwei Söhne und eine Unmenge von angesammelten Kleidern im Gepäck.

Nach der Wende ging Josefine zurück, um festzustellen, dass nicht mehr allzu viel übrig war von der modischen Undergroundszene aus vergangenen DDR-Tagen. "Früher haben wir aus Knete Bonbons gemacht", sagt sie. Der Mangel habe die Menschen kreativ werden lassen - die Warenflut nach der Wende stoppte diesen Prozess.

Plötzlich rosteten die Nähmaschinen ein, und die Ostdeutschen kleideten sich in den allgegenwärtigen West-Ketten ein. "Das nenne ich Einheitslook", klagt die Frau mit der roten Lockenpracht, die nach eigenem Bekunden noch nie beim Friseur war. Mit dem Modebusiness hat Josefine Edle von Krepl heute nichts mehr am Hut.

Dafür besitzt sie ihr eigenes Modemuseum, auf Schloss Meyenburg in der Prignitz. Für 351 Kleider ist hier Platz - das ist genau ein Zehntel ihrer Sammlung. Wenn sie jeden Tag einen jungen Menschen für die Faszination kreativer Kleidung begeistert, hat sie ihr Ziel erreicht, sagt Josefine. Es muss ja keiner gleich so weit gehen wie sie - und Holzlatschen aus Stullenbrettern zusammenschustern.

Zum Weiterlesen:

"Das große DDR-Mode-Buch". Eulenspiegel-Verlag, Berlin 2010, 192 Seiten.

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