DDR-Opposition Gottesdienst für Freaks

Parka, Jeans und Rotwein: Tausende DDR-Jugendliche stürmten 1979 eine Ost-Berliner Kirche - um das erste Mal in ihrem Leben einen Gottesdienst zu besuchen. Die Bluesmessen der Samaritergemeinde wurden zu Festen des Freiheitswillens. Doch auch die Stasi nahm Veranstalter und Besucher ins Gebet.

In der Kirche St. Nikolai in Greifswald fand 1984 eine Ausstellung zum Umweltschutz statt.
Karl Schillinger

In der Kirche St. Nikolai in Greifswald fand 1984 eine Ausstellung zum Umweltschutz statt.

Von Dirk Moldt


Kreisjugendpfarrer Rainer Eppelmann war es gewohnt, vor halbleeren Bänken zu predigen. Das Angebot, das ihm der Bluesmusiker Günther Holwas im Frühsommer 1979 machte, aber klang verlockend. Holwas wollte ein Benefizkonzert in der Samariterkirche im Ost-Berliner Stadtteil Friedrichshain veranstalten. "Ich mache dir die Kirche voll!", versprach er.

Der Jugendgottesdienst mit Hollys Blues-Band fand am 1. Juni 1979 statt, und Holly hatte nicht zu viel versprochen: Die Kirche war so voll, wie sonst nur zu Weihnachten - nur, dass sich die Besucherschar ganz überwiegend aus langhaarige Freaks mit Parka und Jeans zusammensetzte. Viele von ihnen waren zum allerersten Mal in einer Kirche - und benahmen sich auch so. Sie standen neben den Bänken, reichten Rotweinflaschen herum und rauchten. Doch die Veranstalter waren zufrieden, und selbst staatliche Organe äußerten sich wohlwollend - sie monierten lediglich, dass die Veranstaltungszeit überschritten und in den letzten 45 Minuten kein biblischer Text vorgetragen wurde.

Es war kaum zu glauben: In der Folgezeit stürmten Jugendliche aus allen Teilen der DDR zu Tausenden eine Kirche, um einen Gottesdienst zu erleben. In zwanzig sogenannten Bluesmessen mit insgesamt 48 Durchläufen wurden nicht weniger als 50.000 Teilnehmer gezählt. Waren zunächst nur eine Handvoll Organisatoren damit betraut, brauchte es später fast 100 Helfer, um einen reibungslosen Ablauf zu ermöglichen. Auch die Vorbereitungen waren aufwendig - denn in der atheistisch geprägten DDR konnten viele Jugendliche mit modernen Bibelübertragungen wenig anfangen.

"Sie machen mit Dir, was sie wollen"

Diakon Bernd Schröder nannte seinen Jugendgottesdienst am 13. Juli 1979 deshalb schlicht "Zwischen Hass und Hoffnung". In einem Klagestück hieß es: "Es hat doch alles keinen Zweck. Diejenigen, die die Macht haben, können sowieso mit einem machen, was sie wollen und sind immer im Recht. Erst sind es die Eltern, dann die Lehrer und Lehrmeister und jetzt die Vorgesetzten und die Partei."

Den Text verstanden auch die anwesenden Vertreter der Staatsorgane - und empfanden ihn als Provokation. Eppelmann wurde ins Rathaus zitiert und mit der Feststellung konfrontiert, dass die Bluesmesse gar kein Gottesdienst sei, sondern eine genehmigungspflichtige Veranstaltung. Der Pfarrer indes führte die wesentlichen Bestandteile des Gottesdienstes in der Bluesmesse an und erklärte, dass nur Fachleute, also Pfarrer, darüber urteilen könnten, ob es sich um einen Gottesdienst handele oder nicht.

Während sich die Staatsorgane durch die politischen Anspielungen hintergangen fühlten, jedoch die "freie Verkündigung" erlaubten, beharrten Kirchenleute darauf, dass die Verkündigung das ganze Leben umfasse und deshalb auch vor heiklen Themen nicht Halt machen dürfe. Der Konflikt sollte noch in weiteren Veranstaltungen dieser Art seine Fortsetzung finden.

Die Darsteller spielen sich selbst

Zunächst aber versuchten die Staatsfunktionäre, die Bluesmesse in Friedrichshain ganz zu verbieten. Kirchenkreis und Kirchenleitung solidarisierten sich jedoch. Die dritte Bluesmesse am 28. Februar 1980 hatte das Thema "Gewalt - Gewaltverzicht". Aufgegriffen wurden Fragen, die die Jugendlichen stark bewegten, von offizieller Seite jedoch ignoriert oder nur sehr einseitig diskutiert wurden: Frieden, Jugendpolitik, Meinungs- und Informationsfreiheit.

In einer Spielszene wurden dazu gegenteilig lautende Meldungen in den Ost- und Westmedien karikiert:

"Weiß: 'Am 7. Oktober randalierten jugendliche Rowdys auf dem Alexanderplatz!'

Schwarz: 'Am 7. Oktober protestierte die DDR-Opposition auf dem Alexanderplatz!"

Weiß: 'Die Nato gefährdet den Frieden!'

Schwarz: 'Der Warschauer Pakt gefährdet den Frieden!'

Weiß: 'Anlässlich des 30. Jahrestags der DDR wurde eine Amnestie erlassen.'

Schwarz: 'Am 17. Januar 1980 wurde (es folgte dessen vollständiger Name) wegen asozialer Lebensweise zu drei Jahren Haft verurteilt.'"

Nach weiteren Beispielen hielt Eppelmann ein Schild mit einem großen Fragezeichen in die Höhe und fiel unter Jubel und Beifall um. Zeugen erinnern sich an die Stimmung in der Kirche: "Darsteller und Musiker spielten sich selbst. Lebensfreude, Frust und Blues waren ein Ganzes, sowohl für die Zuschauer als auch für die Darsteller. Die Stimmung in der Kirche hatte einen regelrechten Festivalcharakter."

Das MfS macht Druck

In seiner Predigt benannte Eppelmann Unsicherheit, Angst und Gewalt als Phänomene, die sich durch alle Bereiche des Lebens ziehen, von der Familie bis zur Politik. Gott habe die Menschen jedoch geschaffen, damit sie überall Frieden stiften.

Die Kriminalpolizeiabteilung K1 eröffnete eine Kriminalakte, die hauptsächlich dem Zweck diente, Material gegen Veranstalter und Besucher zu sammeln. Die Bekämpfung der Bluesmessen übernahm das Ministerium für Staatssicherheit (MfS). Mit Hilfe eines dichten Netzes von Inoffiziellen Mitarbeitern war die Stasi relativ früh über Veranstaltungspläne informiert, ab Juli 1980 schnitt sie zudem sämtliche Veranstaltungen mit.

Ein offenes Verbot der Bluesmessen hielt man wegen der Unterstützung durch die Kirchenleitung für nicht ratsam. Stattdessen wurde mittels Gesprächen auf verschiedenen Ebenen, etwa zwischen dem Staatssekretariat für Kirchenfragen und dem Bischof, dem Stellvertretenden Oberbürgermeister und dem Generalsuperintendenten oder dem Vize-Stadtbezirksbürgermeister und dem Superintendenten Druck auf einzelne leitende Kirchenmitarbeiter ausgeübt. Zudem setzte man auf den Einfluss Inoffizieller Mitarbeiter des MfS in Kirchenämtern.

"Volkszorn entwickeln"

Weil sich die Besucherzahlen von Mal zu Mal verdoppelten, entschieden sich die Veranstalter dafür, die Bluesmessen in zwei verschiedenen Kirchen durchzuführen. So fand am 13. Juni 1980 die Bluesmesse "Leben macht Spaß" zunächst in der Samariterkirche statt, anschließend wiederholten Pfarrer und Akteure das Programm in der zwei Kilometer entfernten Auferstehungskirche.

Als dem MfS bekannt wurde, dass sich die Samaritergemeinde mit der polnischen Streikbewegung und der Gewerkschaft Solidarnosc beschäftigte, ließen Staatsvertreter über die Kirchenleitung mitteilen, dass sie das Thema Polen in der nächsten Bluesmesse nicht wünschten und drohten mit polizeilichen Maßnahmen.

Da sie daraufhin keinen Anlass für inhaltliche Kritik fand, konstatierte die staatliche Seite am 12. September 1980 beträchtliche Mängel in punkto Ordnung und Sicherheit. Zahlreiche Jugendliche passten nicht mehr in die Kirche, blieben auf der Straße stehen, tranken Alkohol, und einige urinierten in Hausflure. Unter dem Andrang der Jugendlichen brach zudem das Geländer an der Kirche zusammen. Staatliche Funktionäre sammelten daraufhin Beschwerden von Anwohnern, was der SED-Bezirkssekretär Heinz Kimmel mit dem Begriff "Volkszorn entwickeln" umschrieb.

Neue Protestgeneration

Vorbereitungskreis und Kirchenleitung sahen sich genötigt, die Bluesmessen aus dem dicht besiedelten Altbaugebiet herauszunehmen. Als Alternative bot sich die Erlöserkirche in Lichtenberg an, die ein großes Freigelände besaß. Die Kirchenleitung forderte nun allerdings ein größeres Mitspracherecht bei der Textgestaltung ein. Zwar wies Generalsuperintendent Hartmut Grünbaum das staatliche Bemühen um Beendigung der Bluesmesse mit den Worten "Wenn Sie eine Bluesmesse verbieten, dann verbieten Sie einen Gottesdienst!" zurück, zugleich aber mischte sich die Kirchenleitung stärker in Programmplanung und Sprache ein, so dass am Ende nicht einmal mehr das Wort "Scheiße" gesagt werden durfte.

Die Besucherzahlen stiegen dennoch, ihren Höhepunkt erreichten sie am 27. April 1984 mit 9000. Ein Nachlassen setzte erst ein, als die Kirchenleitung ein Jahr später auf Drängen des Staats eine Bluesmesse absetzte, ohne den Vorbereitungskreis zu konsultieren. Die jüngere Protestgeneration begeisterten nun zunehmend andere Musikrichtungen wie Wave und vor allem Punk, und viele Junge Leute hatten begriffen, dass man sich auch selbst in der Kirche organisieren kann - ohne Bluesmesse. Die letzte fand am 20. September 1986 statt, mit immerhin noch 1000 Teilnehmern.

Eine Nachfolgeveranstaltung, die dem neuen Musikgeschmack der Jugendlichen unter dem Titel "Schichtwechsel" entsprechen sollte, scheiterte am Beschluss der Kirchenleitung, die im Vorfeld des Berliner Kirchentags 1987 keine Sonderveranstaltungen zulassen wollte. Von den politisch aktiven Basisgruppen in der DDR wurde dieses Verbot als staatsnahe Politik interpretiert, woraus im Sommer 1987 die Bewegung Kirche von Unten entstehen sollte.

Zum Weiterlesen:

Dirk Moldt: "Zwischen Haß und Hoffnung. Die Blues-Messen 1979 - 1986. Eine Jugendveranstaltung der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg in ihrer Zeit" (Schriften der Robert-Havemann-Gesellschaft e.V., 14). Berlin 2008, 430 Seiten.

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