DDR-Plattenbauten Mahnmal für die Wohnmaschinen

DDR-Plattenbauten: Mahnmal für die Wohnmaschinen Fotos
Robert Conrad/lumabytes

Mit der Kamera gegen Bulldozer: Als die DDR ihre Fachwerkhäuser verkommen und durch Plattenbauten ersetzen ließ, fotografierte Robert Conrad heimlich den Verfall. 30 Jahre später will er wieder historische Gebäude vor dem Vergessen bewahren - ausgerechnet jene Plattenbauten, die er einst gehasst hat. Von

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Gehasst hat Robert Conrad die Plattenbauten, jahrzehntelang. Unästhetisch fand er sie. Und immer wieder machten sie ihn wütend, weil sie das Gefühl auslösten, ohnmächtig zu sein gegenüber einem restriktiven Staat, der seinen Bürgern sogar vorschreiben wollte, wie sie zu wohnen hatten. "Ich hatte", sagt der 49-jährige Fotograf, "eine regelrechte Plattenphobie".

Doch jetzt, mehr als zwei Jahrzehnte nach dem Mauerfall, ist es ausgerechnet Robert Conrad, der die Plattenbauten der DDR vor dem Vergessen retten möchte. Mit seiner Kamera, bevor die Gebäude vollends verwittern, bevor die Bulldozer kommen. Und so zieht der einstige Gegner der sozialistischen Architektur seit inzwischen zehn Jahren durch die ehemalige DDR und hält jene monströsen Wohnmaschinen fest, die er so lange verabscheut hatte. "Plattensterben" nennt er die taumelnden Betongiganten ein wenig pathetisch in seinen Foto-Ausstellungen.

Mit Nostalgie hat das nichts zu tun. Wer verstehen möchte, wie aus dem Plattenhasser ein Plattbewahrer wurde, muss sich mit Robert Conrad auf Zeitreise begeben, in seine Heimatstadt Greifswald. Hier wuchs Ende der Siebziger sein Groll auf die Plattenbauten, hier legte er sich mit der Staatsmacht an, hier reifte sein Wunsch, Fotograf zu werden.

Verpönte Gemütlichkeit

"Greifswald", erklärt er, "war neben Gotha und Bernau eine jener Teststädte, in der die DDR die historische Bausubstanz möglichst vollständig durch die vermeintlich fortschrittlichen Plattenbauten ersetzen wollte." Die DDR wollte ihr Ideal der sozialen Gerechtigkeit in Beton gießen: Der sozialistische Bürger sollte lieber in gleichförmigen Wohnanlagen leben als in ehemaligen Häusern frühkapitalistischer Unternehmer der Hansezeit. Eine gemütliche Altstadt war bei den staatlichen Stadtplanern verpönt.

Zwar rückte die SED von ihrem ursprünglichen Vorhaben ab, die Greifswalder Altstadt vollständig abzureißen und auch das mittelalterliche Straßennetz durch breite Boulevards zu ersetzen. Dennoch verschwand bis zur Wende etwa die Hälfte aller historischen Gebäude. Und das in einer Stadt, die den Zweiten Weltkrieg nahezu unbeschadet überstanden hatte.

Natürlich wusste Conrad als Jugendlicher nichts von diesen geschichtsvergessenen Planspielen der DDR. Doch er sah, wie der Staat die Fachwerkhäuser in Greifswald systematisch verkommen ließ. Wie er die Bewohner nach und nach aus den urigen Wohnungen drängte. Wie er immer mehr Plattenbauten hochzog. Und er fühlte, dass er etwas dagegen machen musste.

Tarnung hinter Oma-Gardinen

1979, im Alter von 17, zog er bei seinen Eltern aus. Er und ein paar Freunde begannen nun, die Fachwerkhäuser und Gründerzeitvillen zu besetzen. "Damals dachten wir, wir müssten diese Gebäude so lange wie möglich erhalten und pflegen."

Die Lust am politischen Protest, der Drang nach individueller Freiheit war dabei genauso wichtig wie bei den Hausbesetzern im Westen - nur die Methoden waren völlig anders: "Wir konnten eben nicht demonstrativ große Transparente hissen", erinnert sich Conrad. "Im Gegenteil: Wir mussten sehr versteckt vorgehen und haben immer alte Oma-Gardinen an die Fenster gehängt, damit wir unauffällig blieben."

Die Tarnung funktionierte, und die jungen Rebellen übten sich als Hobby-Sanierer. Sie zogen Schornsteine hoch, reparierten Öfen, dichteten Fenster ab. Oft waren die Wohnungen noch mit alten Gemälden, Büchern und Antiquitäten vollgestopft - kleine Museen aus einer Zeit vor dem Sozialismus. Von Umzug zu Umzug schwoll daher Conrads Hausstand an, weil er keine antiken Dinge wegwerfen wollte: weder die Werbeschilder aus Emaille noch die Automaten und Zeitungen aus der Kaiserzeit. Selbst den staatlichen Spitzeln entging diese Marotte nicht: In seiner Stasi-Akte wurde Conrad als Staatsfeind unter dem Namen "Der Sammler" geführt.

Suche in den Schuttbergen

Schick und cool fanden "Der Sammler" und seine Freunde es damals, in den alten Gebäuden zu leben. "Mir taten alle leid, die in den Plattenbauten wohnen mussten", sagt er. "Für uns war das brav, bieder, einfach nur schlechter Geschmack."

Doch die romantische Zeit in knarzenden Fachwerkhäusern endete oft schon nach wenigen Monaten. Meist kamen die staatlichen Abrissteams frühmorgens. Dann blieben höchstens Stunden, um die Wohnungen zu räumen. "Man ging noch einmal ins Wohnzimmer, schaute ein letztes Mal in den Garten, und wusste: Das alles wird es gleich nicht mehr geben." Neunmal musste Conrad zwangsweise umziehen. Manchmal ging es so schnell, dass er nachher die Reste seines Hausrats aus dem Schutt graben musste.

Es waren solche erniedrigenden Momente, in denen er sich der DDR hilflos ausgeliefert fühlte. In denen sein Zorn wuchs auf die Plattenbauten, auf die graue Einheitsarchitektur, die alles Historische und Individuelle aufzufressen schien. Irgendwann war die Empörung so groß, dass sie zum Antrieb wurde, die Missstände zu dokumentieren.

Chronist des Verfalls

Conrad besorgte sich eine Kleinformatkamera und zog Tag für Tag durch die Straßen von Greifswald. Fotografierte zentimeterbreite Risse in jahrhundertealten Gemäuern, bröckelnde Fassaden, notdürftig verrammelte Türen, löchrige Dächer. Machte Aufnahmen von den Schuttbergen, nachdem die Bulldozer gewütet hatten - und von den neuen Plattenbauten, die nun in den Himmel schossen.

So wie er als Hausbesetzer alte Dinge sammelte, versuchte er nun mit den Fotos, das Greifswald seiner Kindheit festzuhalten. Nicht alle verstanden ihn. Manche hielten den jungen Mann, der ständig mit der Kamera unterwegs war, womöglich für einen Spitzel. Andere deuteten seine Arbeit hingegen richtig: "Genau", hätten ihm gerade ältere Greifswalder zugerufen, "mach schnell noch ein paar Bilder von unserer schönen Stadt."

Doch die Aufnahmen brachten ihn in Schwierigkeiten, besonders nachdem er anfing, überall in der DDR zu fotografieren und die Bilder öffentlich herumzeigte. Der Staat hatte kein Interesse an einem Chronisten des Verfalls. Als Freunde von ihm wegen als staatsfeindlich eingeschätzter Kunstaktionen ins Gefängnis kamen, geriet auch Conrad ins Visier der Staatsmacht.

Im Visier der Staatsmacht

Mehrmals wurde er verhaftet, seine Wohnung durchwühlt, einige seiner Fotos entwendet. "Sie können uns doch nicht erzählen", habe ihn ein Ermittler im Verhör angeraunzt, "dass Sie die Schönheiten des Sozialismus dokumentieren wollen. Sie möchten nur dem Staat schaden, indem Sie diese Drecksnester fotografieren."

Zur Abschreckung wurde ihm schon die Zelle gezeigt, in der er die nächsten Jahre dahinsiechen würde. Er hatte Glück. Es blieb bei Verhören und Hausdurchsuchungen. Die Einschüchterung zeigte jedoch Wirkung: Besonders brisante Bilder, etwa heimliche Aufnahmen der Berliner Mauer, versteckte der Fotograf in einer Stahlkassette in seinem Keller. Auch das schien ihm bald zu gefährlich, so dass er etliche Aufnahmen später verbrannte.

Zudem verbaute ihm die DDR seine Karriere: Jahr für Jahr bewarb sich Conrad erfolglos auf einen Studienplatz. Erst als Architekt, schließlich als Deutschlehrer, die in der DDR händeringend gesucht wurden. Stets wurde er zum Prüfungsgespräch eingeladen, doch erst nach Jahren der Selbstzweifel dämmerte ihm, dass das Ergebnis jeweils schon vor den Prüfungen festgestanden hatte: Ablehnung.

Ende der Verbitterung

Frustriert schlug er sich als Postbote, Bauarbeiter und Heizer durch und stellte einen Ausreiseantrag. Schließlich hatte er das Glück, in Ungarn eine US-Amerikanerin kennenzulernen, die bereit war, ihn zum Schein zu heiraten - und damit aus dem DDR-Gefängnis zu befreien. Conrad empfand das als einen persönlichen Triumph über das System. Auskosten konnte er ihn nicht: Die Hochzeit, über Jahre akribisch vorbereitet, fand im Oktober 1989 statt - kurz danach fiel die Berliner Mauer.

Jetzt konnte er seinen Traum verwirklichen und Architektur und Baugeschichte studieren. Und das veränderte langsam auch seine Sicht auf die sozialistischen Plattenbauten. Nicht, dass er auf einmal in ihnen wohnen wollte. Aber er sah sie emotionsloser. Nicht mehr ausschließlich als jenen Bautypus, dem einst die historischen Häuser zum Opfer fielen. "Die Plattenbauten", findet der 49-Jährige heute, "sind ebenso schützenswerte Architekturzeugnisse, wie es die mittelalterlichen Häuser in Greifswald waren."

So sieht sich Conrad wie in seinen Jahren als Hausbesetzer erneut in der Rolle des Dokumentars. Inzwischen lebt er von der Architekturfotografie. Doch kann er, mit seiner Vorgeschichte, die Platten überhaupt ohne Verbitterung ablichten? Conrad zögert. Dann sagt er, und es wirkt so, als ob sich der Bauhistoriker in ihm gegen den DDR-Flüchtling durchsetzen musste: "Natürlich."

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1.
Ralph Erler, 13.09.2011
Mir persönlich gefallen weder alte Fachwerkhäuser noch die Betonburgen. Dabei macht es keinen Unterschied ob die Plattenbauten in München, Dresden, Berlin, Hamburg oder Frankfurt stehen. Der Zweck war stets gleich. günstig Wohnraum für viele Menschen auf wenig Fläche zu schaffen. Genauso die alten Fachwerkhäuser. Die kann man nur mit viel Mühe "bewohnbar" machen. Raumhöhen, Wohnraumgrößen, durchhängende Böden und Decken... lassen wir das mal als "gemütlich" durchgehen... Egal wie, was das eine Schützenswert macht, das muss auch für das andere gelten. Jeder Baustil ist Zeuge seiner Zeit und damit nicht einfach zum Abriss frei zu geben. Mittlerweile hat das auch der Denkmalschutz erkannt. Interessant sind Objekte die durch gezielten Rückbau auf einmal eine attraktive Wohnlage werden. In Dresden-Gorbitz wurden einige Plattenbauten zurechtgestutzt und damit zur begehrten Wohnlage. Die Bäume die einst gepflanzt wurden sind heute groß und der Rückbau bietet einen Blick über Dresden den man anderswo teuer bezahlen muss. Das ist nur eine Möglichkeit wie die Platte ebenso erhalten werden kann wie alte Fachwerkhäuser. Liebhaber finden sich immer welche die Vorzüge deutlicher sehen als die Nachteile. Mir geht es ähnlich wie dem Autor. Heute finde ich das auch die Plattenbauten als Teil der Geschichte und Architektur nicht einfach platt gemacht werden dürfen. Wohnen wöllte ich da auch nicht. Mittlerweile ist der Plattenbau etabliert. Vom Einfamilien- bis Mehrfamilienhaus oder dem Industriebau. Hätten die Architekten es nur verstanden diese gleich gefällig zu gestalten und nicht nur als billige Wohnburgen zu erbauen, dann wäre die sicht vieler Menschen heute eine andere. In der DDR waren Plattenbausiedlungen u.a. wegen der zentralen Versorgung mit Warmwasser und Heizung sowie den Einkaufsmöglichkeiten beliebt. Altbauten kamen einfach nicht in den Genuss einer Sanierung. Nur in den Stadtzentren war dies möglich wenn nicht zu teuer. Klar das die meisten Menschen das dann als Fortschritt empfanden.
2.
bugme not, 13.09.2011
Selber Jahrgang, auch Greifswald. Wir hatten damals eine AG "Junge Historiker" an der Schule - einen funktionärskomatiblen Namen brauchte man. Wir haben uns alte Eingangstüren aus den "Sanierungsgebieten" in der Innenstadt geholt und sie unter Anleitung des Geschichtslehrers aufgearbeitet, also abgeschliffen, repariert, neu bemalt. Wieviele? Ich weiß es nicht mehr. 5, 10, 20 vielleicht - mehr sicherlich nicht. Ich wohne seit langem nicht mehr in Greifswald, aber jedesmal, wenn ich dort bin, achte ich auf die Eingangstüren der Plattenbauten in der Innenstadt. Die eine oder andere ist auch von mir gerettet worden :-)
3.
Maeve von Heynitz, 13.09.2011
Sehr schöne Fotos. Wer mehr Bilder sehen will: Robert Conrad hat ab dem 23.9. eine Ausstellung in der irischen Botschaft in Berlin (Jägerstr.51) zum Thema "Once upon a time....Berlin und Belfast in den frühen 90ern" Vernissage am 22. September um 18:30 in Anwesenheit des Künstlers . Registrieren Sie sich bitte unter: berlinrsvp@dfa.ie
4.
Martin Lenz, 13.09.2011
Nun ja, daß er sich Jahr für Jahr umsonst um einen Studienplatz bemüht haben soll. Das stimmt nicht. Er hat 2 Semester Theologie studiert und dann hingeworfen. Ganz so einfach ist die Biographie denn doch nicht...
5.
Rajko Hunger, 13.09.2011
... irgendwie habe ich Probleme mit der zeitlichen Zuordung der Fotos, das passt an einigen Stellen gar nicht. BG Okjar
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