Ost-Pop-Hoffnung J Wie Jens Müller fast der erste Popstar der DDR geworden wäre

Beach-Boys-Manager macht Ost-Punkrocker zum Weltstar - mit Unterstützung des Komitees für Unterhaltungskunst und Hits à la Milli Vanilli. Es hätte eine irre Karriere werden können. Wäre nur nicht die Wende dazwischengekommen.

Ein Interview von


Rockmusiker Jens Müller hätte Ende der Achtzigerjahre der allererste Popstar der DDR werden sollen. Als der ehemalige Manager der Beach Boys Interesse daran zeigte, aus Müller einen internationalen Star zu machen, bekamen beide unerwartete Unterstützung der DDR-Kulturbehörden - die nicht nur an Imagepflege, sondern auch an harten Devisen interessiert war. Unter dem Künstlernamen J wurden dem damals gerade 20-jährigen Ost-Berliner Studioaufnahmen in London ermöglicht. Doch am Ende war es ausgerechnet der Mauerfall, welcher der wohl unwahrscheinlichsten Musikerkarriere der DDR-Geschichte in die Quere kam.

einestages: Als Musiker starteten Sie in der DDR mit ihrer ersten Band Kleinkariert und der Ska-Rock-Gruppe Die Anderen, die vor allem unter Punks beliebt war. Nicht gerade die Speerspitze dessen, was die DDR-Kulturbehörden als repräsentativ einstuften. Hatten Sie Probleme, eine offizielle Spielerlaubnis zu erhalten?

Müller: Die Anderen hatten das schon. Allerdings besaßen wir mit Kleinkariert eine sogenannte Einstufung. Dafür musste man eine Liste mit seinen Titeln einreichen und nachweisen, dass man seine Instrumente beherrschte. Dann wurde man für zwei Jahre eingestuft - und je nachdem, wie gut man war, bemächtigte einen die Spielerlaubnis, öffentlich aufzutreten, und regelte, wie viel Geld man verlangen durfte. Wir lagen in der Grundstufe A - der geringsten Klasse.

einestages: Dann geschah Erstaunliches - die DDR-Band kam in Kontakt mit Jack Rieley, der in den Siebzigerjahren die Beach Boys gemanagt und Songs für sie mitgeschrieben hatte. Klingt wie im Märchen.

Müller: Ein bisschen war es auch so. Er stand Mitte 1988 einfach in unserem Proberaum, hatte sich über Umwege unsere Adresse besorgt. Er war auf der Suche nach etwas Besonderem und hatte schon immer ein gewisses Faible für die DDR gehabt. Damals spielte ich ihm dann auch meine Solo-Sachen vor - und er war total angetan.

einestages: Und begann, Sie als internationalen Star aufzubauen. Es halten sich Gerüchte, Rieley habe der DDR Geld gezahlt, um Sie unter Vertrag nehmen zu können.

Müller: Da ist kein Geld geflossen. Aber Rieley hat Karrierepläne aufgestellt, und die Vorstellung, dass ein US-Manager aus einem DDR-Musiker einen internationalen Star machen wollte, gefiel in den Kulturstellen der DDR offenbar. Er war maßgeblich daran beteiligt, dass ich einen Reisepass erhielt, das war wirklich nicht selbstverständlich damals. Und so wurde die Figur J geboren.

einestages: Rieley verschaffte Ihrer Band Die Anderen dann auch den ersten West-Gig im Berliner Club Ecstasy. Haben Sie da nicht überlegt, sich abzusetzen?

Müller: Komischerweise stand das bei uns überhaupt nicht zur Diskussion. Veränderungen lagen in der Luft, und wir hatten gerade im Westen spielen können. Die Notwendigkeit, unsere Chance zu ergreifen, weil sie nicht noch mal wiederkommen würde, das empfanden wir so nicht. Daher sind wir ohne, dass wer gedrängt oder uns genötigt hatte, in den Bus nach Hause gestiegen. Wir wollten im eigenen Bett schlafen. Der Gig war natürlich unglaublich wichtig für eine Band aus der DDR, das eigentliche Konzert aber habe ich fast vergessen, das war weit weniger spektakulär.

einestages: Sind Sie als DDR-Musiker, der im Westen auftreten konnte, in Berührung mit der Stasi gekommen?

Müller: Ja, einmal wollten sich Offiziere der Staatssicherheit mit mir treffen. Das Gespräch drehte sich darum, ob ich Informationen weitergeben könne aus der alternativen Musikerszene. Ich meinte aber immer wieder, da gäbe es nichts Interessantes zu berichten. Sie bohrten weiter - aber da ich nichts in der Hand hatte für sie, bin ich glücklicherweise wieder aus dem Fokus geraten.

einestages: Aufgrund der Popstarpläne, die man mit ihnen hatte, konnten Sie schon vor der Maueröffnung in London mit Rieley Stücke für ihr Debüt-Album "J." aufnehmen. Sie erinnern an Prince oder gar Milli Vanilli - ein Fanal der offiziellen sozialistischen Kultur. Welches Interesse hatte die DDR-Führung an der Unterstützung so westlicher Musik?

Müller: Das war sicher ein Testballon des Umbruchs. Die Gremien müssen Gefallen gefunden haben an der verrückten Idee, dass sich ein westlicher Musikmanager eines Ost-Künstlers annahm, um aus ihm einen internationalen Star zu machen.

einestages: Zumal Rieley ja bereits mit der DDR-Band City zusammengearbeitet und damit seine Loyalität zur DDR unter Beweis gestellt hatte.

Müller: Sicherlich hatten die Verantwortlichen auch im Hinterkopf, dass bei einem Erfolg Devisen nach Osten flössen. Die Platte erschien nicht ohne Grund auf dem staatlichen Label Amiga.

einestages: Das DDR-Label wollte Europa und Amerika erobern?

Müller: Genau, daher auch der englische Name J, gesprochen Jay. Die Idee war, dass man erst auf den zweiten Blick entblättert, dass es sich hier um einen Künstler aus der DDR handelt.

einestages: Waren Sie inhaltlich durch die offizielle Unterstützung der DDR eingeschränkt?

Müller: Ich habe zwar keine Propaganda abgeliefert, aber ich hatte nichts gegen die DDR. Ich hatte dort ein gutes Leben, warum hätte ich also was auf sie kommen lassen sollen? Den Mund wollte ich mir nicht verbieten lassen, aber in dieser Zeit gab es nichts, was ich hätte anklagen wollen.

einestages: Gab es für Ihre Karriere eine Art Fünfjahresplan von Seiten der DDR?

Müller: Dazu wäre der DDR-Kulturbetrieb wohl nicht fähig gewesen. Alles, was für eine Popkarriere getan werden musste, ging von Rieley und mir aus. Die DDR legte uns nur keine Steine in den Weg dabei. Als deutlich wurde, dass eine Annäherung zwischen Ost und West stattfinden würde, haben Jack und ich dann sogar eine Musikbranchen-Konferenz auf die Beine gestellt. Mit Musikern und Branchen-Vertretern aus Ost wie West. Der Titel war "Looking East". Das fand in diversen Ost-Berliner Hotels statt - und zwar 1989 am 7., 8. und 9. November.

einestages: Ihre Konferenz endete mit der Maueröffnung?

Müller: Wirklich kaum zu glauben - aber wahr.

einestages: Die Wende versetzte Deutschland in den Glückstaumel. Für ihr Debütalbum indes kam sie eher zur Unzeit, kann man das so sagen?

Müller: Klar, unser Projekt kam komplett unter die Räder. Das Album "J." erschien zwar noch wie geplant, aber das interessierte in dem Moment alles keinen mehr. Es gab auch keine Promotion und der Markt im Osten gierte danach, all die Jahrzehnte vorbehaltenen West-Bands nachzuholen. Da war nichts uninteressanter als Musik aus der DDR selbst. Aber hätte die DDR weiter Bestand gehabt und die Platte funktioniert, wer weiß...

einestages: Hat Sie das verbittert? Sie hätten immerhin der erste Popstar der DDR werden können.

Müller: Es ist natürlich nie schön, wenn eine Idee und Engagement nicht aufgehen. Aber ich hatte keine Zeit zu klagen, es passierte so viel. Und durch die Maueröffnung potenzierten sich alle Möglichkeiten noch mal: Ich bin nach Paris gezogen und habe mit Jack Rieley weitere Aufnahmen gemacht, 1992 erschien mein zweites Album "We Are the Majority" - erst in Frankreich, kurz darauf in Japan und den USA über das Major-Label Polydor, das war auch richtig erfolgreich. Nur in Deutschland hat das niemand mitgekriegt.

  • privat
    Jens Müller wurde am 23. Dezember 1967 in Ost-Berlin geboren. Nach dem gescheiterten Versuch, als erster Popstar der DDR in die Geschichte einzugehen, zog er nach Paris und New York, um dort weitere Platten aufzunehmen. Mitte der Neunziger gründete er die Internetfirma JFax. Die Idee einer Datenumwandlung von Telefon und Fax für den Computer brachte ihn auf den Titel der "Wirtschaftswoche" und in den SPIEGEL, der Börsengang seiner Firma erlöste einen dreistelligen Millionenbetrag. Ihm wurde das zu groß, Müller verließ die Firma. Heute widmet er sich wieder verstärkt der eigenen Musik.


insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
Jens Böttcher, 24.08.2015
1.
da sollte man doch mal reinhören
Peter Schirmann, 27.08.2015
2. 25 Jahre nix?
Wenn Mueller in dem Vierteljahrhundert seit seinem Scheitern dem neugierigen Pop-Publikum immer noch nicht aufgefallen ist, darf man wohl annehmen, dass es mit seinen Kuensten recht mager ist. Jedenfalls wird das Interview und Volkmanns Schreibe ihm kaum noch zu einer Karriere verhelfen.
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