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Magazine in der DDR "Einzig amtlich zugelassene Nackte der Republik"

DDR-Zeitschriften: "Reizung der Lüsternheit" Fotos
Kurznachzehn Verlag

Plötzlich wurde in der DDR gespottet, kritisiert und über Koitusdauer gesprochen: Die streng reglementierte Staatspresse suchte ab den Fünfzigern Erfolge mit bunten, frischen Unterhaltungsblättern - und einer Prise Sex. Von

Der Hochkommissar ist wütend. Mitte Juni 1953 zitiert der oberste Sowjetaufseher in der DDR, Wladimir Semjonow, die führenden Redakteure der Republik wie Schulbuben zu sich. Unruhe hat das Land erfasst, und der mächtige Mann aus der UdSSR predigt, ein guter Journalist müsse wie ein Pianist agieren: Der spiele mal hohe, mal tiefe Töne, mal piano, mal forte, variiere das Tempo und überrasche mit neuen Melodien.

"Aber was machen Sie?", blafft er den Chefredakteur des "Neuen Deutschland" an, der immerhin die wichtigste Zeitung der DDR leitet. "Sie spielen mit einem Finger immer wieder das eine Lied ..." Semjonow trommelt mit dem Zeigefinger auf imaginäre Klaviertasten: "Hänschen klein, ging allein ..."

In der Tat steckte die DDR-Presse in einem Dilemma. Der Staat wollte sie kontrollieren und lenken, das Ergebnis aber waren Langeweile und Lobhudelei. Kenner wie Semjonow, bereits zu Hitlers Zeiten als Sowjetdiplomat in Berlin, spürten schon vor der Revolte am 17. Juni, dass die Presse humorvoller und unterhaltsamer werden musste, um nicht völlig an der Lebenswelt ihrer Leser vorbeizuschreiben.

Staatlich geduldete Kritik - und etwas Erotik

Die DDR-Führung reagierte schnell. Bald nach dem niedergeknüppelten Aufstand erschienen zwei neue, mehrfarbige Publikationen, die mehr Spaß, Freiheit und Abwechslung bieten sollten: die Kulturzeitschrift "Das Magazin" und das Satireheft "Eulenspiegel".

Plötzlich wurden politische Witze und Illustrationen gedruckt. Journalisten versprachen einen "unbestechlich scharfen Blick" und deckten im "Eulenspiegel" vereinzelt sogar Missstände auf. Damit nicht genug: Zum ersten Mal konnten die DDR-Bürger erotische Geschichten lesen und im "Magazin" monatlich ein weibliches Aktfoto bestaunen. In den Siebzigerjahren brach "Dr. Schnabl", der Oswald Kolle des Ostens, reihenweise Tabus, als er offen über Koitusdauer und "Sex ohne Liebe" schrieb.

Das war eine Kulturrevolution in einem Land, dessen politisch verordnete Spaßfreiheit nur von seiner noch prüderen Sexualmoral übertroffen wurde. Und doch war, was nach plötzlicher Freiheit klang, nichts als ein Versuch, unzufriedene Bürger wieder für den Sozialismus zu erwärmen. Denn auch die neuen, bald sehr beliebten Zeitschriften betrieben Propaganda - getarnt in einem glitzernden und manchmal kritischen Gewand.

Den Beginn machte im Januar 1954 "Das Magazin", für das auch bekannte Autoren wie Christa Wolf, Anna Seghers und Arnold Zweig schrieben. "Wie ein bunter Falter" sei das Heft in einen "grauen Alltag" geflattert, erinnerte sich der ehemalige Chefredakteur Manfred Gebhardt nach der Wende. Und tatsächlich erlangte die Zeitschrift schnell Kultstatus, besonders durch den jungen Werner Klemke. Der später auch international gefeierte Illustrator zeichnete 35 Jahre jeden Monat sinnliche und humorvolle Titelbilder, oft zum Thema Liebe. Sein Markenzeichen: ein schwarzer Kater, den er irgendwo im Bild versteckte. Ließ er das Tier weg, löste das wütende Proteste aus.

Klemke machte das Heft unverwechselbar. Dazu kamen andere innovative Ansätze: Als einzige DDR-Publikation erhielt "Das Magazin" staatliche Zuschüsse, die Fotos und Berichte aus dem nicht sozialistischen Ausland ermöglichten. Hilde Eisler, die das Heft ab 1955 leitete, war in der Welt der Schriftsteller und Künstler bestens vernetzt. Sie gewann so auch Autoren in Wien, London und Florenz. Zu Beginn der Nazizeit hatte sie für die verbotene KPD gearbeitet, nun half ihr der Umstand, dass ihr Ehemann Gerhart Eisler zu den SED-Chefpropagandisten gehörte. Die Auslandsreporter waren zwar mit dem Kommunismus sympathisierende Intellektuelle. Aber sie schrieben über Phänomene, die in der DDR sonst verschwiegen wurden.

1964 etwa berichtete das Heft wohlwollend über die Beatles. Das war mutig in einem Staat, in dem verstockte Stalinisten Westmusik als "Waffe der Nato-Politik" geißelten und Walter Ulbricht angeblich vor dem SED-Zentralkomitee über "das ewige jäh, jäh, jäh" herzog. Und noch ein Tabu brach das Heft: Es befragte seine Leser zu Liebespraktiken und ließ Verständnis für Untreue durchscheinen - obwohl Ehebruch noch strafbar war.

"Amtlich zugelassene Nackte der Republik"

Am meisten Aufsehen erregte aber der wiederkehrende weibliche Akt. In der ersten Ausgabe 1954 versteckte sich das nackte Model noch keusch hinter einer geriffelten Glasscheibe. Doch danach zeigte "Das Magazin" gewagtere Posen, die 1959 sogar das freizügige Österreich in Aufruhr versetzten: Das Innenministerium bemängelte in einer Ausgabe "die provozierende Stellung der Beine" und verbot den Verkauf an Jugendliche; es bestehe die Gefahr der "Reizung der Lüsternheit".

In der DDR verwechselte man die geduldete Erotik im bunten Mauerblümchen "Das Magazin" keineswegs mit Freiheit. Man sprach bald spöttelnd von der "einzigen amtlich zugelassenen Nackten der Republik". Das Ziel war dennoch erreicht: Der Staat gewann jüngere Leser zurück. Ähnliches versuchte er auch mit der Modezeitschrift "Sibylle", die mit hochwertigen Porträts neue fotografische Standards setzte, vor allem jedoch mit dem "Eulenspiegel".

Dessen Macher hatten indes den Mund zu voll genommen, als sie in der ersten Ausgabe ankündigten, mit "kühnem Herzen" auch politisch heiße Eisen anzufassen.

Wut auf die "hämischen Glossen"

Und doch gab es hier besonders in der Anfangszeit mehr Freiräume als anderswo, etwa in der Kolumne "Tills Geschoss". Da entlarvte das Heft die Verlogenheit der SED-Sprachregelungen; "Miniaturaufmärsche" würden zu "Millionendemonstrationen" aufgeblasen, eine "permanente Zwiebelknappheit" dagegen zur "kurzfristigen Versorgungslücke" verniedlicht. An anderer Stelle hieß es: "Den größten Schaden in unserer Republik richten nicht die feindlichen Agenten, sondern die Dummheiten an, die von unseren eigenen Leuten gemacht werden."

Offene Worte, die nicht folgenlos blieben. 1956 kritisierte Albert Norden, ZK-Sekretär für Agitation und Propaganda, gute Satire müsse "dem Imperialismus eine Schlacht ohnegleichen liefern". Der "Eulenspiegel" dagegen beschädige mit seinen "hämischen Glossen" die Republik. Es entstehe der gefährliche Eindruck, in der DDR gebe es "wenig Erhaltenswertes".

Diese Brandschrift und acht Parteiverfahren kosteten den scharfzüngigen "Eulenspiegel"-Chefredakteur Heinz Schmidt schließlich seinen Job. Das sollte abschrecken in einem System, in dem es offiziell keine Zensur gab, sondern nur "Empfehlungen" des Parteiapparats, welche Themen zu behandeln seien und welche nicht. Journalisten entwickelten ein feines Gespür für das gerade noch Machbare und übten häufig Selbstzensur.

Sofort die Druckmaschinen stoppen!

Wenn auch schon mal die Druckmaschinen angehalten und bereits verteilte Exemplare wieder eingesammelt wurden, bloß weil eine Karikatur einen ungepflegten Langhaarigen in FDJ-Kluft zeigte, tolerierte das Politbüro bis zu einem gewissen Grad aber bewusst den Spott. Ärger sollte sich nicht aufstauen, und der "Eulenspiegel" bot die beste Chance, Kritik im gewünschten Sinne zu kanalisieren. So stachen staatliche Stellen Interna zu Missständen durch, damit sich die Partei am Ende selbst auf die Schulter klopfen konnte: Seht her, wir beheben Fehler!

Konkret durfte Kritik schon sein, aber nie grundsätzlich. Barbara Henniger, eine der bekanntesten Karikaturistinnen des "Eulenspiegel", sagte später: "Man musste eine Metapher, eine Codierung oder eine Analogie in einem Märchen finden." Um den kulturellen Kahlschlag in den Siebzigerjahren zu kritisieren, zeichnete sie beispielsweise einen Zwerg, der inmitten der Baumstümpfe eines abgeholzten Waldes steht, neben ihm die gleichfalls abgesäbelte Zwergenmütze. Er sagt: "Manchmal ist es gesünder, ein Zwerg zu sein."

Ließ die DDR dem "Eulenspiegel" solche Narrenfreiheit, so hatten es die Tageszeitungen ungleich schwerer. Dort war das Netz an Vorgaben und Nachkontrollen deutlich engmaschiger. Dennoch gab es auch unter den politischen Zeitungen eine Publikation, die sich manchmal etwas mehr trauen durfte als andere: die "Junge Welt", Zentralorgan der Freien Deutschen Jugend (FDJ).

Intime Liebesgeständnisse - und die Stasi liest mit

Ihr Markenzeichen: viel Sport, viele Fotos und eine ziemlich unbedruckte "Weiße Seite", die zum Kult wurde, weil so etwas als Kritik verstanden wurde. Schon die erste Ausgabe von 1947 gab sich einerseits betont locker und versprach auch "Artikel, die für Mädels geschrieben werden". Den Zeitungstitel hatte die FDJ merkwürdigerweise von einem 1944 eingestellten populären Blatt der Hitlerjugend übernommen.

"Die 'Junge Welt' hatte vieles, was andere Zeitungen nicht hatten", sagte nach dem Mauerfall ihr einstiger Chefredakteur und spätere Kulturminister-Vize Horst Pehnert. "Wir waren zum Beispiel viel kürzer. Wir mussten auch die langen Reden nicht drucken, die ZK-Tagungen und so weiter." Ging es aber um die Verdammung des Klassenfeinds, war die Zeitung oft schärfer im Ton als andere.

Zu den beliebten Rubriken gehörte "Unter vier Augen", in denen ab 1971 die sozialistische Sexualberaterin Jutta Resch-Treuwerth über Liebeskummer und Sexualität dozierte. Ein Hauch von "Bravo" und "Dr. Sommer", wenn auch mit ideologischer Schlagseite. So empfahl die Ratgebertante einem FDJler, die Beziehung zu einer jungen Christin nicht fortzusetzen - aus weltanschaulichen Gründen. Eine 17-Jährige verzweifelte an der Frage, ob sie sich von ihrem Freund oder ihrer Familie trennen solle: Der Freund wolle Karriere bei der Stasi machen, sie aber habe Verwandte in der BRD. Ganz "unter vier Augen" blieben solche Geständnisse nicht - der Brief landete natürlich bei der Stasi.

Fröhlicher ging es da beim "Magazin" zu, dessen Chefillustrator Klemke 1962 für die Zeitschrift ein bald berühmtes Titelbild entwarf. Es sollte die DDR im Jahr 2000 zeigen. Zu sehen waren Klemke selbst und seine Großmutter, beide jung und nackt - "frischzellentherapiert", wie der Begleittext verriet. Im Heft hieß es, im Millenniumsjahr werde "Das Magazin" 800 Seiten umfassen, in allen Sprachen erscheinen und auf den Mars befördert werden.

Wie die Realität im Jahr 2000 aussah, sollte Klemke nicht mehr erleben - er starb 1994. Da war "Das Magazin" längst von kapitalistischen Verlegern übernommen worden.

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1. Oswalt Kolle
Ole Weigelt, 03.06.2015
wird mit 't' geschieben...
2.
Isolde Duschen, 03.06.2015
Zu Bild 3. Eine Super-Technika V war 1972 in der DDR eine absolute Rarität. Was die Dame auf dem Bild allerdings mit der Kamera vorführt ist kompletter Humbug.
3.
Don Pedro, 03.06.2015
und übten häufig Selbstzensur." So der Satz im Text: klingt nach BRD 2015 - hochaktuell....
4. Ab den 50ern. Also von Anfang an!
Alexander Jordan, 03.06.2015
Wo ist das das "plötzlich"?
5. Kurznachzehn Verlag
Ulf Scheiwer, 03.06.2015
Ich meine das Magazin ist aber inzwischen beim Berliner Kurznachzehn Verlag. nachdem sie vorher zum Seitenstraßen Verlag gehörten.....also nichts mehr mit bösen kapitalistischen Verlegern, wo man sicher auf Gruner + Jahr anspielte. Viele Grüße von einem Das Magazin-Abonennten. 8-)
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