Doppelagent Werner Stiller Der enttäuschte Egomane

Doppelagent Werner Stiller: Der enttäuschte Egomane Fotos
MDR / Alte Celluloid Fabrik

Er kam mit zwei Koffern voller Geheimakten und wurde im Westen zum Star: Stasi-Spion Werner Stiller ist der bekannteste Überläufer der DDR - und wurde mit Hilfe der CIA zum Vorzeigekapitalisten. Eine neue Dokumentation enthüllt nun Stillers wahre Beweggründe für die Flucht. Von

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Als Werner Stiller nachts in sein eigenes Büro einbricht, schneit es in Ost-Berlin. Leise schleicht er durch die Gänge, knackt einen Aktenschrank und packt zwei Koffer voll mit streng geheimen Dokumenten. Danach fährt er zurück zu seiner Familie. Am nächsten Morgen gibt er seinen beiden kleinen Kindern einen Kuss auf die Stirn, sagt seiner Frau, dass er sie liebt - und verschwindet.

Stiller arbeitete nicht bei irgendeiner Firma, sondern beim Ministerium für Staatssicherheit, Hauptabteilung A, zuständig für Auslandsspionage, Bereich: Atom- und Raumfahrtspionage. Zehn Jahre hat er dort als Führungsoffizier für die Stasi gearbeitet. Jetzt will er abhauen.

Ängstlich, aber entschlossen begibt er sich an diesem 18. Januar 1979 zum Grenzübergang Friedrichstraße. In seinen Koffern: Zehntausende Seiten mit Spionageberichten über westdeutsche Kernforschung, Klarnamen von Spionen, die in der Bundesrepublik für die DDR schnüffelten und den Konzernen, in denen sie beschäftigt sind. Er weiß: Wenn er erwischt wird, droht ihm die Todesstrafe. Versteckt unter seiner Jacke trägt er eine Pistole.

Über eine Geheimtür an der Südseite des S-Bahnhofs will er das Land verlassen. Ein Grenzer stoppt ihn und kontrolliert Stillers Sonderausweis - und seinen Passierschein. Etwas stimmt mit den Papieren nicht, der Agent hat beim Fälschen der Ausreisekarte einen Fehler gemacht, ein Vermerk darauf fehlt. "Tse, unsere Sekretärin ist so blöde", antwortet Stiller, als der Polizist ihn deswegen anspricht. "Na gut, ausnahmsweise", antwortet der Sicherheitsmann und lässt ihn durch. Im Westen angekommen, stellt sich der Stasi-Mann sofort der Polizei.

Die schwerste Niederlage der Stasi

Seine Flucht ist die Spitzenmeldung in der "Tagesschau". Für die bundesdeutschen Geheimdienste ist der übergelaufene Topspion wie ein Lottogewinn - für die Stasi bedeutet der Überläufer jedoch ein Desaster, es ist ihre schwerste Niederlage. Nie ist ein hochrangigerer Agent zum Feind übergelaufen. Erich Mielke, der Minister für Staatssicherheit, soll einen Tobsuchtsanfall bekommen und seinen Ex-Agenten zum Staatsfeind Nummer Eins erklärt haben. Er wollte Stiller unbedingt zurück und "wenn das nicht geht, muss er unschädlich gemacht werden", soll Mielke gesagt haben. Noch am selben Tag begann die europaweite Jagd auf Stiller.

Wenn man die Geschichte von Werner Stiller im Kino sehen würde, man würde sie als übertrieben und unrealistisch abtun: Es ist die Geschichte eines Abenteurers und "Zockers", wie er sich selbst nennt. Er lebte in zwei Systemen - und hat in beiden die Grenzen ausgelotet. Zuerst als Elite-Spion in der DDR, später als Börsenmakler in New York und London. Wie schafft einer das, in zwei so unterschiedlichen Systemen in kurzer Zeit bis ganz nach oben zu kommen? Vom Kommunisten zum Kapitalisten. Vom Agenten zum Broker.

Genau das versucht nun der neue Dokumentarfilm "Der Agent" herauszufinden. Regisseur Rudolph Herzog hat dafür etliche Menschen aus dem Leben Werner Stillers gefunden und interviewt. Erstmals spricht sein ehemaliger Stasi-Referatsleiter und bescheinigt Stiller: "Er konnte gut reden, das muss man ihm lassen - auch wenn er manchmal etwas oberflächlich war dabei." Eine Geliebte, die Stiller im DDR-Vorzeigehotel "Panorama" in Oberhof aufgerissen hat, erinnert sich noch gut an den Charmeur Werner Stiller: "Er kann Komplimente machen, die sind sehr glaubwürdig und man fühlt sich gut." Rhetorik, Charme und Menschenkenntnis sind Stillers Werkzeuge auf dem Weg nach oben.

Zuerst macht er Karriere in der DDR: Abitur, FDJ-Sekretär, Physikstudium. Noch während er an der Uni ist, wirbt ihn ein Stasi-Mann bei fünf Schnäpsen in einem Café an. Er wird Leutnant, später Oberleutnant in der Auslandsspionage-Abteilung der Stasi-Zentrale. Kurz vor seiner Flucht führt er 50 Inoffizielle Mitarbeiter (IM) in der Bundesrepublik: Seine Spitzel sitzen bei Siemens, Hoechst, Degussa, auf Philosophie-Lehrstühlen an Hochschulen, im Touristikkonzern Preussag oder als Sekretärin im Bundesfinanzministerium.

BWL-Studium, finanziert von der CIA

"Mit den Jahren war mir das System regelrecht zuwider geworden", begründete Werner Stiller in früheren Interviews stets seine Beweggründe für die Flucht. Der Film legt nahe, dass es neben den politischen wohl auch sehr handfeste persönliche Gründe gab: Seine Ehe kriselte, die Stasi war hinter seine Affären gekommen, sein Büronachbar wurde befördert - und nicht er.

Sein Plan: Verrat für Geld. Vier Jahre versucht er, Kontakt mit dem westdeutschen Auslandsgeheimdienst BND aufzunehmen. 1978 endlich dechiffrieren die West-Agenten eine seiner verschlüsselten Nachrichten, die er über einen Bekannten - eingeklebt in ein Portemonnaie - nach Pullach hat schmuggeln lassen. Fünf Monate empfängt er über ein Kurzwellenradio geheime Aufträge vom BND. Seine Antworten schickt er mit unsichtbarer Tinte geschrieben in den Westen. Einen dieser Briefe fängt die Stasi-Spionageabwehr ab. Nun schwebt Stiller in großer Gefahr.

Nach seiner Flucht in letzter Sekunde, im Januar 1979, versteckt ihn der BND und horcht ihn ein Jahr lang aus. Er enttarnt nicht nur den Chef der DDR-Auslandsspionage, Markus Wolf, der bis dahin als Phantom des Kalten Krieges galt, sondern auch 60 Stasi-Agenten in der Bundesrepublik. Dafür bekommt er 400.000 D-Mark. Auch die USA hatten Interesse an der Geheimdienstarbeit im Osten. Im Austausch gegen Informationen ließ er sich von der CIA einen BWL-Studienplatz in den USA finanzieren.

Unter seinem Tarn-Namen Klaus-Peter Fischer beginnt er mit 31 Jahren ein neues Leben. Nach dem Abschluss in Betriebswirtschaft geht er nach New York zu Goldman Sachs, bald schon wird er nach London weiterempfohlen. Dort gewinnt er einige hochkarätige Kunden für die Investmentbank. "Eine große Erfolgsgeschichte", sagt sein damaliger Boss Bruno Cappuccini in der Dokumentation. Stiller genießt den Luxus: er lebt in einem Loft in London, geht Surfen am Gardasee und Tiefseetauchen, zudem unterhält er eine Villa an der Cote d'Azur. Mit der Wiedervereinigung wechselt er zu Lehman Brothers nach Frankfurt.

Fragt man ihn heute, warum er in zwei Systemen so erfolgreich war, antwortet er: "Die Gemeinsamkeit zwischen Geheimdienst und Bankenwesen ist, dass man sehr persönliche Netzwerke spinnt. Ich habe die Klienten beeinflusst - und sie wollten mir vertrauen." Erfolg und Reichtum des Ex-Spions waren nicht von langer Dauer. Nach einigen Fehlspekulationen lebt Werner Stiller heute in einer Hochhauswohnung am Rand von Budapest.

Zum Weitersehen:

"Der Agent", ein Film von Rudolph Herzog, 5.2.1013, 21:55 Uhr, arte

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1.
Hartmut Braun 05.02.2013
Zitat: "Wie schafft einer das, in zwei so unterschiedlichen Systemen in kurzer Zeit bis ganz nach oben zu kommen? Vom Kommunisten zum Kapitalisten. Vom Agenten zum Broker. ... Erstmals spricht sein ehemaliger Stasi-Referatsleiter und bescheinigt Stiller: "Er konnte gut reden, das muss man ihm lassen - auch wenn er manchmal etwas oberflächlich war dabei." Eine Geliebte, die Stiller im DDR-Vorzeigehotel "Panorama" in Oberhof aufgerissen hat, erinnert sich noch gut an den Charmeur Werner Stiller: "Er kann Komplimente machen, die sind sehr glaubwürdig und man fühlt sich gut." Rhetorik, Charme und Menschenkenntnis sind Stillers Werkzeuge auf dem Weg nach oben." Ist die eingangs zitierte Frage wirklich ernst gemeint? Hat sich immer noch nicht rumgesprochen, dass solche Eigenschaften ideologieunabhängig sind? Warum wohl ist es kein Zufall, dass oft genug die gleichen Fettaugen des einen Systems auch im nachfolgenden oben schwimmen?
2.
Thomas Heise 05.02.2013
Hallo, Was ist neu? Ich habe über Stiller und seine Flucht schon vor 10 Jahren einen Film gemacht. Aus dem Artikel ist mir nicht klar geworden, was neu ist? Thomas Heise
3.
Stefan Marks 05.02.2013
Warum verliert selbst der Spiegel bei den Themen DDR und Stasi immer und durch jeden Autor jegliche Objektivitaet und sonst staendig angewandte moralische Grundsaetze? Wirkt Kinkels Auftrag wirklich so lange nach oder werden gezielt Duckmaeuser als Autoren zu diesem Thema eingesetzt. Wie waeren denn die moralischen Eigenschaften (Familie usw.) dieses Hauptmanns!(3. niedrigster Rang bei der Stasi) (Topspion- ha,ha!) objektiv zu bewerten? Fragt doch mal beim BND! Warum musste Stiller seinen eigenen Panzerschrank aufbrechen, oder meint Ihr das Siegel loesen? Warum wohnt der Versager heute in Budapest? Wegen einer Fehlspekulation? Ist dann dort das ganze Viertel voll solcher Deutscher??
4.
Detlev Vreisleben 06.02.2013
Stiller war Mitarbeiter der HV A, der Hauptverwaltung Aufklärung. Es gab keine Hauptabteilung Aufklärung.
5.
Jens Böttcher 06.02.2013
Ekelhafte Karriere. Stasi steht für Unterdrückung und Börsenmakler steht für Blutsaugen. Das eine ist so gut wie das andere. Ein Mensch wie Stiller würde auch ein zweites Mal alles an die Nächsten verraten. Und auch ein 3. Mal. Wer seine Kinder verläßt..... auch für sehr viel Geld. Der Mensch ist die Diskussion eigentlich nicht wert Wer seinen gekauften Eid bricht und sich sofort wieder kaufen läßt ist wohl clever aber 100%ig unmoralisch. "Und er konnte gut reden, etwas oberflächlich" ein Schwätzer und Betrüger. Stasi und Goldman Sachs.
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