Anonyme Zuträger auf Tonband Deutsche Denunzianten Republik

Da ruft jemand bei staatlichen Stellen der DDR an, um seine Freunde, Kollegen oder Geschäftspartner zu verraten, ohne seinen Namen zu nennen. Die anonymen Denunzianten, so fanden Historiker heraus, waren keineswegs immer Ostdeutsche. Hier sind die Mitschnitte zu hören.

Von

Eine West-Berliner Telefonistin stellt Gespräche in den Osten durch, Aufnahme von 1971
imago/ZUMA/Keystone

Eine West-Berliner Telefonistin stellt Gespräche in den Osten durch, Aufnahme von 1971


"Guten Abend. Ich hab eine Information für Sie. Nehmen Sie sich bitte einen Stift zur Hand!"

Seinen eigenen Namen nennt der Anrufer nicht. Er verrät aber, dass eine Frau aus dem engen Freundeskreis eine Republikflucht plane. Der Anruf des Denunzianten, über den der SPIEGEL in dieser Woche berichtet, ging 1987, zwei Jahre vor dem Mauerfall, bei der Deutschen Volkspolizei ein. Die Betroffene sollte danach gravierende Probleme bekommen: Die Behörden entzogen ihr umgehend die Reiseerlaubnis, überwachten ihren Telefon- und Postverkehr, befragten Nachbarn und Kollegen. (Lesen Sie mehr zum Thema auch im neuen SPIEGEL.)

Bislang haben Inoffizielle Mitarbeiter (IM) des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) das Bild des ostdeutschen Überwachungsstaats geprägt. 25 Jahre nach der deutschen Einheit befassen sich Historiker mit ganz normalen Bürgern, die zu Verrätern wurden. Nachbarn berichteten über Nachbarn, Schüler über Mitschüler, Studenten über Kommilitonen, Vorgesetzte über Mitarbeiter, Leitungskader über Parteigenossen.

Das Erstaunlichste: Die anonymen Denunzianten sind keineswegs immer nur Ostdeutsche. Auch etliche Westdeutsche scheuten sich nicht, DDR-Bürger anzuschwärzen - etwa damit diese nicht rüber kommen, weil die "uns" sonst "die Arbeit wegnehmen."

Tonbandmitschnitte und vor allem schriftliche Denunziations-Zeugnisse fanden sich aus fast allen Bereichen der ostdeutschen Gesellschaft. Tausendfach schlummern diese Dokumente in Archiven der Neuen Bundesländer, früherer Ostparteien, Universitäten und Behörden. Sie zeigen, wie das permanente Berichtswesen den Alltag durchdrang. Die DDR wirkt in ihnen wie eine Deutsche Denunzianten Republik: Anschwärzen im Alltag war für viele eine Selbstverständlichkeit - ganz ohne Zutun der Stasi und ihres Chefs Erich Mielke. Die Greifswalder Historikerin Hedwig Richter spricht von einer "fulminanten Rapportmaschinerie". Wie diese funktionierte, beschreibt sie im Interview.

einestages: War das Berichtwesen in der DDR wirklich so bedeutend?

Richter: Es hat sich wie eine Krake über das ganze Land gelegt, überall wurden Berichte geschrieben. Auf staatlicher Ebene, bei den Kommunen, ob Bürgermeister oder LPG-Chefin. Es gab klar vorgeschriebene Rhythmen. Wöchentlich, monatlich, halbjährlich, jährlich. Ein Bürgermeister hat das dann weitergemeldet an den Kreis, der Kreis an den Bezirk und der Bezirk nach Berlin. Das gleiche fand auf Parteiebene statt, nicht nur bei der SED, auch bei den Blockparteien. Die DDR-CDU hat dabei eine ganz negative Rolle gespielt, über die kaum ein Mensch redet. Aber auch die Betriebe haben solche Berichte anfertigen müssen. Sogar bei Musikschulen wird man fündig. Einfach bei allem, was irgendwie in Verbindung zum Staat stand.

einestages: Wer war daran beteiligt?

Richter: Es waren nicht die offiziellen Stasi-Mitarbeiter, es waren auch nicht IMs, sondern es waren die ganz normalen Bürger. Wer in einem Betrieb eine höhere Position hatte, sich womöglich gar nicht so sehr für Politik interessiert hatte, vielleicht nicht einmal in der Partei war, auch der musste solche Berichte verfassen.

einestages: Was wurde denunziert?

Richter: Überwiegend enthalten diese Berichte sozialistische Phrasen, oft sind sie sehr stark beschönigend. Natürlich wollten die Betriebe, die Schulen, die Universitätsfakultäten gut dastehen und berichten, wie großartig alles läuft und wie sie zum unvermeidlichen Sieg des Sozialismus beitragen. Aber in diese Berichte konnte auch alles mögliche andere einfließen, man konnte sie nutzen, um andere zu denunzieren, um sie in einem schlechten Licht da stehen zu lassen.

Es tauchen bei den Berichten von Schulen Schulhofflirts von Schülern auf oder ein Pfarrer berichtet über seinen Mitpfarrer, dass der Westbesuch empfängt und staatsfeindliche Dinge bei der Predigt sagt. Oft ging es um persönliche Animositäten. Vieles hat sich gut geeignet, um einem Nachbarn, dem man eins auswischen wollte, mal eins reinzuwürgen, weil der zum Beispiel diesen Westbesuch nicht beim Hausbuchbeauftragten des Wohnblocks gemeldet hat.

einestages: Hatten Denunzianten ein schlechtes Gewissen?

Richter: Das ist, denke ich, ein ganz wichtiger Punkt, denn wer zur Stasi ging, der wusste ganz genau, dass er hier was Zweifelhaftes macht. Aber wenn man mit dem freundlichen Menschen vom Rat des Kreises redete, etwa dem Ersten oder Zweiten Sekretär oder irgendeiner netten Mitarbeiterin, dann kam dieses Gefühl überhaupt nicht auf. Man erzählte: Der XY fiel mir schon immer komisch auf. Dieses Berichtswesen war ein niedrigschwelliges Angebot zur Denunziation ohne dass die, die denunzierten, sich wirklich schlecht fühlen mussten. Hier erwies sich die Normalität der Bürokratie als überaus effizient.

einestages: Was hat das mit dem Land gemacht?

Richter: Natürlich ist die ostdeutsche Bevölkerung nicht prinzipiell irgendwie denunziationsfreudiger als die in einem anderen Land. Aber, wie so oft, hat diese Diktatur das Niedrige befördert. Es war eben ganz leicht möglich, schlecht zu reden, Auffallendes, Unangenehmes, Abweichendes zu melden, hinten rum zu verleumden. Die mangelnde Öffentlichkeit in der Diktatur bestärkte diese graue Zone - wer musste jemals damit rechnen, der Lüge bezichtigt zu werden? Deshalb denk ich, ist das sehr tief in die Gesellschaft eingedrungen. In einer freien Gesellschaft kann Denunziation gar nicht diese Rolle spielen, weil es dem Staat egal ist, was X über Y sagt. Aber in der DDR konnte das eine unglaubliche Brisanz erringen.

einestages: Warum sollen wir 25 Jahre nach der Einheit endlich über dieses Thema reden?

Richter: Ich hab den Eindruck, dass die Aufarbeitung in der Bevölkerung viel zu wenig stattgefunden hat. Es gibt natürlich einen riesigen Aufarbeitungsbetrieb und eine hervorragende Forschung. Kaum ein Fleck der Erde wurde so intensiv erforscht wie die DDR. Aber was ich sehr oft erlebe, ich unterrichte ja in den neuen Bundesländern, ist, dass es dort eine ganz starke Abwehrhaltung gibt. Dass man sich nicht wirklich mit den dunklen Seiten auseinandersetzen will. Aufarbeitung, so empfinden das viele, wird ihnen vom Westen übergestülpt. Und das ist ja auch nicht ganz falsch. Gerade die jüngere Generation sieht sich in der Pflicht, ihre Eltern und Großeltern zu verteidigen. Das liegt auch daran, dass die Jungen nach der Wiedervereinigung die Alten als schutzbedürftig erlebt haben, als hilflos, arbeitslos, orientierungslos in der neuen Gesellschaft. Ganz oft wird die Oma zitiert: Es war doch nicht alles schlecht.

Ich denke, es wäre an der Zeit, dass die Akteure von damals selber anfangen zu fragen: Was war eigentlich meine eigene Rolle? Wo hab ich vielleicht auch falsch gehandelt? Gerade für die Nachgeborenen ist es wichtig, die deutsche Nachkriegsgeschichte nicht in ein rosarotes Licht zu tauchen, sondern einmal kritisch die Eltern oder auch Großeltern zu fragen. Sehen wir nicht in der russischen Gesellschaft, wie problematisch es sein kann, wenn die Gesellschaft nicht bereit ist, sich mit ihrer Geschichte auseinanderzusetzen?

einestages: War die DDR eine Denunziantenrepublik?

Richter: Natürlich darf man nicht vergessen, dass die DDR eine Diktatur war. Das heißt, die Menschen hatten einen relativ kleinen Handlungsspielraum. Dieser Handlungsspielraum bestärkt übrigens bis heute - man sieht es an der Pegida-Bewegung - das ablehnende Denken gegenüber "denen da oben". Die Aufarbeitung des alltäglichen Opportunismus hat nicht stattgefunden, weil alles Fragwürdige auf den Staat und die Stasi ausgelagert wurde, während sich die Bevölkerung die positiv empfundenen Aspekte selbst zuschreibt, etwa die Kinderkrippen, die niedrige Kriminalitätsrate, die angebliche Solidarität. Die Stasi-Aufarbeitung und Stasi-Fokussierung brachten eine wichtige Entlastungsfunktion. Die meisten Menschen waren natürlich kein IM, haben die Stasi gehasst und wollten nichts mit ihr zu tun haben. Die Stasi hat das Gefühl bestärkt: Es gibt die da oben und wir sind die hilflose Bevölkerung da unten. Das ist in einer gewissen Weise - wenn auch nur in begrenztem Maße - für die Diktatur richtig. Bemerkenswert erscheint mir aber doch, dass sich diese Haltung bis heute fortpflanzt: Das Gefühl der Verantwortungslosigkeit, weil "die da oben" ohnehin Halunken sind. Man findet diese Haltung freilich auch in Westdeutschland, in Ostdeutschland ist das aber stärker.

Zur Person
Dr. Hedwig Richter, Jahrgang 1973, studierte Geschichte, Germanistik und Philosophie in Heidelberg, Belfast und Berlin. Seit 2011 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald, Arbeitsbereich Allgemeine Geschichte der Neuesten Zeit / Modern History.

Bye-bye DDR

Geschichten zum Mauerfall

Verwegene Proteste, riskante Untergrundaktionen, illegale Treffen: Von 1979 bis zum Ende der Republik berichtete Peter Wensierski über Widerstand und Rebellion in der DDR. Er brachte Filme, Fotos und Dokumente über die Grenze, schrieb Reportagen oder Bücher wie "Null Bock auf DDR" und drehte Dokumentarfilme. In der einestages-Serie "Bye-bye DDR" erzählt er zum 25. Jubiläum des Mauerfalls die spannendsten, bewegendsten und kuriosesten Geschichten aus dieser Zeit - und trifft die Akteure von damals wieder.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 33 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Carsten Schroeder, 06.07.2015
1. Ostalgie
Die Haltung, die hier geschildert wird, finde ich ebenfalls in meiner Arbeit in Ostdeutschland bestätigt. Die "Wessis" werden massiv diskriminiert und abgelehnt, für alles verantwortlich gemacht, mit Klischeevorstellungen belegt (arrogant, besserwisserisch, oberflächlich...). Aber früher, in der DDR, ja - da gab es noch Solidarität! Und wie! Alle hatten sich lieb. Und natürlich war nicht alles schlecht. Ausser den Westpaketen: Welche Beleidigung das immer war - nur das olle Toska Parfüm und die abgelegten Jeans, und einmal haben sie zu Weihnachten sogar 5 Pfund Butter mitgeschickt, als wir das gebraucht hätten. Wenn ein Wessi im Betrieb neu anfängt, dann richtet der sich erstmal sein Büro schön ein - typisch! Immer nur der schöne Schein, damals, in der DDR, da gabs so einen Quatsch nicht, da wurde gearbeitet... und so weiter, und so fort. Bla Bla, der böse Westen und der ach-so-schöne Osten, der leider vorbei. Aber in Russland, da hamse immerhin den Putin. *kotz*
Joe Weimer, 06.07.2015
2. Deninziantenrepublik
Was bedeutet bitte "Denunzianten Republik"? Internetneusprech?
Wilfried Dammers, 06.07.2015
3. Deutsche Denunzianten Republik
Das ist kein West oder Ost Problem typisch deutsch.Der größte Lump in diesem Land das ist und bleibt der Denunziant.
Achim Wixforth, 06.07.2015
4. ich wurde neulich
in einem Münchener Park von einem Rentnerehepaar 'bei der Polizei gemeldet', weil ich entgegen dem Verbot auf einem Schild meine kleine Tochter habe Enten füttern lassen: Soviel zur Gesinnung unserer Mitbürger! Weiter so, Deutschland!
scottbreed, 06.07.2015
5. Na und??
ist doch heute genauso.. Nur wird man nicht an die Stasi verpezt sonder ans Finanzamt oder Arbeitsamt oder jobcentern... Neider gibt es überall und wer sein Reichtum nach außen trägt muss mit fragen der Nachbarn oder neidischen Freunden rechnen.. Deswegen gilt wie zu Stasi Zeiten noch stärker im Kapitalismus, das man niemanden trauen kann nicht mal seinen Freunden oder den sogenannten Arbeitskollegen.. Der immer ein auf Kumpel macht..
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.