DDR-Urlauber Bis ans Ende der kleinen Welt

Verreisen: unbedingt! Aber wie und wohin? Urlaube in der DDR waren strikt reglementiert und führten maximal in sozialistische Bruderländer. Die Bürger waren trotzdem viel unterwegs - Fernweh macht erfinderisch.

Siegfried Wittenburg

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Fröhliche Kinder in Pionierkleidung blicken optimistisch in die Zukunft, gefolgt von einer Gruppe Musikanten mit Gitarre und Akkordeon nahe einer Baustelle. Dahinter jubeln Jugendliche in blauen FDJ-Hemden, am Horizont produzieren Fabriken für den Wohlstand aller Menschen.

Nur unscheinbar hat der Künstler Max Lingner, ein Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime, drei Uniformierte auf dem monumentalen Bild aus Meißner Porzellan platziert. 24 mal 3 Meter groß vermittelt es in der Vorhalle des heutigen Detlev-Rohwedder-Hauses in Berlin die Vision vom "Aufbau der Republik". In diesem Gebäude wurde am 7. Oktober 1949 die DDR gegründet.

Das Bild, auf Wunsch der Staatsmacht mehrfach überarbeitet, stellt den euphorischen Aufbruch der Arbeiterklasse dar. An eine Mauer, an Fernweh und internationale zwischenmenschliche Beziehungen dachte da wohl niemand. Der Kommunismus, ein Paradies auf Erden, sollte im Jahr 1980 vollendet sein: So hatte es die Kommunistische Partei der UdSSR beschlossen, damit auch die führenden und gleichgeschalteten Parteien der sozialistischen Bruderländer.

Die kostbarste Zeit des Jahres

Im August 1978, also zwei Jahre vor Anbruch des Schlaraffenlandes, ist der Morgen noch frisch, ein böiger Seewind pfeift durch den Rostocker Hauptbahnhof. Schnarrend kündigt ein Lautsprecher die Bereitstellung des D-Zuges nach Berlin-Lichtenberg an. Einige Kurswagen aus Kopenhagen werden angekoppelt. Meine Freundin und ich warten darauf, dass wir einsteigen können.

Auf dem Bahnhof patrouillieren Transportpolizisten. Die Dänen in den Kurswagen winken nach überstandenen Einreisekontrollen freundlich aus den Fenstern, damit wir uns zu ihnen setzen. Gern wollen wir die Einladung annehmen, doch der Zugbegleiter hält uns zurück und zischt: "Hier ist der Einstieg verboten." Wir suchen ein Abteil in einem anderen Waggon, die Dänen lassen ihre Arme sinken.

Über das staatliche Reisebüro der DDR ist es mir gelungen, ein Hotelzimmer für eine Woche Urlaub in Südböhmen zu ergattern. Reisen dieser Art sind knapp und müssen Monate im Voraus gebucht werden, so dass manche zurückgegeben werden. Als jungem Facharbeiter stehen mir 21 Tage Jahresurlaub zu, Samstage eingerechnet. Meine Freundin ist Studentin und hat Semesterferien.

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Urlaub für DDR-Bürger: Fernweh, Wohnungstausch, Schwarzmarkt

Wir sind jung und haben ein einziges Leben. Jedes Jahr stehen wir vor der Frage, was wir in der kostbarsten Zeit des Jahres unternehmen wollen.

Laut Warteliste werden noch viele Jahre vergehen, bis wir eine eigene Wohnung bekommen und Urlaub auf "Balkonien" verbringen könnten. Manche Kollegen bleiben mit ihrer Familie im Kleingarten und schlafen in der Datsche. Andere haben beim Feriendienst des FDGB einen Urlaubsplatz beantragt - im Harz, im Thüringer Wald, in der Sächsischen Schweiz. Freunde lassen sich jedes Jahr auf einem der beliebten Campingplätze an der Ostsee nieder.

Grenzenloser Einfallsreichtum

Junge Leute können bis zum vollendeten 26. Lebensjahr mit dem günstigen FDJ-Jugendtourist ins sozialistische Ausland verreisen. Nach Komfort fragt niemand. Wer ein Auto besitzt, wagt eine Reise nach Polen in die Hohe Tatra, in die CSSR an den Lipno-See oder nach Ungarn an den Balaton. Ganz Mutige fahren durch das bettelarme Rumänien bis an die bulgarische Schwarzmeerküste.

Ansonsten gibt es betriebseigene, naturnahe Bungalows und Campingwagen oder gar betriebliche Austauschplätze in Privatwohnungen der Partnerstädte des sozialistischen Auslands. Manche jungen Leute wagen sich sogar auf abenteuerliche Wege durch die Sowjetunion - was offiziell gar nicht möglich ist. Aber diese "Unerlaubt durch Freundesland"-Tour spricht sich herum. Dem Einfallsreichtum, seinem Urlaub schöne Stunden abzugewinnen, sind auch in der DDR fast keine Grenzen gesetzt.

An der Ostsee blüht in den Sommermonaten ein Schwarzmarkt für Übernachtungsmöglichkeiten. Statistisch gesehen ist es einem Werktätigen nur alle zehn Jahre möglich, dort Urlaub zu machen. Doch ausgebaute Dachböden, hergerichtete Schuppen oder ungenutzte Zimmer bieten zahlreiche Schlafmöglichkeiten. Über die Komfortlosigkeit wird glücklich hinweggesehen. Das Speisen in Restaurants ist zwar billig, doch mit langen Wartezeiten verbunden. Ebenso Tanzveranstaltungen. Regelmäßig in den Sommermonaten bricht die Getränkeversorgung zusammen.

Werktätige aus den südlichen Industriegebieten entdecken jedes Schlupfloch: Den Vermietern stecken sie ein üppiges Taschengeld zu, damit sie im nächsten Jahr wiederkommen können. Wer in einer seenreichen Gegend Verwandte hat, kann sich glücklich schätzen. Im Gegenzug wird die Privatwohnung mit Gästematratze zum Aufenthalt in einer Großstadt angeboten.

Wie Bettler in den sozialistischen Bruderländern

Es geht sogar so weit, dass fremde Menschen für zwei Urlaubswochen ihre möblierten Wohnungen zur vertrauensvollen Nutzung tauschen: Erfurt, Moskauer Platz, gegen Rostock Lütten Klein, Leningrader Straße. Es ist bekannt, dass die begehrtesten Urlaubsplätze von oben nach unten in den Verwaltungen der "volkseigenen" Betriebe versickern, etwa die auf der Insel Hiddensee und in modernen Hotels wie "Neptun" in Warnemünde, "Bastei" in Dresden oder "Panorama" in Oberhof.

Als der D-Zug Berlin-Lichtenberg erreicht, steigen wir in den Metropol-Express nach Prag um und treffen zufällig die Dänen wieder. Niemand hindert uns mehr daran, mit ihnen zu reisen. Gemeinsam schauen wir in der Sächsischen Schweiz aus dem Fenster, lassen die Elbe und die Bastei vorbeiziehen.

Die Dänen bieten uns westliche Zigaretten an und fragen, warum es in der DDR so viel Polizei gibt und wieso sie so streng ist. Es sollen doch alles gute Menschen sein. Diese Sicht ist für uns neu. An die Allgegenwart von Uniformierten sind wir gewöhnt.

Der Zug hält am Grenzübergang zur CSSR in Bad Schandau. Wir hören Befehle und bellende Hunde. Nacheinander reißen die Grenzbeamten der DDR und der CSSR die Abteiltür auf und verlangen unsere Personalausweise. Stempel knallen. Anschließend doppelte Zollkontrolle: Eine strenge Beamtin fragt uns, ob wir etwas zu verzollen hätten, was mich angesichts unseres leichten Gepäcks sehr wundert. Ich schüttle den Kopf. Dann fragt sie nach dem Geld. Wir müssen die tschechischen Kronen vorzählen. Weiterhin ins Portemonnaie schauend will sie wissen, ob wir Devisen mitführen.

Die Ausfuhr westlichen Geldes ist strikt verboten, wäre aber hilfreich. Denn der Umtauschsatz, im Personaldokument notiert, beträgt nur 30 Mark der DDR pro Tag und Person. Obwohl in der CSSR die Preise ähnlich und wir in der DDR nicht arm sind, werden wir fortan fast zu Bettlern. Das Geld reicht knapp für den täglichen Bedarf, vielleicht auch für ein Souvenir, doch ein Hotelzimmer oder gar eine Autoreparatur wären unerschwinglich.

Festnahme am Eisernen Vorhang

In den touristischen Zentren fragen uns Einheimische an jeder Ecke, ob wir Deutsche seien. Natürlich. Doch die Frage zielt auf den Schwarzhandel mit D-Mark unserer Schwestern und Brüder aus dem Westen, und wir fühlen uns im sozialistischen "Bruderland" als Menschen dritter Klasse. Weil wir das Hotel bereits in der DDR bezahlt haben, ist unsere Reisekasse in Kronen etwas flexibler. So können wir in Restaurants speisen, in Cafés und Bierstuben einkehren; das Warenangebot in der CSSR hingegen ist auch nicht verlockender als in der DDR.

In Prag verabschieden wir uns von den Dänen. Sie wollen nach kurzem Aufenthalt nach Wien weiterreisen - in die für uns verbotene Welt. Wir nehmen den Fernbus nach Budweis und weiter bis in die südböhmische Kleinstadt Trebon. Die Überraschung am Zielort ist ein modernes Hotel mit Restaurant und einem ansprechenden Zimmer. Der freundliche Mann an der Rezeption spricht auch Deutsch, mit Wiener Akzent.

Vom Reisebüro der CSSR erhalten wir eine Wanderkarte und ein Verzeichnis mit Sehenswürdigkeiten. Wir bummeln durch historische Städte und betrachten Fassaden, die große Ähnlichkeit mit denen in der DDR haben, nur etwas mehr verbliebene Farbe. Mit Bussen kommen wir recht weit herum. Beim Wandern durch bergige Landschaften können wir bis nach Österreich blicken.

Plötzlich stehen wir vor einem Zaun. Ich schaue auf die Karte. Sie zeigt einen Weg, aber keinen Zaun. Wir schlagen die Richtung zum nächsten Städtchen ein. Unterwegs kontrolliert uns eine freundliche Militärstreife - und nimmt uns fest. Wir befinden uns, ohne es zu wissen, am Eisernen Vorhang. Nach acht Stunden Verhör in einer Grenzstation dürfen wir unseren Urlaub fortsetzen.

Der versprochene Kommunismus: er ist noch zwei Jahre entfernt.

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Andreas Kaufmann, 27.06.2017
1. El Sig braucht Geld?
Da muss mal wieder ein Schmähartikel her? Im Jahr 1978 war ich 2x im Ferienlager, mehr oder weniger für lau. Dann zwei Wochen Urlaub mit den Eltern und eine Woche richtig verwöhnen lassen bei den Großeltern... Anfang der Achtziger habe ich in den Ferienlagern erste Westbekanntschaften gemacht, eine davon später wieder aufleben lassen. Ende der Achtziger war ich auf Kurz-Trips immer mit Gitarre und Kleininstrumenten unterwegs - das hat immer und überall für Übernachtungsmöglichkeiten gesorgt. Ab Pfingsten wurde das RZ entmottet und es ging nach Macklenburg - wo ich auch heute noch am liebsten bin. Auto oder Buchungen brauchte ich nie. Undifferenziertes Berichten ginge auch andersrum. Wenn's denn dieses Niveau sein soll.
Martina Gomez La Rosa, 27.06.2017
2. Uniformierte und Urlaube in der DDR
Uniformierte - und das überall? Keine Ahnung, wovon der spricht. Urlaube in meiner Kindheit: entweder in unserem kleinen und einfachen Wochenendhäuschen an einem Brandenburger See, im Campingwagen mit allen Schikanen von der Dachdeckergenossenschaft meines Vaters im Erholungsgebiet Schwielocher See, Strandurlaube und Bergurlaube in Bulgarien, FDGB-Strandurlaube an der Ostsee, FDGB-Urlaube im Harz, im Thüringer Wald, auf der Mecklenburgischen Seenplatte, Spritztouren nach Polen oder in die CSSR etc. p.p. - Kurz und gut: War eine tolle Zeit!
Olaf Köhler, 27.06.2017
3. Es ging auch anders
So konnte ich in den 80er Jahren zwei Wochen mit Jugendtourist nach Vietnam und auch für zwei Wochen nach Jugoslawien. "Westreisen" gab es auch - Angebote nach München und Bremen hatte ich abgelehnt und habe ich für die zwei Ziele (siehe oben) entscheiden.
Malte Jurgons, 27.06.2017
4. Guter Artikel
deckt sich zu 100% mit meinen Erfahrung. Ich war allerdings 1978 im Gegensatz zu A.Kaufmann schon erwachsen und wohl etwas mehr DDR geschädigt ... @Andreas Kaufmann Was genau war jetzt undifferenziert?
Klaus Dieter Buddrus, 27.06.2017
5. köstlich
In der DDR wurde damals offiziell von der weiteren Gestaltung der ESG gesprochen und nicht vom Kommunismus. Das mal zur Klarstellung. Und ansonsten hat jeder die Möglichkeit zu behaupten, alles was weiß ist das ist schwarz und was grün ist das ist blau. Die Regelungen zur Benutzung von Waggon internationaler Züge standen sogar im Fahrplan, aber manche konnten schon damals nicht lesen. Haben übrigens 1980 unseren doppelten Hochzeitsurlaub in der CSSR verbracht, ein neugebautes Hotel in Cesky Krumlov. Bezahlt wurde alles vorher in der DDR beim Reisebüro. Übrigens war das Warenangebot in der CSSR sogar besser als in der DDR. Denn in der CSSR stand u.a. Westwaschpulver im Schaufenster und auch AGFA Crome Filme. Ansonsten fehlt im Artikel der Hinweis, dass das Urlaubsgebiet sich von der KVDR bis Kuba erstreckte. Und wer wirklich fleißig war und viel Glück hatte, der hatte sogar Chancen beide Länder als kostenlose Auszeichnungsreise zu erleben. In meinem Bekanntenkreis hatte das Glück die Leiterin einer Milchviehanlage und Ihr Gatte (Schlosser im BKW) - und zwar sogar für beide Länder. Auch für Vietnam gab es damals einige Urlaubsplätze. Und mit ärztlichem Segen gab es (nur für Leute ohne Westverwandtschaft) sogar Urlauskuren (Luftwege, Asthma) nach Jugoslawien und Zypern. War übrigens erstmalig 1963 in der CSSR, in Karlsbad und Marienbad - ein Tagesausflug mit alten Adler Trumph Junior (Motor hochfrisiert auf 46 PS)
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