DDR-Vergangenheit "Wir schämen uns nicht für unsere Liebesgeschichte"

DDR-Vergangenheit: "Wir schämen uns nicht für unsere Liebesgeschichte" Fotos
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In dem Stasi-Melodram "Zwölf heißt: Ich liebe dich", das heute Abend in der ARD läuft, verlieben sich ein MfS-Vernehmer und eine Oppositionelle. Der Film beruht auf der Lebensgeschichte von Uwe und Regina Karlstedt - er Ex-MfSler, sie Dissidentin. Auf einestages sprechen die beiden über die Hintergründe des TV-Streifens. Von Barbara Bollwahn

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Der Stasi-Mann und die Staatsfeindin: Uwe Karlstedt, heute 52, war in der DDR Stasi-Offizier und linientreues Mitglied der SED. In der Berliner Stasi-Untersuchungshaftanstalt Hohenschönhausen war Karlstedt Vernehmer der jungen Regina Kaiser, die durch seine Arbeit 1981 wegen "landesverräterischer Nachrichtenübermittlung und staatsfeindlicher Verbindungen" zu drei Jahren und zwei Monaten Haft verurteilt wurde. Dann passierte etwas Unvorhergesehenes: Verfolger und Verfolgte verliebten sich im Gefängnis. So schildern es die Karlstedts, die 2006 heirateten, in ihrem gemeinsamen Buch "Zwölf heißt: Ich liebe Dich", auf dem der Film basiert. Der Titel leitet sich ab von Zahlenspielereien, mit denen sich die Staatsfeindin die Zeit vertrieb: Während ihr Vernehmer Protokolle schrieb, kritzelte sie neben Vögeln und Blumen Zahlen aufs Papier. Die 12 stand für "Ich liebe Dich", die 11 für "Du bist schön". Botschaften tauschten die beiden so allerdings nicht aus - Regina klärte Uwe erst 16 Jahre später über ihren Zahlencode auf.

einestages:Frau Karlstedt, warum haben Sie 1997 Kontakt zu Ihrem ehemaligen Stasi-Vernehmer aufgenommen?

Regina Karlstedt: Ich wollte den Menschen, der mich damals vernommen hat, kennenlernen. Ich wollte seine Motivation kennenlernen, wissen, warum er in diesem Ministerium für Staatssicherheit gearbeitet hat. Und ich wollte seine weitere Entwicklung kennenlernen, bis zur Wende und danach. Natürlich hatte das auch ganz urpersönliche Gründe. Ich wollte mir Sicherheit verschaffen, was damals am Schluss der Vernehmung gelaufen ist. Ob das tatsächlich eine Liebesbeziehung war oder eine Liebeserklärung oder eine Taktik des Vernehmers, den Beschuldigten weiter zu schwächen.

einestages: Sie haben "die Arschlöcher" der Staatssicherheit gehasst und fühlten sich hingezogen zu Ihrem Vernehmer, dessen "Beweise" Sie ins Gefängnis brachten. Wie ist das möglich?

Regina Karlstedt: Ich hatte schon während des Strafvollzugs angefangen, mit der DDR abzurechnen. Ich habe das System, die Regierung und die Menschen, die weggeguckt haben, für die Perversionen verantwortlich gemacht, die stattfanden, und auch für das, was mir wiederfahren ist, und nicht nur das Ministerium für Staatssicherheit.

einestages: Herr Karlstedt, hatten Sie nie Angst, dass sich ehemalige Opfer bei Ihnen melden?

Uwe Karlstedt: Die Angst bestand eigentlich im Unbehagen, vor allem juristisch zur Verantwortung gezogen zu werden. Die Angst bestand nicht in der Form, dass jemand mich aufsucht, Erklärungen und Entschuldigungen verlangt. Es gab ein zugegebenermaßen relativ diffuses Schuldgefühl. Ich hatte das Gefühl, wirklich, auf der falschen Seite gestanden zu haben. In den letzten zwei Jahren vor der Wende ist dieses Gefühl immer stärker geworden und hat mich in einen moralischen Zwiespalt gebracht.

einestages: Trotzdem haben Sie bis zum Schluss Ihre Aufgaben bei der Staatssicherheit erfüllt.

Uwe Karlstedt: Ja, wenn man einen Großteil seines Lebens in Frage stellt oder in Frage stellen muss, dann ist das schon etwas, was nicht jeder für sich zulässt. Das ist schon auch eine sehr schmerzhafte Geschichte. Heute bereue ich, dass ich in den Momenten, in denen meine Gefühle etwas gesagt haben oder mir etwas sagen wollten, ich dem nicht nachgegeben habe, sondern einfach funktioniert habe. Ich bereue, dass ich feige war, wenn ich anderer Auffassung war. Es gab Situationen, in denen Inhaftierte vor mir saßen, die ihre Haltung mit dem begründet haben, was tatsächlich in der DDR passiert ist. Ich hatte dann das Gefühl, Herrgott, der hat hier nichts zu suchen. Aber ich habe es nicht geäußert. Das hätte nicht meiner vorgeschriebenen Rolle entsprochen. Aber ich kann nicht mein Leben bereuen, das ist Unfug. Wie soll das gehen? Ich kann darüber nachdenken, ich kann meine eigene Verantwortung feststellen und ich kann versuchen, daraus für mein künftiges Erdendasein das Beste zu machen.

einestages: Frau Karlstedt, warum haben Sie Ihren ehemaligen Vernehmer nicht gehasst?

Regina Karlstedt: In unserem Zusammenleben gibt es so etwas wie Abneigung überhaupt nicht. Wenn ich eine Abneigung gegen meinen Mann empfinden würde, könnte ich nicht mit ihm leben, geschweige denn mit ihm verheiratet sein. Es ist immer und nach wie vor eine Neugierde und einfach der Wunsch da, noch mehr zu wissen und ihn noch mehr kennenzulernen, um auch Sicherheit in der Beziehung zu bekommen. Aber es ist mir überhaupt nicht gegeben, gegen ihn persönlich eine Abneigung zu empfinden. Es gibt Momente, in denen ich wütend werde, wenn er versucht, sich herauszuschlängeln. Aber es gibt immer wieder Momente, in denen ich wirklich dankbar bin, überhaupt so einen Menschen kennengelernt zu haben, der so bereit ist, über sich selbst nachzudenken und wirklich Fragen zu stellen an sein Leben. Das gibt es nicht oft.

einestages: Wird dieser Prozess der Auseinandersetzung immer Teil Ihrer Beziehung sein?

Regina Karlstedt: Ich denke, dass wir einen gewissen Abschluss schon gefunden haben. Das ist nicht täglich Thema bei uns. Ich glaube, es ist ganz wichtig für den Gesundungsprozess der Opfer, nicht nur diese Ohnmacht zu haben gegenüber den Leuten, die einem damals einen Maulkorb aufgesetzt haben und Schlimmeres, sondern dass man ihnen gegenüber tatsächlich gleichberechtigt ist und sie das auch fühlen lässt. Jeder tut so, als ob er Kontrollmechanismen hätte. Ich weiß selbst, dass ich nicht dem typischen Bild eines Opfers entspreche.

einestages: Herr Karlstedt, wie hart gehen Sie mit sich selbst ins Gericht?

Uwe Karlstedt: Ich neige dazu, manche Dinge als abgeschlossen zu betrachten und mich dann zurückzulehnen. Aber meine Frau erwartet natürlich zu Recht von mir, dass ich mich entäußere. Und dass nicht nur in allgemeiner Form, sondern ganz konkret und dass ich meine Person einbringe. Das ist dann schon manchmal ziemlich schmerzhaft. Sie zwingt mich immer wieder zum Nachdenken, dass ich nicht in diese Lethargie verfalle, so nach dem Motto "Jetzt haben wir drüber geredet und jetzt ist Schluss für alle Zeiten und ich habe meine Ruhe". Ich empfinde das für mein intellektuelles Dasein als sehr angenehm und förderlich. Mir ist es auch schwergefallen, das Buch zu schreiben. Es war die intensivste Auseinandersetzung mit meiner Entwicklung und mit dem, was ich in der DDR getan habe. Ich habe auch dabei sehr dazu geneigt, mich mit Allgemeinplätzen irgendwie aus der Affäre zu ziehen. Das hätte Regina aber nicht zugelassen.

einestages: Wer stützt wen mehr in Ihrer Beziehung?

Regina Karlstedt: Das kann ich nicht benennen. Ich bin wirklich der Meinung, dass es der Uwe, weil er in der Täterposition ist, schwerer hat, was unser Verhältnis betrifft. Ich selbst bin halt die moralische Instanz, obwohl ich das überhaupt nicht mag. Mal muss er aufgefangen werden, mal ich. Wenn er aufgefangen werden muss, ist das vorher meistens ersichtlich. Bei mir dagegen oft nicht. Da treten Haftfolgen, Depressionen zum Beispiel, einfach auf, die vorher nicht unbedingt wahrnehmbar sind, auf die ich nicht vorbereitet bin und auch Uwe nicht. Offensichtlich haben wir es aber fertiggebracht, einen Draht zueinander zu haben, ohne Wenn und Aber.

Uwe Karlstedt: Die größte Hilfe, die ich ihr geben kann, ist zu ihr zu stehen, wenn sie angegriffen wird. Das gelingt mir nicht immer, das muss ich zugeben. Aber es ist auch wichtig, dass sie einen Eindruck davon erhält, dass ich über die Dinge nachdenke.

einestages: Hubertus Knabe, der Leiter der Berliner Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen, bezweifelt den Wahrheitsgehalt Ihrer Liebesgeschichte, weil es keine Beweise, keine Belege dafür gibt. Knabe kritisiert, dass der Eindruck erzeugt werde, "die Untersuchungshaftanstalt sei ein Eheanbahnungsinstitut gewesen und nicht ein Ort zur Erpressung von Aussagen".

Regina Karlstedt: Hätte es solche Belege gegeben, wäre Uwe wohl kaum weiter Vernehmer geblieben.

Uwe Karlstedt: Und Regina wäre auch nicht freigekauft worden.

einestages: Schon vor der Ausstrahlung der Verfilmung Ihres Buches gab es Protest und Kritik von Opferverbänden, die eine Verharmlosung der Staatssicherheit befürchten. Können Sie das nachvollziehen?

Regina Karlstedt: Ich bin froh, dass nach Motiven unseres Buches ein Film gemacht wurde. Ich glaube, es ist eine andere Art der Betrachtungsweise der ehemaligen DDR. Wir schämen uns nicht für unsere Liebesgeschichte. Ich kann die Kritik an den Film nicht verstehen. Erst sollten die Täter reden, und jetzt heißt es: Macht sie mundtot.

Uwe Karlstedt: Der Film erzählt nicht eins zu eins unsere Geschichte, es sind Versatzstücke. Wer wissen will, wie es wirklich war, kann unser Buch lesen.

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insgesamt 3 Beiträge
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1.
DIETER WOLF 12.10.2009
Furchtbar: herr Karstedt hat keine Probleme mit seiner Vergangenheit - aus moralischer Sicht, nein, er hat Befuerchtungen fuer JURISTISCHEN Folgen. Was ist das fuer ein Mensch ???????????????????
2.
Thomas Wolf 08.11.2009
Herr Dieter Wolf, ich stehe noch ganz unter dem Eindruck des Films "Zwölf heißt: Ich liebe Dich" der eben in ARTE gezeigt wurde. -kannte die Geschichte vorher gar nicht. bitte lesen Sie doch den Artikel bis zum Ende, denn da stand noch: "Ich hatte das Gefühl, wirklich, auf der falschen Seite gestanden zu haben. In den letzten zwei Jahren vor der Wende ist dieses Gefühl immer stärker geworden und hat mich in einen moralischen Zwiespalt gebracht" Das zeigt doch, dass es sich Herr Karlstedt nicht leicht macht und angeregt durch seine jetzige Frau Regine über sein damaliges Leben zum Nachdenken bewegt wurde. -Das ist mehr als viele ehemalige Mitläufer bereit sind zu tun und damit ein Anfang. Ich empfand den Rausschmiss von Regina als Führerin der Untersuchungsanstalt ziemlich schlimm. Denn das belegt, finde ich, den Kleingeist vieler Mitmenschen, die gerne in schwarz/weiß bzw. Schubladendenken verfallen. in diesem Falle: die Schublade "Stasiopfer: Eigenschaften: u. a. keine Liebesbeziehung zu ehemaligen Verhörern"-undenkbar! --Die Welt ist nicht so! Das Leben ist nicht so!-- Gewiss man könnte der Beziehung von Regina zu Ihrem Mann Uwe Karlstedt auch eine Art Stockholmsyndrom unterstellen. Aber hält sich eine Scheinzuneigung durch Stockholmsyndrom auch nach Jahren der Trennung---hier müssten mich vielleicht einige Psychologen korrigieren---? Allerdings, nachdem was ich gelesen habe, finde ich die Beziehung zwischen den beiden, Regina und Uwe, ziemlich glaubhaft. also -"what happens?!"- ist eben so, wie das Leben so spielt! Und was Herr Karstedt für ein Mensch ist? Das kann man ja zum Teil nachlesen, bzw. durch die sehr gute schauspielerische Darstellung durch Devid Striesow anschauen. Er ist zumindest jemand, der sein früheres Leben reflektierte und seine damaligen Handlungen heute von einer anderen Seite betrachtet. Viele Grüße Thomas Wolf (ebenfalls Ex-DDR-ler)
3.
Karin Weber 05.02.2010
Wer das auf allen Ebenen bewusstseinsgespaltene Leben in der Ex-DDR nicht kannte, sollte besser schweigen. Der Weg in die Stasi-UHA Hohenschönhausen u.a. und danach in den Strafvollzug, stand für Andersdenkende, respektive Regimekritiker, jederzeit weit offen. Darüber soll aber jetzt nicht diskutiert werden. Was Regina Kaiser und Uwe Karlstedt in jener Zeit zueinander führte, mag auf den ersten Blick, für denjenigen, der nie in einer entsprechenden Situation war, fast kurios anmuten. Doch es gibt bekanntlich nichts, was es nicht gibt. Alles ist zutiefst menschlich! Möglicherweise haben Kaiser/Karlstedt viele Jahre gebraucht, um wirklich zueinander zu finden und somit das Täter/Opfer-Schema als Ehepaar gemeinsam zu bewältigen. Ich wünsche den beiden alles Gute und weiterhin viel Kraft.
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