Aids-Verschwörung Das Propaganda-Virus des KGB

Aids-Verschwörung: Das Propaganda-Virus des KGB Fotos
AP

Stammt Aids aus US-Militärlabors? Vier Jahre lang geisterte diese Theorie weltweit durch Zeitungen. Obwohl Wissenschaftler sie als Quatsch abtaten, war der Imageschaden für die USA enorm. Erst nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wurden die wahren Drahtzieher der Verschwörungstheorie entlarvt. Von Johanna Lutteroth

  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 13 Kommentare
  • Zur Startseite
    3.4 (11 Bewertungen)

"Nimm es, oder lehn es ab!" Stefan Heym machte sich nicht einmal die Mühe, diplomatisch zu sein. Die Botschaft war klar: Entscheide dich jetzt. Arno Widmann, damals Kulturredakteur der "taz", zögerte nur einen Moment. Dann griff er zu und steckte das Manuskript des hochdekorierten DDR-Schriftstellers in die Tasche. Dass sowohl "Zeit" und SPIEGEL es zuvor bereits abgelehnt hatten, scherte ihn wenig. "Es ist besser, einen Heym im Original im Blatt zu haben als keinen", verteidigte Widmann seine folgenreiche Entscheidung später.

Was er mit nach Hause nahm, war, wie es die "taz" Jahrzehnte später formulierte, die wohl "heißeste Hysterieware, die die Welt damals zu bieten hatte: Aids". Heym hatte ein Gespräch mit einem emeritierten Ost-Berliner Biologieprofessor aufgezeichnet, der eine skandalträchtige These vertrat: Das HI-Virus stamme nicht, wie bisher angenommen, aus Afrika, sondern aus dem US-Militärlabor Fort Detrick in Maryland. Amerikanische Gen-Ingenieure hätten das Virus 1979 für die biologische Kriegsführung kreiert. Durch reine Schlampigkeit sei der Erreger in Umlauf geraten. Ein Laborunfall US-amerikanischer Militärforscher also.

Am 18. Februar 1987 druckte Widmann das Interview unter dem Titel "Aids - man-made in USA" in der "taz" ab. "Es schlug ein wie eine Bombe", erinnert sich Kuno Kruse, damals bei der Zeitung für Wissenschaftsthemen verantwortlich. Vor allem die linke Szene der Bundesrepublik sog die wilde Aids-Theorie auf. Endlich war der Schuldige für die grauenhafte Seuche, die seit Anfang der Achtziger für Angst und Schrecken sorgte, ausgemacht! Und passenderweise handelte es sich um den viel beschimpften Erzfeind USA. Über Nacht war dank seiner Aids-These auch der Ost-Berliner Professor im Westen berühmt: Jakob Segal, ehemaliger Leiter des Instituts für allgemeine Biologie an der Humboldt-Universität.

Im Namen des KGB

Weder Widmann noch die linke Szene in der BRD ahnten zu diesem Zeitpunkt, dass sie einem perfiden Propagandacoup des russischen Geheimdienstes auf den Leim gegangen waren. Denn die Aids-Theorie war keine Erfindung Segals. Sie stammte aus der Denkfabrik des "Dienst A der Ersten Hauptverwaltung des russischen KGB", wie die Agenten Wassili Nikititsch Mitrochin und Oleg Gordijewski unabhängig voneinander Anfang der neunziger Jahre enthüllten. Deckname der Desinformationsaktion: "Infektion". Seit 1983 arbeiteten die KGB-Agenten daran, ihre Aids-Theorie weltweit zu verbreiten - und so das Image der USA weltweit in den Schmutz zu ziehen.

Ein wichtiger Handlanger für die Verbreitung in Westdeutschland war die "Abteilung X" des DDR-Auslandsnachrichtendienstes, wie Günter Bohnsack, damals Oberstleutnant, gleich nach der Wende offenherzig ausplauderte. Erhebliche Zweifel daran äußerte der deutsche Genetiker Erhard Geißler, der sich schon 1986 intensiv mit Segals Aids-Theorie beschäftigt hatte: Die Stasi sei nicht Täter sondern lediglich Beobachter gewesen. Fest steht, dass Widmann, wie vermutlich auch Heym, ahnungslose Erfüllungsgehilfen waren, die bereitwillig dafür sorgten, dass die Aids-Theorie auf so große Akzeptanz stieß.

Ungehört blieben die vielen kritischen Stimmen aus Ost und West, die das KGB-Machwerk als wissenschaftlich unhaltbar einstuften und es als das abstempelten, was es war: eine Aids-Lüge. Dazu zählten unter anderem der Virologe Reinhard Kurth und der Direktor des renommierten Moskauer Ivanovsky-Instituts, Victor Zhdanow, der angesprochen auf das Thema äußerst bissig reagierte: "Die Theorie ist lächerlich. Vielleicht waren es ja die Marsmännchen?"

Und selbst die "taz" veröffentlichte wenige Tage nach dem Heym-Interview einen Artikel, in dem der Leiter der Abteilung Virologie beim Robert Koch-Institut in West-Berlin klare Worte fand: Die Theorie sei ein "übles, scheinwissenschaftliches politisches Machwerk". Hauptargument aller Kritiker war, dass das HI-Virus nachweislich lange vor 1979 zum ersten Mal in einer Blutprobe gefunden worden war.

Schlüsselfigur der Operation "Infektion"

Angefangen hatte die üble Kampagne mit einem Leserbrief in der indischen Zeitung "Patriot" im Jahr 1983, in dem sich ein angeblich amerikanischer Anthropologe zu Wort meldete und die "Fort-Detrick"-These zum ersten Mal aufstellte. Wie der Historiker Thomas Boghardt nach einer eingehenden Analyse des Textes feststellte, stammte dieser Brief aller Wahrscheinlichkeit ebenfalls aus den KGB-Denkfabriken. Doch niemand nahm damals Notiz davon, Aids war in Indien noch kein Thema. Zwei Jahre später startete der KGB den nächsten Anlauf. In der russischen "Literaturnaya Gaseta" erschien ein Artikel, der sich mit dem Thema Aids beschäftigte und sich auf jenen Leserbrief bezog. Washington wurde sofort hellhörig und argwöhnte, dass dies der Auftakt einer weltweiten Desinformationskampagne sein könnte. Zu Recht.

Denn kurz darauf kam Segal ins Spiel. Ob er direkt vom KGB eingespannt wurde oder als Trittbrettfahrer die Thesen der "Literaturnaya Gaseta" aufgriff, ist bis heute ungeklärt. Sein Leben lang bestritt er, die Theorie vom KGB in die Feder diktiert bekommen zu haben. Vieles spricht dennoch dafür. Nachweislich unterhielt Segal enge Kontakte zum "Genossen Berater", wie die sowjetischen Verbindungsoffiziere zur Stasi hießen. Und auch Mitrochin erwähnt Segal als eine der vom KGB in Position gebrachten Schlüsselfiguren der Operation "Infektion".

Mehrfach hatte Segal seit 1985 in Vorträgen die vom KGB designte Aids-Theorie ausgeführt. Im September 1986 veröffentlichte er schließlich ein 52-seitiges Manuskript, in dem er gemeinsam mit seiner Frau Lilly, die Immunologin war, detailliert darlegte, wie die Kampfstoffforscher des US-Militärs das Virus angeblich künstlich hergestellt hatten. Laut Segal handelte es sich beim HI-Virus um die Kombination zweier Viren, die seit Jahrzehnten bekannt waren: Dem Maedi-Visna-Virus und dem T-Zellen-Leukämie-Virus Typ 1. Lange Zeit ging man davon aus, dass Segal seine These auf dem Gipfeltreffen der blockfreien Staaten Anfang September 1986 in Harare in Zimbabwe vorstellte. Neuesten Erkenntnissen zufolge hatte er aber lediglich einen Manuskript-Entwurf an afrikanische Journalisten geschickt, die daraus eine Buchbesprechung machten und unter dem Titel "Aids: USA – Home-Made Evil" im Zimbabwer Magazin "Social Change and Development" veröffentlichten.

Ost-Berlin zieht sich raus

Die Buchbesprechung alarmierte die gesamte Welt. Der "Sunday Express", der "Daily Telegraph", die "Times" und viele andere britische Zeitungen verbreiteten im Herbst 1986 das Märchen von den

US-Wissenschaftlern, die das Aids-Virus erschufen. Der Imageschaden für die USA war gewaltig. Der KGB rieb sich die Hände. Denn je mehr Zeitungen berichteten, desto glaubhafter wurde die Hypothese für die Laien. Das Interview in der "taz" war letztlich nur der krönende Abschluss - die Saat war auch in Westdeutschland aufgegangen. In über 80 Ländern, 25 Sprachen und 200 Zeitungen war zu diesem Zeitpunkt bereits über das HI-Virus aus dem Geheimlabor des Pentagon berichtet worden.

Dass Segals These wissenschaftlich nicht haltbar war, wusste auch Ost-Berlin. Deshalb durfte Segal in der DDR nichts zum Thema Aids veröffentlichen. Kurt Hager, damals für Wissenschaft und Medizin zuständiges Politbüro-Mitglied, schrieb im September 1986 an den Leiter der Abteilung Gesundheitspolitik im Zentralkomitee: "Da Genosse Segal selbst von einer Hypothese spricht, müssten eventuelle Veröffentlichungen in offiziellen Publikationen der DDR vermieden werden. Wie weit seine Vermutungen in entsprechenden Zeitschriften des Auslandes veröffentlicht werden können, weiß ich nicht. Sie müssten selbstredend von Genosse Segal als Wissenschaftler selbst verantwortet werden."

Im Herbst 1986 zeigte die Stasi trotzdem noch ein großes Interesse daran, Segals Thesen im "nichtsozialistischen Währungsgebiet" zu verbreiten, wie es intern hieß. Ein paar Monate später stellte sich die Lage aber schon anders dar. Denn im Stasi-Hauptquartier in der Normannenstraße blieb nicht unbemerkt, dass Segal aus Fachkreisen flächendeckend nur Kritik erntete. Zu viele DDR-Experten hatten klar zum Ausdruck gebracht, dass "die Behauptung Segals wissenschaftlich und medizinisch nicht haltbar ist". Darunter befand sich auch der Aids-Spezialist Niels Sönninchsen, der sich zuletzt im November 1987 im SPIEGEL zu Wort meldete: "Was Segal sagt, ist eine Hypothese, übrigens keine originelle. Eine Hypothese ist eine unbewiesene Meinung." Die Sache wurde zu heikel.

Gorbatschow entschuldigt sich

Im Sommer 1987 wurde auch Michail Gorbatschow die Aids-Lüge zu heiß. Sie hing wie ein schwarzer Schatten über der Entspannungspolitik, die der Kreml-Chef seit seinem Amtsantritt 1985 verfolgte. Im Spätsommer 1987 stoppte er sämtliche Aktivitäten des KGB und entschuldigte sich in aller Stille bei der US-Regierung für den Rufmord.

In Europa geriet Segals Theorie daraufhin langsam in Vergessenheit. In den USA entfaltete sie indes ein absurdes Eigenleben. Einige glauben, dass das Virus in Regierungslabors geschaffen wurde, um die Homosexuellen auszurotten. Andere meinen, es sei als Waffe gegen die Schwarzen kreiert worden. Und auch in Afrika finden sich reihenweise Prominente, die Aids nach wie vor für ein Produkt der biologischen Kriegsführung des Westens halten, darunter Sam Nujoma, bis 2005 Präsident von Namibia, und die Friedensnobelpreisträgerin Wangari Maathai.

Auch Jakob Segal ließ sich nicht beirren. Bis zu seinem Tod 1995 glaubte er an seine Theorie und veröffentlichte auch nach 1990 noch mehrere Aids-Bücher. Gleiches gilt für seine Mitarbeiter. Einer von ihnen heißt Christoph Klug, der zuletzt im Oktober 2004 in einem Leserbrief in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" eine Lanze für Segal brach: "HIV entstand im Westen und wurde von dort nach Afrika exportiert."

In einer früheren Version des Artikels hieß es, Segal habe behauptet, dass das Aids-Virus unter dem Namen "MK Naomi" entwickelt wurde. Dies ist nicht der Fall. "MK Naomi" war ein Forschungsprogramm des US-Militärs, das Biowaffen entwickeln sollte und 1970 eingestellt wurde. Stefan Nickels brachte 2004 in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" "MK Naomi" erstmals in Verbindung mit Segals Aids-Thesen. Zudem hat Segal seine Thesen 1986 auf der Konferenz der Blockfreien Staaten in Harare auch nicht persönlich verbreitete. Wie der Genetiker Erhard Geissler nach Durchsicht von Segals Nachlass vor kurzem feststellte, hat Segal lediglich afrikanischen Journalisten sein Aids-Manuskript zu gespielt. Er selbst war nicht in Harare und gehörte nicht zu jenen, die für die Veröffentlichung in der afrikanischen Presse sorgten. Darüber hinaus gibt es Zweifel, inwieweit die Stasi die Verbreitung von Segals Aidsthesen lancierte. Laut Geissler war sie lediglich Beobachter nicht Täter.

Artikel bewerten
3.4 (11 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 13 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Siegfried Pukallus 25.06.2012
"Der Imageschaden für die USA war gewaltig. " Mich würde interessieren, ob jemandem bekannt ist, worin die Wirkung des Imageschadens bestand. Brachen die Börsenkurse US-amerikanischer Pharmaunternehmen ein? Hatten US-amerikanische Künstler einen (vorübergehenden) Verlust an Kreativität (Bob Dylan)? Havarierte absichtlich (mit einiger Verzögerung) ein US-amerikanische Öltanker vor Alaska? Dauerte es zusätzliche 4 Jahre bis wieder ein Demokrat zum Präsidenten der USA gewählt wurde? Oder ist das Gerede vom Imageschaden einfach nur unüberlegtes Geschwätz? Wer kennt eventuell noch ein einziges Beispiel des Versuchs einer gezielten Desinformation in der Weltgeschichte? Dunkel habe ich da das Wort Tonking in Erinnerung.
2.
Horst Jungsbluth 25.06.2012
Die "TAZ" hat sich vor ca. zwei Jahren in ungewöhnlicher Form auf der ersten Seite bei ihren Lesern entschuldigt, dass sie sich mit dem Interview Segal/Heym auf eine Stasi-Inszenierung eingelassen hat. Dabei hätte sie bei beiden Personen ahnen müssen, dass sie etwas ganz anderes im Schilde führten, war doch Heym durch Publikationen von Broder, Klier und Wolfsohn als äusserst geldgierig bekannt und Segal als Provokateur berüchtigt. So hat die Stasi bereits 1959 über "faschistische" Verbrechen in der BRD berichtet, die sie selbst verübt hatte und die Dichter Heym und Hermlin dafür gewonnen, sich im "ND" darüber wortreich zu empören. Noch pikanter wird die Aids-Sache dadurch, dass die Stasi regelmässig!!! aids- und hepatitisverseuchte Blutkonserven über das bayerische Rote Kreuz in die BRD verkaufte und dort durch Gewährsleute durchsetzte, dass dieses todbringende Zeug auch eingesetzt wurde.
3.
Daniel Lechner 25.06.2012
Das Lustige ist ja, dass es mit sicherheit immernoch genug Leute gibt, die diesen Quatsch glauben. Und vermutlich werden die auf früher oder später hier zu Wort kommen. Sehr schöner Artikel, das Thema war an mir bis jetzt vorbei gegangen. Ich hatte zwar mal irgendwie gehört, dass irgendwer gesagt hat, das kommt aus den USA. Aber das sagt ja immer irgednwer über irgendwas schreckliches. Dass das so geplant und auch so geglaubt wurde war mir neu. Danke dafür!
4.
Günter Drolshagen 25.06.2012
Nicht's Neues unter der Sonne. In den 40er und 50er Jahren war AIDS noch nicht in Russland "erfunden". In der Ostzone gab es aber die russische Mär vom eingeflogenen, sprich per Bomben abgeworfenen Kartoffelkäfer Schädling oder dessen Larven. Der US General Ridgeway wurde für diese "biologischen" Bomben verantwortlich gemacht, deren gefährlicher Inhalt schliesslich bei kommunistischen Missernten/Misswirtschaft als Ausrede gebraucht wurde.
5.
Stuart Massion 25.06.2012
Es ist erstaunlich, wie einfach es war diese Verlaeumdung zu verbreiten. Manche in den Westen waren bereit alles negative ueber Amerika zu glauben. Koennen sich auch andere Spiegelleser an die "ethnische Bombe" erinnern? Das war wieder eine der Erfolgsverleumdungen des KGBs. Die Geschichte, dass die USA eine Bombe erfunden hatte, die nur Schwarzen aber nicht Weissen toeten wurde, wurde auch in eine indische Zeitung zuerst veroeffentlicht und kurz vor dem Zeitpunkt als die 1984 olympische Spielen in Los Angeles anfingen. Damit hofften sich die Machthaber der Soviet Union an den Amerikanern fuer ihre Nichtteilnahme an den 1980 olympischen Spiele in Moskau zu raechen und afrikanische Laender von der Teinahme an den amerikanischen olympischen Spiele abzuschrecken.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen