DDR-Widerstandsikone Bettina Wegner "Menschen ohne Rückgrat gibt es schon genug!"

Ihre Langspielplatte mit dem Lied "Sind so kleine Hände..." drehte sich auf mehr als hunderttausend Plattenspielern in Ost und West. Die Ost-Berliner Liedermacherin Bettina Wegner gilt als Ikone des Widerstands in der DDR - und nahm dafür staatliche Verfolgung in Kauf.

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Wir schreiben das Jahr 1968. Russische Panzer haben Prag besetzt. In den Straßen der tschechischen Hauptstadt wird auf Demonstranten geschossen. 17 Menschen sterben allein vor dem Rundfunkgebäude, weil sie unbewaffnet die Panzer umstellen. Andere werden von Militärfahrzeugen überrollt. 27 Divisionen des Warschauer Pakts schlagen den Prager Frühling nieder, den Traum von einem Sozialismus mit menschlichem Antlitz.

In Ost-Berlin steht eine junge Frau vor Gericht. Sie erklärt der Richterin mit fester Stimme, warum sie aus Protest gegen den Überfall russischer Panzer in Prag heimlich Flugblätter verteilt hat: "Am Morgen des 21. August, als die Nachricht kam, da hab ich nur ganz spontan gedacht: Det ist nicht richtig, det is falsch, det is gemein!"

Nun steht sie im Kreuzverhör, im Saal des Ost-Berliner Stadtgerichts, allein gegen alle. Als "Zuschauer" keine Eltern oder Freunde, nur ein Dozent und Monika Maron von der Schauspielschule und eine Handvoll Stasileute. Richterin und Staatsanwalt unterbrechen, attackieren oder belehren die gerade mal 20-jährige Angeklagte. Sie sei, wirft ihr der Staatsanwalt hämisch vor, "wie ein Dieb des Nachts heimlich durch die Straßen der Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik" geschlichen und habe dort "verbrecherische und hetzerische Losungen verteilt."

Ein seltenes Fundstück

Die junge Frau heißt Bettina Wegner und versucht offen und ehrlich ihre "Tat" zu erklären, dem Gericht ihre Empörung über die Erschossenen von Prag irgendwie verständlich zu machen. Die Bilder von Leichen und "Jugendlichen, die eine blutbefleckte Fahne hoch empor trugen", hätten sie erschüttert. Und da sie ihre Meinung nicht auf den Ost-Berliner Straßen hätte äußern können, habe sie einen Weg gesucht, sie dennoch kundzutun. Daher habe sie einfach Stift und Schreibpapier genutzt: "Hände weg von Prag", "Stalin lebt" oder "Hoch Dubcek". Alexander Dubcek, der Reformer, von dem sie befürchtete, man hätte ihn auch erschossen.

Flugblatt 1968
BStU

Flugblatt 1968

Dies genau zu erzählen, ist nur möglich, weil ein viereinhalbstündiger Tonbandmitschnitt der Verhandlung im Oktober 1968 existiert. Aufgenommen vom Ost-Berliner Stadtgericht in der Littenstraße, offenbar als Lehrmaterial gedacht. Das ist 47 Jahre her, doch Bettina Wegners Stimme klingt beim Zuhören taufrisch, als wäre man per Livestream im Gerichtssaal. Mal schnoddrig berlinernd, mal selbstbewusst frech, mal etwas eingeschüchtert. Es katapultiert den Hörer von heute zurück in die deutsche Geschichte wie auf einer Zeitreise. So klang es in der DDR hinter der Fassade. Ein seltenes, ein bemerkenswertes Fundstück der Zeitgeschichte. So gut konnte man bisher noch nie in die Atmosphäre eines politischen Prozesses der DDR hineinhören. Ein stets aktuelles Dokument über Mut, Widerstand und Repression in Deutschland.

Bettina Wegner hat den Mitschnitt zwar schon nach dem Mauerfall bekommen, doch seit 25 Jahren nicht ein einziges Mal abgespielt. Hier nun ist erstmals eine Passage aus den viereinhalbstündigen Band zu hören und einige ihrer handgeschriebenen Flugblätter zu sehen. Bettina Wegner sah damals, wie die hochschwangere Monika Maron im Prozesssaal weinte. Die spätere Schriftstellerin wurde so ihre Freundin.

Gefängnis und in die Produktion

Einen Tag vor ihrer Verteilaktion rund um die Pankower Florastraße hatte Bettina Wegners damaliger Freund, der 22-jährige Dramaturgiestudent Thomas Brasch ("Vor den Vätern sterben die Söhne", "Engel aus Eisen", später liiert mit Katharina Thalbach) gemeinsam mit einigen Freunden ebenfalls Flugblätter aus Protest gegen die Niederschlagung des "Prager Frühlings" in Berlin-Mitte und Prenzlauer Berg verteilt. Er warnte seine Freundin und Mutter seines Kindes noch davor, dies ebenfalls zu tun. Doch sie war genau so empört und glaubte zudem, wenn sie exakt dieselben Flugblätter wie er verteile, könne das Brasch und seine bereits inhaftierten Freunde decken. Dann könnte die Stasi denken, sie hätten nicht die Richtigen festgenommen.

In der ganzen DDR kam es damals zu Protesten, denn viele Menschen sahen durch die russischen Panzer ihre Hoffnungen auf Reformen zu einem Sozialismus mit menschlichem Antlitz zerschlagen. Der tschechische Parteichef Alexander Dubcek hatte im Januar 1968 die Zensur abgeschafft, und im Prager Zentrum waren sogar westliche Zeitungen frei erhältlich.

Bettina Wegner brachte am 11. März Benjamin, das Kind von Brasch, auf die Welt. Im August, als sie festgenommen wurde, stillte sie ihren Säugling noch. Sie kam dennoch in Untersuchungshaft. Nach ihrer Entlassung klappte das Stillen nicht mehr.

Die Studentin wurde zu einem Jahr und vier Monate Gefängnis verurteilt. Als mildernde Umstände ließ Richterin Gerda Klabuhn gelten, dass die 20-Jährige "durch die Lektüre von Sartre und Camus politisch fehlgeleitet" worden sei. Sie wurde von der Schauspielschule geworfen und musste sich zwei Jahre in der Produktion beim Elektroapparatewerk Treptow bewähren. So nah bei der Arbeiterklasse, sollte sie "ihren ideologischen Standpunkt festigen". Die Realität waren Chemikalien und massenhaft hochgiftige Leiterplatten. Als sie dort auf 71 Pfund abgemagert war, endete die Schinderei.

"Dann sing ick eben meine eigenen Texte!"

Bettina Wegner versuchte, ihr weiteres Leben auf eigene Faust zu organisieren. Sie sang im "Zentralen Studio für Unterhaltungskunst" vor und durfte für ein Jahr eine Ausbildung zur freiberuflichen Sängerin machen. "Ick dachte", berlinert Bettina Wegner über diese Zeit, "na jut, als Schauspielerin hätt' ich immer die Texte anderer uffsagen müssen. Det war vorbei. Dann sing ick eben meine eigenen Texte! Ick hab ja schon seit meinem zwölften Lebensjahr welche jeschrieben."

Allerdings ließ man sie keine Platten veröffentlichen und bald auch nicht mehr unter ihrem Namen auftreten. Wenn sie mit einer Band wie "MTS" unterwegs war, stand auf den Plakaten nur kleingedruckt: "mit Sängerin". In der aufmüpfig-alternativen Jugendszene im Osten sprach sich dennoch schnell herum, wer da auftrat. Die Zahl der Besucher auf ihren Konzerten stieg. Doch nachdem sie gemeinsam mit anderen Künstlern gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns protestiert hatte, konnte sie höchstens noch in evangelischen Kirchen auftreten.

Der Plan, die eigensinnige Sängerin aber zum Verstummen zu bringen, ging nicht auf.

Geschichten vom Scheitern

1979 erlebte ich ein Bettina-Wegner-Konzert in der Ost-Berliner Samariter-Kirche. Fast 1000 meist junge Leute füllten Bänke, Balkon und Seitenschiffe. Eine unglaublich subversive Atmosphäre lag im Raum. Das Gefühl, in der Kritik an den DDR-Verhältnissen zusammenzugehören. Die schlaksige Sängerin mit der eindringlichen Stimme bekam viel Beifall für ihre Lieder. Sie strömten Kraft aus und sprachen den Zuhörern aus dem Herzen. Die Texte waren wie Gedichte, die vom sehr genauen Blick auf das Leben in der DDR handelten. Wegner sprach darin Probleme an, die dem DDR-Optimismus zuwiderliefen: Geschichten vom Scheitern, von der Angst, vom Abschied, vom Fernweh. Ziemlich respektlos vor den Autoritäten: "Wo sind wir denn bloß hingekommen, das Ungeborene übt schon den Bückling."

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Einige junge Frauen in der Kirche konnten ihre Verszeilen mitsummen: "Aaach, wenn ich doch als Mann auf diese Welt gekommen wär, das, was ich sag und denke, würde ernstgenommen..." oder "Wenn meine Lieder nicht mehr stimmen, und keiner hört mir zu, dann lass ich die Gitarre schwimmen..."

Bettina Wegner drückte das Unbehagen einer ganzen Generation aus. Eine Zuhörerin in der Kirchenbank neben mir sagte nach dem Konzert: "Sie ist mutig, aufrichtig und singt, was sie denkt. Nach so einem Abend fühlt man sich nicht mehr so alleine."

Kurz darauf las ich in den internen Protokollen der Evangelischen Kirchenleitung von Ost-Berlin, dass das "Staatssekretariat für Kirchenfragen" von der Kirche und ihren Pfarrern verlange, "die Wegner" tunlichst nicht mehr einzuladen. Einige Pfarrer gaben dem Drängen des Staates nach, einige wenige nicht.

Anfangs Stalin-Verehrerin

Dabei war "die Wegner" nicht von Geburt an Staatsfeindin, sondern als Kind überzeugter Kommunisten auf die Welt gekommen. Sie wurde 1947 im West-Berliner Stadtteil Lichterfelde geboren. Mit der Gründung der DDR 1949 nahmen ihre Eltern sie mit in den Ostteil der Stadt, um dort fortan als SED-Parteigenossen das sogenannte bessere Deutschland aufzubauen. Ihr Vater brachte es zum Chefredakteur der Illustrierten "Freie Welt".

Bettina Wegner erinnert sich gut daran, dass sie als Kind noch alles am DDR-Sozialismus toll fand: "Ich war im Kindergarten sogar eine glühende Stalin-Verehrerin. Als zu Stalins Tod sein Lieblingslied "Suliko" über den Lautsprecher im Gruppenraum gespielt wurde, wies ich sogar ein Kind zurecht, das es dabei wagte, ins Brot zu beißen."

Sie wurde älter und in der Schule war eines Tages nur noch ein leerer Abdruck von Stalins Bild an der Wand. Niemand wollte mehr so richtig über den verehrten kommunistischen Führer reden. Die Antwort auf ihre Nachfragen fiel karg aus: Der Genosse habe "Personenkult betrieben" hieß es recht gewunden. Das wirkte unklar und für sie unehrlich.

"Kurioserweise entwickelte ich als Stalin-Verehrerin meinen ersten großen Widerspruch zur DDR. Was gerade noch groß und bedeutend war, sollte plötzlich nicht einmal mehr erwähnt werden. Da stimmt doch etwas nicht, dämmerte es mir."

Im Lauf der Zeit merkte sie: Es stimmt so vieles nicht im Land. Darüber schrieb sie Lieder. "Kinder", das bekannteste davon, entstand während einer Zugfahrt. Bettina Wegner erzählt, dass ein ihr gegenüber sitzender Geschäftsreisender den Anlass dazu gab.

Peter Wensierski

"Sind so kleine Hände" wurde zur Hymne für eine gewaltfreie Erziehung in ganz Deutschland:

Sind so kleine Hände, winz'ge Finger dran. Darf man nie drauf schlagen, die zerbrechen dann.

…

Sind so schöne Münder sprechen alles aus. Darf man nie verbieten Kommt sonst nichts mehr raus.

…

Ist so'n kleines Rückgrat sieht man fast noch nicht. Darf man niemals beugen weil es sonst zerbricht.

Grade klare Menschen wär'n ein schönes Ziel. Leute ohne Rückgrat hab'n wir schon zuviel.

Der Staat gab ihr 1980 einen Reisepass in der Hoffnung, sie würde dann einfach im Westen bleiben. Das wollte sie nicht, nutzte es aber für Auftritte. Ein Konzert im West-Berliner Bethanien-Haus zeichnete der Radiojournalist Hans Georg Soldat vom Rias auf. Das brachte die Plattenfirma CBS heraus, es wurde eine goldene Schallplatte. 1983 drehte ihr die SED aus den Westauftritten einen Strick und wollte sie erneut vor Gericht stellen, wegen angeblicher Devisenvergehen. Im Kulturministerium sagte man ihr es ganz offen: "Gehen Sie doch endlich!"

Bettina Wegner hing an den Menschen im Land, nicht aber an diesem Staat, der sie nicht wollte. Sie zog zurück in den Westteil Berlins, trotzte aber den Genossen noch etwas ab: Anders als fast alle anderen Ausgereisten durfte sie bis zum Fall der Mauer immer wieder in den Osten, aber nur, um ihre Eltern und Freunde zu besuchen. Seit ihrer Abschiedstournee 2007 tritt sie immer seltener auf. Ein Song von Leonard Cohen hat es ihr aber doch angetan: "Dance Me to the End of Love". Den hat sie ins Deutsche übertragen, so gedichtet, wie sie es angemessen fand. Nur mit der Plattenfirma und Rechteinhaberin Sony musste sie drei Jahre um das Recht, eine Cover-Version einzuspielen, hart ringen. Ihr Kampf hat sich gelohnt. Vor wenigen Tagen bekam sie die Erlaubnis. "Tanz mich bis zur Liebe Schluss".

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Bye-bye DDR

Geschichten zum Mauerfall

Verwegene Proteste, riskante Untergrundaktionen, illegale Treffen: Von 1979 bis zum Ende der Republik berichtete Peter Wensierski über Widerstand und Rebellion in der DDR. Er brachte Filme, Fotos und Dokumente über die Grenze, schrieb Reportagen oder Bücher wie "Null Bock auf DDR" und drehte Dokumentarfilme. In der einestages-Serie "Bye-bye DDR" erzählt er zum 25. Jubiläum des Mauerfalls die spannendsten, bewegendsten und kuriosesten Geschichten aus dieser Zeit - und trifft die Akteure von damals wieder.



insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
Mark Deise, 01.10.2015
1. Was für eine tolle Frau !
Ich bekomme noch heute Gänsehaut wenn ich ihre tolle Stimme und "Kinder" höre, welches aktueller denn je ist. Als "Wessi" kannte ich Bettina Wegener (von der ich immer dachte sie wäre West-Berlinerin) als Liedermacherin und Friedensbewegte, wusste aber nichts von ihrem mutigen Einsatz in der DDR. Schade, dass uns solche Menschen heute nicht vertreten, sondern rückgratlose Anpasser und Ja-Sager wie Merkel und Gauck, die beide in der DDR privilegiert waren, welches nicht für deren Zivilcourage spricht.
Hans Bilger, 01.10.2015
2. Bettina Wegner
ist großartig. 1981 hatten wir sie engagiert für ein Konzert im Landtagswahlkampf in Hessen. Wir Jusos hatten ja bekanntermaßen unsere Probleme mit dem Latten-Holger und veranstalteten ein Konzert gegen den Atomstaat. Ihren Auftritt dort werde ich nie vergessen und ihre Ausstrahlung auch nicht. Sie machte auch keinen Wahlkampf, sondern half uns, unseren Protest gegen Biblis C und die WAA noch lauter zu postulieren. Ganz abgesehen davon kann sie wirklich schön singen.
Siegfried Wittenburg, 01.10.2015
3. Wahre Kunst
"In der nächsten Diktatur muss man zuerst die Kunst verbieten." Zitat: Ulrich Mühe.
Linda Zenner, 01.10.2015
4. Ach, Bettina Wegener
auch für den Westen war sie eine Ikone, ich habe sie in den Siebzigern gehört. "Sind so kleine Hände" war DAS Lied für uns junge Pädagogikstudenten.
Karsten Dörmann, 01.10.2015
5. Nachdenkliches Lied
Das Lied kenne ich (Baujahr '80) noch aus meiner Kindheit (West-Deutschland), weil meine Eltern es irgendwo auf Kassette hatten. Aber der Text wurde mir natürlich erst viel später so wirklich bewusst. Ich versuche so gut es geht nach der besungenen Prämisse zu leben und meine kleine Tochter dementsprechend "frei" zu erziehen.. Nach all den Jahren hat das Lied also seine Wirkung, zumindest bei mir, nicht verfehlt. Danke Frau Wegner.
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