Debatte um "Kriegsverräter" "Es gab eben auch Charakterlumpen"

Sollen deutsche Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg für Geheimnisverrat verurteilt wurden, pauschal rehabilitiert werden? Die Linkspartei ist dafür, die Union dagegen. "Kriegsverräter" hatten keineswegs immer lautere Motive, argumentiert auch Rolf-Dieter Müller, Historiker an der Humboldt-Universität Berlin.


einestages: Professor Müller, im Bundestag streiten die Parteien über die Rehabilitierung von sogenannten Kriegsverrätern. Die Große Koalition bietet Einzelfallprüfungen an; Linkspartei und Grüne wollen pauschal alle entsprechenden Urteile aufheben. Verdient nicht jeder Respekt, der sich auf deutscher Seite einer Beteiligung am verbrecherischen Zweiten Weltkrieg zu entziehen suchte?

Müller: Natürlich, und der Bundestag hat daraus auch die Konsequenzen gezogen und 2002 die Urteile gegen Deserteure pauschal aufgehoben. Allerdings differenziert das Justizministerium zwischen Fahnenflucht - da entscheidet jemand für sich, diesen Krieg nicht mehr mitzumachen - und einer Verratshandlung, wo immer die Möglichkeit besteht, dass andere zu Schaden kommen.

einestages: Das ist uns zu abstrakt.

Müller: Dann gebe ich Ihnen ein Beispiel. Wir wissen aus der Ardennenoffensive 1944, dass deutsche Überläufer den Amerikanern Stellungen der Wehrmacht verraten haben. Daraufhin haben die Amerikaner am nächsten Tag die Stellungen beschossen, wobei zahlreiche Soldaten starben.

einestages: Einen solchen Überläufer wollen Sie nicht rehabilitieren?

Müller: Es ist eine Sache, die Seite zu wechseln und mit offenem Visier zu kämpfen. Das würde ich im Zweiten Weltkrieg als heldenhafte Tat bezeichnen. Nehmen Sie General Seydlitz von der sechsten Armee, die in Stalingrad unterging. Er war bereit, für Stalin eine Armee aus deutschen Kriegsgefangenen aufzustellen. Er wäre freilich niemals bereit gewesen, militärische Geheimnisse zu verraten. Wenn jemand durch Verrat in Kauf nimmt, dass seine Kameraden, die als Wehrpflichtige zwangsweise bei der Wehrmacht sind, oder Zivilisten zu Schaden kommen, dann ist das ein Problem.

einestages: Es war doch ein verbrecherischer Krieg.

Müller: Das ist unbestritten. Nur bedeutet das, dass Wehrpflichtige, die ja nicht alle begeistert in der Wehrmacht dienten, vogelfrei waren? So weit ist nicht einmal die Anti-Hitler-Koalition gegangen. Nach dem Völkerrecht muss ein Gefangener Name und Feldpostnummer mitteilen. Mehr nicht. Das soll den Gefangenen schützen, der nicht verantwortlich ist für die Handlungen seiner Regierung.

einestages: Wir denken an den Soldaten, der weiß, dass nach dem nächsten Vorstoß alle Juden im eroberten Gebiet ermordet werden, daher überläuft und dann auch militärische Geheimnisse preisgibt.

Müller: Wenn es ihn gäbe, könnte ein Urteil gegen ihn heute mit einem Federstrich aufgehoben werden.

einestages: Ihre Kollegen Wolfram Wette und Detlev Vogel haben in ihrem Buch "Das letzte Tabu" kürzlich nachgewiesen, dass auch solche Soldaten als Kriegsverräter verurteilt wurden, die Juden halfen oder Widerstand leisteten.

Müller: Die Linkspartei behauptet, es gebe damit einen neuen Kenntnisstand. Und deshalb beschäftigt sich jetzt damit der Bundestag.

einestages: Sie bezweifeln das?

Müller: Ja, denn mein Kollege und Freund Wette räumt selber ein, dass er bei einem Drittel seiner dokumentierten Fälle über die Motive nichts sagen kann. Wette erkennt politisch weit blickende Helden ebenso wie unbotmäßige einfache Soldaten. Damit ist sein Urteil differenzierter als das der Linkspartei. Es lohnt sich anscheinend, den Einzelfall zu betrachten.

einestages: Wie viele Menschen sind als Kriegsverräter verurteilt worden?

Müller: Auch das weiß niemand. Ich vermute, dass nach der Niederlage von Stalingrad der Verrat militärischer Geheimnisse durch Gefangene ein Alltagsphänomen geworden ist. Mein Kollege Sönke Neitzel berichtet aufgrund britischer Akten, dass ab 1943 deutsche Kriegsgefangene in Verhören massenhaft militärische Geheimnisse preisgegeben haben.

einestages: Da sie von deutscher Seite nicht verurteilt wurden, können sie jetzt natürlich auch nicht rehabilitiert werden.

Müller: Ich wollte nur auf die Größe des Phänomens hinweisen.

einestages: Sie haben als Gutachter im Rechtsausschuss des Bundestages einen, wie Sie sagen, "besonders krassen Fall von Kriegsverrat" präsentiert. Es geht um Edgar Feuchtinger. Wer war das?

Müller: Ein NS-General mit persönlichen Beziehungen zu Hitler. Er hat sich in einem selbst für damalige Verhältnisse unglaublichen Maße am Eigentum von Juden bereichert. Und er hat als Divisionskommandeur während der Ardennenoffensive seiner Freundin, einer brasilianischen Tänzerin, Einzelheiten der geplanten Offensive geschrieben und damit seine eigene Truppe in Gefahr gebracht. Das Reichskriegsgericht hat ihn der Korruption und des Verrats militärischer Geheimnisse für schuldig befunden. Hitler hat dann das Todesurteil aufgehoben.

einestages: Woher wissen Sie das?

Müller: Die Gerichtsakte ist verschollen, aber der Bericht eines am Prozess beteiligten Richters am Reichskriegsgericht von 1963 liegt vor.

einestages: Das ist eine dünne Beleglage.

Müller: Bei vielen Fällen von Kriegsverrat haben wir nur wenige Dokumente vorliegen. Nach dem Krieg hat übrigens Feuchtinger als Agent der Sowjets ehemalige Kameraden ausgehorcht, die bei der Bundeswehr gelandet waren.

einestages: Nun hat der Historiker Helmut Kramer, wie Sie Gutachter für den Rechtsausschuss, festgestellt, es gebe gar kein Urteil wegen Kriegsverrats gegen Feuchtinger. Dieser sei wegen Wehrkraftzersetzung verurteilt worden. Kramer wirft Ihnen deshalb "Geschichtsfälschung im Dienst der Politik" vor.

Müller: Das ist eine persönliche Diffamierung, die ich bedauerlich finde. Ich habe nichts gefälscht. Wir streiten nur um die Interpretation eines Falles.

einestages: Aber es ist doch ein Problem, wenn Sie Feuchtinger gegen die Rehabilitierung von Kriegsverrätern ins Feld führen - dieser jedoch formal nicht zu dieser Gruppe zählt.

Müller: Nach Feststellungen des Gerichts ist Feuchtinger korrupt gewesen und hat militärische Geheimnisse verraten. Das Gericht hat darauf verzichtet, die Tatbestände einzeln zu würdigen und ihn am Ende wegen Wehrkraftzersetzung verurteilt. Wette berichtet von Fällen, die anders ausgingen. Der Vorwurf Kriegsverrat wurde offenbar "elastisch" gehandhabt.

einestages: Warum haben Sie Feuchtinger dann überhaupt eingeführt?

Müller: Der Fall spielt in der kontroversen Debatte nicht die Rolle, die Kramer ihm gibt. Mir und anderen ging es nicht um die juristische Seite, sondern um die Deutung der Linkspartei, dass Kriegsverrat durchweg aus idealistischen Gründen begangen wurde. Und da haben wir neben vielen anderen Fällen Feuchtinger als Gegenbeispiel genannt, das eine solche Deutung widerlegt. Es gab eben auch Charakterlumpen.

einestages: Und eine große Grauzone. Ihre Kollegen Wette und Vogel schildern den Fall eines Soldaten, der 13 Juden gegen Bezahlung auf seinem LKW versteckt und über die Grenze nach Rumänien mitzunehmen versucht. Das wurde damals als Kriegsverrat gewertet. Ob der Soldat aus Habgier geholfen hat oder aus idealistischen Motiven lässt sich nicht rekonstruieren.

Müller: Für die Frage, ob Kriegsverrat durchweg "aus zutiefst humanen Gründen" geschah, wie die Linkspartei behauptet, spielt der Unterschied schon eine Rolle. Für die Flüchtlinge natürlich nicht.

einestages: Das erscheint uns als ziemlich akademische Debatte. Dem Soldaten soll ja kein Denkmal gebaut, sondern nur das Stigma des Kriegsverräters genommen werden.

Müller: Ich bestreite doch nicht, dass die NS-Justiz mit der Begründung Kriegsverrat auch Widerstandsakte verurteilte. Ich störe mich nur an der pauschalen positiven Würdigung, wie es die Linkspartei tut. Es geht hier offenbar um einen geschichtspolitischen Akt.

einestages: Der Wehrmachtsgeneral Hans Oster zählt zu den großen Figuren des deutschen Widerstands. Er informierte mehrfach den niederländischen Militärattaché über den immer wieder verschobenen Termin des deutschen Angriffs auf Dänemark, Holland und Belgien. Oster wird heute verehrt. Was ist der Unterschied zwischen ihm und dem kleinen Überläufer, der die Stellungen auf der deutschen Seite preisgibt?

Müller: Oster wollte den Angriff verhindern. Er hoffte darauf, dass die Alliierten Abwehrmaßnahmen treffen und auf diese Weise Hitler abschrecken würden. Er erhoffte sich davon keinen persönlichen Vorteil.

einestages: Aber hat er den Tod vieler Soldaten nicht ebenso in Kauf genommen wie der Überläufer?

Müller: Oster ging ein hohes persönliches Risiko ein, um genau das zu verhindern. Der Überläufer hingegen trägt allein nichts dazu bei, den Krieg zu verkürzen. Und ob er sich durch Verrat eine bessere Behandlung erhofft oder politische Motive nur vorgibt, wissen wir meist nicht.

einestages: Was spricht dagegen, alle Kriegsverräter pauschal zu rehabilitieren und nur dann eine Einzelfallprüfung vorzunehmen, wenn jemand im Verdacht steht, aus unlauteren Motiven gehandelt zu haben. Auch die Fahnenflüchtigen sind pauschal rehabilitiert worden.

Müller: Das ist nicht praktikabel. Niemand wird die Fälle noch einzeln überprüfen, nachdem sie pauschal aufgehoben worden sind. Bei der Fahnenflucht gab es damals eine breite Forschung, auf die man sich stützen konnte. Beim Kriegsverrat könnte sie durch einen voreiligen Schlussstrich verhindert werden.

einestages: Es soll also auf eine Rehabilitierung verzichtet werden, damit die Historiker das Thema interessant genug finden, um darüber zu debattieren und zu forschen?

Müller: Nein, aber man soll die Reihenfolge einhalten. Erst müssen wir mehr wissen, dann könnten wir urteilen. Bis dahin können sich Betroffene jederzeit rehabilitieren lassen.

Das Interview führten Klaus Wiegrefe und Markus Deggerich



insgesamt 7 Beiträge
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Oskar Matzerath, 08.03.2009
1.
Die Argumentation dieses Herrn Müller entspricht ganz und gar der nibelungentreuen Gesinnung. Es ist eine Schande, dass er damit hier zu Wort kommen darf. Jeder, der den Mut hatte, sich von der deutschen Wehrmacht abzusetzen, hat dafür gesorgt, dass weniger alliierte Soldaten und auch Deutsche Zivile umgekommen sind und der Krieg verkürzt wurde. Hätten sich alle so heldenhaft benommen und wären übergelaufen, wäre der Spuk bald vorbeigewesen. In dem Artikel wird gut klar, wer der Charakterlump ist und welcher Ungesinnungstyp an der Spitze von ihnen nach wie vor wühlt.
Peter Wagner, 08.03.2009
2.
Das scheint ein wirklich interessantes Thema zu sein, was die Linkspartei da - wahrscheinlich unbeabsichtigt - losgetreten hat. Ich persönlich finde, man sollte mit den "Verrätern", die nach dem Überlaufen oder nach einer Gefangennahme militärische Details preisgaben, die zum Tode ihrer ehemaligen Kameraden beitrugen, nicht so hart ins Gericht gehen, wie Hr. Müller dies tut. Ich finde es nachvollziehbar, wenn gerade in den späteren Kriegsjahren, in denen auch den einfachen Wehrmachtssoldaten in zunehmendem Maße klar geworden sein mußte, daß der Krieg verloren gehen würde, Überläufer und Gefangene durch ihren kleinen Beitrag eine Verkürzung der Kämpfe herbeiführen wollten. Des Weiteren kannten sie möglicherweise auch die Haltung der Kameraden, die sie verrieten und wußten vielleicht daher, daß diese Soldaten sich sowieso nicht ohne Kampf ergeben würden. In den Streitkräften des Dritten Reichs (also ausdrücklich nicht nur auf die Wehrmacht, aber auch auf sie bezogen) wirkte die ideologische Indoktrination der Soldaten doch recht tief. Reine Spekulation natürlich, aber über die Beweggründe des Einzelnen nach so vielen Jahren wird man nichts Sicheres mehr erfahren können. Außerdem: auch die gegnerischen Soldaten sind "Kameraden", die stürben, gingen sie unvorbereitet vor. Ein ethisch-moralisches Dilemma, das auf gar keinen Fall von und durch unsere windelweichen und korrupten Politiker bewertet und beurteilt werden darf! Gegen eine pauschale Rehabilitierung bin ich allerdings aufgrund des von Hrn. Müller genannten Beispiels von Feuchtinger auch.
Eberhard Doerr, 09.03.2009
3.
Die Frage nach den "idealistischen Motiven" ist doch irrelevant, vielmehr geht es darum, die Unterscheidung zwischen Fahnenflüchtigen und "Kriegsverrätern" aufzuheben. Diese Unterscheidung ist in der Wirklichkeit ohnehin müssig. Wenn das Verhalten der Betreffenden an ihrem "Idealismus" zu messen wäre, dann müsste man analog auch die Planung von Selbstmordattentaten weniger scharf bestrafen - denn einen persönlichen Vorteil möchten die Attentäter offensichtlich nicht aus ihrer Tat ziehen. Das ist natürlich Unsinn, der Maßstab kann (in beiden Fällen) doch nur sein, welche _Wirkung_ das Verhalten auf das Gemeinwohl hat. Und da muss man im Falle des zweiten Weltkriegs ganz klar sagen, dass jede Handlung, die diesen Krieg schneller beendete, dem Gemeinwohl zuträglich war. Wer - gerade als Historiker - daran zweifelt, der möge sich nur einmal vor Augen führen, auf welche Stadt die erste Atombombe gefallen wäre, wenn der Vormarsch der Allierten weniger schnell erfolgt wäre. Und es geht ja auch nicht darum, die Betreffenden zu Helden zu erklären oder sie sonstwie zu ehren - es geht nur darum, sie von einer damals ausgesprochenen Schuld oder Verurteilung nunmehr freizusprechen. Dies ist, 65 Jahre nach den betreffenden Ereignissen, auf jeden Fall richtig, somit sind die Einwände des hier befragten Historikers zu verwerfen; egal wie die Motivation der "Linke" bei dieser Initiative bewertet.
Lou Palgen, 21.04.2009
4.
Tja der werte Herr Professor hat damals eben nicht in den Ardennen gelebt, oder im ersten Weltkrieg im Norden Frankreichs. Wie einfach es ist von der hohen Kanzel zu verurteilen, ich gebe den Überlläufer 100% recht, wären alle übergelaufen wären soche Episoden wie der Film die Brücke nicht gekommen wo die HJ dann noch verheitzt wurde. Aber was solls, im nächsten Krieg werde ich zuerst auf meine Offiziere schiessen, die Einheizer meine Ich Und dann feiern wir unter Landsern bis die beiden oberen Kriegsherren sich die Nase blutig geschlagen haben.
Burkhard von Grafenstein, 19.05.2009
5.
Bezieht sich die Verehrung der Linkspartei für Deserteure eigentlich auch auf Rotarmisten, die desertiert oder zu den Deutschen übergelaufen sind, und auch auf Soldaten der NVA, die in den Westen desertiert sind?
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