Debatte um Olympia-Boykott Der chinesische Bumerang

Die Geschichte der Olympia-Boykotte ist lang - und die Chinesen sind dabei einsame Spitze. Kaum eine Nation hat bei den Spielen so oft durch demonstrative Abwesenheit geglänzt. Jetzt könnte sich der Spieß umdrehen.

AFP

Von und Christopher J. Peter


Im Boykott von Olympischen Spielen ist China Spitze. Kaum eine andere Nation hat ihre Teilnahme an den Wettkämpfen so häufig von der politischen Stimmung abhängig gemacht wie das Reich der Mitte. Seit kurzem diskutiert die Welt nun auch über einen Boykott der Sommerspiele in Peking 2008. Für die Chinesen könnte ihre Olympia-Taktik so zum Bumerang werden.

Der Sport als Fortsetzung der Politik mit andern Mitteln: Schon mehrfach sind Nationen mit Olympia-Entzug abgestraft worden. Besonders nach dem Ersten Weltkrieg wurde deutlich, dass die Idee von unpolitischen Spielen des Friedens und der Völkerverständigung vor allem eines war: eine Worthülse. Während des Krieges waren die Spiele ganz ausgefallen; als sie 1920 in Belgien stattfanden, durften die Kriegsverlierer Deutschland, Österreich, Ungarn, Bulgarien und Türkei nicht dabeisein. 1924 gab es auf Druck Frankreichs erneut ein Teilnahmeverbot für die Weimarer Republik.

Umgekehrt verhallten die Boykott-Aufrufe: 1936 inszenierte Nazideutschland die Spiele in Garmisch-Partenkirchen und Berlin zu einer gigantischen Propagandaschau des aufstrebenden "Dritten Reiches". Der Schriftsteller Heinrich Mann hatte gemahnt: "Ein Regime, das sich stützt auf Zwangsarbeit und Massenversklavung; ein Regime, das den Krieg vorbereitet und nur durch verlogene Propaganda existiert, wie soll ein solches Regime den friedlichen Sport und freiheitlichen Sportler respektieren?"

Reichskanzler Adolf Hitler wusste die Bedenken offenbar an den entscheidenen Stellen zu zerstreuen: Kurzfristig ließ er die Hetze gegen Juden aussetzen, Ausgaben der antisemitischen Wochenzeitung "Der Stürmer" wurden zensiert und Redakteure, die weiterhin antisemitische Hetzkampagnen publizierten, sogar in Schutzhaft genommen.

Taiwan unter falscher Flagge

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts galt Boykott vor allem den Chinesen als probates Mittel des Protestes. Bei den Spielen in Melbourne 1956 war es zum Eklat gekommen, als für das taiwanesische Team versehentlich die Flagge der Volksrepublik China gehisst wurde. Die Athleten Taiwans stürmten daraufhin unter dem Jubel der Zuschauer den Fahnenmast und rissen die rote Flagge herunter. Die Chinesen schmollten - und sagten ihre Teilnahme ab. Bis 1980 sollten sie sich komplett von der olympischen Bühne fernhalten.

1963 erfand die Volksrepublik sogar ein Gegen-Olympia: Als führende Nation der blockfreien Staaten hob es die "Games of the new emerging forces", kurz GANEFO aus der Taufe. Mit 2200 teilnehmenden Athleten aus 48 Nationen, darunter auch Frankreich, Italien, Belgien, Schweden, die Niederlande und die Sowjetunion, stellten die Spiele von Jakarta eine ernstzunehmende Herausforderungen der olympischen Bewegung dar. Doch Chinas Weg, seinen Einfluss auf die blockfreien Staaten zu stärken und gleichzeitig auf Sportbühne zurückzukehren, war zum Scheitern verurteilt. Infolge der politischen Wirren der Kulturrevolution in China blieben die GANEFO eine einmalige Veranstaltung.

Ultimatum an die Sowjets

Für noch größere Aufmerksamkeit sorgte eine Serie von Olympia-Boykotten zwischen 1968 und 1984. Eine Vielzahl afrikanischer Staaten weigerte sich zwischen 1968 und 1976, an den Olympischen Spielen teilzunehmen, weil sie ein Zeichen des Protestes gegen die Apartheid setzen wollten. Weil Neuseeland den internationalen Sportbann gegen Südafrika gebrochen hatte, nahmen allein in Montréal 1976 21 Staaten des Schwarzen Kontinents nicht teil.

Zu einem regelrechten Desaster für die olympische Idee gerieten die Spiele in Moskau von 1980. Dabei hatte alles so gut begonnen: Willy Brandts Ostpolitik leitete im Kalten Krieg eine Entspannungsphase ein, die USA und die Sowjetunion schlossen Verträge zur Limitierung strategischer Waffen ab, der Vietnamkrieg ging zu Ende - beste Bedingungen für sportliches Tauwetter. 1974 hatte das Internationale Olympische Komitee Moskau den Zuschlag für die Ausrichtung der Spiele 1980 gegeben. Der Einmarsch sowjetischer Truppen in Afghanistan allerdings löste internationalen Protest aus.

US-Präsidenten Jimmy Carter stellte ein Ultimatum: Falls sich die Sowjets nicht bis zum 20. Februar zurückzögen, würden die USA die Spiele boykottieren. Doch an der US-Heimatfront herrschte keine einheitliche Linie. Zahlreiche US-Sportler sprachen sich heftig dagegen aus wie der Eisschnellläufer Eric Heiden, Idol der Winterspiele von 1980 und fünffacher Olympiasieger: "Die Wintersportler halten den Boykott für kein geeignetes Mittel," erklärte er offen beim Empfang im Weißen Haus.

Amerikaner auf Linie gebracht

Sportler und das Olympische Komitee der Vereinigten Staaten, in dem es viele Boykott-Gegner gab, wurden durch Androhung von finanziellen Konsequenzen und Passentzug auf Linie gebracht. Doch es ging auch anders: Zu den Boykott-Befürwortern zählte etwa Boxprofi Muhammed Ali, der im Auftrag Carters auf Afrika-Tour ging, um für die Protestaktion zu werben.

Von den 148 vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) zugelassenen Nationen nahmen 65 nicht teil. Carter und sein Außenminister Cyrus Vance hatten zuvor erheblichen Druck auf die Verbündeten ausgeübt. Trotzdem gingen einige westliche Nationen an den Start, darunter Frankreich, Finnland, Irland und Italien. Großbritannien stellte seinen Sportlern die Entscheidung frei - die meisten reisten nach Moskau.

So hätte es sich wohl auch Helmut Schmidt gewünscht - tatsächlich musste er jedoch Bündnistreue beweisen und löste mit seinem Nein für Moskau eine erbitterte innerdeutsche Debatte aus. Der damalige Präsident des Nationalen Olympischen Komitees (NOK), Willi Daume, wurde bei einem Gespräch im Kanzleramt auf Linie gebracht. Wenn man die Gefahr eines dritten Weltkriegs heraufbeschwören wolle, solle man ruhig nach Moskau fahren, habe Schmidt gesagt. Rückendeckung erhielt Daume damals vom Präsidenten des Deutschen Sport Bunds (DSB). "Sport taugt nicht zum Knüppel der Politik." Doch letztendlich mussten sich beide beugen - der Bundestag sprach sich einmütig für ein Fernbleiben aus.

Fadenscheinige Aktionen

Die Aktion bedingte eine Reaktion: In Los Angeles 1984 fehlten 16 Ostblockstaaten. Die fadenscheinige Begründung: mangelnde Sicherheit für die eigenen Athleten.

Gleichzeitig zeigten sich politisch die ersten Risse in der scheinbar monolithischen sowjetischen Einflusssphäre. Die rumänische Mannschaft widersetzte sich dem Diktat Moskaus und reiste in die USA. Auch von Honecker ist überliefert, dass er sich eigentlich darauf freute, an den Spielen teilzunehmen, da er hoffte, dank guter Trainingsergebnisse seiner Sportler erstmals im Medaillenspiegel vor der UdSSR zu liegen. Die DDR nahm letztendlich nicht teil, doch es kam zu ernsthaften Verstimmungen zwischen dem Staatsratsvorsitzenden Honecker und ZK-Chef Leonid Breschnew.

Auch wenn die Boykotte politisch wenig bewirkten: Die Gefahr, ein Regime moralisch durch ein sportliches Großereignis aufzuwerten, ist real. Dies zeigte sich vor 30 Jahren: Der faschistischen Militärjunta Argentiniens war es gelungen, durch die Fußball-WM geschickt von Folter und Mord an tausenden Regimegegnern abzulenken. Ein Vorgang, für den sich viele, die über den damaligen WM-Sieg jubelten, bis heute schämen. Manchmal reicht es einfach nicht, wenn der Stadion-Bau gut vorangeht und die Sicherheit gewährleistet scheint.



insgesamt 6 Beiträge
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Barney Gumble, 19.03.2008
1.
Pro Boykott Ich bin dafuer Peking 08 zu boykottieren - kennt jemand Online-petitionen oder aehnliches?
Carsten März, 19.03.2008
2.
Ich finde es schade das wieder die wirtschaftlichen Interessen und die Funktionäre des Sportes das Vorgehen in Tibet & China dulden und bei den Spielen so tun werden als sei nichts geschehen. Ich finde ein Land das derart agiert, gehört politisch. wirtschaftlich und sportlich Isoliert. Ein Boykott der Spiele ist eine Pflicht - vor allem für deutsche Sportler die ihre persönlichen Interessen nicht über die der Menschlichkeit stellen dürfen.
Philip Müller, 19.03.2008
3.
Ein Boykott gegen China ist nicht real nicht umsetzbar, weil: (a) politische Isolation nicht möglich ist, weil Peking im Weltsicherheitsrat sitzt (b) wirtschaftlich nicht machbar, weil ein plötzlicher Abzug ausländischen Kapitals genau den Menschen am meisten schadet, die man damit unterstützen will, in diesem Fall den Tibetern. Allerdings wird dieser Prozess langsam ablaufen, da viele Unternehmen mittlerweile festgestellt haben, dass sie bei der Produktion in China und dem anschließenden Export draufzahlen. Der Gedanke, den Sport dazu zu missbrauchen, politische Ziele durchzusetzen, ist völlig abwegig. Was hat das 1980 und 1984 gebracht? NICHTS! Business as usual in Ost und West. Wenn die ausländischen Sportler nicht anreisen, mutiert das Ganze zu reinen China-Spielen, was so oder so der Fall sein wird, wenn man sich die Leistungen der chinesischen Athleten in den letzten Jahren betrachtet. Vielmehr bietet sich durch die Anwesenheit der Sportler die Möglichkeit, auf die Probleme aufmerksam zu machen, ein Bewusstsein dafür dank unabhängiger Berichterstattung zu schaffen. Ein Boykott, egal in welcher Art, zeigt nur die Ohnmacht der Welt gegenüber einem menschenverachtendem System. Dabei kann man nur verlieren.
eine Chinesin, 19.03.2008
4.
"weil ein plötzlicher Abzug ausländischen Kapitals genau den Menschen am meisten schadet, die man damit unterstützen will, in diesem Fall den Tibetern." Sind Chinesen keine Menschen? Sollen Chinesen auf keinen Fall Unterstützung bekommen? Sie sind hier gegen die ganze chinesische Bevölkerung. Ein Boykott hilft niemandem und schon gar nicht den Tibetern. Viele Chinesen freuen sich auf diese Spiele. Warum wollen Sie ihnen unbedingt diese Freude verderben?
Bruce Li, 19.03.2008
5.
Ich weiß nicht, ob ein Boykott gegen China richtig (Wie man die Richtigkeit definieren soll, ist eine andere Frage!) ist. Aber meiner Meinung nach, um über das Thema von "Tibet" überhaupt diskutieren zu können, hat man zuerst sowohl mit der chinesischen Geschichte vertraut gemacht haben müssen als auch mindestens 5. Jahren in China/Tibet gelebt haben müssen.
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