Defa-Filmkinder Als Gage einen Wellensittich

Defa-Filmkinder: Als Gage einen Wellensittich Fotos
DEFA-Stiftung / Jürgen Hoeftmann

Ihr Ruhm währte meist nur einen Film: Hunderte Kinder standen für das DDR-Filmstudio Defa vor der Kamera. Danach ging's für den kleinen Muck, "Alfons Zitterbacke" und Co. zurück ins normale Leben. einetages erinnert an die Einwegmimen - und zeigt, was aus ihnen wurde. Von

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Millionen von Kindern hätten vor Freude Luftsprünge vollführt - Petra hingegen brach der kalte Angstschweiß aus. Sie stand gerade in Berlin-Friedrichshain auf dem Schulhof, als zwei Frauen mit dem Ruf "Da ist sie!" auf sie zustürzten und ihr die Hauptrolle des Heimkindes im Film "Sabine Kleist, 7 Jahre" anboten. Das siebenjährige Mädchen mit dem blonden Zopf, ein Schlüsselkind, dessen Eltern beide in Vollzeit arbeiteten, verstand nur "Kinderheim" - und glaubte allen Ernstes, man wolle sie nun dorthin bringen.

"Das Missverständnis klärte sich erst auf, als meine Eltern den Zettel lasen, den die beiden Frauen, Kinderbetreuerinnen des Defa-Filmstudios, mir mitgegeben hatten", erinnert sich die heute 36-jährige Petra Lämmel. Sie sollte nicht abgeschoben werden, sondern war dazu auserkoren worden, die "Sabine" zu spielen: eine Vollwaise, die im Heim aufwächst und aus Verzweiflung ausbüxt, weil ihre Erzieherin Edith in Mutterschutz geht. "Sabine Kleist, 7 Jahre", der 1981 abgedrehte Film über Vertrauen, Einsamkeit und Tod, machte die Ostberlinerin über Nacht zur kleinen Berühmtheit.

Der DDR-Führungsriege war das überhaupt nicht recht. Um zu verhindern, dass aus den Kindern Stars wurden, galt die unausgesprochene Regel, jedes Kind nur einmal für eine Hauptrolle zu besetzen. Zum einen wollte man nicht den Rummel des kapitalistischen Klassenfeindes imitieren. Zum anderen war es dem System wichtig, seine Filmkinder vor den psychischen Belastungen des Star-Daseins zu schützen. Rund 1000 Mädchen und Jungen standen in der DDR für das volkseigene Filmstudio Defa in Potsdam-Babelsberg vor der Kamera - 14 von ihnen hat der Filmjournalist Knut Elstermann in dem jetzt erschienenen Buch "Früher war ich Filmkind. Die Defa und ihre jüngsten Darsteller" porträtiert.

Laute, fiese "dicke Tilla"

Die sozialistische Planvorgabe sah vor, dass drei bis vier der insgesamt 16 pro Jahr zu produzierenden DDR-Filme für die kleinen Zuschauer gedreht werden sollten. So entstanden zwischen 1946 und 1988 rund 150 Kinderfilme. Die Defa-Kinderfilm-Regisseure, allesamt fest angestellt und zumeist mit einem üppigen Budget sowie geschultem Kinderbetreuungspersonal ausgestattet, tingelten nicht selten monatelang über Schulhöfe, durch Kindergärten und Pionierferienlager, bevor sie unter Tausenden von Kandidaten den passenden Darsteller für ihre Geschichte gefunden hatten. 3500 Mädchen hatte sich etwa Regisseur Helmut Dziuba angeschaut, bis seine Talentscouts endlich Petra Lämmel alias "Sabine" entdeckten.

Das staatliche Plansoll ermöglichte es Künstlern wie ihm, in aller Ruhe zu arbeiten. Gecastet wurde, wer am besten zur Rolle passte: Laiendarsteller, die zumeist weder davor noch danach vor der Kamera standen. Mädchen wie Petra Lämmel etwa. Oder auch Carmen Sarge, die in die legendäre Rolle der "dicken Tilla" schlüpfte: ein lautes, fieses Mädchen, das seiner Mitschülerin Anne die Brille kaputtmacht und Gullideckel stemmt - genau das Gegenteil der echten Carmen.

"Ich mochte noch nie den Ton angeben, viel lieber hätte ich damals die zarte, beliebte Anne gespielt", sagt die heute 40-jährige Carmen leise. Doch besaß sie nun einmal die Leibesfülle der "dicken Tilla" - und wurde, wie Petra, vom Pausenhof weg engagiert. Für die fast Elfjährige begann eine aufregende Zeit zwischen Schule, Set und Elternhaus: Am meisten genoss Carmen in jenem Sommer 1981, dass der ungeliebte Klavierunterricht ausfiel. Und nachdem sie anfangs ein wenig mit ihrer Rolle gehadert hatte, entwickelte sie einen Mordsspaß am Charakter der Tilla. Schließlich war Carmen alt genug, zwischen Realität und Fiktion unterscheiden zu können - anders als die zum Drehzeitpunkt gerade mal siebenjährige "Sabine Kleist".

Suppe von Lotte Ulbricht, Schelte vom Ministerium

"Ich weigerte mich hartnäckig, auf den Bauch der schwangeren Edith zu schlagen", erinnert sich die heute 36-jährige "Sabine"-Darstellerin Petra Lämmel. Erst als Regisseur Helmut Dziuba ihr das Kissen zeigte, das man Edith auf den Bauch gebunden hatte, willigte das kleine Mädchen ein. Bei anderen Szenen machte sie partout nicht mit. Einen Jungen zum Abschied küssen? Kam nicht in Frage! Meist akzeptierten die Erwachsenen am Set, dass Petra ihren eigenen Kopf hatte. Sie wiederum genoss die ungeteilte Aufmerksamkeit und empfand die Dreharbeiten als eine Abfolge von Abenteuern, als "große Spielerei", wie sie heute sagt.

Anders als "Sabine", die "dicke Tilla" und die allermeisten anderen Kinderdarsteller stand André Kallenbach in den sechziger und siebziger Jahren in mehreren Filmen vor der Kamera. Berühmt machte ihn der 1967 angelaufene "tapfere Schulschwänzer": ein Viertklässler, der sich durch die Straßen Ostberlins treiben lässt, anstatt die Schulbank zu drücken. Kallenbach avancierte zum Mini-Star, gab mit krakeliger Handschrift Autogramme, wurde herumgereicht - und bekam gar von Lotte Ulbricht, der Frau des DDR-Staatsratsvorsitzenden höchstpersönlich den Teller vollgeladen.

"Ich war auf einer ziemlich drögen Pioniersveranstaltung im Friedrichsstadtpalast eingeladen, die ganze SED-Spitze war dabei. Völlig verloren stand ich am Buffet, als plötzlich eine unheimlich nette, alte Frau ankam und mir Suppe auftat. Es war Lotte Ulbricht", erinnert sich der heute 53-jährige Kallenbach und lacht.

"Nur zwei Flaschen Rosenthaler Kadarka"

Das Ministerium für Kultur indes hatte große Probleme mit dem Film: Jungregisseur Winfried Junge, der später mit "Die Kinder von Golzow" für Furore sorgen sollte, musste damals zahlreiche Kämpfe ausfechten und rechtfertigen, wieso ausgerechnet ein Schulschwänzer in der DDR-Gesellschaft zum Kinderhelden werden soll. Doch Junge setzte sich durch - in puncto Kinderfilm war das Regime oft toleranter als sein Ruf. Anders als bei den Filmen für Erwachsene war der Staat hier vergleichsweise tolerant, was diese Arbeiten wirklichkeitsnaher, konfliktreicher und damit spannender machte.

So geriet der DDR-Kinderfilm, wie Filmjournalist Elstermann betont, zu einer Art Nische, dessen Regisseure zwar allgemein menschliche Werte und Ideale vermitteln wollten, sich für politische Propaganda jedoch nicht einvernehmen ließen. "Wir Filmemacher", stellte Kinderfilmregisseur Walter Beck 1984 klar, "sind keine Lehrer. Unsere Zuschauer sind nicht unsere Schüler. Auch ist das Kino keine Schule. Und der Film ist keine pädagogische Maßnahme."

In dieser Nische war leise Kritik am System durchaus möglich. So schickte Regisseur Junge seinen "tapferen Schulschwänzer" demonstrativ durch die Straßen der Ostberliner Fischerinsel, kurz bevor das System die historischen Bauten dort niederwalzte und durch monotone Plattenbauten ersetzte. Und auch bei "Sabine Kleist, 7 Jahre" wurde subtil am Regime gezweifelt: "Werter Kunde, bitte kaufen Sie jeder nur zwei Flaschen Rosenthaler Kadarka", lautet etwa die Durchsage im Supermarkt, als "Sabine" an den prallgefüllten Regalen vorbeischlendert - schließlich deckten sich Angebot und Nachfrage nur selten im real existierenden Sozialismus.

Hellblauer Wellensittich, grünes "Diamant"-Rad

Diese Eigenschaft mag mit dazu beigetragen haben, dass der DDR-Kinderfilm zu den wenigen Feldern gehörte, auf denen die Defa international brillieren konnte. "Sabine Kleist, 7 Jahre" etwa punktete bei den Internationalen Filmfestspielen von Berlin und Moskau. Und die 1953 angelaufene "Geschichte vom kleinen Muck", erfolgreichste Defa-Produktion aller Zeiten, gehört bis heute zu den weltweit bekanntesten Kinderfilmen überhaupt.

Besonders üppig entlohnt wurden die kleinen Darsteller deshalb nicht. Gerade einmal 40 Mark betrug die durchschnittliche Tagesgage, während die Erwachsenen zur gleichen Zeit bis zu 20-mal soviel verdienten. So kamen selten mehr als 2000 Mark zusammen - "was wir damals jedoch als eine gewaltige Menge Geld empfanden", sagt "Tilla"-Darstellerin Carmen. Sie kaufte sich davon den lang ersehnten Wellensittich in hellblau und einen Kassettenrekorder, während Kallenbach, der "tapfere Schulschwänzer", seine Gage in ein grünes "Diamant"-Fahrrad investierte. Und "Sabine" ließ sich das Geld von ihren Eltern auf ein Konto legen, um es erst am 18. Geburtstag abzuheben, "für den Führerschein", wie sie sagt.

Die Berlinerin arbeitet heute als Zahntechnikerin, während "Tilla"-Darstellerin Carmen Pastorin in Bitterfeld geworden ist. Hier, im einstigen Chemie-Moloch, dem, wie sie sagt, "einstigen Synonym für ganz, ganz schrecklich", fühlt sie sich geborgen. Auch André Kallenbach hängte die Schauspielerei mit 20 Jahren an den Nagel. Seinen Vater, der ihn inständig bekniete, eine Schauspielschule zu besuchen, brüllte er entnervt an: "Mach's doch selbst!" Der junge Mann hatte es satt, herumgereicht zu werden und begann eine Lehre als Automechaniker. Heute verkauft Kallenbach Anzeigen für einen Berliner Zeitungsverlag.

Zum Weiterlesen:

Knut Elstermann: "Früher war ich Filmkind: Die DEFA und ihre jüngsten Darsteller". Verlag Das Neue Berlin, Berlin 2011, 224 Seiten.

Das Buch erhalten Sie im SPIEGEL-Shop.

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1.
Carsten Simon 21.04.2011
Interessant. Hier in Ghana lebt die Dame, die beinahe 'Kleiner Muck' wurde. Sie hatte alle Castings gemacht, den Vertrag unterschrieben und sogar schon den angefertigten Turban auf dem Kopf - aber dann kam Thomas Schmidt und der passte dann wohl besser in das Konzept. So haben wir in Accra das Glück eine hervorragende Kindergärtnerin zu haben, die schon über 40 Jahre die Seele der Schule ist und Generationen von Kindern eine glückliche Schulzeit bereitete.
2.
Peter Müller 23.04.2011
Wer hat denn die Überschrift "Als Gage einen Wellensittich" verfasst, und mit welcher Motivation? Anscheined, um angebliche Kinderausbeutung in der DDR anzuprangern. Beim Lesen des Textes erfährt man dann aber, dass ein Kind nicht etwa mit einem Wellensittig entlohnt wurde, sondern sich von seiter Gage - neben einem Kassettenrekorder - einen Wellensittich gekauft hat. Und die Gage betrug 40 Mark. Pro Drehtag. Dort wird wieder darauf verwiesen, dass Erwachsenen das "bis zu 20-fache" bekommen haben. "Bis zu" heißt nicht anderes als: Vielleicht haben manche auch nur 40 Mark bekommen. Und nur ganz wenig werden 400 Euro pro Drehtag bekommen haben. Vielleicht Manfred Krug oder Gojko Mitic. Bitte mal als Maßstab nicht Ort und Zeit und verschieben. Mario Adorf bekommt heute bis zu 10'000 Euro pro Drehtag. Kriegen das die Kinder in seinen Filmen auch? Also, 40 Euro waren viel Geld. In der DDR konnte man davon eine Monatsmiete bezahlen oder ein ganzes Schuljahr lang seine tägliche Schulmilch. Es gibt keinen Grund, das verächtlich zu machen.
3.
Franziska Kreß 24.04.2011
In Schweden ist es ähnlich. Die Kinderdarsteller der Pippi-Langstrumpf-Filme haben auch nur geringe Gagen bekommen. Ist eigentlich auch besser so. Kinder sollen nicht arbeiten müssen um das Geld für ihre Eltern zu verdienen. Die Kinderdarsteller der DEFA haben vermutlich eine bessere Kindheit gehabt als viele Kinderstars im Westen. Sie hatten mal ein bißchen Abwechslung, haben sich ein bißchen Taschengeld verdient, und mehr nicht. So ist es ihnen leichter gefallen wieder in den Alltag zurückzufinden und vermutlich sind sie heute zufrieden als so mancher Kinderstar Marke Hollywood. Was hat es z.B. Macauly Culkin genutzt schon als Kind weltberühmt zu sein und Millionen zu verdienen? Die Eltern haben ihn ausgenutzt und sein Vermögen veruntreut und jetzt läuft er vergeblich dem einstigen Ruhm nach.
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