Demjanjuk-Abschiebung "Die Welt soll erfahren, wie es in Sobibor gewesen ist"

Demjanjuk-Abschiebung: "Die Welt soll erfahren, wie es in Sobibor gewesen ist" Fotos

Als John Demjanjuk im KZ Sobibor als Aufseher diente, saß Thomas Blatt dort als Häftling ein. Im Interview erinnert sich der heute 82-jährige Holocaust-Überlebende an das Terrorregime der ukrainischen Wachen im NS-Vernichtungslager - und fordert, deren Taten endlich aufzuarbeiten.

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Thomas Blatt kam am 15. April 1927 in Izbica auf die Welt, einem jüdischen Schtetl im heutigen Ostpolen. Von dort wurde er mit seinen Eltern und seinem jüngeren Bruder im April 1943 ins Vernichtungslager Sobibor deportiert. Er konnte während einer Häftlingsrevolte im Oktober 1943 entkommen und sich verstecken. 1958 emigrierte Blatt aus Polen nach Israel und zog 1959 in die USA. Sein Buch "Nur die Schatten bleiben. Der Aufstand im Vernichtungslager Sobibor" (Aufbau Taschenbuch-Verlag, Berlin, 335 Seiten, 8,95 Euro) gilt als Standardwerk. In einem möglichen Prozess gegen John Demjanjuk in München will Blatt als Nebenkläger auftreten.

SPIEGEL: Herr Blatt, Sie sind aus Kalifornien angereist, um vor dem Ermittlungsrichter in München gegen John Demjanjuk auszusagen. Demjanjuk wird vorgeworfen, am Mord von mindestens 29.000 Menschen im Vernichtungslager Sobibor beteiligt gewesen zu sein. Was werden Sie dem Richter erzählen?

Blatt: Was die ukrainischen Wachmannschaften in Sobibor getan haben. Wir hatten vor ihnen mehr Angst als vor den Deutschen, und ich war zur gleichen Zeit dort wie Demjanjuk.

SPIEGEL: Was werfen Sie ihm vor?

Blatt: Er hat mitgeholfen, dass die Todesfabrik funktionierte. Ohne die gut 100 Ukrainer hätten es die Deutschen niemals geschafft, 250.000 Juden umzubringen. Zum SS-Personal zählten gerade einmal 30 Deutsche, und von denen war die Hälfte immer im Urlaub oder krank. Wir haben in Sobibor mehr Ukrainer als Deutsche gesehen, und wir zitterten vor ihnen.

SPIEGEL: Mit "Ukrainern" meinen Sie die ausländischen Gehilfen, die von der SS im Lager Trawniki ausgebildet worden waren; unter ihnen waren viele Ukrainer. Warum haben Sie die besonders gefürchtet?

Blatt: Sie haben uns misshandelt, sie haben alte und kranke Neuankömmlinge, die nicht mehr gehen konnten, erschossen. Und sie waren diejenigen, die die nackten Menschen mit aufgepflanzten Bajonetten in die Gaskammer trieben. Ich musste häufig nur wenige Meter entfernt arbeiten. Wenn jemand nicht weiterwollte, haben sie geschlagen und geschossen. Ich höre heute noch ihre Schreie "idi sjuda", "komm her".

SPIEGEL: Aber jener Teil des Vernichtungslagers, in dem die Gaskammer lag, war abgesperrt. Sie konnten doch dort nicht hin.

Blatt: Dass sie die Juden in den Zugang zur Todeszone trieben, die sogenannte Himmelfahrtsstraße, habe ich selbst gesehen.

SPIEGEL: Haben Sie auch mit eigenen Augen gesehen, wie Trawniki-Männer Häftlinge mordeten?

Blatt: Ja, ich war dabei, als Ukrainer polnische Juden erschossen, die versucht hatten zu fliehen. Und ich erinnere unendlich viele Misshandlungen. Einmal waren wir im Wald, um Bäume zu fällen. Die Ukrainer wollten, dass wir singen. Doch die russischen Lieder, die die Ukrainer hören wollten, konnten nur die polnischen Juden singen, nicht die holländischen. Da haben sie diese so gequält, dass sich einige von ihnen in der Nacht in den Baracken erhängten.

SPIEGEL: Handelten die Wachleute nicht auf Befehl der Deutschen?

Blatt: Viele waren Sadisten, die Misshandlungen waren ihnen nicht befohlen worden. Oder sie wollten sich vor den Deutschen aufspielen. Nur wenn sie Geld oder Gold von uns bekamen, ließen sie uns für eine Weile in Ruhe.

SPIEGEL: Woher hatten Sie diese Dinge?

Blatt: Ich musste zeitweise die Habseligkeiten der Ermordeten verbrennen, die diese vor dem Weg in die Gaskammer abgelegt hatten. Da waren manchmal Goldmünzen versteckt, sie lagen dann in der Asche. Andere habe ich beim Sortieren gefunden. Die Ukrainer wollten damit Prostituierte bezahlen.

SPIEGEL: Im Lager?

Blatt: Nein, in den Dörfern drum herum. Eine der Frauen hat mir das später erzählt.

SPIEGEL: Und keiner der Wachmänner hat so etwas wie Mitgefühl gezeigt?

Blatt: Da war einer, der hieß Klatt. Der hat als Einziger nicht geschlagen.

SPIEGEL: Wachleute wie Demjanjuk wurden von der SS aus dem Heer gefangener Rotarmisten rekrutiert, von denen Millionen in den Lagern der Wehrmacht elend umkamen. Hatten diese Männer eine Wahl, wenn sie ihr Leben retten wollten?

Blatt: Es stimmt, die SS verlangte von ihnen, dass sie mordeten, um zu leben. Aber viele andere Gefangene ließen sich nicht mit den Deutschen ein. Und die Wachleute in Sobibor hätten auch desertieren können. Einige von ihnen sind ja abgehauen.

SPIEGEL: Erinnern Sie sich noch an Ihre Ankunft in Sobibor?

Blatt: Ja, das war im April 1943. Ich wurde mit meiner Familie aus meinem Heimatort Izbica auf Lastwagen dorthin gebracht. Wir lebten ja nur 70 Kilometer von Sobibor entfernt, wir wussten, was dort passierte. Und doch haben wir gehofft, dass das nicht unser Tod sein würde. Es ist wohl die Natur des Menschen, bis zur letzten Minute zu hoffen. Nur mein Vater, der hat gesagt: Wir werden sowieso sterben. Und ich weiß, wie ein Mann neben mir durch ein Loch in der Plane spähte und auf Jiddisch sagte: "Ys schwarz von Ukrainer." Er meinte die Farbe der Uniformen. Die Ukrainer eskortierten uns ins Lager.

SPIEGEL: Wie überlebten Sie die Selektion?

Blatt: Es gab in Sobibor keine Selektion, die Juden sollten dort ausnahmslos sterben.

SPIEGEL: Wie sind Sie dann dem Tod entronnen?

Blatt: Ich drängte mich nach vorn, als ein SS-Mann unsere Gruppe abschritt, um nach Handwerkern zu suchen. Dabei hatte ich gar kein Handwerk gelernt. Ich war 15 Jahre alt, klein und dünn. Vielleicht bemerkte der SS-Mann, Oberscharführer Karl Frenzel, meinen starken Willen. Er sagte: "Komm raus, du, Kleiner." Damit war ich vorläufig gerettet. Hinterher erfuhr ich, dass sie einige Tage zuvor holländische Juden unter den Arbeitshäftlingen erschossen hatten. Ich sollte die Lücke füllen.

SPIEGEL: Was passierte mit Ihrer Familie?

Blatt: Ein SS-Mann schlug meinen Vater mit einem Knüppel zusammen, dann verlor ich ihn aus den Augen. Zu meiner Mutter hatte ich noch gesagt: "Und ich durfte gestern die Milch nicht austrinken, du wolltest unbedingt noch welche für heute aufheben." Meine seltsame Bemerkung verfolgt mich bis heute; es war das Letzte, was ich zu ihr sagte. Mein zehnjähriger Bruder blieb an der Seite meiner Mutter. Sie wurden alle in der Gaskammer ermordet.

SPIEGEL: Was war Ihre Überlebensstrategie?

Blatt: Ich wusste: Die Deutschen schätzen es, wenn man sauber und gesund ist. Ich habe versucht, beim Gehen stark auszusehen, am besten mit einem Lächeln im Gesicht. Ich habe darauf geachtet, dass meine Hosen beim Schlafen nicht verknitterten und ihre Bügelfalten behielten. Und ich war neugierig, bin immer herumgegangen und habe nach Fluchtmöglichkeiten gesucht.

SPIEGEL: Was waren Ihre Aufgaben im Lager?

Blatt: Ich musste die Habseligkeiten der Opfer sortieren, Hemden zu Hemden, Schuhe zu Schuhen. Einige Male musste ich auch Frauen die Haare abschneiden, bevor sie in die Gaskammer gingen. Sie waren bereits nackt. Sobibor war eine Fabrik, zwischen Ankunft und Verbrennung der Leichen lagen meist nur wenige Stunden.

SPIEGEL: Wussten die Menschen, was mit ihnen geschehen würde?

Blatt: Vor allem die Holländer waren völlig ahnungslos. Traf ein Transport ein, hielt meist ein SS-Mann eine Ansprache. Er entschuldigte sich für die beschwerliche Reise und sagte, aus hygienischen Gründen müssten erst einmal alle duschen. Später würden sie dann irgendwo arbeiten. Manche der Juden haben applaudiert. Die konnten sich nicht vorstellen, was sie erwartete.

SPIEGEL: Sie gehörten zu den Organisatoren des Aufstands von Sobibor am 14. Oktober 1943. Wie kam es dazu?

Blatt: Geholfen haben vor allem jüdische Rotarmisten aus Minsk, die als Arbeitshäftlinge nach Sobibor gebracht worden waren. Die brauchten nur zwei Wochen, um den Aufstand zu planen.

SPIEGEL: Wie lief die Aktion ab?

Blatt: Wir wollten die SS-Leute einzeln in den Hinterhalt locken und sie dann töten. Dabei verließen wir uns auf die Habgier der Männer und auf ihre Pünktlichkeit. Das funktionierte. Einem SS-Unterscharführer, Josef Wolf, erzählten wir, dass man einen schönen Ledermantel für ihn aufbewahre. Er solle zu einem bestimmten Zeitpunkt kommen, und das machte er auch, und dann haben ihn Häftlinge getötet. Wir haben ein Dutzend SS-Leute und eine unbekannte Zahl an Wachmännern umgebracht. Die Deutschen und die Wachmänner haben erst spät gemerkt, was los war.

SPIEGEL: Wie sind Sie danach entkommen?

Blatt: Ich wollte durch ein Loch im Stacheldrahtzaun steigen, das jemand mit der Axt geschlagen hatte. Doch als der Wachmann im Turm auf uns schoss, begannen einige zu klettern. Der Zaun fiel um, ich blieb mit meinem Mantel im Stacheldraht hängen. Das hat mir das Leben gerettet. Die vor mir hinausliefen, wurden in den Minenfeldern zerfetzt, die auf der anderen Seite des Zauns lagen. Ich schlüpfte aus dem Mantel und rannte weg. Über 300 Häftlinge sind damals geflohen, rund 50 haben den Krieg überlebt.

SPIEGEL: Und wie haben Sie sich die anderthalb Jahre bis Kriegsende durchgeschlagen?

Blatt: Die Freiheit war schwierig. Wenn ich ein Christenjunge gewesen wäre, hätte ich bessere Chancen gehabt. Die Leute hätten sich um mich gekümmert. Doch wohin sollte ich? Mein Heimatort Izbica hatte keine jüdische Gemeinde mehr, und die polnischen Bauern sahen in uns vor allem die Christusmörder. Ein Bauer versteckte mich und einige andere zunächst gegen Geld, das wir aus Sobibor mitgenommen hatten. Später versuchte er, uns zu erschießen. Die Kugel steckt noch immer in meinem Kiefer. Ich habe mich dann im Wald oder in leerstehenden Gebäuden versteckt.

SPIEGEL: Demjanjuk war laut Dokumenten während des Aufstands nicht mehr in Sobibor, er wurde zurück in das Ausbildungslager Trawniki und dann ins KZ Flossenbürg in der Oberpfalz verlegt. Seine Familie und seine Verteidiger argumentieren, er sei mit 89 Jahren zu alt und krank für ein Verfahren.

Blatt: Die Menschen sehen jetzt nur den alten Mann. Sie sehen nicht denjenigen, der die Menschen in die Gaskammern getrieben hat.

SPIEGEL: Erinnern Sie sich denn konkret an Demjanjuk?

Blatt: Nein, nach 66 Jahren kann ich mich nicht einmal an das Gesicht meines Vaters erinnern. Aber ich bin sicher, dass Demjanjuk so wie die anderen ukrainischen Wachmänner war.

SPIEGEL: Was würden Sie als eine gerechte Strafe erachten?

Blatt: Mir ist egal, ob er ins Gefängnis muss oder nicht; der Prozess ist mir wichtig. Ich will die Wahrheit. Die Welt soll erfahren, wie es in Sobibor gewesen ist. Er sollte gestehen, denn er weiß so viel. Er ist der letzte lebende Täter von Sobibor.

Das Interview führten Jan Friedmann und Klaus Wiegrefe

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1.
Guenter Wunderle 14.05.2009
Wenn hier ein Herr Blatt auftritt, sich Zeuge nennt, aber erklärt, er könne sich nicht an Demjanuk persönlich erinnern,ist diese Aussage vor einem deutschen Gericht - wenn es rechtsstaatlich zugeht - nicht verwertbar. Die Vermutung, es sei Demjanuk gewesen, weil im Lager Ukrainer waren, ist kein Beweis. Wichtig wäre schon vor Jahrzehnten gewesen, daß die Verbrechen aufgeklärt worden wäre, inkl. der Juristen, die später die deutsche Wirtschaft, Justiz und Politk mit ihrem Gedankengut nach 1945 manipulieren konnten und die Verbrechen in den eigenen Reihen vertuscht haben. Nur durch solche Unrechtstaten in der Nachkriegsjustiz konnten Massenmörder der Nazis der Strafe entkommen.
2.
Dora Safran 25.05.2009
> ...Wichtig wäre schon vor Jahrzehnten gewesen, daß die Verbrechen aufgeklärt worden wäre, inkl. der Juristen, die später die deutsche Wirtschaft, Justiz und Politk mit ihrem Gedankengut nach 1945 manipulieren konnten und die Verbrechen in den eigenen Reihen vertuscht haben. Nur durch solche Unrechtstaten in der Nachkriegsjustiz konnten Massenmörder der Nazis der Strafe entkommen. In den besetzten Ostregionen wurde die von sich aus schon stark antisemitsche Beoelkerung auch von Nazi Propaganda berieselt, die in diese Tendenz einhakte. Die Wehrmacht Ilustrierte "Signal" wurde in mehreren Sprachen veroeffentlicht. Ihr Chefredakteur Giselher Wirsing, bewunderte den Mufti Amin al-Husseini, hatte starken Sympathien fuer die Muslimbrueder, war Gegner der juedischen Auswanderung nach Palaestina und warnte vor westlichem Liberalismus, insbesondere "juedischem Einfluss" in England und Amerika. "Die Spruchkammer beim Landgericht Garmisch stufte ihn 1948 im Rahmen der Entnazifizierung als Mitläufer ein und belegte ihn mit einer Geldstrafe von 2000,-- Reichsmark, die in der Berufungsinstanz auf 500,-- Reichsmark reduziert wurde. Die Zeitschrift SPIEGEL zitierte ihn 1967, er habe 1943 die gewaltsame Ausscheidung des jüdischen Elements gefordert und interpretierte, er habe damit die "Zweckmäßigkeit von Auschwitz" begründet. Wirsing drohte dem SPIEGEL deshalb zwar mit einem Prozess, ließ der Drohung aber keine Taten folgen." (Wikipedia Artikel ueber Giselher Wirsing). Nach den Krieg fungierte er unter anderem als Chefredakteur von "Christ und Welt." Dies als Beispiel fuer Manipulation des Gedankenguts.
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