Depeche Mode in der DDR Der Sound der Anderen

Dieses Popkonzert schrieb Geschichte: 1988 spielte Depeche Mode eine eigene Show für die FDJ in Ost-Berlin. Fans boten Unsummen für Tickets, manche fälschten sie sogar. Sascha Schmidt hat Zeitzeugen aufgespürt, die damals dabei waren - und Fotos gemacht haben.

www.depechemode.de

Der 7. März 1988 ist ein kalter Tag in Ost-Berlin. Doch auch der leichte Schneefall kann mehrere tausend schwarz gekleidete Jugendliche nicht davon abhalten, sich vor der Werner-Seelenbinder-Halle am Prenzlauer Berg zu versammeln. Eine Eintrittskarte für die Veranstaltung, die hier am Abend stattfinden soll, besitzen nur die wenigsten von ihnen. "Geburtstagskonzert der FDJ" steht in schlichter Schrift auf dem braunen Papier, Preis: 15 Ostmark. Ein weiterer Hinweis auf das Programm findet sich nicht. Trotzdem bieten die frierenden Fans Fantasiepreise, um in die Halle zu gelangen.

Auch ohne offizielle Ankündigungen hat sich das Gerücht bis in den letzten Winkel der Republik verbreitet: Depeche Mode würden an diesem Abend ihr erstes und einziges Konzert in der DDR spielen. Eine Sensation, nicht nur für die zahlreichen ostdeutschen New-Wave-Anhänger. "Ich konnte das nicht glauben. Die Ungarn, die bekamen so was vielleicht hin, das war ja schon halber Westen", erinnert sich Sascha Lange, Autor des Buches "DJ Westradio", der damals dabei war. "Aber die FDJ - niemals!"

Popkultureller Ausnahmezustand

Fanliebe in der DDR - das war in den meisten Fällen eine Fernbeziehung. Die Objekte der Begierde strahlten in West-Shows vom Fernsehbildschirm oder aus eingeschmuggelten Bravo-Heften, von denen jeder Schnipsel ein kleines Heiligtum war. "Ich hatte eine Oma im Westen und besaß deshalb 80 Poster von Depeche Mode", berichtet Lange über seine Jugend in der DDR.

Rocco Ganzert gehörte zu den Leipziger Depeche-Mode-Fans der ersten Stunde. Mit Sitzblockaden auf der Tanzfläche brachten er und seine Freunde die DJ's in Jugendclubs dazu, ihre vorher mühsam zurechtgespulten Kassetten abzuspielen. Als er von dem Konzert in Ost-Berlin erfuhr, war ihm klar: Er musste dabei sein. Zwar wurden die Tickets ausschließlich an Berliner Schulen verteilt, doch für 650 Ostmark - immerhin zwei Monatsgehälter - gelang es dem jungen Gebäudereiniger, vor der Konzerthalle eine Karte zu erstehen. Andere bezahlten sogar das Doppelte. "Am nächsten Tag hörten wir, dass ein Fan sogar sein Motorrad gegen eine Eintrittskarte getauscht hatte", erinnert sich Gerald Ponesky, der als Produktionsleiter für die Abläufe in der Halle verantwortlich war. Für einen Abend herrschte popkultureller Ausnahmezustand in der DDR.

Schon ein Jahr zuvor hatten Popkonzerte im Arbeiter- und Bauernstaat für Unruhe gesorgt. Anlässlich Berlins 750-Jahr-Feier, die in beiden Teilen der Stadt zelebriert wurde, wollte die DDR sich im besten Licht präsentieren. "Da brach der totale Klassenkampf aus", erzählt Ponesky. "Die wollten dem Westen den Finger zeigen." Doch auf die Ost-Jugend übten vor allem die Veranstaltungen jenseits der Mauer eine magische Anziehungskraft aus. Bei einem Open-Air-Konzert mit David Bowie und Genesis beim Reichstag direkt an der Mauer eskalierte die Situation: Der Wind wehte die Songs bis weit nach Ost-Berlin, und immer mehr Jugendliche versammelten sich auf der Straße Unter den Linden, um ihren Idolen wenigstens akustisch nah zu sein. Als die Rufe nach Perestroika und Glasnost aus der Menge heraus immer lauter wurden, schlug die Volkspolizei zu und nahm zahlreiche Personen fest. Erinnerungen an den Volksaufstand am 17. Juni 1953 wurden wach.

Merchandising - das war der Souvenirstand

Ein Damm war gebrochen. Die DDR-Funktionäre spürten immer deutlicher, dass sich immer größere Teile der Bevölkerung von ihnen anwandten und Jugendbewegungen wie HipHop und New Wave durch keine Mauer aufzuhalten waren. Die "Wunderwaffe Westkonzert" sollte deshalb dabei helfen, verlorenes Prestige zurückzugewinnen. Zwar hatten schon Künstler wie James Brown und Uriah Heep im Osten gastiert - doch Depeche Mode spielten in einer anderen Liga. Mit elektronischen Sounds und unnahbarer Attitüde galten die vier britischen Musiker um Sänger Dave Gahan nicht nur für DDR-Teenager als Inbegriff von Coolness. Ein ungarischer Konzertveranstalter fädelte den Deal ein, und die gerade mal 5000 Westmark Gage für die Band erschienen selbst den devisenklammen Genossen als Schnäppchen. Am Ende sollte der - wohl einkalkulierte - geschäftliche Verlust der Band bei über 100.000 Westmark liegen. Zahlen, die den FDJ-Coup nur noch verblüffender machen.

"Das Konzert kam wie aus dem Nichts," erinnert sich Ponesky. "Zum Glück war es nicht unser erstes. Ein paar Begriffe wie Backstage oder Catering hatten wir schon gelernt. Merchandising - das war bei uns in der DDR eigentlich der Souvenirstand!"

Andere sind weniger vertraut mit den Regeln im Musikgeschäft. Ohne Probleme gelingt es Zeitzeuge Rocco Ganzert, mit seinem Kassettenrekorder in die Halle zu gelangen. Dass es verboten sei, Konzerte mitzuschneiden, hat er zuvor in der Bravo gelesen. Doch bis zu den FDJ-Ordnern ist diese Information wohl nicht durchgedrungen.

"Dieses Glück, diese Freude"

In der Halle warten 6000 Fans. Seinen vorsorglich mitgenommenen FDJ-Ausweis kann der 16-jährige Sascha Lange stecken lassen: Nichts deutet auf eine Geburtstagsparty der FDJ hin. Statt blauer Hemden fiebern schwarz gekleidete Depeche-Mode-Doubles dem Auftritt entgegen. Die DDR ist an diesem Abend unendlich weit weg. In Grund und Boden gebuht, verlässt die ostdeutsche Vorband Mixed Pickles die Bühne.

Um 20.08 Uhr ist es endlich so weit: Als Sänger Dave Gahan "Good evening, East Berlin" in den Saal ruft, drückt Rocco Ganzert aufgeregt die Aufnahmetaste seines Kassettenrekorders. Nicht wenigen Fans laufen Tränen über das Gesicht. "Wir rasteten total aus", erinnert sich Sascha Lange. "Dieses Glück, diese Freude. Depeche Mode in der DDR - und ich war dabei!" Selbst Produktionsleiter Ponesky reißt die Stimmung mit: "Es war ein Konzert, das sich mit keinem anderen vergleichen lässt. Die Band hatte eine Aura, die einen fast gläubig werden ließ." Als nach eineinhalb Stunden das Saallicht angeht, spüren alle Beteiligten, dass sie gerade etwas ganz Besonderes erlebt haben.

Rockkonzerte als "massenpolitische Arbeit"

Auf dem Bahnhof Lichtenberg trifft Sascha Lange auf Rocco Ganzert. Wie als Beweis, dass dies nicht nur ein Traum war, hören sie auf der Rückfahrt nach Leipzig immer wieder den scheppernden Konzertmitschnitt. Und auch für Gerald Ponesky hat der Abend im Rückblick etwas Unwirkliches: "Es kam einem so vor, als wären Außerirdische für 90 Minuten gelandet, um dann wieder zu verschwinden. Und alle standen da und fragten sich, ob das wirklich stattgefunden hat."

Solche Zweifel sind der FDJ-Führung dagegen fremd. Sie verbucht "ihr" real existierendes Geburtstagskonzert als vollen Erfolg: "Rockkonzerte mit Zehntausenden von Zuschauern haben sich als wirksame Form der massenpolitischen Arbeit der FDJ unter der Jugend bewährt", lautet die optimistische Einschätzung in einem Zentralratsbeschluss vom 28. Juni 1988.

Doch die Wirklichkeit sollte die Funktionäre bald einholen. Als Depeche Mode das nächste Mal ihre Tourkoffer in Berlin auspackten, war die DDR bereits Geschichte.



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insgesamt 23 Beiträge
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Seite 1
Michael Schenk, 07.03.2008
1.
650 Mark waren 1988 keine 2 Monatgehälter, höchstens 2 Lehrlingsgehälter.
Frank Posarski, 07.03.2008
2.
Geheimkonzert ist nicht nur Übertreibung, sondern falsch, gelogen und unglaubwürdig. Der Autor hätte besser daran getan, besser zu recherchieren. Natürlich peppt die Headline so besser und wir wissen ja, der Spiegel braucht die "Story", aber das Konzert als geheim einzustufen, kann auch der Artikel inhaltlich nirgends belegen, widerspricht dieser Aussage vielmehr, denn dieses Konzert wurde für DDR-Verhältnisse wahnsinnig promoted. Geheim war das Konzert nicht - lediglich für den größten Teil der Fans nicht zugänglich... Und so ist das einzige Geheimnis, wie der investigativ äußerst beschlagene Autor zu dem Schluss kommt, es handelte sich um ein Geheimkonzert?
Jörg Gaßmann, 07.03.2008
3.
Mit den Monatsgehältern muss ich mich dem Michael anschließen. ich war unter anderem bei den Konzerten von Bob Dylan (Vorgruppe Tom Petty and The Heardbreakers)im Treptower Park und The Boss auf der Pferdebahn dabei. 100000 Zuschauer, war schon höllisch!
Norbert Koehn, 07.03.2008
4.
Also 2 Lehrlingsgehälter waren das mit Sicherheit nicht. Ich war in der Zeit Lehrling in der DDR. Soo unterschiedlich dürften dort die Lehrlingsentgelte sicherlich nicht gewesen sein. Ein Lehrling im 1. Lehrhalbjahr bekam genau 120,- Mark. Ein Lehrling im 4. Lehrhalbjahr bekam genau 180,- Mark. 650,- Mark waren eher 1/2 Monatsgehalt eines normalen Angestellten. In normalen Produktionsbetrieben gab es tatsächlich Menschen, die nur ca. 800,- Mark bei 43 3/4 Std. Woche verdient haben (z.B. Kombinat TEXTIMA).
matthias ulrich, 07.03.2008
5.
Die Überschrift " Geheimkonzert ..." ist ja wohl etwas irreführend! Denn in Ihrem Artikel erwähnen Sie ja schon, das es sich bis "in den letzten Winkel" rumgesprochen hat! Ich bin damals in Berlin aufgewachsen und bei uns in der Schule wurden Karten verteilt und es wurde gesagt, das es Karten für Depeche Mode sind, also nix von geheim und so ein Quatsch! Desweiteren wurden Karten von der Jungen Welt verlost(die übrigens ausführlich vorher und nachher darüber berichteten)! Es mag sein, das es etwas besonderes war, das die Band in der DDR spielte und es natürlich zu wenig Karten gab. Aber immer alles in der DDR zu romatisieren, zu erhöhen und es so zu drehen, das alles ganz toll und ganz extra szenig war, sowieso viel besser - ist gelinde gesagt ein ganz schlechter und mieser Film! M.Ulrich
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