Der erste Urlaub Raus in die Welt

Wer Urlaub hat, bucht eine Reise oder setzt sich ins Auto. Was heute selbstverständlich ist, war bis vor wenigen Jahrzehnten ein Privileg für Reiche und Menschen mit dem richtigen Parteibuch. Der Historiker Hasso Spode beschreibt, wie der Tourismus Deutschland zu einer freien Gesellschaft verhalf. Haben Sie noch Fotos von Ihrem ersten Urlaub?

DPA

Alba ++ Gansera. Mit solchen "Drahtworten" reservierte man vor hundert Jahren per Telegraph das Hotel: Ein-Bett-Zimmer, Ankunft 19 bis 24 Uhr. Es war die Goldene Zeit des Elitetourismus. Pass- und Visumszwang waren weithin abgeschafft, ein Netz von Luxuszügen verband die Metropolen mit den Freizeitzentren. Zu Recht schwärmte Georges Nagelmackers, Chef der Internationen Schlafwagengesellschaft, vom "Paneuropa des Verkehrs". Ob Nizza, Biarritz, San Remo, Abazzia, Ostende, Norderney, Karlsbad, Ischl oder Luzern: In den mondänen Kur- und Seebädern tummelten sich Adelige und Großkapitalisten, hohe Beamte und Militärs, Künstler und Wissenschaftler. Tagsüber Tennis, Reiten, Radfahren, abends High Life in den Casinos und Ballhäusern. Für diese Menschen war die Globalisierung eine Selbstverständlichkeit.

Die bürgerliche Familie fuhr hingegen aufs Land, ins Ostseebad oder zog als "Rucksacktouristen" durch die Berge. "Zu den Eigentümlichkeiten unserer Zeit gehört das Massenreisen", notierte Theodor Fontane: "Kanzlistenfrauen besuchen einen klimatischen Kurort am Fuße des Kyffhäuser, behäbige Budiker werden in einem Lehnstuhl die Schnee-Koppe hinaufgetragen, und Mitglieder einer kleinstädtischen Schützengilde lesen bewundernd im Schlosse zu Reinhardsbrunn, dass Herzog Ernst in fünfundzwanzig Jahren 50.157 Stück Wild getötet habe." Indes war Fontanes Blick auf die eigenen, bürgerlichen Kreise gerichtet. Neun Zehntel der Deutschen hatten keinen Anteil am "Massenreisen".

1914 ging das glänzende "Paneuropa des Verkehrs" unter, Urlaub im Inland wurde "vaterländische Pflicht". Ohnehin ging vielen in Folge von Inflation und Weltwirtschaftskrise das Geld aus. Dank den Gewerkschaften hatte die Mehrheit der Arbeiter nun einen Urlaubsanspruch, wenn auch oft nur drei Tage. Die Reisebranche versuchte, den Rückgang des zahlenden Publikums durch Billigangebote für ca. 100 Reichsmark zu kompensieren. Doch diese "Volksreisen" blieben für die Arbeiter mit einem Jahreseinkommen von im Schnitt 2000 Reichsmark unerschwinglich.

Wenn aus Urlaub Propaganda wird

Die "Brechung des bürgerlichen Reiseprivilegs" nahmen sich dann die Nationalsozialisten vor. Am 17. Februar 1934 rollten fahnengeschmückte Sonderzüge durchs Reich, an den Bahnhöfen jubelten Menschenmassen: Etwa 10.000 "Arbeiterurlauber" wurden in die Ferien geschickt. Ein propagandistischer Paukenschlag. Der "Sozialismus der Tat" sollte die renitente Arbeiterschaft vom Klassenkampfgedanken abbringen. Reisen als Ausgleich für den Verlust der Menschen- und Tarifrechte - und als Mittel zur Stärkung der Nerven, wie Hitler es ausdrückte: "Nur mit einem Volk, das seine Nerven behält, kann man wahrhaft große Politik machen". Und es funktionierte: Die NS-Freizeitorganisation "Kraft durch Freude" (KdF), eine Gliederung der Deutschen Arbeitsfront, verkaufte noch im selben Jahr eine halbe Million Urlaubsreisen Durchschnittspreis: 35 Reichsmark.

Der Preissturz gelang durch Qualitätssenkung, Preisdiktaten gegenüber Bahn und Hotels, vor allem aber durch die Serienfertigung des Konsumguts Urlaubsreise. Die Pauschalreise, die Thomas Cook hundert Jahre zuvor entwickelt hatte, wurde nun großindustriell produziert - ein wegweisendes Konzept, mochten auch die "KdF-Horden" vor Ort alles andere als Begeisterung auslösen. KdF war mit Abstand der größte Reiseveranstalter der Welt. Bis zum Kriegsbeginn organisierte diese Ferienmaschinerie über 37 Millionen Kurzreisen und transportierte siebeneinhalb Millionen "Volksgenossen" in den Urlaub. Etwa 700.000 buchten eine Kreuzfahrt der "KdF-Flotte" nach Norwegen, Madeira, Italien, Libyen oder Griechenland die Bilder "deutscher Arbeitsmenschen", die sich an Deck von Luxuslinern sonnten, beeindruckten im In- und Ausland. Diese prestigeträchtigen Angebote rissen sich allerdings bevorzugt NS-Bonzen unter den Nagel. Die Millionen billiger Inlandsreisen brachten weniger den sozialen Durchbruch, als einen mentalen: Auch wer noch nicht dabei war, hoffte, bald dazuzugehören.

"Kabinenroller" und "Leukoplastbomber"

Nach Kriegsende wurden bereits 1945 Ansätze einer Wiederbelebung des Tourismus sichtbar. Unter den Linden eröffnete das Mitteleuropäische Reisebüro (heute DER). In den Ostseebädern der sowjetischen Zone fanden sich 1947 wieder 100.000 Feriengäste ein.

Mitte der fünfziger Jahre schließlich verreisten mehr Westdeutsche als vor dem Krieg. Das Wirtschaftswunder ermöglichte die stark zunehmende Motorisierung, ein Umstand, der den Individualtourismus begünstigte, zumal der Pauschalurlaub an KdF-Reisen erinnerte und ein entsprechend schlechtes Image hatte. Ihren "fahrbaren Untersatz" nutzten die stolzen Besitzer bevorzugt zum Reisen: zunächst ein Motorrad, dann "Kabinenroller" (Messerschmitt) oder "Leukoplastbomber" (Borgward) und schließlich den "Käfer" (VW). Dennoch gab es bald viele Veranstalter, die oft schon in den dreißiger Jahren aktiv waren: Scharnow, Dr. Tigges, Kahn, Hummel, Wolter und allen voran die Touropa, eine Tochter des Billigreisepioniers Dr. Carl Degener. Die Touropa ließ elegante Züge mit Klappliegen bauen, die auch ins Ausland fuhren.1954 war erstmals Mallorca im Angebot.

Nichts geht über Italien

Doch die Deutschen träumten am liebsten von Italien, das "Land, wo die Zitronen blühn". 1853 hatte der Historiker Gregorovius die Blaue Grotte auf Capri ein "deutsches Eigentum" genannt. Das war nicht chauvinistisch gemeint, sondern schwärmerisch. Im kriegszerstörten, sittenstrengen Adenauer-Deutschland brach eine Italomanie aus. Bundeskanzler Adenauer verlegte 1957 sein Feriendomizil nach Cadenabbia. Italienische Eisdielen verbreiteten sich, als Aperitif wurde Cinzano gereicht, mittags gab es Miracoli, und die Capri-Hose setzte den modischen Freizeittrend. In den Kinos lief "Man nennt es Amore", und in der Musikbox dudelten Italien-Schlager. 1959 erhielt der Texter Kurt Felz vom italienischen Staatspräsidenten einen Orden für sein Lied "Komm ein bisschen mit nach Italien".

Den Traumurlaub Italien machten noch 1957 nur 1,6 Prozent der deutschen Urlauber wahr, der Rest blieb vorzugsweise im eigenen Land. Mit den stetig steigenden Touristenströmen verlor sich das schwärmerische Italienbild, die neue Touristengeneration interessierte nicht das Land, sondern der Strand. Sie zog es an den "Teutonengrill" von Rimini. Die südliche Sonne, von Dichtern besungen, wurde zur "Schmore". Hauptsache, man kam braun zurück.

Anfang der sechziger Jahre stiegen die großen Versandhäuser ins Tourismusgeschäft ein. Daraufhin schlossen sich 1968 Touropa, Scharnow und andere zur TUI zusammen. Die Preise fielen, der Pauschaltourismus nahm absolut und anteilig kräftig zu. Mit dem Aufkommen des Jumbo-Jets strebten die Touristenströme dahin, wo es billig war. Mallorca wurde zur "Putzfraueninsel". Seit 1973 fuhr eine Mehrheit der Westdeutschen alljährlich in den Urlaub.

Ostsee statt Mittelmeer

In der DDR vollzog sich die Popularisierung des Reisens in ähnlichem Tempo. Allerdings verlief die Entwicklung genau umgekehrt: Der organisierte Tourismus war von Anbeginn hoch subventioniert, der Reisemarkt unter staatliche Aufsicht gestellt. Wichtigster "Erholungsträger" war zunächst der 1947 gegründete "Feriendienst" des Freien Deutschen Gewerkschaftsbunds (FDGB). Später traten die Kombinate mit eigenen Ferienanlagen als mächtige Konkurrenten auf den Plan, galt es doch die knappen Arbeitskräfte zu umwerben.

Erst in den sechziger Jahren gewann die Individualreise an Bedeutung. Mehr Trabants und Wartburgs führten zu mehr Reisen auf eigene Faust, auch wenn der organisierte Urlaub in die FDGB- und Betriebsferienheime weiterhin dominierte. Wichtigstes Ziel war nach wie vor die Ostsee. Mit den Reiseerleichterungen zu den "Bruderländern" stieg in den siebziger Jahren der Anteil der Auslandsreisen auf rund ein Viertel der Urlauber. Die meisten fuhren in die Tschechoslowakei, nach Ungarn und zeitweise nach Polen. Wer Glück hatte, ergatterte einen "Ferienscheck" für den "Goldstrand" im bulgarischen Varna. Abgeschnitten von den traditionellen Traumzielen des Mittelmeers, mühte man sich, dem Schwarzen Meer ein Image des dolce far niente zu geben und taufte es in "Schwarzmeer" um. Letztlich trug die stark eingeschränkte "Reisefreiheit" aber entscheidend zum Untergang der DDR bei: "Visafrei bis Hawaii!"

Reiseweltmeister Deutschland

Inzwischen hat sich das Reiseverhalten der Ost- und Westdeutschen weitgehend angeglichen. Fast drei Viertel der Deutschen fahren heute einmal im Jahr in den Urlaub. Pauschalreisende und Individualtouristen halten sich in etwa die Waage. Fontanes Wort vom "Massenreisen" ist endgültig soziale Realität geworden, die "Brechung des bürgerlichen Reiseprivilegs" ist vollzogen.



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