Der Fall Aldo Moro "Mein Blut komme über Euch!"

Geheimdienste, Freimaurer, politische Rivalen - viele profitierten von seinem Tod: 1978 ermordeten italienische Linksterroristen den Spitzenpolitiker Aldo Moro. Handelten sie als Marionetten dunkler Mächte? Der Fall beschäftigt Italien bis heute.

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Die Zelle maß nur 90 Zentimeter mal zwei Meter. Fast zwei Monate lang kämpfte der leise, fromme, stets etwas verschlafen wirkende Mann in dem winzigen Raum mit Klaustrophobie - am Ende musste sich Aldo Moro in einen roten Renault 4 zwängen und sterben. Durch neun ganz aus der Nähe abgegebene Schüsse. Warum?

Die Frage treibt Italien um, seitdem der Leichnam des ermordeten Vorsitzenden der Christdemokraten (DC), Aldo Moro, am 9. Mai 1978 aufgefunden wurde. Obwohl die Antwort vordergründig längst bekannt ist: Der frühere Ministerpräsident, Minister, langjährige Abgeordnete und DC-Generalsekretär fiel dem Terror der linksextremistischen Roten Brigaden zum Opfer.

1973 gegründet, träumten die Roten Brigaden von der kommunistischen Weltordnung und erachteten Gewalt als legitimes Mittel zur Durchsetzung ihrer Ideale. So scheuten sie auch vor einer so beispiellos kaltblütigen Aktion wie der Entführung und Ermordung des Christdemokraten Moro nicht zurück.

"Ist es möglich, dass ihr alle meinen Tod wollt?"

Als Alitalia-Mitarbeiter verkleidet, überfielen die Terroristen den Konvoi des Politikers am Morgen des 16. März 1978 an der Kreuzung Via Mario Fani/Via Stresa im Nordwesten Roms. Vier Leibwächter und der Chauffeur starben im Kugelhagel. Den unverletzten Moro verschleppten die Rotbrigadisten in ein sicheres Versteck im Süden Roms.

Aus seinem kleinen Gefängnis hinter der Bücherwand eines Schlafzimmers der Terroristen-Wohnung in der Via Montalcini 8 verfasste der Politiker insgesamt 97 Briefe an Parteifreunde, seine Familie, Journalisten, Freunde und Papst Paul VI. Inständig flehte Moro darin, ihn gegen politische Häftlinge auszutauschen. Doch die Christdemokraten dachten offenbar nicht daran, auf die Forderungen der Entführer einzugehen, und verhielten sich damit genau wie kurz zuvor die Bundesregierung im Entführungsfall des deutschen Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer. Die Briefe Moros werteten sie als Dokumente eines unter Drogen stehenden Mannes und wichen nicht von der selbst auferlegten Linie der "fermezza" (Härte) ab.

Auch Italiens Kommunistische Partei (PCI), die sich klar von den Linksextremisten distanzierte, blieb stur. "Ist es möglich, dass Ihr alle meinen Tod wollt, aus vorgeschobener Staatsräson?", schrieb Moro anklagend und belegte die politischen Weggefährten mit dem Fluch: "Mein Blut komme über Euch!"

Öffnung nach links als Verrat an der Arbeiterklasse

Die Obduktion ergab, dass Moro während seiner Gefangenschaft nicht unter Drogen gesetzt worden war. Die Ex-Terroristin Anna Laura Braghetti, die Moro während seiner Entführung mit bewacht hatte, beteuert, dass dem Politiker keiner der Briefe in die Feder diktiert worden sei. Allein all sein Bitten und Drängen half nichts: Die politische Führung, allen voran Ministerpräsident Giulio Andreotti, blieb hart - und Moro musste sterben.

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Ermordeter Aldo Moro: Ein toter Politiker, viele Fragen

Nachdem er seine - zur Irreführung der Polizei mit Sand und Meerwasser präparierte - Kleidung zurückbekam, musste er in einen Strohkorb steigen und wurde von den Terroristen in die Garage des Hauses hinabgetragen. Hier ließen die Rädelsführer Mario Moretti und Germano Maccari ihn in den Kofferraum des roten Renault 4 steigen - und drückten ab.

Anschließend fuhren sie das Auto mit dem Leichnam in die Via Caetani und stellten es vor der Nummer neun ab, genau auf halbem Weg zwischen den Parteizentralen der Christdemokraten an der Piazza del Gesù und dem Sitz der PCI in der Via delle Botteghe Oscure. Sie wollten auf diese Weise ihre Missbilligung mit der von Moro anvisierten Einbindung der Kommunisten in die Regierung auszudrücken - in ihren Augen ein Verrat an der Arbeiterklasse. Denn Moro, einst überzeugter Gegner der Kommunisten, galt in Italien als Initiator einer Öffnung nach links.

"Er lebt in unseren Herzen weiter"

Nicht aus Überzeugung, sondern aus Kalkül hatte er dem "Historischen Kompromiss" zugestimmt, der einer Zusammenarbeit von Christdemokraten und den in Italien enorm starken Kommunisten den Weg ebnen sollte. Zur Zusammenarbeit aber kam es nicht mehr. Denn Moro wurde genau an jenem Tag entführt, an dem die erste italienische Regierung unter Beteiligung des PCI vereidigt werden sollte: eine Konstellation, die nach dem Fall Moro nur noch Makulatur war und 1979 von den Kommunisten aufgekündigt wurde.

Die Familie des Ermordeten, zutiefst verbittert über die unnachgiebige Linie der Christdemokraten, folgte dem Willen Moros und verbat sich ein Staatsbegräbnis. Trotzdem fand ein Pontifikalamt zu Ehren des Ermordeten statt, an dem Papst Paul VI. persönlich mitwirkte - vor leerem Sarg. Und die DC überzog den öffentlichen Raum mit Plakaten, auf denen "Aldo Moro ermordet, er lebt in unseren Herzen weiter" geschrieben stand - gedruckt mehr als vier Wochen vor Moros Tod.

Formal war der Fall rasch aufgeklärt: Mit außerordentlichen Vollmachten ausgestattet, gelang es der Polizei bald, die Täter zu finden; die neu eingeführte Praxis der "pentiti", also die Kronzeugenregelung, half bei der Zerschlagung des harten Kerns der Roten Brigaden. 1983 wurde deren Chef Mario Moretti gemeinsam mit 17 weiteren Terroristen zu lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilt.

Linksterroristen als Marionetten der Geheimdienste?

Politisch jedoch gleicht der Fall Moro einer Wunde, die nicht verheilt, sondern immer wieder neu aufreißt. Trotz acht Prozessen, zwei parlamentarischen Untersuchungskommissionen und tausenden Aktenseiten ist die Affäre noch immer undurchsichtig. 2006 hat die römische Staatsanwaltschaft daher ein neues Verfahren eröffnet - bislang ohne greifbare Ergebnisse. So blieben bis heute zahlreiche Fragen offen und bilden den perfekten Nährboden für alle möglichen Verschwörungstheorien.

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Wie etwa kann es sein, dass die rund 13.000 Polizisten, die die Ewige Stadt nach dem Versteck Moros durchkämmten, nicht auf die Spur der Rotbrigadisten kamen? Wurde Moro Opfer eines rechten Komplotts? Welche Rolle spielt die geheime Nato-Kampftruppe Gladio sowie die kriminelle Freimaurerloge Propaganda Due, die eine Beteiligung der Kommunisten an der Regierung um jeden Preis verhindern wollte?

Unklar ist auch, welche Verantwortung der damalige Ministerpräsident und politische Rivale Moros, Giulio Andreotti, trägt, dem eine Zusammenarbeit mit den Kommunisten ebenso wenig passte wie den Geheimdiensten in Ost und West zu Hochzeiten des Kalten Krieges. Haben die Linksterroristen als Marionetten von KGB und CIA gehandelt? Und schließlich: Inwieweit wurden sie von der RAF beeinflusst, die nur ein halbes Jahr zuvor Schleyer fast exakt auf die gleiche Weise entführt, ermordet und den Leichnam dann in einem Auto deponiert zurück an die Öffentlichkeit gegeben hatte?

Verschwörungstheoretiker mit neuem Aufwind

Je länger der Fall zurückliegt, desto größer nimmt sich die Fülle an Ungereimtheiten aus, die diverse Romane und Kinoversionen auf immer neue Art zu klären versuchen. In jüngerer Zeit haben die Verschwörungstheoretiker wieder neuen Aufwind bekommen - etwa durch die parlamentarische Untersuchungskommission "Terrorismus und Massaker", die den Fall unter Leitung von Giovanni Pellegrino neu aufarbeitet.

Laut den Ergebnissen der von 1994 bis 2000 ermittelnden Kommission gibt es stichhaltige Indizien, dass auch die Geheimdienste bei der Entführung mit dabei waren. Sie hätten geholfen, brisante Dokumente aus Moros Auto zu entfernen, so Pellegrino.

Auch der mit dem Fall Moro betraute Untersuchungsrichter Ferdinando Imposimato bezweifelt nicht, dass die CIA an der Entführung mitgewirkt habe, und hält den damaligen Ermittlern vor, sie hätten wichtige Akten bewusst zurückgehalten. Schließlich gab der Amerikaner Steve Piecznik, damals im Moro-Krisenstab der italienischen Regierung, unlängst zu, dass man die Roten Brigaden instrumentalisiert hätte, um den Tod des unbequemen Politikers zu erwirken.

"Der 11. September der italienischen Demokratie"

Und erst im Februar diesen Jahres tauchten Unterlagen aus Großbritannien, den USA und Deutschland auf, die zeigen, dass westliche Diplomaten im Jahr 1976 weder einem Nato-Ausschluss Italiens noch der Unterstützung eines Staatsstreiches abgeneigt waren, um eine kommunistische Regierung in Italien abzuwenden. Warum also hätten sie zwei Jahre später nicht ein wenig nachhelfen sollen, als der "historische Kompromiss" zwischen Rechts und Links in Rom unmittelbar bevorstand?

Der Journalist Ezio Mauro bezeichnete die Affäre Moro als den "11. September unserer Demokratie". Heute erinnert daran eine schlichte Gedenktafel in der Via Caetani - dort, wo vor genau 30 Jahren der rote R4 mit dem Leichnam Moros abgestellt wurde. Die Geschichtsstudenten, die in dem großherrschaftlichen Palazzo direkt gegenüber für ihre Prüfungen büffeln, schlendern täglich daran vorbei.

Fraglich, ob es einem von ihnen je glücken wird, den Fall endgültig aufzuklären.



insgesamt 2 Beiträge
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Frank Zekert, 08.05.2008
1.
Zu der Geschichte gab es gerade am 2.Mai ein umfangreiches Dossier im Deutschlandfunk - interessanterweise mit genau der gleichen Titelzeile: http://www.dradio.de/dlf/sendungen/dossier/775107/ Zufall? der Z
Christian Gierke, 08.05.2008
2.
Leider kommt der Text ohne ein einzige Quelle aus. Desweieren werden zum Schluss unsystematisch Fragen aufgeworfen und sofort wieder fallengelassen. Ein Link zum Bericht des parlamentarischen Untersuchungsausschuss sowie zu den "Unterlagen aus Großbritannien, USA und Deutschland" wäre beispielsweise sinnvoll. Dass der polizeiliche Einsatztrupp das Versteck nicht ausfindig gemacht, ist erstmal nicht verdächtig und kam einfach an Inkompetenz oder sonstigen organisatorischen Schwächen erklärt werden. Sinnvoll wäre der Hinweis, dass die Arbeit des damalige Untersuchungsrichter Imposimato sofort vom Innenministerium blockiert wurde. Später wurde bekannt, dass das Innenministerium Dokumente besaß, wonach Moros Versteck bekannt war. Diese Informationen findet man in dem gleichnamigen Bericht des Deutschlandradios vom 2. Mai 208. ("Mein Blut komme über Euch!")
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