Der Fall der Mauer "Wir kommen jetzt öfter"


In der Nacht vom 9. November 1989 machen sich Tausende Ost-Berliner auf den Weg in den Westen. Sie hatten im Fernsehen gehört: Die Grenze ist offen - und das wollten sie testen. Während die Grenzbeamten nicht wussten, was sie tun sollten, wurde im Bundestag in Bonn geweint und gesungen.

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Gegen 21 Uhr klingelt das Telefon in der Wohnstube von Hauptmann Nevyhosteny. Sein Vorgesetzter von der Passkontrolleinheit (PKE) beordert ihn zusammen mit einem Kollegen zur Bornholmer Straße. Die Stasi-Männer, die Abertausende zur Grenze strömen sehen, bekommen es mit der Angst zu tun: "Die machen uns fertig." Als die Grenzer die Baracken erreichen, versucht ihr Vorgesetzter, PKE-Vizechef Oberstleutnant Harald Jäger, gerade verzweifelt zu erfahren, wie er sich verhalten soll. Über die Schabowski-Mitteilung, die neue Reiseregelung - freie Fahrt in den Westen - gelte "ab sofort", kann Jäger nur den Kopf schütteln: "Ab sofort? Das geht doch gar nicht." Zu seinen Mitarbeitern sagt Jäger: "Das ist doch absoluter geistiger Dünnschiss."

Thomas Heise, Pressesprecher des ersten von der DDR-Jugendorganisation FDJ unabhängigen Studentenrats der DDR, radelt zum Grenzübergang Bornholmer Straße. Am Übergang drängen sich bereits etwa 2000 Menschen, auf einer Strecke von zwei Kilometern stauen sich Trabis, Ladas und Wartburgs. Noch ist die Bornholmer Straße eine Sackgasse. Heise schließt sein Rad am Grenzzaun an, dann mischt er sich unter die Wartenden. Der Psychologiestudent der Humboldt-Universität will rüber: zum ersten Mal nach Westberlin. "Nur ma' zum Kieken."

Es ist etwa 21 Uhr, als im Bundestag zu Bonn Karl-Heinz Spilker die Meldung verliest: "Ab sofort können DDR-Bürger direkt über alle Grenzstellen zwischen der DDR und der Bundesrepublik ausreisen." Minutenlang hallt der Applaus der Abgeordneten durch den Saal. Dann hält der CSU-Mann Spilker, wie ursprünglich vorgesehen, seine Rede zum Vereinsförderungsgesetz. CDU-Kanzleramtschef Rudolf Seiters und die Fraktionsvorsitzenden Alfred Dregger (CDU/CSU), Wolfgang Mischnick (FDP) und Hans-Jochen Vogel (SPD), die im Kanzleramt über den massiven Zustrom von DDR-Übersiedlern beraten haben, eilen ins Plenum und würdigen in knappen Erklärungen den Ost-Berliner Reisebeschluss.

Drei Abgeordnete von den Hinterbänken der Union stimmen spontan die Nationalhymne an - Hermann Josef Unland, Franz Sauter und Ernst Hinsken. Bald fallen auch die anderen Parlamentarier ein und erheben sich von ihren Stühlen; selbst einige der Grünen sind gerührt. Der Grüne Hubert Kleinert stößt seinen Nachbarn an und seufzt: "Um Gottes willen, jetzt auch das noch." Aber sie erheben sich - und schweigen, während die anderen singen. Nachdem Bundestagsvizepräsidentin Annemarie Renger ("Es fällt mir schwer") auf Antrag des SPD-Geschäftsführers Gerhard Jahn unter allgemeinem Beifall die Sitzung beendet, verlässt ein weinender Willy Brandt den Bundestag, gestützt von der SPD-Kollegin Liesel Hartenstein, die selbst mit den Tränen kämpft.

"Die kommen nicht wieder rein"

An der Spree fordern die Ost-Berliner in diesem Moment: "Macht das Tor auf". Stasi-Mann Jäger versucht, von Oberst Rudi Ziegenhorn aus dem Ministerium für Staatssicherheit konkrete Weisungen zu erhalten. Nach einer Beratung mit dem stellvertretenden Stasi-Minister Gerhard Neiber empfiehlt der Oberst: "Die am aufsässigsten sind und die provokativ in Erscheinung treten, die lass' raus. Denen macht ihr im Ausweis einen Stempel halb über das Lichtbild - und die kommen nicht wieder rein." Nach diesem Verfahren passieren gegen 21.20 Uhr die ersten DDR-Bürger, ausgebürgert per Handbewegung, die Grenze.

Thomas Heise überquert die Grenze per Anhalter. Der Fahrer eines roten Ladas hat sich bereit erklärt, den Studenten mitzunehmen. Als der mit Plastikleisten über der Heckscheibe verzierte Wagen am Schlagbaum steht, sagt Heise: "Ich will aber wieder rein. Mein Kind schläft zu Hause." Der Grenzbeamte versichert: "Natürlich dürfen Sie wieder rein." Darauf Heise: "Versprochen?". "Versprochen", sagt der Uniformierte - und haut den bunten Stempel neben das Lichtbild. Damit ist der Student ausgebürgert, ohne etwas davon zu ahnen.

Immer heftiger wird das Gedrängel am Schlagbaum. Schließlich kapitulieren die Stasi-Grenzer. Jäger zu Ziegenhorn: "Es ist nicht mehr zu halten, wir müssen die Grenzübergangsstelle aufmachen. Ich stelle die Kontrollen ein und lasse die Leute raus." Ein Kollege meldet: "Wir fluten jetzt."

Gerhard Lauter, der am Morgen das Papier mitformuliert hat, ist im Innenministerium eingetroffen und jagt das Fernschreiben, das er für den Fall der Annahme seines Entwurfs vorbereitet hatte, an die Kreise und Bezirke hinaus. Dringlichkeitsstufe "Flugzeug". Darin steht, wie es eigentlich hätte laufen sollen: "Zur Beantragung der Reise sind vom Bürger zwei Anträge und eine Zählkarte entgegenzunehmen. Die Bearbeitungszeit richtet sich nach den Reisewünschen der Bürger. Die Übergabe der Zählkarte an das Ministerium für Staatssicherheit entfällt."

Im Schritttempo rollt der rote Lada als eines der ersten Autos nach West-Berlin. Hunderte Menschen schieben sich über die Straße, jeder will die Ost-Berliner begrüßen. Sie trommeln aufs Autodach und grölen: "So ein Tag, so wunderschön wie heute". Sekt spritzt über die Kühlerhaube. "Freut euch nicht zu früh", schreit Heise aus dem Fond des Wagens. "Wir kommen jetzt öfter."

"Wir werden Reisefreiheit geben"

Berlins Regierender Bürgermeister Walter Momper wird während einer Live-Diskussion im Studio E des Senders Freies Berlin überrascht. Ein Sicherheitsbeamter steckt ihm unter dem Tisch einen Zettel zu: "Grenzübergang Bornholmer Straße ist offen." Mit den Worten "Das ist ein historischer Tag" verabschiedet sich Momper und jagt im Senats-Daimler, begleitet von einem Peterwagen, mit Tempo 80 zur Mauer. Dort herrscht Volksfeststimmung, Hände recken sich ihm entgegen: "Walter, hättste das gedacht?" Den Bürgermeister trifft die Weltsensation nicht gänzlich unvorbereitet. Am 29. Oktober hat er seinen Ost-Berliner Kollegen Erhard Krack nebst SED-Sekretär Schabowski bei einem Gespräch im Palasthotel kennen gelernt. Am Ende der Unterredung eröffnete Schabowski ihm, wie Momper fand, ziemlich unvermittelt: "Übrigens - wir werden Reisefreiheit geben." Was er denn damit meine, fragte Momper. "Richtige Reisefreiheit", versicherte Schabowski: "Jeder DDR-Bürger kann reisen, wohin er will. Er kann die DDR auch auf Dauer verlassen."

"Guten Abend, meine Damen und Herren", sagt ARD-Tagesthemen-Moderator Hanns-Joachim Friedrichs um 22.42 Uhr. "Im Umgang mit Superlativen ist Vorsicht geboten, sie nutzen sich leicht ab, aber heute Abend darf man einen riskieren: Dieser 9. November ist ein historischer Tag. Die DDR hat mitgeteilt, dass ihre Grenzen ab sofort für jedermann geöffnet sind. Die Tore in der Mauer stehen weit offen."

"Können wir was zum Trinken haben", fragt Heise in einer Pizzeria in der Müllerstraße. "Wir sind aus dem Osten." Mit offenem Mund lauscht der Chef des Restaurants den Neuigkeiten. Dann lässt er aus der Küche ein komplettes Menü auftragen: "Essen und Trinken, was ihr wollt." Als die Gäste versorgt sind, verschwindet er. Vier Stunden später taucht er wieder in seinem Lokal auf - verschwitzt, im T-Shirt, die Schürze baumelt immer noch vor dem Bauch. Am Brandenburger Tor lag sich der Italiener in dieser Nacht mit Ost- und Westdeutschen in den Armen, sie haben geweint und gelacht und gejubelt und getanzt.

Der Lagebericht der Volkspolizei verzeichnet um Mitternacht: Alle Grenzübergänge zwischen Ost- und West-Berlin sind geöffnet.

Jule Lutteroth

Erschienen auf SPIEGEL ONLINE am 09. 11.2004

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