Der Fall Horst Wessel Infamer Mord an einem Mörder

Der Fall Horst Wessel: Infamer Mord an einem Mörder Fotos

Als der junge SA-Mann Horst Wessel im Januar 1930 von einem Kommunisten getötet wurde, erhob ihn Hitlers Propagandchef Joseph Goebbels zum braunen Märtyrer - und sann auf Rache. Nur Monate nach Machtübernahme der Nazis im Januar 1933 kam es zu einem furchtbaren Blutgericht. Von Daniel Siemens

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Albrecht "Ali" Höhler, Zuhälter, Kommunist, Rotfrontbund-Kämpfer, galt im Sprachgebrauch seiner Zeit als "schwerer Junge". 1933 saß der rote Ali bereits im dritten Jahr im Zuchthaus im niederschlesischen Wohlau ein, verurteilt wegen Totschlags an einem anderen Schläger und mutmaßlichen Zuhälter. Der Mann, dem Höhler am 14. Januar 1930 in einer Wohnung im dritten Stock der Großen Frankfurter Straße Nummer 62 in Berlin-Friedrichshain ins Gesicht geschossen hatte, war drei Wochen darauf an einer Blutvergiftung gestorben.

Sein Name: Horst Wessel, 22, Ex-Jurastudent und gewalttätiger Sturmführer des SA-Sturms Nummer 5 von Berlin. Wessels Tod durch Kommunistenhand hatte den Pastorensohn zum Märtyrer der NS-Bewegung gemacht; ein Kampflied, in dem der Freizeitdichter Fahne und fest geschlossene Reihen der SA besungen hatte, machte der "Führer" Adolf Hitler nach der NS-"Machtübernahme" zur zweiten Nationalhymne des "Dritten Reichs".

Ali Höhler dürfte nichts Gutes geahnt haben, als er am 11. August 1933 aus Niederschlesien nach Berlin zum Sitz der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) verlegt wurde. Nachdem er dort verhört worden war, sollte er, so die offizielle Version, am 20. September 1933 zurück nach Wohlau gebracht werden. Dort allerdings kam Höhler nie an.

"Mit seinem Tode dürfte mit Sicherheit zu rechnen sein"

In einem Schreiben der Gestapo an den Preußischen Ministerpräsidenten Hermann Göring vom 23. September 1933 heißt es zu den Ereignissen: "Kurz vor Frankfurt an der Oder wurde der Transport auf der Chaussee von acht männlichen Personen, die mit SA-Mützen, feldgrauen Mänteln ohne Abzeichen und langen Stiefeln bekleidet und mit Karabinern bewaffnet waren, angehalten. Die betreffenden Personen stellten bei der von ihnen vorgenommenen Durchsuchung des Wagens fest, dass sich der Mörder Horst Wessels unter den Insassen befand und forderten seine Herausgabe."

Den Polizeibeamten sei nichts anderes übrig geblieben, als dieser Aufforderung Folge zu leisten. Die als SA-Männer gekleideten Personen wären dann in von ihnen bereitgehaltenen Kraftwagen ohne Polizeinummer weggefahren. "Die Beamten konnten die Verfolgung nicht aufnehmen, da sie von einigen bei ihnen zurückgebliebenen Angehörigen des Trupps unter Androhung von Waffengewalt zur Umkehr genötigt wurden. Wohin Höhler verbracht wurde, konnte bisher nicht festgestellt werden. Mit seinem Tode dürfte indes mit Sicherheit zu rechnen sein."

Es waren gleich mehrere Lügen, die SS-Oberführer Rudolf Diels, der gerade 32 Jahre alte Leiter der Gestapo, in diesem Schreiben auftischte. Von einer Entführung Höhlers konnte keine Rede sein. Wie der an der Tat beteiligte SA-Sturmführer Willi Schmidt aus Berlin-Neukölln bei seiner polizeilichen Vernehmung 35 Jahre später glaubhaft schilderte, hatte er am fraglichen Tage gegen 7 Uhr früh einen Anruf des Berliner SA-Chefs Karl Ernst bekommen. Schmidt, der als brutaler Schläger galt und in einschlägigen Kreisen als "Schweinebacke" bekannt war, sollte sich unverzüglich beim Polizeigefängnis am Alexanderplatz einfinden. Dort wartete bereits der Hilfskriminalbeamte Walter Pohlenz mit einem von Diels persönlich unterschriebenen Entlassungsschein für Höhler.

Ein besonders raffinierter Selbstmörder

Höhler wurde aus dem Gefängnis geholt. In einer aus drei Fahrzeugen bestehenden Kolonne ging es anschließend nach Osten. Schmidts Aussage zufolge waren neben Ernst und Pohlenz auch hochrangige Berliner SA-Führer, Gestapo-Chef Diels sowie Prinz August Wilhelm von Preußen, der "Nazi-Prinz", involviert. Was wenig später passierte, schilderte Schmidt wie folgt: "Am Waldrand angekommen, hielt Gruppenführer Ernst eine kleine Rede, bezeichnete Höhler als Mörder des Horst Wessel. Höhler hatten Pohlenz und ich noch an der Knebelkette. Plötzlich fielen mehrere Schüsse. Den Befehl zum Schießen hatten Ernst gegeben und nach meiner Erinnerung auch Diels." Weiter heißt es: "Nach den Schüssen haben Pohlenz und ich sofort den Höhler aus der Knebelkette befreit. Er sackte zu Boden. Zuletzt habe ich auch noch auf den Höhler, der am Boden lag, geschossen."

Monate später fand ein Revierförster in der Nähe von Freienwalde Höhlers von Kugeln durchsiebte Leiche. Sie war nur notdürftig verscharrt worden, eine Hand schaute aus dem Erdreich heraus. Gerüchten über die Identität des Toten und die Todesursache versuchten die Behörden den Wind aus den Segeln zu nehmen - mit einer nachgerade absurden Darstellung: Es handele sich bei dem Toten aus dem Wald um einen besonders raffinierten Selbstmörder, so ihre These.

Ali Höhler war längst nicht der einzige Strafgefangene, der nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten im Januar 1933 einer illegalen Mordaktion der SA zum Opfer fiel. "Die mörderische Auskämmung der Zuchthäuser", so schrieb 1946 Hans Bernd Gisevius, ehemals Mitarbeiter im Geheimen Staatspolizeiamt und später Widerständler gegen Hitler, entwickelte sich zu einem "beliebten Gestapo-Sport". Im gesamten Reichsgebiet starben nach Verhaftungen durch die SA und SS mehrere hundert Menschen, viele an den Folgen von Folterungen. Einige wurden, wie Ali Höhler, ganz gezielt umgebracht.

Weibliche Leiche neben der Landstraße

Aus Rache für den Mord an dem NS-Märtyrer Horst Wessel wurde neben Höhler mindestens noch ein weiterer Mensch von einem nationalsozialistischen Mordkommando getötet. Bereits am Sonntag, den 7. Mai 1933, fand ein Pilzsammler in der Nähe der Kleinstadt Crossen an der Oder, dem heute polnischen Krosno Odrza?skie, die junge Arbeiterin Else Cohn erschossen neben einer Landstraße. Cohn, die einer jüdischen Familie aus Breslau entstammte, galt den Nationalsozialisten als "fanatische Mordhetzerin", weil sie beim Überfall auf Horst Wessel drei Jahre zuvor beteiligt gewesen sein sollte.

Die Lokalzeitung berichtete zunächst erstaunlich detailliert über den Fall: "Der Mord muss in der Nacht zum Sonntag etwa gegen 11 Uhr erfolgt sein; denn um diese Zeit hörte ein Landjäger in einem benachbarten Dorfe eine Reihe von Schüssen, denen nach einer Pause noch ein einzelner folgte. Diese Beobachtung stammt auch mit den Feststellungen an der Mordstelle überein. Hier hat die Cohn die sechs Schüsse erhalten, die in den linken Unterarm, den linken Oberschenkel und in den Rücken gingen. Das Mädchen ist dann nach vorgefundenen Spuren nach der anderen Straßenseite geschleift worden. Man nimmt an, dass der Mörder hier bemerkte, dass die Cohn noch lebte. Er gab deshalb noch einen Schuss auf sie ab, und zwar in die Schläfe." Obwohl bei der Polizei zahlreiche Hinweise auf die Täter eingingen, wurden sie offiziell niemals ermittelt. Die Gestapo zog den Fall nach wenigen Tagen an sich und vertuschte alle Spuren so erfolgreich, dass die Mörder auch nach 1945 niemals zur Rechenschaft gezogen wurden.

Die Fälle Höhler und Cohn zeigen, wie eng SA und Gestapo 1933 zusammenarbeiteten, um illegale Exekutionen durchzuführen und die Aufklärung dieser Verbrechen zu vereiteln. Allein im frühen Konzentrationslager der SA-Feldpolizei in der Berliner General-Pape-Straße wurden im Verlauf des Jahres 1933 über 2000 Personen gefangen gehalten. Mindestens 15 Häftlinge starben. Zu Ermittlungen der Staatsanwaltschaft kam es nur selten - und wenn, dann wurden diese bald von höchsten Stellen unterbunden. Gestapo-Chef Diels schlug seinem Chef Göring im September 1933 vor, einen - von Diels bereits vorformulierten - Erlass an den Justizminister herauszugeben, der die Einstellung eines etwaigen Verfahrens im Fall Höhler anordne. Dem Direktor der Strafanstalt in Wohlau wurde derweil wahrheitswidrig mitgeteilt, Höhler sei während der Haft in Berlin verstorben.

Das Geständnis des Ministers

Offiziell blieben die Ermittlungen nach den Entführern erfolglos - der damalige Reichsjustizminister Franz Gürtner aber wusste es besser. In seinem Tagebuch notierte er: "Durchführung der Ermittlungen aus den Akten nicht zu ersehen." Letzten Zweifel an der Täterschaft der Nazis an der Ermordung Else Cohns beseitigt eine andere Notiz Gürtners. Von den im ersten Wessel-Prozess im September 1930 verurteilten Tätern, so vermerkte der Minister in einem Schreiben an Adolf Hitler aus dem Jahr 1935 handschriftlich, "sind Höhler und die Cohn später erschossen worden".

Ermittlungen wegen des Mordes an Albrecht Höhler nahm die West-Berliner Justiz erst in den sechziger Jahren auf. Angeklagt wurde jedoch niemand, das Verfahren Anfang Oktober 1969 eingestellt. Alle noch lebenden mutmaßlichen Täter hätten sich höchstens der Beihilfe zum Mord schuldig gemacht, argumentierte der zuständige Staatsanwalt - und dieses Vergehen sei seit 1960 verjährt.

Daniel Siemens ist Autor des Buches "Horst Wessel - Tod und Verklärung eines Nationalsozialisten". Siedler Verlag, München 2009, 280 Seiten.

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1.
Peter Wagner, 01.09.2009
Immer wieder gerne erwähnt: der Text des dichtenden Juraabbrechers und die gewählte Melodie konterkarrieren sich, da zwar die Fahnen hoch gehen sollen, die Melodie tatsächlich aber abschwingt. Sehr schlau. Ansonsten reiht sich das Machwerk ja nahtlos in die im dritten reich meist simplen und dumpfen Liedlein ein, die doch eigentlich auch den deutschen Genius hätten darstellen sollen.
2.
Heinz Meckelreither, 02.09.2009
Was Diels angeht, sind Sie sind einem kleinen Racheakt der SA aufgesessen. Es ist schlicht Unsinn, daß Diels an der Ermordung von Höhler beteiligt gewesen sein soll, wie SA-Mann Schmidt später behauptet hat. Diels hat als höherer preußischer Beamter die nach der Machtergreifung von der SS und SA eingerichteten KZs geschlossen. Heydrich hat ihm nie verziehen, "der Revolution die Zähne gezogen" zu haben. Nach seiner von Himmler und Heydrich betriebenen Entlassung im April 1934 wurde er 1944 zweimal von der Gestapo verhaftet. Zuvor hatte er seinem für die Beobachtung der Rechten zuständigen Kollegen bei der Weimarer Politischen Polizei, Robert Kempner, zur Emigration verholfen. Diels war vor dem US-Tribunal in Nürnberg Zeuge, nicht Angeklagter.
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