Der Fall Möllemann Tod eines Politikers

Der Fall Möllemann: Tod eines Politikers Fotos
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Geld, Macht, Verrat, Intrige - Tod: Am 5. Juni 2003 nahm sich der FDP-Politiker Jürgen W. Möllemann mit einem Sprung aus 4000 Metern Höhe das Leben. Es war der Tiefpunkt eines Politdramas, in dem der ehrgeizige Machtmensch alles auf eine Karte gesetzt hatte. Von Hans Michael Kloth

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Donnerstag, der 5. Juni 2003 versprach in der SPIEGEL-Redaktion ein ruhiger Tag zu werden. Das Pfingstwochenende stand bevor, und der Redaktionsschluss war routinemäßig auf Mittwochabend vorverlegt worden, damit das Heft schon am Sonnabend an den Kiosken liegen würde. Nur eine Notbesetzung schob in der Redaktion in der Hamburger Brandstwiete Dienst, um bei Bedarf Artikel noch zu aktualisieren.

An diesem Vormittag saß ich in einem kleinen Büro im 9. Stock des SPIEGEL-Hochhauses und wartete auf den Anruf meines Düsseldorfer Kollegen. Wir hatten am Vortag eine Meldung zu der Affäre um den umstrittenen FDP-Politker Jürgen W. Möllemann, 57, vorbereitet. Der Bundestag wollte an diesem Donnerstag über die Aufhebung der Immunität des Abgeordneten Möllemann entscheiden, der in Verdacht geraten war, mit Schwarzgeld Wahlkampfwerbung finanziert zu haben.

Das wollten wir abwarten, denn die SPIEGEL-Kollegen in Düsseldorf hatten erfahren, dass die Polizei sofort nach dem erwarteten Parlamentsbeschluss eine großangelegte Durchsuchungsaktion in zahlreichen Häusern und Büros Möllemanns plante. Im Fernsehen verfolgte ich die Abstimmung: Um 12.28 votierten die Abgeordneten per Handzeichen für den Antrag 15/1135. Minuten später kam aus Düsseldorf die Bestätigung, dass die Razzia angelaufen war. Ich arbeitete die Information in die Meldung ein. Jetzt würde ich nur noch auf den Knopf drücken, um den Text abzuschicken und mich dann ebenfalls in ein langes, sonniges Wochenende aufmachen.

In meinem Rücken hörte ich die Stimme eines Kollegen, der in der Tür stand: "Möllemann ist tot."

"Ja, klar, du Witzbold", murmelte ich, ohne mich umzudrehen.

"Wirklich. Möllemann ist tot!"

Naturtalent im Hazardspielen

Vier Minuten vor dem Votum des Bundestages war auf dem Flugplatz Marl-Loemühle eine einmotorige Propellermaschine von Typ Pilatus Porter mit sechs Fallschirmspringern an Bord zur Starbahn "Zwo-Fünf" gerollt. Ob er mit ihnen einen "Stern" springen wolle, also in Formation, hatten die Sportskameraden Jürgen W. Möllemann gefragt. "Ich springe heute einen Einzelstern", lautete die Antwort. In 4250 Meter Höhe stieg Möllemann als Letzter aus und sprang in die Tiefe. Beobachter sahen, wie sich in rund 600 Metern Höhe der Hauptschirm mit den großen Lettern "JWM" vom Springer löste. Der Rettungsfallschirm öffnete sich nicht. Später stellte sich heraus, dass das automatische Notauslösesystem nicht aktiviert worden war. Um 12.50 Uhr wurde der zerschmetterte Körper des Politikers gefunden.

Mit Möllemanns Himmelssturz endete ein Drama von geradezu Shakespearschen Ausmaßen: Geld, Macht, Verrat, Intrige, Tod - alle Zutaten einer klassischen Tragödie waren im Überfluss vorhanden. Auf einem Acker bei Marl endete ein einzigartiges politisches Hazardspiel, das Möllemann mit höchstem Einsatz betrieben hatte, und mit fatalem Ende - ein Schicksal, das in der bundesdeutschen Politgeschichte neben dem Fall Uwe Barschel keine weitere Parallele hat.

Immer war der gelernte Grund- und Hauptschullehrer und Berufspollitiker ein bunter Hund in seinem Metier gewesen, ein von zügellosem Ehrgeiz und an Größenwahn grenzendem Durchsetzungswillen Getriebener. Um die Konventionen des Politgeschäfts hatte er sich nie sonderlich geschert, wenn sie seiner Entfaltung und Selbstinszenierung im Weg waren. Nur die starke Hand seines Mentors Hans-Dietrich Genscher hatten das ungebärdige Naturtalent im Zaum gehalten und dem 1970 in die FDP eingetretenen Möllemann eine steile Karriere ermöglicht: 1972 Bundestagsabgeordneter, 1982 Staatsminister im Auswärtigen Amt, 1987 Bildungsminister, 1991 Wirtschaftminister und Vizekanzler.

Ein Kanzlerkandidat für eine 6-Prozent-Partei

Möllemann war kein schlechter Minister; er hatte Ideen, dachte unorthodox und konnte sich durchsetzen. Aber er fiel von Anfang an auch immer wieder durch kleine und größere Skandale auf: Sei es, dass er die Neutronenbombe befürwortete, den geächteten Diktator Muammar al-Gaddafi im Libyen besuchte oder auf Ministeriumsbriefbögen für die Firma eines Anverwandten warb.

Wegen dieses Fauxpas' musste Möllemann 1993 zurücktreten. Er machte in Düsseldorf die Beratungsfirma Web/Tec auf und vergoldete seine politischen Kontakte bei allerlei Geschäften mit potenten Kunden in der arabischen Welt. Parallel baute er die nordrhein-westfälische FDP als Landesvorsitzender zu einer ganz auf ihn ausgerichteten Trutzburg aus. Von seiner westfälischen Bastion aus spuckte er der Bundes-FDP gerne, oft und kräftig in die Suppe.

Mit dem "Projekt 18" zum Beispiel. Achtzehn Prozent solle die FDP bei den Bundestagswahlen 2002 holen, so Möllemanns Vision, und damit endlich zur eigenständigen politischen Kraft werden. Bei der Wahl 1998 waren die Liberalen gerade einmal auf ein Drittel davon gekommen. Doch Möllemann boxte sein vielen größenwahnsinnig anmutendes Wahlkampfkonzept durch - auch wenn nicht er, sondern sein Rivale Guido Westerwelle als FDP-"Kanzlerkandidat" - auch das eine Möllemann-Idee - der FDP die 18 Prozent einzufahren hatte.

Verwegenes Spiel mit Ressentiments

Woher die neuen Wähler kommen sollten, war Beobachtern unklar. Möllemann focht das nicht an, er wollte überall fischen - auch im Trüben. Er meinte zu spüren, dass man in Deutschland mit leicht verbrämten antisemtischen Klängen wieder Zustimmung ernten könne. Als im März 2002 der syrisch-stämmige Grünen-Politiker Jamal Karsli bei seiner Partei in Ungnade fiel, weil er der israelischen Armee "Nazimethoden" im Umgang mit Palästinensern vorgeworfen hatte, witterte Möllemann eine Gelegenheit: Er lud Karsli ein, Mitglied der NRW-FDP und ihrer Landtagsfraktion zu werden.

Doch statt klammheimlicher Zustimmung erntete Möllemann Aufruhr. Den Protest des Zentralrats der Juden tat er noch ab: Wer "als angeblicher Sachwalter des Zentralrats Kritiker der Politik Israels niedermacht", zitierte der "Stern" Möllemann am 21. Mai 2002, "der schürt Unmut gegen die Zielgruppe, die er zu vertreten vorgibt." Subtext: Die Juden sind selbst schuld an ihrem Unglück. Michel Friedman, den Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden, bezichtigte den Spitzenliberalen, mit "Gehässigkeiten" und "Unterstellungen" zu arbeiten und warf ihm Intoleranz vor.

Die maßlose Attacke war der Anfang vom politischen Ende des Jürgen W. Möllemann: Sein Mentor Genscher und der FDP-Ehrenvorsitzende Otto Graf Lambsdorff brachen nun den Stab über ihm. Karsli durfte nicht FDP-Mitglied werden, Möllemann selbst wurde Schritt um Schritt zum Rückzug gezwungen: erst ein offener Brief, in dem er Fehlverhalten einräumt, dann eine formelle Entschuldigung bei Friedmann. Am Ende ist klar: "Riesenstaatsmann Mümmelmann", wie ihn CSU-Chef Franz Josef Strauß einmal titulierte, hatte überzogen und keine Chance mehr auf höchste Weihen bei den Freien Demokraten.

Traum von der eigenen Partei

Und so mutierte Möllemann in seinem letzten Lebensjahr zum freien Radikal, einem ungelenkten Geschoss, das wie ein von der Leine gelassener Pitbull ohne Rücksicht auf sich selbst und andere eine Schneise der Verwüstung schlug - in der er schließlich selbst auf der Strecke blieb. Es war eine seltsame Mischung aus Hyperaktivität, Ideenfeuerwerk, Selbstdarstellungszwang und Lust an der Zerstörung, die den einstigen FDP-Hoffnungsträger nun offenbar antrieb. Wenige Tage vor der Bundestagswahl vom 22. September 2002 ließ Möllemann 8,4 Millionen Wahlkampf-Flyer an Haushalte an Rhein und Ruhr verschicken, in denen er erneut den israelischen Ministerpräsidenten Ariel Scharon und Zentralrats-Vize Michael Friedman direkt attackierte.

Die Bundesspitze der FDP war entgeistert. Die Wähler ebenso: Nur 7,4 Prozent von ihnen gaben den Liberalen am Wahltag ihre Stimme - das "Projekt 18" war zur Lachnummer verkommen, die FDP selbst das Gespött der Kommentatoren. Hildegard Hamm-Brücher, liberales Urgestein und FDP-Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten, gab zwei Tage nach der Wahl ihr Parteibuch zurück. Möllemann war da bereits als stellvertretender Bundesvorsitzender zurückgetreten. Er hatte alles auf eine Karte gesetzt - und verloren. Die FDP war für ihn dagegen nur ein Kollateralschaden, er träumte längst von einer eigenen Partei.

Zum Verhängnis wird Möllemann die Finanzierung des dubiosen Flugblatts. Eine knappe Million Euro hat die Aktion gekostet, recherchierten Journalisten - und auf Nachfragen, woher die Mittel kämen, verheddert sich der Urheber bald in Widersprüche. Mal soll das Geld von Freunden stammen, dann aus seinem Privatvermögen. Die Spur führt schließlich zu einem Luxemburger Konto auf Möllemanns Namen: Schwarzgeld. Dann fliegen auch noch verbotene Barspenden an Möllemann auf. Erinnerungen an die CDU-Parteispendenaffäre werden wach.

Klartextredner oder Krimineller?

Jetzt bekam der Fall eine neue Dimension. Möllemann hatte sein einzig verbliebenes Kapital verloren, den Nimbus des einsamen, aber aufrechten Streiters für Wahrhaftigkeit, als einer, der sagt, was ist. Jetzt erschien er als krimineller Geldwäscher. Und die FDP-Spitze hatte endlich einen Hebel, um den Ungeliebten loszuwerden: Am 11. Februar 2003 schloss die Bundestagsfraktion der Liberalen Möllemann aus. Der wiederum erklärte am 17. März seinen Austritt aus der Partei, nach 32 Jahren.

Und natürlich trat die Staatsanwaltschaft auf den Plan. Ermittlungen zur Herkunft des Schwarzgeldes liefen seit November 2002. Steuerhinterziehung und Verstoß gegen das Parteiengesetz lauteten die Vorwürfe. Eine Großrazzia in 25 Büros und Wohnungen in Deutschland, Luxemburg, Liechtenstein und Spanien sollte Möllemann überführen. "In ganz erheblichen Maße" seien die Taten geeignet, "das Vertrauen der Staatsbürger in die Redlichkeit der führenden politischen Klasse der Bundesrepublik zu gefährden", hieß es im Durchsuchungsbeschluss des Amtsgerichts.

Am frühen Morgen des 5. Juni 2003 bezog ein Übertragungswagen des Fernsehens Stellung vor Möllemanns Wohnhaus in Münster-Gievenbeck; Reporter und Fotografen fanden sich ein. Um 9.30 Uhr klingelte das Handy von Wolfgang Kubicki, Anwalt, FDP-Politiker und einer der letzten Vertrauten des gefallenen Politstars. "Hallo, Waczlaw", begrüßte Möllemann Kubicki wie immer. Was der Auftrieb draußen zu bedeuten habe? Kubickis trockene Antwort: "Du bekommst Besuch von der Staatsmacht." Es waren die letzten Worte, die die Freunde wechseln.

Um 13.38 Uhr geht die dpa-Eilmeldung von Möllemanns Todesprung über den Ticker. Die SPIEGEL-Pfingstausgabe ist da schon im Andruck. Aber es ist sofort klar, dass diese Sensation noch in das Heft muss. Innerhalb einer guten Stunde wird in Düsseldorf und Hamburg ein einseitiger Nachruf recherchiert, geschrieben, produziert und ins Blatt gehoben. Nur ein Farbbild lässt sich nun nicht mehr in die Druckvorlage montieren, der Nachruf erscheint - aus rein technischen Gründen - mit einem Schwarzweiß-Porträt des Toten.

Die vorbereitete Meldung über die Durchsuchungsaktion, die nie erschien, hing noch jahrelang an meiner Bürowand. Am Rand sind erste Recherchenotizen nach der Todesnachricht in der Handschrift des Düsseldorfer SPIEGEL-Korrespondenten Georg Bönisch zu lesen: "12.50", "Notfallschirm", "Pilatus Porter".


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1.
Georg Jungnitz 06.06.2008
"Riesenstaatsmann Mümmelmann" - das war doch nicht Strauß, sondern Herbert Wehner, nicht wahr ?!
2.
Hans J. Laumanns 07.06.2008
Nein, es war in der Tat Franz-Josef Strauß im Jahr 1982. Siehe u.a. dazu: http://jungle-world.com/artikel/2003/24/10824.html So gesehen ist es auch egal. Beide, Strauß und Wehner, sind letztlich in ihrer jeweiligen Art unvergessen. Wenn sie sich auch nicht den heutigen Maßstäben (wer setzt diese eigentlich?) der "political correctness" verpflichtet fühlten ....
3.
Paul Ney 25.06.2008
Gleich zwei Anmerkungen: 1. Zu "Möllemann war kein schlechter Minister; er hatte Ideen, dachte unorthodox und konnte sich durchsetzen." Als Bundeswirtschaftminister hat er seinerzeit ausgehandelt & bewirkt, daß die Eingliederunshilfen für demobilisierte Angehörige der Sowjetarmee (in großen Teilen) nicht bar ausgezahlt, sondern zur Finanzierung von Projekten durch (west-)deutsche Firmen verwendet wurden. 2. Zu "Mit dem "Projekt 18" zum Beispiel. Achtzehn Prozent solle die FDP bei den Bundestagswahlen 2002 holen," Wegen der Zahl "18" wurde er auch durch eine höchst respektierte Parteikollegin kritisiert und zwar bezüglich des "alpha-numerischen" Werts. (Hinweis: Nimmt man die neun Ziffer 123456789 und setzt man darunter die ersten neun Buchstaben des Alphabets ABCDEFGHI, dann kann man -- wie bei einem Chiffre-Verfahren -- manche Kürzel, Initialen usw. numerisch schreiben...)
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