Umweltkatastrophe in London Fünf Tage im Todesnebel

Umweltkatastrophe in London: Fünf Tage im Todesnebel Fotos
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Die dichte Wolke aus Ruß und Nebel verschluckte die ganze Stadt: Vor 60 Jahren suchte die größte Smog-Katastrophe seit Beginn der Industrialisierung London heim. Der giftige Dunst stürzte den Verkehr ins Chaos und kroch in die Häuser. Tausende Menschen starben - doch niemand bemerkte es. Von

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Bevor sie auf die Todeswolke stieß, war es ein netter Abend für Barbara Fewster gewesen. Gemeinsam mit ihrem Verlobten hatte die Balletttänzerin an jenem Tag im Dezember 1952 ein geselliges Dinner mit einem befreundeten Dirigenten in der Londoner Innenstadt genossen. Jetzt wollten sie zurück in ihre Wohnung am Stadtrand. Doch kaum waren sie losgefahren, geschah es: "Wir trafen auf den Nebel wie auf eine Mauer", so Fewster 2002 im Interview mit "BBC News". Häuser, der Straßenrand, andere Autos - es war, als wäre die ganze Welt auf einen Schlag verschwunden. Sie sahen nur noch die undurchdringliche Nebelwand vor ihnen, die das grelle Licht der Scheinwerfer reflektierte.

Fewster stieg aus, ging vorsichtig im Scheinwerferlicht vor dem Wagen her und versuchte den Straßenrand auszumachen. Ihr Verlobter rollte, den Kopf aus dem Fenster gestreckt, langsam hinter ihr her. Manchmal rief er, er könne sie nicht mehr sehen - obwohl sie noch direkt vor dem Auto war. Ein anderer Wagen tauchte aus dem Nichts auf, überholte sie und wurde sofort wieder vom Nebel verschluckt. Zentimeter für Zentimeter tasteten sie sich vor, stundenlang, ohne dass sie irgendetwas sehen konnten. Nur einmal erspähten sie die Umrisse eines Baums - und etwas Merkwürdiges. Als sie näher kamen, erkannten sie das Auto, das sie überholt hatte, völlig zerschmettert. Vom Fahrer keine Spur. Es war fünf Uhr morgens, als sie endlich ihr Haus erreichten. Erst dort, als sie drinnen waren, die Tür geschlossen hatten und das Licht anmachten, sahen sie es: Sie beide waren vollkommen schwarz - ihre Haut, ihre Kleidung, ihre Gesichter.

Barbara Fewster und ihr Verlobter ahnten nicht, dass der Nebel, den sie gerade durchwandert hatten, die Stadt noch tagelang in Dunkelheit hüllen sollte, vom 5. bis zum 9. Dezember 1952. Und dass er als eine der größten Katastrophen Londons in die Geschichte der Stadt eingehen würde: Denn "The Big Smoke" - der große Rauch - sollte 12.000 Menschen den Tod bringen.

"Es war, als wäre man blind"

An Nebel waren die Londoner eigentlich gewöhnt. "Pea soup", Erbsensuppe, nannten sie scherzhaft die Tage, an denen sich mal wieder die Rauchwolken aus den Hunderttausenden Kohleöfen der Haushalte und den Industrieschloten der Fabriken mit dem Nebel aus dem Flusstal der Themse zu einem undurchdringlichen Smog vermischten, durch den man kaum weiter als ein paar Schritte sehen konnte. Und so wunderten sie sich auch nicht, als am Abend des 4. Dezember einmal wieder dichte Schwaden durch die Straßen zogen.

Zunächst ärgerten sich nur die Autofahrer über die schlechte Sicht. "Es sah aus, als hätte jemand einen Haufen Autoreifen in Brand gesetzt", erinnerte sich Bestattungsunternehmer Stan Cribb 2002 in einem Interview. Er habe damals einen Trauerzug abbrechen müssen, weil der Nebel einfach zu dicht wurde: "Es war, als wäre man blind." Fahrer konnten sich nur noch an den Rücklichtern ihrer Vordermänner orientieren - und so kam es bald zu chaotischen Situationen im Londoner Straßenverkehr, wie ein Mitarbeiter der Charrington's Brauerei berichtete: "Einer unserer Lieferwagen kam von einer Fahrt zurück. Dummerweise war ihm der ganze Verkehr von der Commercial Road auf den Brauereihof gefolgt - sogar Doppeldeckerbusse." Es habe Stunden gedauert, die Sackgasse wieder zu räumen.

Tatsächlich hatte es London jedoch mit weit mehr als ein paar Verkehrsproblemen zu tun: Ein Hochdruckgebiet über Südengland und die anhaltende Windstille hatten dazu geführt, dass eine Schicht warmer Luft über London die kalte Luft in Bodennähe wie ein Deckel versiegelt hatte. Ein Deckel, der die Millionenstadt einschloss mit dem Rauch, den Rußpartikeln und dem giftigen Schwefeldioxid, das unermüdlich aus den Schornsteinen Londons quoll. Doch all dies war von den Stadtbewohnern unbemerkt geschehen. Ihnen fiel nur auf: Es war kälter geworden. Also feuerten sie ihre Kohleöfen noch stärker an.

Särge werden knapp

Am Sonntag, dem 7. Dezember, betrug die Sichtweite im Stadtzentrum nur noch 30 Zentimeter. Die Straßenränder waren gesäumt von stehengelassenen Autos. Freilichtkonzerte mitten am Tag mussten abgesagt werden - weil es bereits vollkommen dunkel war. Aber auch in den Häusern war man inzwischen nicht mehr sicher vor dem schwefelgelben Dunst, der durch jede Ritze kroch: Die Archivare des British Museum sahen plötzlich Nebelschwaden zwischen ihren Bücherregalen hindurchwabern, und im Sadler's Wells Theater musste eine Aufführung der Oper "La Traviata" nach dem ersten Akt abgebrochen werden - weil der Smog den Zuschauern die Sicht auf die Bühne nahm.

Den meisten Londonern entgingen die düsteren Vorzeichen, die andeuteten, in welcher Gefahr die Stadt schwebte: Auf dem Rindermarkt von Smithfield erkrankten die Tiere plötzlich massenweise. 160 Rindern ging es so schlecht, dass ein Tierarzt zur Hilfe gerufen werden musste. 13 starben noch vor Ort und mussten notgeschlachtet werden. Ihre Lungen waren pechschwarz.

Und nicht nur die Tiere waren in Gefahr: "Eines der ersten Anzeichen war, dass den Bestattern die Särge ausgingen - und den Floristen die Blumen", erinnerte sich Robert Waller 2002 im Interview mit "BBC News". Waller arbeitete damals als Arzt im St. Bartholomew's Hospital. Kurz nach Beginn des Nebels stieg die Zahl von Patienten, die mit Herz-Kreislauf- oder Atemwegsbeschwerden eingeliefert wurden, dramatisch. Da die Krankenwagen im Nebel nicht mehr fahren konnten, stolperten Hunderte keuchender Menschen zu Fuß durch den Smog zu den Krankenhäusern - die, so Waller, heillos überfordert waren: "Es waren einfach zu viele betroffen. Viele schafften es nicht mehr ins Krankenhaus hinein und starben draußen." Die Lippen der Toten waren blau angelaufen, als wären sie erstickt.

Am 9. Dezember erlöste endlich aufkommender Südwestwind die Hauptstadt von den Nebelmassen. Vor allem ältere Menschen waren Ablagerungen von Rußpartikeln und Schwefeldioxid in ihren Lungen zum Opfer gefallen, aber ihre Angehörigen brachten den Tod der meist chronisch Kranken nicht in Verbindung mit dem Nebel. Erst allmählich zeigte sich das Ausmaß der Katastrophe. Gerichtsmediziner stellten fest, dass die Sterberate während des Smogs angestiegen war - in dramatischem Ausmaß: Die Zahl der Toten in London waren vergleichbar mit denen der Cholera-Epidemie von 1854 und der Grippe-Epidemie von 1918. 12.000 Menschen, so weiß man heute, waren dem Todesnebel zum Opfer gefallen, um die 100.000 Menschen erlitten Atemwegserkrankungen. Eine unbequeme Wahrheit, der sich die Regierung nur ungern stellen wollte.

"Keine weiteren Gesetze notwendig"

Als das London County Council im Januar 1953 einen Bericht vorlegte, der detailliert die verheerenden Auswirkungen des Jahrhundert-Smogs darlegte, entgegnete der Kommunalminister und künftige Premierminister Harold Macmillan nur, er sei "nicht überzeugt, dass momentan weitere Gesetze notwendig sind". Die Regierung stritt jede Verbindung zwischen dem Smog und den Todesfällen ab.

Aber die öffentliche Aufmerksamkeit war zu groß, und so musste die Regierung dem wachsenden Druck schließlich doch nachgeben. Im Clean Air Act verbot sie 1956 die Verwendung pechhaltiger Kohle zum Heizen in Privathaushalten und schuf "smokeless zones": Stadtbereiche, in denen es vollständig verboten war, Rauch durch seinen Schornstein abzulassen - es sei denn, man verwendete offiziell autorisierten, raucharmen Brennstoff. Im zweiten Clean Air Act von 1968 wurde das Regularium noch einmal verschärft. Unter anderem wurden Richtlinien erlassen, die höhere Schornsteine für Fabriken vorschrieben. Tatsächlich zeigten die Regelwerke Wirkung - die Luftqualität Londons verbesserte sich deutlich.

Heute ist die Geschichte vom "Big Smoke" für viele ältere Londoner nur eine Schauergeschichte aus einer fast vergessenen Vergangenheit, die sie jüngeren Stadtbewohnern erzählen, wenn die sich wieder einmal über eine vermeintlich unerträgliche "pea soup" draußen beschweren. So wie die ehemalige Balletttänzerin Barbara Fewster. Besonders gerne erzählt sie, wie ihr Lebensgefährte sich damals durch den undurchdringlichen Nebel tastete und auf offener Straße in einen anderen Mann hineinlief. Er sprach den Fremden an, ob der ihm Feuer geben könne - doch der antwortete nicht. Denn er war ein Laternenpfahl.

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insgesamt 17 Beiträge
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1.
Ireneusz Cwirko, 05.12.2012
Obwohl mein Hinweis schon wieder ein Paar Leute auf die Palme bringen wird, möchte ich darauf hinweisen, dass dieses Ereignis nicht so entstanden ist wie man es dargestellt hat. Auch diesmal lagen die Ursachen im Kosmos. Im November 1952 gab es eine besondere Konstellation der Planeten http://www.fourmilab.ch/cgi-bin/Solar die am 04.11.1952 zu einem der größten Erdbeben in der neuesten Geschichte geführt hat. http://suite101.de/article/die-staerksten-erdbeben-der-weltgeschichte-a68483 Am 30.11.1952 gab es weitere Konstellation der Planeten die zu einer starken Erhöhung des GH geführt hat. Als Folge ist der Luftdruck der Atmosphäre stark gesunken und es kam zu Ausscheidung des Wassers aus der Atmosphäre. Die Menschen sind aber auf Grund von diesen Luftdruckabfall und auch der Verringerung des Sauerstoffgehalts gestorben.
2.
Thomas Reich, 05.12.2012
Interessanter Artikel, aber was bitte ist ein "Luftkonditionierungssystem"? Handelt es vielleicht um eine Klimaanlage?
3.
Tom Freyer, 05.12.2012
Inzwischen sind ja Unmengen an Massnahmen eingetreten, Überhaupt keine privaten Schornsteine mehr, selbst Kohlegrills im Sommer verboten, es gibt nur Zentralheizung. Citymaut, die den Verkehr aus der Stadt drängt. Luftverpester sind die uralten Busse, die man auf Erdgas oder gar Strom umstellen sollte. Schaut man sich Indien und China an, so ist der Londonder Nebel dort Dauerzustand, doch dort sieht man nichts ein und verpestet weiter die Umwelt und das Weltklima.
4.
Philip Porter, 05.12.2012
Viele Deutsche glauben noch immer dass ein London Fog ein tägliches geschehen ist. Hat vielleicht was mit Edgar Wallace zum tun.
5.
Karl Lehmacher, 05.12.2012
>Inzwischen sind ja Unmengen an Massnahmen eingetreten, Überhaupt keine privaten Schornsteine mehr, selbst Kohlegrills im Sommer verboten, es gibt nur Zentralheizung. >Citymaut, die den Verkehr aus der Stadt drängt. >Luftverpester sind die uralten Busse, die man auf Erdgas oder gar Strom umstellen sollte. > >Schaut man sich Indien und China an, so ist der Londonder Nebel dort Dauerzustand, doch dort sieht man nichts ein und verpestet weiter die Umwelt und das Weltklima.
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