Der heilsame Aprilscherz Aktion "Tanz in den April"

Der heilsame Aprilscherz: Aktion "Tanz in den April" Fotos
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Kaum war eine Frau im Spiel, wurde aus einer gestandenen Dreierfreundschaft ein sentimentales Kumpel-Duo. Eine kranke Situation, fand Emanuel Hensel und ersann einen Aprilscherz, um den abtrünnigen Freund zurück ins Team zu holen. Doch seine vermeintliche Wunderheilung ging zunächst nach hinten los. Von

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Wir hatten uns Ende der achtziger Jahre im 2. Studiensemester an der Universität kennengelernt und waren ein ziemlich gutes Kumpel-Trio. Wir gingen zum Eishockey, zum Fußball und in Diskotheken, kurzum, durch dick und dünn. Die Stimmung war immer gut, und wir konnten uns aufeinander verlassen.

Doch nach und nach schlich sich der Schlendrian in die Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit unseres dritten Teammitglieds ein. Wir anderen zwei warteten mal 10 Minuten vor dem Kino, mal 20 Minuten vor der Mensa und mal 30 Minuten vor dem Hörsaal. So ging es in einem fort, immer verbunden mit einem "ich komme ja gleich" und "es tut mir leid, kommt bestimmt nicht wieder vor".

Als ein gewisser Groll unsererseits offensichtlich wurde, führte er immer häufiger die Familie und seine neue Freundin als Sündenböcke ins Feld. Die im Hintergrund agierende weibliche Person schien eine plausible Erklärung für ein vorübergehendes Desinteresse an uns männlichen Kumpels zu sein, also nahm unsere Toleranz wieder zu und wir erwarteten eine baldige Rückkehr des Abtrünnigen in unser altes Team. Doch nichts änderte sich.

Als ich schließlich alleine über eine Stunde auf einem gemieteten Tennisplatz gewartet hatte, und sich Teil drei unseres Trios (Teil eins hatte sich ordnungsgemäß und rechtzeitig entschuldigt) mit einem lapidaren "oh, hab wohl den Wecker nicht gehört, heute morgen" entschuldigte, war das Maß voll. Uns verlangte danach, den ursprünglichen Zustand mittels eines heilsamen Schocks wiederherzustellen.

Aktion "Tanz in den April"

Wie so oft trat nun der Zufall auf den Plan. Alle Drei besuchten wir zu jener Zeit unabhängig voneinander einen Tanzkurs, um die klassischen Standard- und Lateintänze zu erlernen. Eine unserer Tanzschulen veranstaltete am 1. April einen Frühlingsball. Was also lag näher, als das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden?

Wir beschlossen, den Ball als Anlass zu nutzen, um dem abtrünnigen Teammitglied eine Lehre zu erteilen, die mit einem gewissen, zeitlich gesteigerten Fahraufwand verbunden sein sollte. Auch der Umstand des Mauerfalls wurde in die Aktion "Tanz in den April" integriert: Aus organisatorischen Gründen - so erklärten wir dem Abtrünnigen - sollten er und seine Begleitung die Karten an der Hotelrezeption abholen und dann direkt vor Ort gemeinsam mit uns das Tanzbein in den Wonnemonat April schwingen. Wir hatten dafür gesorgt, dass die Original-Eintrittskarten an der Hotel-Rezeption am Alexanderplatz lagen. Der Ball allerdings fand in entgegengesetzter Richtung unter dem Funkturm und nicht unterm Fernsehturm statt. Selbstredend hätten wir gerne die verdutzten Gesichter an der Rezeption gesehen. Verbunden mit dem erhellenden Gedanken "He, die haben ja Recht, wir müssten mal wieder pünktlicher und zuverlässiger sein". Dachten wir.

Am Abend des 1. April traf sich unser zum Duo geschrumpftes Rest-Trio pünktlich am Palais am Funkturm, wo der Ball tatsächlich stattfand. Wir warteten eine Stunde, zwei Stunden, drei Stunden. Schließlich fingen wir an zu spekulieren, ob unser Dritter nach der Auflösung des gelungenen Aprilscherzes womöglich frustriert auf dem Absatz kehrt gemacht hatte und wieder in Richtung Heimat gefahren war. Dagegen sprach jedoch, dass die Eintrittskarten für den Ball nicht ganz billig gewesen waren. Außerdem sollte unser Scherz heilsam, aber nicht unmenschlich sein. Wir hatten alles so arrangiert, dass unser abtrünniger Kumpel trotz des Umwegs die Chance hatte, beizeiten im Palais am Funkturm zu sein.

Wo blieb er?

Immer wieder Rückschläge

Wie kalkuliert hatten unser Freund und seine Begleitung sich - wie immer - zu spät auf den Weg ins damalige Forum Hotel am Alexanderplatz gemacht. Gegen 22.30 Uhr rauschte er dann samt seiner in Tränen aufgelösten weiblichen Begleiterin an unseren Tisch und wies energisch darauf hin, dass unser Handeln absolut unmöglich sei.

Unser Hinweis auf das aktuelle Datum, den 1. April und dessen Besonderheit, trug wenig zur seelischen Genesung der beiden bei, sie entschwanden wutentbrannt auf die Tanzfläche. Kaum eine halbe Stunde später eilten sie ohne weitere Verabschiedung von dannen. Unsere Hoffnung auf ein Comeback des Trios konnten wir begraben.

Mehr als sechs Wochen später wäre mir dann beinahe vor Schreck und Überraschung der Telefonhörer aus der Hand gefallen, als ich hörte, wer am anderen Ende der Leitung sprach: Nummer drei des einstigen Trios fatal. Nach einigen Schelten, Beteuerungen und Besserungsversprechen äußerten wir beide den Wunsch, die Freundschaft doch miteinander fortsetzen zu wollen. Der Erste des Trios ist inzwischen im Berliner Nirwana verschwunden, aber der April-Versehrte und ich halten noch immer freundschaftlichen Kontakt, auch wenn es immer wieder Rückschläge in der mühsamen, aber viel versprechenden "Duo-Pflege" gibt.

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