"Heißer Draht" im Kalten Krieg Wenn der Russe ruft

"Heißer Draht" im Kalten Krieg: Wenn der Russe ruft Fotos
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Sie besaßen tödliche Atomwaffen - aber keine Verbindung, um im Ernstfall schnell zu kommunizieren und den Nuklearkrieg zu verhindern. Deswegen installierten USA und UdSSR vor 50 Jahren den "heißen Draht" zwischen Moskau und Washington. Der half in etlichen Krisen. Und existiert bis heute. Von

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Der Präsident persönlich wandte sich an sein Volk. Am Abend des 22. Oktober 1962 harrte ganz Amerika vor den Radioempfängern und Fernsehern aus, um zu hören, was John F. Kennedy zu sagen hatte. In seiner Rede "von höchster nationaler Dringlichkeit" schockierte er seine Nation. Sowjetische Atomraketen seien auf der Karibikinsel Kuba stationiert. Die Botschaft: Feindliche Atomwaffen standen plötzlich sozusagen im eigenen Hinterhof.

Und die Lage eskalierte weiter: "Das bedeutet Krieg mit Russland!", platzte es aus US-Verteidigungsminister Robert McNamara heraus, als kurze Zeit später mit Atomwaffen ausgerüstete sowjetische Abfangjäger einen irrtümlich in den sowjetischen Luftraum eingedrungenen amerikanischen U2-Piloten Richtung Alaska jagten. Der amerikanische Flieger entkam seinen Verfolgern. Doch die Krise spitzte sich weiter zu. Alle Welt erwartete einen Präventivschlag der USA, der sich bis zum globalen Atomkrieg steigern konnte.

Dann ließ Radio Moskau die Welt schließlich aufatmen. Der sowjetische Regierungschef Nikita Chruschtschow gab am 28. Oktober 1962 im Rundfunk den Abzug der Atomwaffen von Kuba bekannt.

Haarscharf am Atomkrieg vorbeigeschrammt

Allen Beteiligten war klar: Die Welt war haarscharf am Atomkrieg vorbeigeschrammt. Warum aber hatte Chruschtschow ausgerechnet das Radio zur Verständigung gewählt? Ganz einfach: Es war damals der schnellste Kommunikationskanal. Fast einen Tag konnte es dauern, bis eine Nachricht aus dem politischen Washington Moskau und umgekehrt erreichte - mühsam weiter getragen über die jeweiligen Botschaften und per Fernschreiber, dazwischen übersetzt, kodiert und wiederum dekodiert. In der Kuba-Krise konnten diese Stunden über Krieg oder Frieden entscheiden. Chruschtschows erste Botschaft an Kennedy brauchte einen halben Tag zur Übermittlung. Und das in einer der größten politisch-militärischen Krisen der Geschichte.

Ein "Heißer Draht" zwischen dem mächtigen Mann im Weißen Haus und dem im Kreml sollte die Lösung für die Kommunikationsprobleme der beiden Supermächte sein. Die waren zwar in der Lage, Atome zu spalten, aber verfügten über keine Form einer schnellen, direkten Kommunikation untereinander. In Genf vereinbarten die USA und die Sowjetunion im Juni 1963 daher die Einrichtung des "Heißen Drahtes" als direktem Kommunikationskanal.

Nun ging die Arbeit für Techniker, Diplomaten, Übersetzer und Kodierer los. Man musste sich verständigen über Verhaltensweisen, Codes und vor allem über das zuverlässige Funktionieren des "Heißen Drahts". Moskau, Helsinki, London, Kopenhagen, Stockholm und schließlich per unterseeischem Kabel Richtung New York und Washington lauteten die Stationen - beziehungsweise in umgekehrter Richtung zurück.

Vier Jahre Funkstille

Am 30. August 1963 war die Verbindung einsatzbereit. Nur: Weder John F. Kennedy im Weißen Haus noch Nikita Chruschtschow im Kreml konnten sich allerdings nun in ihre weichen Sessel niederlassen und miteinander plaudern. Der "Heiße Draht" war weder ein Telefon, noch war er rot - obgleich Legenden die Drahtverbindung bis heute als "Rotes Telefon" umschreiben.

Der "Heiße Draht" war eine Fernschreiberverbindung - die beiden Regierungen konnten sich ausschließlich schriftlich miteinander austauschen. Nicht zuletzt, um dabei auch verbale Irrtümer auszuschließen. Schwarz auf Weiß galt als sicherer. Auch eine Verschlüsselung gestaltete sich so einfacher.

Auf die Indienststellung des "Heißen Drahtes" folgte am 30. August 1963 erst einmal - Schweigen! Fast vier Jahre herrschte Stille auf der Verbindung zwischen dem Weißen Haus und dem Kreml. Der "Heiße Draht" war fast vergessen, als am 5. Juni 1967 Israel einen Überraschungsangriff gegen Ägypten führte, der Beginn des "Sechstagekriegs".

An diesem Tag betrat Verteidigungsminister Robert McNamara in aller Frühe das Pentagon. Bereits gegen 8 Uhr klingelte das Telefon, am Apparat war ein General, der um Rat suchte: "Premierminister Kossygin ist am 'Heißen Draht' und möchte den Präsidenten sprechen. Was soll ich ihm sagen?" McNamara war verdutzt und fragte, warum man dann ausgerechnet ihn kontaktierte. "Weil der ‚Heiße Draht‘ im Pentagon endet", antwortete der Offizier. McNamara ließ keine Zeit verstreichen und holte den Nachfolger des ermordeten Kennedy, Lyndon B. Johnson, verschlafen aus dem Bett.

Die Staatslenker liebten den heißen Draht

Die Welt hatte ihre nächste Krise, aber zum Glück verfügte sie nun auch über den "Heißen Draht". Über diesen Kommunikationsweg konnten sich die Amerikaner, die Israel unterstützten, und die Sowjets, die unter anderem die Ägypter und Syrer protegierten, austauschen und absprechen. Etwa 20 Botschaften gingen hin und her, in denen sich die beiden Seiten unter anderem die Positionen der Kriegsschiffe der jeweiligen Mächte im Mittelmeer mitteilten. Diese sollten sich nicht zu nahe kommen, um keine Konflikte auszulösen. Natürlich ging es zwischen den beiden verfeindeten Supermächten dabei verbal hoch her. "Wenn Sie Krieg wollen, sollen Sie Krieg bekommen", soll Ministerpräsident Alexei Kossygin laut McNamara einmal gewettert - beziehungsweise geschrieben - haben.

Nach dem Sechstagekrieg geriet der "Heiße Draht" nicht mehr so schnell in Vergessenheit. Während der folgenden Nahostkrisen und auch beim Einmarsch der Sowjets in Afghanistan 1979 lief der "Heiße Draht" tatsächlich heiß. Wie oft und zu welchen Anlässen er genau benutzt wurde, ist bis heute nicht in allen Einzelheiten bekannt. Klar ist, dass die Staatsmänner diese direkte Leitung zu schätzen wussten.

Der letzte Staatslenker der Sowjetunion, Michail Gorbatschow, soll US-Präsident George Bush in Krisenzeiten sogar selbst per Hand verfasste Notizen und Karten gesendet haben. Jeweils nach aktuellem Stand der Technik wurde nachgerüstet, satellitengestützte Technik hielt ebenso Einzug wie in den achtziger Jahren die Möglichkeit, zu faxen.

Bizarre Texte als Testbotschaften

Damit die Funktionsfähigkeit des "Heißen Drahtes" gewährleistet blieb, wurden in regelmäßigen Abständen Testbotschaften gesendet: "Der schnelle braune Fuchs springt über den faulen Hund". In diesem kuriosen Satz sind alle Buchstaben des Alphabets enthalten, alle Wörter können einwandfrei übertragen werden. Die Sowjets verwendeten den Satz, ins Deutsche übersetzt: "Jetzt ist es an der Zeit für alle Menschen guten Willens, der Partei zu helfen".

Zwei Beamte verrichten bis heute auf jeder Seite Dienst am "Heißen Draht" - man weiß ja nie. Dass beide Englisch und Russisch beherrschen müssen, versteht sich von selbst. Noch immer handelt es sich hierbei um verantwortungsvolle Posten. Wenn der "Heiße Draht" glüht, steht die Welt vor einer tiefen Krise. Bleibt der Draht ruhig, herrscht tiefe Langeweile. Mitunter sollen sich die Diensthabenden auf amerikanischer und russischer Seite die Zeit mit dem Austausch von Rezepten und Lyrik vertrieben haben. Auch eine Art der Völkerverständigung.

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1.
H. Lorenz 31.08.2013
*Hören Sie auf, die Geschichte zu verfälschen!!!* Und erzählen Sie die ganze Wahrheit. Ursache und Wirkung. ---Zitat--- ... Der Präsident persönlich wandte sich an sein Volk. ... Sowjetische Atomraketen seien auf der Karibikinsel Kuba stationiert. Die Botschaft: Feindliche Atomwaffen standen plötzlich sozusagen im eigenen Hinterhof. ... als kurze Zeit später mit Atomwaffen ausgerüstete sowjetische Abfangjäger einen irrtümlich in den sowjetischen Luftraum eingedrungenen amerikanischen U2-Piloten Richtung Alaska jagten. ... ... Nikita Chruschtschow gab am 28. Oktober 1962 im Rundfunk den Abzug der Atomwaffen von Kuba bekannt. ---Zitatende--- Erzählen Sie doch mal, warum der Russe mit Atomsprengköpfen bestückte Raketen auf Kuba stationieren ließ! Weil die USA ebenso heimlich im Hinterhof Russlands, in Italien und der Türkei, ebenfalls mit Atomsprengköpfen bestückte Thor- und Jupiter-Raketen aufstellen ließ. Und jetzt sagen Sie nochmal, wer hier der Agressor war! Und daß sich der Pilot aus Versehen in den russischen Luftraum verirrt hat ... wie verlogen ist das denn?! Jeder weiß, was die U2 für ein Flugzeug war.
2.
Dieter Herrmann 31.08.2013
Nun, der Satz "Der schnelle braune Fuchs..." war schon damals weder neu noch bizarr. Seit der Erfindung des Fernschreibers wird der englische Satz "The quick brown fox jumps over the lazy dog" als Testtext benutzt. Im Englischen nämlich enthält er, anders als im Deutschen, tatsächlich alle Buchstaben des Alphabets.
3.
Karsten Schramm 31.08.2013
"Der schnelle braune Fuchs springt über den faulen Hund" Beim russischen Satz wurde es dazu gesagt, hier nicht. Auch dieser Satz wurde aus dem Englischen übersetzt und enthält alle Buchstaben des englischen Alphabets: "The quick brown fox jumps over the lazy dog"
4.
Dieter Repert 31.08.2013
Möglicherweise wäre es besser gewesen, das Satz "The quick brown fox jumps over the lazy dog" im Original zu lassen.
5.
Peter Wiese 01.09.2013
Die zum Betrieb der Direktverbindung benutzten Fernschreibgeräte T 63 SU 12 und T 63 SU 13 sind nicht, wie vom Autor behauptet, Geräte der Firma Siemens, sondern sie stammen aus DDR-Produktion Sie wurden in der DDR bei der Post, der Polizei, dem Staatsapparat und in der NVA eingesetzt. Dem Autor hätte schon auffallen können, dass das mit der Fa. Siemens nicht ganz sttimmen kann, denn Bild 12 zeigt eindeutig eine DDR-Flagge
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