Der Held von Atlanta Gefeiert, gejagt, gebrochen

Der Held von Atlanta: Gefeiert, gejagt, gebrochen Fotos
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Er rettete Hunderte und wurde des Mordes verdächtigt. Richard Jewell entdeckte 1996 die tödliche Bombe bei den Olympischen Spielen von Atlanta - und wurde beschuldigt, sie selbst gelegt zu haben. Obwohl er später entlastet wurde, erholte er sich nie von den schweren Vorwürfen.

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Es waren die letzten Olympischen Spiele des "amerikanischen Jahrhunderts" ("Newsweek"). Die "Gute-Laune-Spiele", juchzte das "Atlanta Journal-Constitution", das lokalpatriotische Monopolblatt. Mehr als 10.000 Athleten und drei Millionen Zuschauer kamen 1996 nach Atlanta, um dort eine Spartakiade des Kommerzes und der - sportlich gerechtfertigten - Selbstbeweihräucherung zu erleben. "Ich will, dass ihr die anderen fertig macht", hatte Präsident Bill Clinton den US-Athleten zuvor befohlen.

Wochenlang wurde die damals sonst eher als Mördergrube bekannte Hauptstadt Georgias zur "sichersten Stadt des Planeten", wie Bürgermeister Bill Campbell prahlte. 108 Millionen Dollar kosteten die Schutzmaßnahmen, es war die bis dahin größte Sicherheitsaktion in der US-Geschichte: 30.000 Polizeibeamte, Hunderte Agenten von FBI, Zoll und Waffenbehörde ATF, 1000 Live-Videokameras, Ausweise mit Computerchips - ein gigantischer Aufwand für die Vor-9/11-Ära.

Dann, am neunten Tag der Spiele, ging eine Bombe hoch - mitten im Centennial Olympic Park, im Herzen Atlantas. Obwohl es nach ein Uhr nachts war, befanden sich dort noch viele Besucher, zu einem Konzert auf der Wiese. Zwei Menschen starben, 111 wurden verletzt.

Doch noch für einen weiteren begann mit der Bombe ein langes Sterben - den Wachmann Richard Jewell, den die Behörden und Medien vorschnell als Bombenleger beschuldigten. Obwohl sich Jewell später als völlig unschuldig erwies, erholte er sich nie wieder von dem Rufmord auf Raten. Gestern starb er, erst 44 Jahre alt - das späte Opfer von rauschartiger Rachelust, Behördenschlamperei und journalistischer Verantwortungslosigkeit.

Chaotische Suche nach dem Attentäter

Die mit Nägeln und Schrauben gespickte, dreifache Rohrbombe war in einem Rucksack versteckt, unter einer Bank im Olympiapark. Jewell, damals 33, bemerkte das herrenlose Paket, alarmierte die Polizei und begann dann, das Areal zu evakuieren. Er rettete Hunderte, bevor der Sprengsatz um 1.21 Uhr explodierte. Die 44-jährige Touristin Alice Hawthorne starb. Der türkische Reporter und Kameramann Melih Uzunyol, 40, erlag einem Herzinfarkt, während er über die Folgen der Explosion berichtete.

Zwei Tage lang feierten sie Jewell als Helden. Derweil diktierte IOC-Generaldirektor François Carrard den internationalen Journalisten noch in der Bombennacht jene Verbrämung der Worte von München 1972 in die Blöcke, die nun auch das Motto Atlantas wurden: "The Games must go on." Oder, so das "Journal": "Die Party geht weiter!" Der Bürgermeister rief: "Die Geschichte dieser Olympischen Spiele wird am Ende die Geschichte einer Stadt sein, die über die Tragik triumphierte."

Es sollte anders kommen. Die Jagd nach dem Attentäter verlief chaotisch. Jemand anderes außer Jewell hatte die Polizei telefonisch vorgewarnt. Aber der Anruf wurde eine halbe Stunde lang verschludert, trotz modernster Abhörtechnologie. Der TV-Sender NBC spekulierte über "muslimische Gruppen". CNN hatte irgendwo Skinheads gesehen. Ein Schwarzer wurde verhaftet und wieder freigelassen. Clinton forderte die Todesstrafe für den Bombenleger. Dan Graveline, der Direktor des örtlichen Kongresszentrums, regte an, diesen am Tatort "aufzuknüpfen".

Drei Tage nach dem Anschlag dann eine hochspekulative Schlagzeile im "Journal": "FBI vermutet, Wachmann-'Held' könnte Bombe gelegt haben." Mit 378 Worten veränderte die Zeitung für immer Jewells Leben. Das FBI habe Jewell "vernommen", hieß es darin lapidar - gefolgt von dem vernichtenden Satz: "Das Profil des einsamen Bombers passt auf Jewell."

Ein 88 Tage langer Alptraum

CNN, dessen Zentrale in Sichtweite des Tatorts lag, verlas den Bericht wortwörtlich und verbreitete ihn so um die Welt. Weitere Medien folgten, ohne Quellen, die die Anschuldigungen erhärteten. Die Agentur AP bezeichnete Jewell als den "Brennpunkt" der Ermittlungen. Andere verließen sich auf Psychologen, die im TV Jewells Gemütszustand sezierten und seine wechselhafte Karriere als Wachmann. Es war, als seien sich alle plötzlich einig: Jewell, so spekulierten sie munter, habe die Bombe gelegt, um sich als Held profilieren zu können.

Das FBI beschuldigte ihn zwar nie formell, durchsuchte aber vor laufenden Kameras die Wohnung seiner Mutter, bei der er lebte, und konfiszierte ihre Tupperware-Sammlung. Auch wurde Jewell rund um die Uhr beschattet. "Sie haben wahrscheinlich genug, um ihn zu verhaften", donnerte NBC-Anchorman Tom Brokaw, die Stimme der Fernsehnation. "Sie haben wahrscheinlich genug, um ihn vor Gericht zu stellen." Zwei Verletzte des Anschlags erhoben Zivilklage gegen Jewell.

Erst nach drei Monaten entlastete ihn das FBI. "Mr. Jewell ist kein Ziel der Ermittlungen zum Centennial-Olympic-Park-Bombenanschlag mehr", erklärte das Justizministerium. Das werde sich wohl auch nicht mehr ändern.

Es war zu spät. "88 Tage lang lebte ich einen Alptraum", sagte Jewell. Doch es war nur das erste Kapitel des Alptraums, wie er sich selbst tragisch prophezeite: "Ich werde den Rest meines Lebens damit verbringen müssen."

Jewell verklagte mehrere Medien wegen Verleumdung. NBC zahlte ihm über 500.000 Dollar. Auch CNN und die "New York Post" - die ihn als "Dorf-Rambo" und "fetten, gescheiterten Ex-Hilfssheriff" verhöhnt hatte - zahlten unbekannte Summen. Das Verfahren gegen das "Journal", das jedes Fehlverhalten abstritt, verlief sich jedoch in den Instanzen.

"Ich bin ein anderer Mensch geworden"

Im Zentrum jenes Verfahrens stand Kathy Scruggs, eine Polizeireporterin des "Journal", die den ursprünglichen Artikel mitverfasst hatte. Jahrelang weigerte sie sich, ihre FBI-Quellen preiszugeben. Auch in der eigenen Redaktion war sie umstritten, unter anderem wegen ihres Alkoholproblems. Im September 2001 wurde sie, 42-jährig, tot in ihrem Haus aufgefunden. Ursache: Morphinvergiftung.

Es dauerte jedoch noch weitere vier Jahre, bis das Attentat vollends geklärt wurde. Im Mai 2005 nahmen die Behörden den Extremisten und Serienattentäter Eric Rudolph fest. Er hatte drei andere tödliche Bombenanschläge auf dem Gewissen und gestand kurz darauf, auch die Bombe von Atlanta gelegt zu haben. Rudolph war der mysteriöse Anrufer gewesen, der die Polizei telefonisch gewarnt hatte.

Jewell wurde trotzdem seines Lebens nicht mehr froh. Er zog von Atlanta aufs Land und schlug sich als Wachmann und Cop durch. Er sah mit an, wie einer seiner Partner erschossen wurde. "Die Helden werden schnell vergessen", sagte er zum zehnten Jahrestag des Attentats in - ausgerechnet - einem AP-Interview. "Die Bösewichter halten sich auf Lebzeiten." Und: "Ich bin ein anderer Mensch geworden. Ich bin paranoid. Ich bin zynisch." Auch leide seine Mutter weiter unter dem Drama von damals.

Tot auf dem Boden des Schlafzimmers

Im vorigen August ehrte Georgias Gouverneur Sonny Perdue ihn für seine "Heldentaten" im Vorfeld der Explosion. "Seine Aktionen retteten an jenem Tag Leben", sagte Perdue. Jewell trug einen Anzug und weinte.

Längst litt er an chronischer Fettsucht und Diabetes, dann Nierenversagen. Er konnte nicht mehr arbeiten gehen. Im Februar mussten ihm einige Zehen amputiert werden. Gestern früh entdeckte ihn seine Frau tot auf dem Boden ihres Schlafzimmers. Ein Arzt diagnostizierte "natürliche Todesursachen". Jewell war 44 - exakt so alt wie Bombenopfer Alice Hawthorne.

Am Ende behielt das "Atlanta Journal & Constitution" das letzte Wort. Es konnte sich selbst bei der Todesnachricht einen Seitenhieb nicht verkneifen. Jewell habe es zu Unrecht verklagt, beharrte es: "Als die Berichte erschienen, war Jewell ein Verdächtiger."

Marc Pitzke

Erschienen auf SPIEGEL ONLINE am 30.08.2007

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