Der Hitler-Mythos "Der deutsche Arbeiter reist"

Der Hitler-Mythos: "Der deutsche Arbeiter reist" Fotos

Die Organisation "Kraft durch Freude" sollte mit günstigen Freizeitangeboten vor allem die Proletarier für die "Volksgemeinschaft" ködern. Von Karen Andresen

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Eine sanft geschwungene Bucht, feiner weißer Sand, auf dem sich Kiefernbäume wiegen. Die Prorer Wiek mit der "Schmalen Heide" war in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts sicher einer der schönsten Strände auf der Ostseeinsel Rügen.

Ausgerechnet dieses Kleinod unberührter Natur suchten sich die Nationalsozialisten aus, um am 2. Mai 1936 mit dem Bau eines gigantischen Seebades zu beginnen. Zwei Gebäudeflügel mit je vier Bettenhäusern, sechs Stockwerke hoch, fast fünf Kilometer lang, alle Zimmer mit Meerblick. Dazu zwei Wellenbäder, ein Schlachthof, eine Konservenfabrik, ein Kraftwerk und eine monumentale Festhalle mit 20.000 Sitzplätzen.

Adolf Hitler selbst soll die Idee zu diesem Mammutprojekt für 20.000 Feriengäste gehabt haben. Man müsse, so wird der Diktator zitiert, "ein Riesenbad bauen, das Gewaltigste und Größte von allem bisher Dagewesenen".

Inzwischen mag man sich an mächtige Betonburgen für Urlaubermassen gewöhnt haben, damals aber war, was die Nazis vorhatten, eine Sensation.

Zur feierlichen Grundsteinlegung reisten neben Parteiprominenz auch Vertreter von Kriegsmarine und Luftwaffe an. Robert Ley, der Leiter der nationalsozialistischen Pseudogewerkschaft Deutsche Arbeitsfront (DAF), hielt eine Ansprache, die landesweit vom Radio übertragen wurde, und im Kino verkündete die "Deutsche Wochenschau": "Auf der Insel Rügen entsteht das größte und schönste Seebad der Welt. Hier werden später Tausende und Abertausende schaffende deutsche Menschen Erholung und Kraft zu neuer Arbeit finden."

Die Nationalsozialisten hatten vor allem Industriearbeiter im Visier, denn, so DAF-Chef Ley, "Tausende Urlauber mit schwieligen Händen sind die beste Propaganda für das neue Deutschland, die man sich denken kann".

Da war es selbstverständlich, dass schon das Datum für die Grundsteinlegung, der 2. Mai 1936, mit Bedacht gewählt worden war. Auf den Tag genau drei Jahre zuvor hatten die Nazis überall in Deutschland die Gewerkschaftshäuser gestürmt. In der Folge waren führende Funktionäre verhaftet, das Vermögen konfisziert und die Mitglieder zwangsweise in die Arbeitsfront eingegliedert worden.

Ein Streikrecht gab es fortan nicht mehr, die Löhne wurden niedrig gehalten. Sozialdemokraten mussten ebenso wie Kommunisten um ihr Leben fürchten oder waren bereits aus dem Land geflohen. "Lasst euch in keiner Sekunde von unserer Parole abbringen. Sie heißt: Vernichtung des Marxismus", hatte Adolf Hitler seine Gefolgsleute angefeuert.

Was aber sollte aus den vielen tausenden einfachen Mitgliedern von SPD, KPD und Gewerkschaften werden, deren Arbeitskraft dringend gebraucht wurde in der schon auf Hochtouren laufenden Kriegswirtschaft? Allein mit Verboten und Gewalt, das wussten die Machthaber, war das Proletariat nicht gefügig zu machen.

Also zeigte das Regime sein anderes, sein vermeintlich fürsorgliches Gesicht. Soziale Wohltaten sollten die Arbeiter in die nationalsozialistische "Volksgemeinschaft" einbinden.

Im November 1933 gründeten die Nazis im Festsaal des einen Monat zuvor aufgelösten Preußischen Staatsrates an der Leipziger Straße in Berlin die NS-Organisation "Nach der Arbeit", die sich schon bald in "Kraft durch Freude" (KdF) umbenannte. Worum es den braunen Machthabern dabei ging, machte DAF-Chef Ley in seiner Festrede ziemlich unverblümt deutlich: Der "schaffende deutsche Mensch" dürfe sich, so Ley, in seiner arbeitsfreien Zeit nicht selbst überlassen bleiben, denn "aus der Langeweile entspringen dumme hetzerische, ja letzten Endes verbrecherische Gedanken", und nichts sei gefährlicher für einen Staat. So gesehen, fügte der DAF-Leiter hinzu, sei "sogar der Kegelclub staatserhaltend", weil die Menschen wüssten, "wo sie am Abend hinzugehen haben".

Bald darauf hatte sich KdF erfolgreich der Freizeit der Deutschen bemächtigt. Von der Wandertour bis zur Schiffsreise, vom Schachspielen bis zum Taubenzüchten gab es kaum etwas, was die NS-Organisation nicht im Programm hatte. Sie sorgte für Breitensport und "weltanschauliche" Erziehung, organisierte Theaterbesuche und bunte Abende.

1934 starteten zum ersten Mal fahnengeschmückte KdF-Urlauberzüge, zwei Jahre später lief das erste KdF-Schiff vom Stapel. Hatten Urlaubsfahrten bisher vor allem als Privileg begüterter Schichten gegolten, so wurde jetzt die Parole ausgegeben: "Der deutsche Arbeiter reist."

Begonnen allerdings hatte die allgemeine Reiselust viel früher. Schon 1840 hatten in Großbritannien einzelne wohltätig gesinnte Unternehmer bei den Privatbahnen Züge gebucht, um ihren Arbeitern und deren Familien Ausflüge ins Grüne zu ermöglichen. 1841 schickte Thomas Cook, der britische Pionier des Massentourismus, seinen ersten Sonderzug mit 570 Arbeitern auf die Reise.

In Deutschland waren es bis zum Ende des Ersten Weltkriegs vor allem die zahlungskräftigen Oberschichten, die sich eine Auszeit, etwa in einem der feinen Seebäder, leisten konnten. Erst in der Weimarer Republik setzte eine Demokratisierung des Reisens ein. Nun entdeckten auch Angestellte, Beamte und - wenige - Arbeiter für sich die Fahrt in die Sommerfrische.

Seit Mitte der zwanziger Jahre schmückte sich jede größere Tageszeitung mit einer eigenen Rubrik "Reisen, Bäder, Kurorte, Wandern". Und selbst im sozialdemokratischen "Vorwärts" tauchten vermehrt Reiseberichte und Ferienvorschläge auf.

Sieben Tage Sächsische Schweiz waren für 105 Reichsmark (RM) zu haben, der Norddeutsche Lloyd bot eine Nordlandreise ab 140 RM an. "Im reichen Wortschatz unserer deutschen Sprache", schwärmte ein Mitglied der "Naturfreunde", habe nichts "einen so poetischen Klang für den Arbeitsmenschen wie das Wort ,Urlaub'".

1929 beschlossen auch SPD und Gewerkschaften, eine eigene Arbeiter-Reiseorganisation zu gründen. "Die werktätige Bevölkerung, ganz gleich ob sie in der Fabrik oder in der Schreibstube tagein, tagaus schwer arbeiten muss, hat Anspruch darauf, sich die Schönheiten dieser Erde zu erobern und sich wenigstens einmal im Jahr über die Mühsal des Alltags zu erheben", verkündete der sozialdemokratische Reichsausschuss für Bildungsarbeit, der auch Studienreisen für Proletarier anbot.

Doch die meisten Arbeiter hatten weder genug Geld - der durchschnittliche Jahresverdienst lag 1928 bei 2300 Reichsmark - noch genug freie Zeit, um von den Angeboten Gebrauch zu machen. Zwar wurde ihnen in der Weimarer Republik erstmals auch ein Recht auf Jahresurlaub tarifvertraglich zugesichert, doch viele arbeiteten ohne Tarifvertrag, oder sie ließen sich, wenn ihnen Urlaub zustand (oft waren es ohnehin nur magere drei Tage), diesen lieber auszahlen, um die Familienkasse aufzubessern.

Hinzu kam, dass sich besonders bei älteren Funktionären in SPD und Gewerkschaften hartnäckig das Ressentiment hielt, Urlaubsfahrten seien vor allem Ausdruck eines kleinbürgerlichen Individualismus, von dem sich ein klassenbewusster Proletarier besser fernzuhalten habe. Und so war die Forderung nach mehr Urlaub nie zu einem wichtigen Anliegen des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes geworden.

Die Nationalsozialisten erkannten schnell, welch große propagandistische Chance für sie in dem Thema steckte. Hitler selbst versprach, der nationalsozialistische Staat werde sich bemühen, seinen "Volksgenossen alles das zugänglich zu machen, was früher Vorrecht einer begrenzten Lebens- und Volksschicht war". Er wünsche, so zitierte DAF-Chef Ley einen "Führerbefehl" des Diktators, dass der deutsche Arbeiter eine Erholungszeit bekomme, "weil ich ein nervenstarkes Volk will, denn nur allein mit einem Volk, das seine Nerven behält, kann man wahrhaft große Politik machen".

Was damit gemeint war, zeigte sich im faschistischen Italien, wo es seit 1925 mit "Opera Nazionale Dopolavoro" eine ähnliche Organisation gab, die KdF als Vorbild gedient hatte. Die körperliche und moralische Ertüchtigung der Massen, ließ man hier ganz unverklausuliert verlauten, solle auch dazu dienen, die Menschen "für die eventuellen Anforderungen einer kriegerischen Zukunft tauglich zu machen".

KdF stieg bald zu einem der mächtigsten Reiseveranstalter in Deutschland auf. Die Organisation, die zur Deutschen Arbeitsfront gehörte und die dank hoher Beitragseinnahmen und der konfiszierten Gewerkschaftsgelder finanziell gut bestückt war, trommelte in den Betrieben für ihr Reiseprogramm, setzte Sonderurlaube durch und zahlte Zuschüsse aus einer KdF-Ausgleichskasse. Auch manche Betriebe, wie die Thyssen AG in Königsberg, gingen dazu über, sich finanziell an den KdF-Unternehmungen ihrer Mitarbeiter zu beteiligen.

Urlaubstage galten jetzt nicht mehr als etwas, das den Beschäftigten für geleistete Arbeit zustand, sondern als eine Wohltat der nationalsozialistischen Betriebsführer, die anzunehmen im Interesse des "Volksganzen" geradezu Pflicht war.

Bei vielen Deutschen kam das gut an. Vertreter von Gestapo und SD, die sich unter die Reisenden mischten, um die Stimmung zu erkunden und zu melden, wer bei der Nationalhymne nicht mitsang oder beim Fahnenappell sitzen blieb, berichteten von einer "zufriedenen und dankbaren Stimmung über das Gebotene".

Als besonderer Knüller erwiesen sich die Kreuzfahrten. Nach Norwegen etwa für 60 Reichsmark oder - begehrter noch - nach Madeira, dem bevorzugten Winterdomizil der englischen Upperclass, für 120 RM. KdF-Paradestücke waren auch die zwei eigenen Passagierschiffe, "Wilhelm Gustloff" und "Robert Ley".

Zwar nahmen Arbeiter immer noch sehr viel seltener an den Urlaubsfahrten teil als Angehörige des Mittelstands, und insgesamt wurde auch nur jede zehnte Reise von KdF organisiert. Dennoch war die propagandistische Wirkung, vor allem in den ersten Jahren nach der "Machtergreifung", enorm.

KdF, meldeten Sozialdemokraten ihrer Parteiführung ins Prager Exil, sei eine "geschickte Spekulation auf die kleinbürgerlichen Neigungen der unpolitischen Arbeiter" und insgesamt eine "gute Propaganda für das System". Bitter vermerkt ein Bericht an die Sopade, wie sich die Exilanten nannten: "Manche sagen: Ja, so etwas hat uns der Staat früher nicht geboten, da sind wir aus unserem Nest nicht herausgekommen." Vor allem die Frauen würden oft noch monatelang von ihren Reisen erzählen und damit ihre Umgebung begeistern.

In den Ferienregionen allerdings war man oft weniger angetan von den in Massen anreisenden Billigtouristen. Zahlungskräftige Kunden sahen sich nach KdF-fernen Reisezielen um, Hotels fürchteten um ihren Ruf, private Reiseveranstalter beklagten, sie könnten durch KdF in den Ruin getrieben werden, und einige Gemeinden gingen sogar dazu über, die Aufnahme der Pauschalreisenden zu verweigern. Mancherorts wurde KdF-Gästen schon beim Frühstück gezeigt, dass man sie für Kunden zweiter Klasse hielt. So hatte ein bayerischer Gasthof zweierlei Kaffee im Angebot: den "Guten" und "KdF".

Die Nationalsozialisten waren in der Klemme. Einerseits war es ihr vornehmliches Ziel, den Deutschen zu vermitteln, dass die "Volksgemeinschaft" mit bürgerlichen Privilegien aufräume, andererseits sollten die Reisebranche und deren begüterte Klientel nicht verärgert werden. Also trat KdF mit seinem Reiseprogramm Schritt für Schritt den Rückzug aus den traditionellen Urlaubsgebieten in weniger bekannte Regionen an.

Auch der Bau des Massenbads Prora war ein Versuch, die kleinen Leute von den feinen Seebädern fernzuhalten. Der deutsche Arbeiter, versuchte DAF-Chef Ley die Hintergründe zu verbrämen, fühle sich in den vorhandenen Bädern nicht vollständig wohl, weshalb der "Führer" für sie eigene Anlagen wolle. Weitere Großprojekte, etwa an der Kurischen Nehrung in Ostpreußen, waren geplant, wurden aber nie gebaut. Auch in Prora sollten nie Touristen eintreffen. Bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges stellten die Nazis den Bau ihres Vorzeigebades ein. Die Arbeiter wurden von dem Rohbau auf Rügen zur Raketenversuchsanstalt nach Peenemünde und zum "Westwall" abgezogen. KdF widmete sich fortan der Truppenbetreuung, organisierte Bunkerabende und Theateraufführungen an der Front. Die beiden Passagierschiffe "Wilhelm Gustloff" und "Robert Ley" gingen als Lazarettschiffe auf große Fahrt, in Prora wurden sowjetische Kriegsgefangene und osteuropäische Zwangsarbeiter interniert.

Im Krieg, ließ die NS-Propaganda nun die Deutschen wissen, erfahre KdF "ihre schönste Krönung".

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1.
henry mattheß 13.08.2008
Eine Null zuviel ? Handelt es sich bei dem angegebenen Durchschnittsverdienst von 2300RM für das Jahr 1928 um einen Druckfehler ? Eine 7-Tage-Reise für 120RM wäre da ein regelrechtes Schnäppchen. Im Vergleich mit anderen Publikationen müsste es wohl vielmehr 230RM heißen.
2.
Henry Basko 08.08.2012
Der Durchschnittsverdienst von 2300RM ist korrekt. Es ist der Jahresverdienst - nicht der Monatsverdient. Letzterer lag für Arbeiter meist deutlich unter 200RM.
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