Jugendkultur in der DDR Tanzen, wie's der SED gefiel

Besser als Elvis: 1959 wollte die DDR die Welt retten - mit einem neuen Tanz. Der Lipsi sollte eine coole Alternative zum westlichen Rock'n'Roll sein. Mit viel Propaganda wurden die Schritte unters Volk gebracht, doch lange hielt sich die Mode nicht.

DEUTSCHE FOTOTHEK/Erich Höhne & Erich Pohl

Was ging nur in den Köpfen der Jugend vor? Ende der fünfziger Jahre verrenkten Jungs und Mädchen sich zu den Rhythmen von Twist, Boogie-Woogie, Rock'n'Roll und anderer West-Musik.

Im Januar 1959 veranstaltete die DDR-Führung eine Tanzmusikkonferenz in Lauchhammer. Das "Neue Deutschland" schrieb aus diesem Anlass auch darüber, wie und wo in der Stadt getanzt wird. Es muss frustrierend gewesen sein. "Das Ergebnis ist aufschlussreich", kommentierte das Zentralorgan der SED zurückhaltend und schrieb: "Wenn im Kulturhaus einige Jugendliche beginnen, den Tanzsaal mit einer Turnhalle zu verwechseln, werden sie vom Klubdienst aufgefordert, anständig zu tanzen. Dabei erziehen sich die Tanzpaare gegenseitig. Wer nicht hören kann, wird kurzerhand aus dem Saal gewiesen. Auf der anderen Straßenseite ist das aber nicht so. Die HO-Gaststätte 'Glückauf' ist als 'Ami-Oase' bekannt."

Dem galt es etwas entgegenzusetzen. Ende 1958 entstand in Leipzig ein neuer Tanz, der der westlichen Dekadenz den Garaus machen sollte. Es war der Lipsi, für den René Dubianski zwei Walzertakte zu einem Sechsvierteltakt verschmolz und das Tanzlehrerehepaar Christa und Helmut Seifert dazu passende Schrittfolgen entwickelte. Der Name des Tanzes ist vom lateinischen Namen für Leipzig abgeleitet. Natürlich durfte man zeitgemäß zusammen und auseinander tanzen - aber eben "anständig".

"Neues Deutschland" schwärmte: "Das Bewegungsbild ist voller Harmonie und mit seinem Lösen und Wiederfinden der Partner, mit seinen Solodrehungen ganz und gar modern. Unsere Jugend will sich nicht in ständiger geschlossener Tanzhaltung bewegen, sie wünscht sich Bewegungen, wie sie der Lipsi bringt, freilich weit entfernt von jenen geschmack- und hemmungslosen Verrenkungen überseeischer Tanzimporte, die ebenso wie die ohrenbeleidigenden Jazzverfälschungen aller Art die Gehirne einer zu 'Rettern des Abendlandes' vorgesehenen Jugend der westlichen Länder vernebeln."

Tanzstunde für die FDJ-Kreisleitung

Was "unsere Jugend will", wussten wir Teenager besser. Wir ließen uns gerne die Ohren beleidigen und die Gehirne vernebeln, doch diese Leidenschaft war bei mir außerdienstlich. Ich war damals für ein paar Monate in der FDJ-Kreisleitung Erfurt-Land tätig und erlebte die ernste Seite der heiteren Muse hautnah mit. Im Sitzungssaal wurden Tische und Stühle beiseitegeschoben, wir stellten uns paarweise auf, der 1. Sekretär mit der Sekretärin, der 2. Sekretär mit der Buchhalterin, der 3. Sekretär mit der Hauptkassiererin und ich… mit dem Kraftfahrer. Denn mehr Frauen gab es nicht.

Vom Plattenteller sang Helga Brauer: "Heute tanzen alle jungen Leute im Lipsi-Schritt, nur noch im Lipsi-Schritt." Dazu hüpften wir los, als gelte es das Sackhüpfen zu kultivieren. Werner, unser Chef und Tanzlehrer hatte sich sein Talent in ähnlichen Veranstaltungen in der FDJ-Bezirksleitung geholt. Theoretisch hatten wir uns durch das Studium des "Neuen Deutschland" auf die Tanzstunde vorbereitet, denn dort waren die Lipsi-Schritte erläutert und zeichnerisch dargestellt.

Von "oben" war vorgegeben, dass bis Mai, dem nächsten FDJ-Parlament in Rostock, alle Funktionäre den Lipsi beherrschen mussten, um damit die Massen zu begeistern. Wer würde dann noch an Boogie-Woogie und andere entarteten Rhythmen denken, die in ihren Auswüchsen als abschreckende Beispiele im DDR-Fernsehen gezeigt wurden. Doch um andere zu entflammen, hätte man selber brennen müssen - aber da war nicht einmal ein Glimmen.

Über das Westfernsehen, gegen das die FDJ wie Don Quichotte gegen Windmühlen ankämpfte, war auch in der DDR nicht unbemerkt geblieben, dass Elvis in der Bundesrepublik gerade unter großer Begeisterung von Millionen Fans seinen Militärdienst ableistete. Zudem sorgte Bill Haley mit seinen "Kometen" dafür, dass einige deutsche Veranstaltungsorte neu möbliert werden mussten.

"Rock Around The Clock" - auf der Mundharmonika

Privat konnte man als leidenschaftlicher Tänzer nur neidisch werden. In dem Mundharmonika-Trio, dem ich damals angehörte, war "Rock Around The Clock" der absolute Renner bei jedem Auftritt. Zwar wurden dabei keine Säle demoliert, doch die Stimmung war nahe am Überkochen. Mit Schmusetiteln wie "Cindy, oh Cindy" kühlten wir anschließend etwas herunter.

Das Jahr 1959 war in vielerlei Hinsicht als verheißungsvoller Aufbruch in eine neue Epoche der DDR gedacht. Der gerade beginnende Siebenjahrplan sollte durch eine zentralistische gesteuerte Planwirtschaft die soziale Marktwirtschaft in der Bundesrepublik überholen, ohne sie einzuholen, also auf völlig neuen Bahnen vorbeiziehen. Da passte es, dass Mitte Januar auf einer Tanzmusikkonferenz in Lauchhammer der "Lipsi Nr. 1" als "Paradebeispiel der sozialistischen Nationalkultur" präsentiert wurde. Stolz wurde verkündet, dass es Walter Ulbricht war, von dem der Anstoß für einen zeit- und jugendgemäßen Tanz gekommen sei, der den Westtänzen den Rang ablaufen werde.

Die "Junge Welt" setzte - zum Überdruss der meisten ihrer Leser - die ideologischen Leitplanken, indem sie etwa über Elvis Presley schrieb: "Sein 'Gesang' glich seinem Gesicht: dümmlich, stumpfsinnig und brutal. Der Bursche war völlig unmusikalisch (...) und röhrte wie ein angeschossener Hirsch, nur nicht so melodisch." Man musste annehmen, der Autor dieser Zeilen hatte ihn nie gehört.

Auf der 1. Bitterfelder Kultur-Konferenz am 24. April 1959 fasste Walter Ulbricht den Stand des Kampfes gegen die Westmusik zusammen: "Es genügt nicht, die kapitalistische Dekadenz in Worten zu verurteilen, gegen Schundliteratur und spießbürgerliche Gewohnheiten zu Felde zu ziehen, gegen die 'Hotmusik' und die ekstatischen 'Gesänge' eines Presley zu sprechen. Wir müssen etwas Besseres bieten." Und das war der Lipsi.

Heute weiß man, nach einem Jahr ging der Siebenjahrplan in die Hose, der Bitterfelder Weg grub sich als "bitterer Feldweg" in die Erinnerung und der Lipsi? War bereits so gut wie vergessen.

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insgesamt 20 Beiträge
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Steffi Schmidt, 16.12.2013
1.
http://www.youtube.com/watch?v=0Qbc9VUBy_8
Uwe Spacek, 16.12.2013
2.
Nein, vergessen war Lipsi nicht. Unsere Familie lebte mehrjährig im Ausland, da mein Vater Auslandskorrespondent für den DDR-Rundfunk war. In Bagdad und später in Daressalam hießen unsere Hunde Lipsi, Lipsi2 und Lipsi3
Siegfried Wittenburg, 16.12.2013
3.
Ich frage mich, warum die Erfinder des Lipsi diesen nicht selbst getanzt haben?
Andre Hercher, 16.12.2013
4.
Schon wieder Lipsi? War doch erst vor ein paar Monaten hier erwähnt. Und wieder komplett ohne erklärenden historischen Kontext. Wieder nur Elvis Presley als Gegenmodell. Dabei scheint es damals ein florierende Tanzschulszene gegeben zu haben. Und jede Tanzschule hatte den Ehrgeiz, einen eigenen Tanz zu kreieren. Sowas z.B.: http://www.youtube.com/watch?v=UnUpitgnkxk Man beachte:1965! Also sogar noch nach dem Auftauchen der Beatles und der Rolling Stones. "Die Jugend" hatte also auch damals durchaus unterschiedliche musikalische Vorlieben.
Paul Schmitt, 16.12.2013
5.
Nun, Herr Wittenburg, Fragen bringen einen ja gelegentlich weiter. Vorausgesetzt man hat die Antwort nicht schon gepachtet. Ich habe auch eine. Wen von den folgenden Politikern können Sie sich bei einem einigermaßen enthemmten, einigermaßen lustvollem, sagen wir, Rock'n'Roll auch nur vorstellen? A.Merkel? George W.Bush H.Seehofer H.Kohl S.Gabriel W.Putin (immerhin sportlich) H.-P.Friedrich G.Westerwelle G.Gysi S.Wagenknecht uswusf. Alle miteinander steif wie die Besenstiele. Könnte darin eine gewisse Tragik liegen? Könnte ein Zusammenhang bestehen zwischen dieser offensichtlich fehlenden körperlichen Lockerheit und der von ihnen zu verantwortenden Politik? Es mag und soll ein jeder unbedingt herumtanzen wie er mag. Aber es soll doch mal darauf hingewiesen sein, wohin wir mit dem "Rock'n'Roll" heute so gekommen sind. So toll ist es nicht. Aber wer weiß, wohin wir mit diesem Lipsi getanzt wären? Die Frage hat natürlich auch ihre Berechtigung. Übrigens Herr Wittenburg, vielleicht mögen Sie ja mal das Interview mit Eva Mozes Kor in der Berliner Zeitung lesen.
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