Der Mauerbau erlebt in Berlin als DDR-Oberschüler Niemand hat die Absicht ...

Der Mauerbau erlebt in Berlin als DDR-Oberschüler: Niemand hat die Absicht ... Fotos
Rainer Schinzel

In den Sommerferien 1961 beschließen der 15-jährige Rainer Schinzel und ein Freund, mit ihrem als Erntehelfer bei einer LPG verdienten Geld nach Berlin zu reisen. Dass sie dabei Weltgeschichte erleben würden, konnten sie sich nicht vorstellen, als sie unter dem Verdacht der Republikflucht von der Polizei festgehalten wurden. Von

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Im Sommer 1961 war ich 15 Jahre alt und besuchte eine Erweiterte Oberschule in Thüringen. Die "großen" Ferien hatte ich mit einem Klassenkameraden auf Rügen verbracht. Wir hatten uns als Erntehelfer bei einer LPG "beworben", weil wir darin eine Möglichkeit gesehen hatten, an die Ostsee zu gelangen und dem organisierten Ferienlager zu entkommen.

Unser Plan ging auf. In der Nähe von Glowe zogen wir vormittags Rüben, auf Feldern, die größer zu sein schienen als die ganze Insel. Nachmittags schauten wir uns jeweils die Teile der Insel an, wo keine Rüben angebaut wurden oder gingen baden. Für Unterkunft und Verpflegung sorgte die LPG.

Als unser Ernteeinsatz endete, war unsere Ferienkasse nicht nur nicht geschrumpft, sondern sogar noch etwas gewachsen, denn unsere Arbeit auf den Rübenfeldern war den LPG-Bauern nicht nur lieb, sondern auch teuer. Wir bekamen ein "Sümmchen" ausbezahlt. Plötzlicher Reichtum macht leichtsinnig und wir beschlossen, uns ein Flugticket zu kaufen, um nach Berlin zu fliegen.

Flug in die Hauptstadt

Fliegen war das Größte, keiner von uns hatte bisher diese Erfahrung gemacht. Wir fuhren also nach Barth, da gab es einen kleinen Flugplatz und kauften uns Tickets in die Hauptstadt. Das ging problemlos. Wir wurden an Bord mit Bonbons (für den Druckausgleich in den Ohren) und Kotztüten (für den Druckausgleich im Magen) versorgt.

Der Flug nach Berlin-Schönefeld dauerte nicht lange. Das Betrachten der Propeller vertrieb uns die Flugzeit. Wir hatten inzwischen den (verbotenen) Plan gefaßt, auch mal den Berliner Teil des Klassenfeindes zu besuchen. Als FDJ-Mitgliedern war uns das zwar untersagt, aber der FDJ-Sekretär war weit weg. Dachten wir und dachten stattdessen an Kurfürstendammm, Kaugummi und Kauboy!-Filme.

Pustekuchen.

Bei der Ankunft in Schönefeld mussten wir durch die Ausweiskontrolle, alle Papiere, die wir hatten, waren in Ordnung, wir erregten trotzdem den Verdacht der "Organe". Zwei 15-Jährige aus Thüringen ohne Eltern, auf eigene Faust unterwegs, das kam da wohl nicht so häufig vor. Statt Großstadtatmosphäre schnupperten wir also in den nächsten Stunden Polizeibüromief, Qualm aus Casino, Turf und Karo.... Unser Fall musste untersucht werden. Es wurde nach Thüringen telefoniert, wir wurden - später sogar getrennt- befragt, blieben aber bei unseren Darstellungen: "Nöö, wir wollten doch nicht in das Agenten-Nest West-Berlin, in diesen Pfahl im Fleische der DDR." Mior sinn doch inner EFFdeJOTT!"

Nur nicht erwischen lassen

Irgenwann ließ man uns laufen, mit dem Ratschlag, uns ja nicht erwischen zu lassen, falls wir doch nach West-Berlin.... Nee, da hatten wir nun doch zu viel "Schiß" bekommen. Wir schauten uns also nur Ostberlin an, die "Hauptstadt". An manchen Stellen sah es aus, als wäre gerade der Krieg zu Ende gegangen - so meine Erinnerung.

Irgendwie übernachteten wir. Am nächsten Tag, am Sonntag den 13. August 1961, wollten wir zumindest mal von ferne einen Blick ins "Feindesland" werfen. Wir gingen in die Nähe des Brandenburger Tores, irgendwas war da los. Die Leute um uns herum waren auch ziemlich aufgeregt, wir gingen vorsichtshalber mal nicht näher heran. Die "Staatsgrenze" wurde geschlossen, der "antifaschistische Schutzwall" errichtet.

Wir fuhren also wieder nach Hause, nach Thüringen. Daß wir Weltgeschichte miterlebt hatten, war uns noch gar nicht richtig klar geworden. Am 1. September begann die Schule. Gleich nach dem Fahnenappell wurden wir zum Direktor bestellt. "Was höre ich da von den Genossen aus Berlin?" brüllte uns dieser dicke, kleine Choleriker an. "Euch haben se beim Versuch erwischt, nach Westberlin zu gehen?" - Mit Mühe gelang uns eine Richtigstellung.

Na ja, Hauptsache, der Weltfrieden war gerettet. Für diesmal. Zwei Jahre später - 1963 - flüchtete ich in die Bundesrepublik. Nach Bayern, vor dem sich die DDR mit Sperrzonen, Stacheldraht und Minenfeldern schützte.

Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

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