Offizier Wilm Hosenfeld Der Nazi, der Juden und Polen rettete

Als glühender Hitler-Bewunderer zog Wilm Hosenfeld in den Krieg, wandelte sich aber bald zum Zweifler. 1944 rettete er dem jüdischen Pianisten Wladyslaw Szpilman das Leben, verfilmt in "Der Pianist". Eine Biografie verrät neue Details aus seinem Leben.

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Müde war er. Hungrig, ausgezehrt. Seit Monaten vegetierte Wladyslaw Szpilman in den Ruinen des zerstörten Warschau. Am 17. November 1944 hatte Szpilman Glück, er fand in einer alten Villa Konservendosen. Außer sich vor Freude bemerkte er die hochgewachsene Gestalt nicht, die in den Raum getreten war. "Was suchen Sie hier?", fragte ihn der Mann in deutscher Uniform. Szpilman war nach Monaten des Versteckspiels erschöpft. "Machen Sie mit mir, was Sie wollen", antwortete er kraftlos.

Der Offizier erfuhr, dass der zerlumpte Szpilman von Beruf Pianist war. Und zeigte auf ein Klavier im Nebenraum: "Spielen Sie etwas!" Szpilman spielte das Lied, das er fünf Jahre zuvor im polnischen Rundfunkstudio gespielt hatte, als die ersten deutschen Bomben in Warschau einschlugen: die Nocturne cis-Moll von Frédéric Chopin.

Die Melodie verklang, die beiden Männer starrten einander an. Bis der Deutsche die Stille brach: "Sind Sie Jude?" - "Ja", sagte Szpilman. Zu seiner Überraschung versteckte ihn der Offizier auf dem Dachboden. Der Pianist konnte nicht glauben, dass ein Angehöriger des Volkes, das halb Europa in Trümmer gelegt und seine Familie ermordet hatte, Mitgefühl zeigte. "Sind Sie Deutscher?", fragte Szpilman. "Ja! Ich bin Deutscher!", schrie der Mann in der Uniform. "Und nach all dem, was geschehen ist, schäme ich mich dafür."

In den nächsten Wochen brachte der Offizier dem Pianisten immer wieder Lebensmittel ins Versteck, bis die Wehrmacht Warschau räumte. Den Namen seines Retters sollte Szpilman erst Jahre später erfahren.

Der Nationalsozialist: "Hitler ist ein großes Genie"

Er berichtete 1946 im Buch "Tod einer Stadt" über seinen Überlebenskampf, fast 60 Jahre später brachte Regisseur Roman Polanski diese Erlebnisse mit "Der Pianist" ins Kino. Weltweit waren Zuschauer vom Vorbild des namenlosen Deutschen gerührt, der seine Menschlichkeit in unmenschlichen Zeiten bewahrt hatte. Wilm Hosenfeld hieß der Offizier; seine Rolle blieb im Film nur Episode. Eine neu erschienene Biografie des Journalisten Hermann Vinke erzählt nun, wie sich Hosenfeld vom Nationalsozialisten zum Retter von NS-Opfern wandelte.

"Hitler ist ein großes Genie", schrieb Hosenfeld, 1895 in der Nähe von Fulda geboren, an seine Frau. Es war 1940, gerade hatten die deutschen Armeen Frankreich besiegt, was Hosenfeld als Revanche für Deutschlands Niederlage im Ersten Weltkrieg empfand. Schon seit 1935 war er NSDAP-Mitglied. Seine Frau Annemarie, mit der er fünf Kinder hatte, war indes Pazifistin.

Bald sollte auch Hosenfelds Begeisterung für Krieg und Nationalsozialismus schwinden. "Als Schande muss jeder Mensch es heute empfinden, dass er auch nur im Geringsten dieses System bejahte", zitiert sein Biograf aus einem Tagebucheintrag 1943. Seit Kriegsbeginn war Hosenfeld in Polen stationiert. Trotz aller Gegenwehr hatte die Wehrmacht die polnische Armee 1939 überrollt.

Nach der Eroberung errichteten die Deutschen ein Terrorregime, sperrten polnische Intellektuelle, etwa Professoren oder Priester, in Konzentrationslager oder erschossen sie. Die polnischen Juden wurden in Gettos gepfercht, bis der Holocaust begann, in der zynischen Sprache der Nazis die "Endlösung der Judenfrage".

Der Grübler: "Woher ist dieser teuflische Plan?"

Der gläubige Katholik Hosenfeld wurde Zeuge der deutschen Verbrechen. Zunächst war es seine Aufgabe, bei Pabianice nahe Lodz ein Kriegsgefangenenlager aufzubauen. Polen wurden dort eingesperrt, Juden zu schwersten Arbeiten herangezogen. Hosenfeld versuchte zu helfen: Zwei polnische Frauen ließ er vorschriftswidrig ins Lager, damit sie ihre Männer suchen konnten; einen Mann ließ er frei, damit er seiner Frau auf dem Hof helfen konnte.

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Hosenfeld war der menschenverachtende Rassismus vieler seiner Landsleute fremd. "Ich nehme manchmal die Polenkinder auf den Arm und denke an meine kleinen Mädchen", schrieb er seiner Tochter Uta nach Hause.

Während Hosenfeld sich um ein gutes Verhältnis zu den Polen bemühte und ihre Sprache lernte, hörte er von Erschießungen und Deportationen. "Man will diese Menschen krank, elend, hilflos machen", notierte er in seinem Tagebuch, "woher ist dieser teuflische Plan?" Bald wurde Hosenfeld vom Zweifler zum Helfer. "Sein moralischer und ethischer Kompass blieb während des Krieges intakt", urteilt Buchautor Hermann Vinke über den Ausnahmeoffizier.

1941 sollte Hosenfeld für die Wehrmacht eine Sportschule in Warschau einrichten, instandgehalten von Polen. Als Leiter nutzte er seine neue Position, um Verfolgte vor der Gestapo zu schützen. So beschäftigte er den polnischen Pfarrer Antoni Cieciora, der im Widerstand aktiv war, unter falschem Namen. "Als guten, sorgenden Vater" bezeichneten ihn seine polnischen Arbeiter auf einer Urkunde, die sie Hosenfeld 1944 schenkten, zusammen mit einer Marienfigur aus dem Wallfahrtsort Tschenstochau.

Der Hilferuf: "Ich flehe Sie an"

"Glück und Segen" sollte sie bringen. Doch die Marienfigur würde versagen. Als sich im Sommer 1944 die Männer der polnischen Heimatarmee in Warschau gegen die deutschen Besatzer erhoben, musste Hosenfeld Gefangene verhören. Bisweilen wurden ihm Widerstandskämpfer mit blutenden Wunden vorgeführt. "Ich habe durchgesetzt, dass sie behandelt wurden", schrieb er. Energisch plädierte Hosenfeld dafür, die gefangenen Polen gemäß der Genfer Konvention zu behandeln und nicht, wie es Heinrich Himmler befohlen hatte, als "Banditen und Rebellen" erschießen zu lassen.

Hosenfeld bemühte sich offenbar, die jungen Widerstandskämpfer in seinen Verhören zu entlasten. Er bewunderte ihren Mut. Wie genau er half, ist unbekannt. In den rund 800 Briefen an seine Frau Annemarie ließ Hosenfeld die Hilfsaktionen aus Sicherheitsgründen unerwähnt.

Schließlich rettete Hosenfeld auch den Pianisten Szpilman, indem er ihn in den letzten Kriegstagen in der Villa versteckte und mit Nahrung versorgte. Am 12. Dezember 1944 sahen die beiden sich zum letzten Mal - die Deutschen zogen sich zurück. Einige Wochen später geriet Hosenfeld in sowjetische Gefangenschaft. Er, der sich für eine menschliche Behandlung der Gefangenen eingesetzt hatte, wurde brutal verhört.

Ende Januar 1945 ging der polnische Geiger Zygmunt Lednicki zufällig am Lagerzaun des Warschauer Auffanglagers vorbei. Ein deutscher Offizier fragte ihn durch den Stacheldrahtzaun, ob er den Pianisten Szpilman kenne. Es war Wilm Hosenfeld. Lednicki bejahte. "Er soll mich retten", schildert Hermann Vinke den Versuch von Hosenfeld, der Gefangenschaft zu entkommen, "ich flehe Sie an." Der Musiker überbrachte die Nachricht. Doch da Szpilman der Name seines Retters noch immer unbekannt war, konnte er nicht helfen.

Die späte Ehrung: "Gerechter unter den Völkern"

Hosenfeld befand sich mittlerweile in der Sowjetunion, verurteilt zu 25 Jahren Lagerhaft. 1952 war Hosenfeld am Ende seiner Kräfte. Er starb am 13. August im Alter von 57 Jahren.

Fünf Jahre später fuhr in seinem Heimatort Thalau ein eleganter französischer Wagen vor - Wladyslaw Szpilman stieg aus. 1950 hatte er Hosenfelds Namen erfahren und zu helfen versucht. Vergeblich. Szpilman erzählte der Witwe Annemarie Hosenfeld, wie er am 17. November 1944 Chopins Nocturne cis-Moll gespielt hatte, wie ihr Mann ihm das Leben gerettet hatte. Nun erfuhr der Pianist, dass Hosenfeld tot war.

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Es sollte Jahrzehnte dauern, bis die Taten Hosenfelds weltbekannt wurden. Die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem zögerte lange, ihn zu ehren, weil er von den Sowjets als Kriegsverbrecher verurteilt worden war. Erst sechs Jahre nach der Filmpremiere von "Der Pianist" wurde Hosenfeld zum "Gerechten unter den Völkern" erklärt.

Die größte Ehrung hatte ihm längst Szpilman ausgesprochen. Wie er schrieb, war Hosenfeld für ihn "der einzige Mensch in deutscher Uniform, dem ich begegnet bin". Das Wort "Mensch": unterstrichen.

insgesamt 24 Beiträge
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Seite 1
Egon Speziale, 23.11.2015
1.
Schön! Zeigt es doch, dass man auch in äußerst schwierigen Zeiten seine Menschlichkeit bewahren kann (und "ich habe nur Befehle befolgt" keine valide Erklärung ist).
T a Rashid, 23.11.2015
2. Habe nur den Film gesehen
aber der hat mich tief bewegt. Hosenfeld sollten auch wir ehren, mit einem Platz oder einer Strasse...ja was besseres faellt mir nicht ein.
Robert Mitchum, 23.11.2015
3. Was nur zeigt:
Egal welches System, es kommt auf den Charakter eines jeden einzelnen an. Sich hinter der Masse und deren "Regeln" zu verstecken ist (a) einfach und (b) feige. Charakterlose "Radfahrer" (nach oben buckeln und nach unten treten) gibts leider genug. In jeder Gesellschaft.
Stephan Heinig, 23.11.2015
4. Schöner Film, schöner Artikel.
Danke.
beateice giarrusso, 23.11.2015
5. ja
dee Charakter machts. schön davon zu lesen. auvh ich kannte nur den Film
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