Der Putsch am 20. Juli 1932 Wie der Mythos Preußen zerschlagen wurde

Der Putsch am 20. Juli 1932: Wie der Mythos Preußen zerschlagen wurde Fotos
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Per Putsch fegten die Konservativen am 20. Juli 1932 die sozialdemokratische Regierung Preußens aus dem Amt - ohne große Gegenwehr. Sie wurden so zu Wegbereitern der Nazis. Ein Lehrstück über die Skrupellosigkeit der Konservativen jener Jahre und die Hilflosigkeit der SPD.

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"Ich weiche nur der Gewalt". Diesen Satz schleuderte am 20. Juli 1932 gegen 10.15 Uhr der damalige Innenminister des Freistaats Preußen, Carl Severing, dem erst unlängst neu gekürten Kanzler des Deutschen Reichs, Franz von Papen, in dessen Amtszimmer so erregt wie pathetisch entgegen. Denn gerade hatte der preußische Innenminister vom Regierungschef des Reiches erfahren, dass man ihm und seinem nicht anwesenden Parteifreund, dem Preußischen Ministerpräsidenten Otto Braun, die Ämter entzogen hatte.

Das war der Staatsstreich, den einige treue Demokraten schon seit Wochen befürchtet hatten. Carl Severing, einer der führenden Sozialdemokraten jener Jahre in Deutschland, warf sich noch einmal in eine bühnenreife Pose und bekräftigte ein zweites Mal, dass ihn allein "brachiale Gewalt" von seinem Posten fortbringen könne.

Doch mehr als Theaterdonner bedeutete das nicht. Sechs Stunden später einigte er sich ganz friedlich mit seinem frisch ernannten Nachfolger auf ein Manöver, das ihm den Abgang erleichtern sollte. So erschien weitere vier Stunden später, um 20 Uhr an diesem geschichtsträchtigen Tag, verabredungsgemäß der Berliner Polizeipräsident mit einem Polizeihauptmann im Büro Severings. Und der wich, ohne dass irgendjemand auch nur an seinem Ärmel zupfen musste, dem einen uniformierten Manne und ging so friedlich wie unversehrt nach Hause.

Joseph Goebbels, der Chefpropagandist der Nationalsozialisten, konnte es kaum fassen. Hämisch notierte er am Abend des 20. Julis in sein Tagebuch: "Man muss den Roten nur die Zähne zeigen, dann kuschen sie. SPD und Gewerkschaften rühren nicht einen Finger."

Eben so war es, fatalerweise. Spätestens am 20. Juli 1932, vor exakt 75 Jahren, war das Schicksal der ersten deutschen Republik besiegelt. Ein Tag als Lehrstück: für die antidemokratische Skrupellosigkeit der Konservativen jener Jahre, für die Hilflosigkeit und Ermattung der stets nur rhetorisch kraftvoll auftretenden Sozialdemokratie, für die Erosion und den Zerfall der republiktreuen Mitte - schon Monate vor der Etablierung des NS-Regimes.

Mythos Preußen

Der Kampf um die Macht in Preußen besaß weichenstellende Bedeutung. Schließlich lebten in Preußen knapp drei Fünftel aller Deutschen, insgesamt waren es vierzig Millionen, was der Einwohnerzahl Frankreichs entsprach. Und Preußen war ein Mythos, die Hegemonialmacht im Prozess der kleindeutschen Nationsbildung, der Boden Bismarcks und Wilhelms I. wie II. Doch ausgerechnet in diesem bis 1918 durch und durch adelig-feudal geprägten Preußen herrschten nun die Sozialdemokraten in einer nachgerade historischen Allianz mit dem politischen Katholizismus; dazu kam noch die kleine demokratische Partei.

Ein neuer Mythos entstand auf diese Weise: Preußen als das "demokratische Bollwerk" in der ansonsten chronisch krisengeschüttelten Weimarer Republik, Hort der Stabilität, schließlich Bastion einer energischen Republikanisierung des dort traditionell mächtigen Verwaltungsapparats.

Und zu einer Legende bauten die Sozialdemokraten während der zwanziger Jahre ihren Ministerpräsidenten auf: Otto Braun, von seinen Anhängern als "roter Zar" firmiert, auch als "eiserner Otto", jedenfalls weithin als ungewöhnlich tatkräftiger, entschlussfreudiger, zielstrebig operierender Politiker bekannt. Den Sozialdemokraten sagte man allgemein einen spezifischen Hang zu Regierungsschwäche nach; allein der Königsberger Otto Braun, ein gelernter Drucker, stand im Ruf, die Macht nicht zu scheuen, sondern sich ihrer selbstbewusst zu bedienen. Dabei sekundierte ihm sein fleißiger Innenminister Severing, ein früherer Metallarbeiter aus Bielefeld. Deshalb sprachen Freund und Feind in dieser Zeit zwischen Ebert und Hitler vom "System Braun-Severing".

Indes: Am 24. April 1932 war es mit dieser republikanischen Herrlichkeit in Preußen vorbei. An diesem Tag hatten die Landtagswahlen stattgefunden; und sie endeten für das bisherige republikanische Regierungsbündnis mit einem Desaster. Von 420 Abgeordneten gehörten fortan nur noch 163 ihren Reihen an. Die Sozialdemokraten hatten knapp acht Prozentpunkte verloren, der Liberalismus war um zehn Prozentpunkte geschrumpft; allein die katholische Zentrumspartei konnte sich bemerkenswert gut behaupten. Zu den großen Verlierern zählten insbesondere die Deutschnationalen, die über zehn Prozentpunkte einbüßten. Die Abtrünnigen aller Lager wurden furios von den Nationalsozialisten gesammelt, die sich zwischen 1928 und 1932 von kläglichen 1,8 Prozent der Wähler auf erschreckende 36,3 Prozent steigerten.

Allerdings: Für eine regierungsfähige Mehrheit der Braunhemden reichte das nicht. Denn ganz links hatten auch die Kommunisten hinzugewonnen, was alles zusammen zwar die republikanische Mitte fürchterlich dezimieren ließ, aber sich zu einer konstruktiven, neuen Majorität eben nicht bündelte. Und so blieb die alte preußische Regierung nolens volens geschäftsführend im Amt - ein im Deutschland des Jahres 1932 keineswegs ungewöhnlicher Zustand, da auch die Länder Sachsen, Bayern, Hessen, Württemberg, Hamburg und Oldenburg durch geschäftsführende Exekutiven ohne Mehrheitsrückhalt in den Parlamenten über die Runden gebracht wurden. Nichts manifestierte deutlicher, in welch deprimierender Sackgasse sich Demokratie und Parlamentarismus zu Beginn der dreißiger Jahre zwischen Hamburg und Berlin befanden.

Der "rote Zar" wollte nicht mehr

Doch Otto Braun wollte nicht mehr. Und er konnte auch nicht mehr. Braun, 1,90 Meter groß und mit kräftigen Schultern ausgestattet, wirkte stets robuster, als er in Wirklichkeit war. Seit einer Haft in den Jahren des Kaiserreichs plagte ihn ein Rheumaleiden; überdies machten ihm Blutdruckprobleme unentwegt zu schaffen, zudem quälte er sich noch mit einer Herzmuskelschwäche. Im Übrigen neigte er, auch wenn seine sozialdemokratischen Anhänger dies nie mitbekamen, zu Depressionen. Und im Jahr 1932, insbesondere nach dem tiefen Absturz bei den April-Wahlen, hatten sich die schwarzen Schatten schwer auf seine Seele gelegt. Braun sah sein gesamtes politisches Lebenswerk zerstört, fühlte sich als rundum gescheiterter Mann.

Anfang Juni 1932 gab er sich selbst Urlaub; zog sich in seine Zehlendorfer Wohnung zurück, legte sich ins Bett, schluckte Unmengen an Tabletten, beruhigte sich mit Alkohol, hielt physisch und psychisch durch nur wegen der Aussicht, vielleicht demnächst mit seiner Frau in einem Häuschen in der Ascona leben zu können. Die sozialdemokratische Stellung in der geschäftsführenden preußischen Regierung hielt infolgedessen einzig der Minister des Innern, Carl Severing. Doch dessen politische Courage hatte sich immer mit der Autorität Brauns verknüpft. Ohne Braun traute sich Severing nicht viel. Im Übrigen war auch er nach all den Jahren republikanischer Politik in oft feindlicher gesellschaftlicher Umgebung müde und zermürbt, war ebenfalls durch jahrelange Krankheiten geschwächt.

Insofern hatte die reaktionäre Reichsregierung Franz von Papens leichtes Spiel, als sie - nur wenige Wochen erst im Amt - das demokratische "Bollwerk Preußen" binnen weniger Stunden im Hand- und Staatsstreich zerschlug. Severing kapitulierte vor dem einen, durchaus höflich auftretenden Polizeihauptmann; Otto Braun verharrte apathisch in seinem Zehlendorfer Domizil.

Dabei waren Papen und seine Männer aus dem Reichskabinett keine cäsaristischen Gestalten, auch keine bonapartistischen Putschisten. Die Regierung Papen - das "Kabinett der Barone", wie man schon zeitgenössisch zu spötteln pflegte - schien gewissermaßen dem höfischen Milieu des 19. Jahrhunderts entsprungen. Der Reichskanzler, Franz von Papen, entstammte dem westfälischen Landadel. Er galt in seinen Kreisen als angenehm manierlicher Plauderer, politisch aber ohne jegliche Substanz. Eben deshalb hatte sich der politische Großdrahtzieher jener Monate, der Reichswehrgeneral Kurt von Schleicher, ihn intrigenreich zum Kanzler gemacht, um ihn für seine Manöver zu instrumentalisieren.

Neben Papen war die überwiegende Mehrheit der Minister ebenfalls adeliger Herkunft; bei allen handelte es sich um Hardliner des Konservatismus und Deutschnationalismus. Ihre parlamentarische Basis im Reichstag beschränkte sich auf eine Handvoll Abgeordneter. Doch waren die Papen-Minister auch nach dem 30. Januar 1933 noch trefflich zu gebrauchen; und so amtierten die meisten unter Hitler eifrig und beflissen weiter - was ebenfalls illustriert, dass die Republik von Weimar im Grunde schon im Frühjahr 1932 ihr Leben aufgegeben hatte.

In Deutschland tobte der Bürgerkrieg

Die Kamarilla um Franz von Papen machte auch keinen Hehl daraus, dass sie eine verfassungspolitische Generalrevision anstrebte und die Konstruktion von Weimar durch einen "neuen Staat" ersetzen wollte. Die Kommunisten sollten aus der politischen Arena ganz verschwinden, die koalitionspolitische Bedeutung der Sozialdemokratie massiv geschwächt werden. Bedienen wollte man sich der "frischen Jugendlichkeit" der "nationalsozialistischen Bewegung", die man als Motor für die Etablierung eines rechtsautoritären Staatswesens nutzbar zu machen glaubte.

In der Tat ging von Papen mit forscher Skrupellosigkeit ans Werk. Kaum im Amt, hob er das zuvor geltende Verbot der SA auf. Das löste unmittelbar eine Welle der Gewalt aus, führte von Mitte Juni bis Mitte Juli 1932 zu unzähligen politisch motivierten Saalschlachten, Straßenkämpfen, Bombenanschlägen. Innerhalb eines Monats starben in diesem politischen Bürgerkrieg, der in Deutschland tobte, rund 100 Menschen; die Zahl der Verletzten lag bei über 1000. Seinen Höhepunkt fand die Gewaltorgie am 17. Juli 1932, als ein Provokationsmarsch der Nationalsozialisten durch die kommunistisch dominierte Altonaer Altstadt 18 Menschen das Leben kostete.

Von Papen hatte jetzt seinen Anlass, den er durch die Rücknahme des SA-Verbots selbst produziert hatte, um die preußische Regierung zu vertreiben. Es gelinge der Regierung Braun-Severing nicht, so der Reichskanzler, der dafür die Blankovollmacht des Reichspräsidenten von Hindenburg besaß, Sicherheit und Ordnung zu garantieren; daher übernehme er selbst in Preußen die kommissarische Leitung der Regierung. Über Berlin und Brandenburg wurde der militärische Ausnahmezustand verhängt, zentrale Grundrechte außer Kraft gesetzt.

Dann begann die große Säuberung im preußischen Verwaltungs- und Polizeiapparat. Republikanische Beamte und insbesondere demokratisch gesinnte Polizeipräsidenten verloren ihre Posten und wurden durch verlässlich "national eingestellte" Republikfeinde ersetzt, die noch unter Hitler bewiesen, wie probat sie in die rechte Einheitsfront hineinpassten und den Repressionsapparat zu bedienen wussten.

Die Ereignisse des 20. Juli 1932 haben den Konservatismus in Deutschland auf lange Dauer, im Grunde bis heute, diskreditiert. Doch ist der 20. Juli 1932 auch für die Geschichte der Sozialdemokratie ein denkbar trauriges Datum. Ein paar reaktionäre Barone brauchten lediglich einen halben Tag, um das politische Renommierwerk der Sozialdemokraten, eben das republikanische Preußen, zu zertrümmern, ohne dass die SPD diesem Treiben auch nur ansatzweise ernsthaft begegnete. Es war wie immer: Auf Kundgebungen der Partei wurden martialische Reden gehalten, empörte Proteste bekundet, scharf formulierte Resolutionen verabschiedet. Das war es dann aber auch schon.

Natürlich, Historiker haben akribisch aufgezählt, wo die Grenzen von Widerstandsaktionen nach dem "Preußenschlag" fraglos lagen: Ein Generalstreik war angesichts von sechs Millionen Arbeitslosen unrealistisch; die Arbeiterbewegung war in feindliche Parteilager gespalten; in einem Bürgerkrieg mit der Reichswehr wären die schlecht ausgerüsteten Schutztruppen des "Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold" blutig untergegangen. Die Loyalität der preußischen Polizei stand längst nicht mehr unzweifelhaft fest.

Ermattete Sozialdemokraten und das Ende von Weimar

Andererseits: Den Bürgerkrieg scheuten auch Reichspräsident, Reichswehrführung und große Teile des gewerblichen Großbesitzes. Erst als sie im Laufe der Juli-Wochen erkannten, dass von den Sozialdemokraten außer papierener Entrüstung keine politischen Gegeninitiativen zu erwarten waren, fassten sie sich ein Herz und schlugen in Preußen zu. Selbst im katholischen und liberalen Bürgertum lag die Bereitschaft, sich gegen den reaktionären Klüngel zu wehren, höher als bei der ermatteten und konfliktscheuen Sozialdemokratie.

In der bürgerlich-katholischen Mitte zirkulierten zumindest Pläne, den Regierungssitz von Berlin nach Köln zu verlegen, die Gelder aus der Staatskasse zu transferieren, selbst eine punktuelle Kooperation mit den Kommunisten zu finden. Doch die sozialdemokratischen Anführer waren zu nichts bereit. Sie konzentrierten sich wie eh und je allein auf die nächste Reichstagswahl, die dann erst Recht zu einem Debakel für die Republikaner und einem Triumph für die Nationalsozialisten wurde.

Im Sommer 1932 war der Minderheit der Republikaner in Deutschland der Glaube an sich selbst unverkennbar verloren gegangen. Auch deshalb fiel es Hitler im Grunde leicht, die Zerstörung der Demokratie ein halbes Jahr später radikalfaschistisch weiterzutreiben und schließlich totalitär zuzuspitzen.

Franz Walter

Erschienen auf SPIEGEL ONLINE am 19.07.2007

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