Der Sechs-Tage-Krieg Der Sieg, der keiner war

Der Sechs-Tage-Krieg: Der Sieg, der keiner war Fotos
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Dieser Krieg war ein militärischer Triumph: In sechs Tagen eroberte Israel 1967 den Sinai, die Golan-Höhen und das Westjordanland. Politisch stürzte der Sieg den Nahen Osten in einen Zwiespalt. Er stärkte die Radikalen auf beiden Seiten - legte aber auch die Basis für eine Lösung des Konflikts.

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Mitte Mai 1967 gab David Ben-Gurion, damals bereits 80 Jahre alt, der Zeitung "Maariv" ein Interview. "Was würden Sie Ihrem Enkelsohn antworten, wenn er Sie nach den Grenzen der Heimat fragen würde?", wollte die Journalistin wissen. "Das sind die heutigen Grenzen Israels", antwortete er. "Würden Sie ein israelisches Kind ermuntern, ein Lied der Sehnsucht nach einem vereinten Jerusalem zu schreiben? "Wenn es schreiben will, soll es schreiben", sagte Ben-Gurion. "Ich würde keins schreiben."

Das Interview führte Geula Cohen. Sie ist heute selbst über 80, trägt ein schwarzes Gewand und dunkle Lidschatten. Ihre Fragen waren damals keineswegs journalistisch motiviert. Sie zitiert das Interview gerne als Beweis, dass sie sich mit der Teilung des biblischen Israel nie abgefunden hatte - im Gegensatz zu Staatsgründer Ben-Gurion, wie Cohen betont. "Wir haben immer an die Befreiung der Gebiete geglaubt", sagt sie.

Zur Zeit des Interviews, gut drei Wochen vor dem Sechs-Tage-Krieg, umfasste das israelische Staatsgebiet rund 20.000 Quadratkilometer. Das entsprach ungefähr der Größe des Bundeslandes Hessen. Einen Monat später herrschte Jerusalem über ein Territorium, das gut dreimal so groß war. In nur sechs Tagen hatte die israelische Armee Ägypten aus dem Gaza-Streifen und der Sinai-Halbinsel verjagt, Syrien von den Golan-Höhen vertrieben und den Jordaniern das palästinensische Westjordanland abgenommen.

Der militärische Erfolg Israels im Sechs-Tage-Krieg war so groß, dass vor allem in der arabischen Welt bis heute die Überzeugung dominiert, der jüdische Staat habe diese territoriale Expansion von langer Hand geplant. Doch nicht nur das Interview mit dem pensionierten Premierminister Ben-Gurion zeigt, dass sich die Staatsgründer mit den im Unabhängigkeitskrieg von 1948 erreichten Grenzen abgefunden hatten.

Besetzte Gebiete sollten lediglich als Faustpfand dienen

Zwar betrieben vor allem die Generäle in den Monaten zuvor territoriale Sandkastenspiele. Allerdings sollten eventuelle Eroberungen lediglich als Faustpfand für Friedensgespräche dienen, nicht aber zur Annektierung. Auch galt dies nur für den Sinai, den Gaza-Streifen und die Golan-Höhen. Die Besetzung des jordanisch kontrollierten Westjordanlandes war dagegen nie beabsichtigt gewesen. Bis zuletzt versuchten die Israelis, den jordanischen König Hussein von einem Bündnis mit Ägyptens Präsidenten Gamal Abdel Nasser abzubringen. Hätte sich der Monarch an den Rat gehalten, wäre es nie zu einer Besetzung der jordanisch kontrollierten Westbank gekommen. Noch am ersten Kriegstag, dem 5. Juni, sprach sich Generalstabschef Jizchak Rabin gegen eine Eroberung von Gebieten aus. "Wir stampfen ihre Luftwaffe ein", sagte er. "Wozu müssen wir in dieser Phase Land nehmen?"

Heute, 40 Jahre später, ist die Situation von damals auf den Kopf gestellt. Mit Ägypten und Jordanien hat Israel Frieden geschlossen, auch mit Syrien lotet Jerusalem derzeit die Chancen auf Verhandlungen aus. In den Palästinensergebieten dagegen spricht wenig für eine Wende zum Frieden. Im Westjordanland leben 270.000 Israelis in 122 Siedlungen, weitere 190.000 haben sich im arabischen Ostteil Jerusalems und dem Gürtel darum angesiedelt.

Keiner kann sich vorstellen, dass eine israelische Regierung heute den Mut aufbringt, auch nur einen Bruchteil dieser Siedler zu evakuieren. Schon die Aussiedlung der 10.000 Siedler aus dem Gaza-Streifen im Herbst 2005 war für die Armee ein enormer Kraftakt. Und an der ökonomischen Abhängigkeit der mehr als eine Million dort lebenden Palästinenser von Israel hat sich durch den Gaza-Abzug nichts geändert.

Der militärische Triumph von damals erwies sich für Israel als Pyrrhussieg. Der Sechs-Tage-Krieg hat die Radikalen auf beiden Seiten gestärkt. Waren die Vertreter eines Groß-Israels vor 1967 eine belächelte Minderheit, wurden sie nach dem Krieg erst geduldet, dann sogar in ihrem Siedlungsdrang gefördert. Auch auf arabischer Seite stärkte der Krieg die extremen Kräfte. Die nationalistischen Pan-Arabisten gerieten durch die Nassers Niederlage in Erklärungsnot. Das verschaffte den Islamisten Aufwind. Die PLO geriet in die Defensive, die Muslimbrüder wurden immer populärer, was letzten Endes zur Gründung der Hamas führte, die heute die palästinensische Autonomiebehörde regiert.

Selbst Netanjahu spricht von Zwei-Staaten-Lösung

Doch das Erbe des Sechs-Tage-Kriegs birgt gleichzeitig auch die Lösung des Nahost-Konflikts. Wer immer heute von einer Friedenslösung für den Nahen Osten spricht, kommt an den Grenzen von 1967 nicht vorbei. Zwar pochen selbst die moderaten Politiker der Fatah-Bewegung von Präsident Machmud Abbas auf das Rückkehrrecht der Flüchtlinge nach Kern-Israel, aber in Wahrheit glauben sie nicht mehr, dass dies durchsetzbar ist. Die arabische Liga spricht in ihrem Friedensplan lediglich von einer "gerechten Lösung" der Flüchtlingsfrage, was im Kern einen finanziellen Ausgleich impliziert. Auch die Hamas fordert einen Rückzug Israels aus den 1967 besetzten Gebieten und hat sich längst von ihrer Rhetorik verabschiedet, "die Juden ins Meer zu treiben".

Auch in Israel gelten die Grenzen von vor 1967 für die große Mehrheit heute als Verhandlungsgrundlage. Selbst der Vorsitzende des nationalistischen Likud-Blocks, Benjamin Netanjahu, spricht mittlerweile von einer Zwei-Staaten-Lösung ebenso wie der noch weiter rechts stehende Russenführer Avigdor Lieberman. Auch sie können und wollen die demographische Wirklichkeit nicht länger ignorieren.

"Die Logik spricht für eine Aufgabe der Siedlungen", sagt Schaul Arieli, einer der Unterzeichner des alternativen Genfer Friedensplans. Arieli rechnet vor: Zwischen Mittelmeer und Jordan leben heute 5,3 Millionen Juden und 5 Millionen Araber. Würde Israel die Palästinensergebiete annektieren, wären die Juden in wenigen Jahren in ihrem eigenen Staat in der Minderheit. Um seinen demokratischen Charakter zu bewahren, müsste Israel entweder seinen jüdischen Charakter aufgeben oder aber massenhaft Einwanderer anlocken. Aber um auf ein Verhältnis von 80 Prozent Juden und 20 Prozent Arabern zu kommen, bräuchte der Staat 16 Millionen jüdische Immigranten. Ein aussichtsloses Projekt, sagt Arieli, denn "so viele Juden gibt es auf der ganzen Welt nicht".

Christoph Schult

Erschienen auf SPIEGEL ONLINE am 31.05.2007

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